Jun 11 2010

Der Mensch als Instrument

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Arbeit, Gesellschaft.

Was soll der Mensch in der Welt, wenn er nicht arbeiten kann? Arbeiten und Leben ist so aufeinander bezogen, dass selbst die Alternativen – Ausruhen, Faulenzen, Dolce Far Niente – darauf bezogen sind. Die Welt bearbeiten mit immer besseren Werkzeugen, Natur unendlich zu verwandeln, bis, nach der Vorstellung von Karl Marx sie vollends menschlich geworden ist, oder bis sie, nach den Vorstellungen des Dagobert Duck-Kapitalisten alles Profit bringt, auch am Hindukusch.

Menschen, eben deswegen, haben nicht nur Instrumente, sie sind auch welche. Einer (der Reichere und Mächtigere) bedient sich des anderen (des Ärmeren und Ohnmächtigeren), und um das zu erreichen muss er zwei Dinge tun: den anderen unterwerfen und den anderen „effizient“ machen. Ein Sklave muss mehr einbringen als er an Nahrung und Kleidung kostet, sonst könnte man ihn ja gleich freilassen (bzw. in einen Lohnarbeiter verwandeln, der genau dann entlassen werden kann, wenn diese Rechnung nicht mehr aufgeht, und wieder eingestellt, wenn sich die Verhältnisse ändern). Deshalb kamen Sklavenhalter schon früh auf die Idee, ihre menschlichen Arbeitsinstrumente nicht nur zu rauben, sondern auch zu „züchten“. (Mandingo nannte man das im amerikanischen Süden des neunzehnten Jahrhunderts, und wir haben die entsprechenden Phantasien dazu.) Lohnarbeiter haben in der Regel für ihre Effizienz selber zu sorgen, sie können sich durch Sport, gesunde Lebensführung und Geschicklichkeitstraining an ihren Instrumenten für den „Arbeitsmarkt“ verbessern.

Das Instrument wurde zur Maschine, die Maschine zum Roboter, der Roboter zum denkenden und handelnden System, das den Lohnarbeiter ergänzt und ersetzt. Während das Instrument immer menschlicher wird, wird der Mensch immer instrumentaler. Seine Überlebenschance, soweit wir bei der Gleichung von Leben und Arbeit bleiben, besteht darin, zu einer Einheit mit der Maschine zu werden. Wir „kleben“ an unseren Computern, das sagt sich so, und ist doch eine genauer besehen unheimliche Wahrheit.

Die Phantasien der Sklavenhalter indes kehren ständig wieder. Im Jahr 1983, nur zum Beispiel, prophezeite der Leiter der Humangenetischen Beratungsstelle in Bremen, Dr. Werner Schloot, im Deutschen Ärzteblatt, dass man im Jahr 2000 in der Lage sei, Mischwesen aus Tieren und Menschen herzustellen, die man dann „zur Verrichtung einfacher Arbeiten“ einsetzen könnte. Ganz so schnell ging es nicht. Das größte Problem aber scheint auf Dauer nicht die Erzeugung des neuen Sklaven-Wesens, sondern eher seine Art – Mensch/Maschine, Mensch/Tier oder Super-Mensch – bzw. die Suche nach eben jener „einfachen Arbeit“, die der Sklave der Zukunft verrichten sollte.

Schon in der Zeit des Ersten Weltkrieges arbeiteten Wissenschaftler und Mediziner bei der „Wiederherstellung“ der verwundeten und verkrüppelten Soldaten daran, ihre Prothesen so zu fertigen, dass sie ausschließlich für die Interaktion mit bestimmten Maschinen geeignet waren. Statt also wieder zum „ganzen Menschen“ gemacht zu werden, sah sich dieser Soldat in einen Teil der Maschine (praktischerweise in der Rüstungsindustrie) verwandelt.

Die ethische Auseinandersetzung um „post-humane“ und „trans-humane“ Lebensformen konzentriert sich auf erschreckte „Darf man das“ im Schatten religiöser und wissenschaftlicher Großerzählungen, Schöpfungsgeschichte und Evolution. Indes ist das eigentlich Grauenhafte an einer maschinell-organischen Parallelschöpfung, einem Blechkumpel, Zombie oder Androiden, nicht seine Erscheinung, sondern der Gedanke daran, wem er „gehört“, was er „bringen“ soll, und wo er eingesetzt wird. Die Probleme mit dem Posthumanen liegen nicht in der Zukunft sondern sie liegen in der Gegenwart.

Was dieses Grauen anbelangt, so werden wir durch unsere populären Mythen besser aufgeklärt als durch Staat, Wirtschaft und Wissenschaft selber. Der posthumane, äh, Arbeitnehmer ist ein Sprung wie der zwischen Sklave und Lohnarbeiter, ein Wesen, dessen Effizienz „beliebig“ gesteigert werden kann, dessen „Bewusstsein“ Streik und Revolution nicht umfasst, und das bei entsprechenden Verhältnissen entweder einfach abgeschaltet oder in eine „effiziente“ Kriegs- oder Polizeimaschine verwandelt werden kann.

So wird verständlich, warum in einer Gesellschaft, der die Arbeit ausgeht, so fieberhaft an posthumanen Arbeitssklaven gebastelt wird: Sie sind gedacht als die Verlängerung der derzeitig herrschenden politischen Ökonomie in die Zukunft. Als möglichst endgültige Verwandlung des Menschen in eine Vielzahl von Instrumenten und eine „Elite“ der Nutzer. Dass bei so etwas, auch dafür haben wir unsere Science Fiction-Phantasien, eine ganze Menge schief gehen kann (und, nur zum Beispiel, eine in unserem Sinne denkende Maschine früher oder später auch ihre eigene Entrechtung und Unterdrückung denken müsste und daher seinen Schöpfern an den Kragen ginge) ist so evident wie die destruktiven und selbstdestruktiven Kräfte der kapitalistischen Konkurrenz.

Gemacht wird, sagte Stanislav Lem, was man sich vorstellen kann und was sich technisch realisieren lässt. Wir müssen dem etwas hinzufügen: Gemacht wird, was sich verkaufen lässt. Wenn die Herstellung von Monstern Profit verspricht, dann werden Monster hergestellt. (Monster, nicht wie im Kino, sondern unglückliche Wesen, deren Leben sich in der Arbeit erschöpft. Also so, wie wir alle, nur ohne Hoffnung und ohne Zorn.)

Keine Kommentare

Trackback URI | RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar