Jun 08 2010

Ist es reaktionär, komisch zu sein?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie, Gesellschaft, Politik.

Das Komische, na klar, hat einerseits einen unbezweifelbar therapeutischen Zweck (wer sich krank lacht, will sich in Wahrheit gesund lachen); es hilft dem Unterdrückten (was Sexualität, Politik, Religion, Mamma und den Polizisten anbelangt) zum hinterrücksen Ausdruck. Aber genau da haben wir es schon. Die komische Umgehung der Zensur ist immer auch ihre Bestätigung.

Unsere mediale Lachkultur freilich (und sie geht einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen zunehmend auf die Nerven) leidet erst einmal unter einem sehr erheblichen Mangel an Zensur. Das widerspricht dem ollen Sigmund Freud doch fundamental, der behauptet hat, auch diesbezüglich sei das Komische vor allem eine Antwort auf die Repression. Nun sehen wir, dass in einer Gesellschaft, in der was Sexualität, das Bild und den Text dazu, anbelangt, eigentlich beinahe nichts verboten ist, alle Welt in Zoten, Obszönitäten und lustspielhaften Umkreisungen der Geschmacklosigkeit schwelgt. Erinnern wir uns an Freud, der behauptete, die Zote sei ein sexuelles Gespräch mit einem abwesenden Gegenüber (das war zu seiner Zeit in der Regel so, dass Männer Zoten erzählten, während Frauen woanders waren). Ebenso, nehmen wir an, funktionierten, zweischneidig, die entsprechenden Zoten um Homosexualität: Man spricht nicht nur mit dem Abwesenden, man spricht auch die Abwesenheit. Anwesenheit und Abwesenheit in unserer Gesellschaft sind freilich nicht mehr durch geschlossene Türen in der Wohnung der Bel Etage zu definieren.

Und ähnlich wie mit der Sexualität geht es mit der Politik. Wenn man „politische Satire“ betreibt, dann spricht man mit dem abwesenden Herrscher und zugleich spricht man die Abwesenheit des Herrschers aus. Die ambivalente Form dieses Witzes funktioniert nur, wenn ein Schutzmann oder ein Vertreter von Horch & Guck um die Ecke lauert. Zwanghafte Witzigkeit oder die Politik in einer einzigen Vorstellbarkeit, nämlich als Satire, spricht etwas anderes. Man versichert sich wechselseitig des Unernstes in der Entzweiung.

Natürlich lacht auch der Herrscher, und er lacht vor allem über die Dummheit des beherrschten Volkes. So bleibt auch die erste Aufforderung an uns, und zwar die, über uns selber lachen zu können, zweischneidig. Einerseits macht es uns im Umgang mit den anderen sympathischer; man kann einfach besser umgehen mit Leuten, die sich nicht so tierisch ernst nehmen (wir unterstellen, übrigens durchaus nicht immer gerechtfertigt, dass solche Personen sich nicht über die anderen erhöhen, ihre Ziele nicht mit „blutiger“ Konsequenz verfolgen würden). Andrerseits versetzt uns der Lachzwang aber auch in die gespenstische Position, mit dem Ausgelacht-werden einverstanden zu sein. Im endlosen Gelächter der medialen Spaßkultur lachen uns die Verhältnisse aus. Und die Kollegen, diese Schweine, lachen mit.

Die Satire bezeichnet, eher paradox, eine Situation, die dringend geändert werden müsste (Heuchelei, Korruption, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Bürokratie, Despotismus etc.), und zugleich bezeichnet sie, da man diese und keine andere Form der Darstellung benutzt, auch ihre Unveränderbarkeit. Erst im Hingenommenen werden Machtverhältnisse zum Witz, so wie sie im Witz zu Hingenommenem werden.

Als in den sechziger Jahren für die demokratischen Politiker Pflicht wurde, etwa zu den Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft zu erscheinen, um sich dort – „gute Miene zum bösen Spiel“ – ein paar verbale Ohrfeigen einzufangen, sah man dem Pflicht-Lachen der Politikerinnen, Wirtschaftsbossen und, nun ja, Kulturschaffenden noch ein wenig von den Schmerzen an, die das bereitete. Mittlerweile ist diese rituelle Form der Anwesenheit jenes Abwesenden, dem die satirische Zote gilt, populistischer Alltag (auch wenn er gelegentlich durch Spielverderber der Art von Guido Westerwelle durchbrochen ist: der Mann ist sich selber Witz genug). Die lachende Peinigung als Spiel des öffentlichen (Hin-) Richtens ist nun Alltag geworden. Und solche Karnevalisierung hat die Politik offensichtlich in den letzten Jahren nicht daran gehindert, schlimmeres zu betreiben als die Satiriker ausdenken konnten. Mit anderen Worten: Nicht nur der Gehalt an Aufklärung sondern auch der an kritischer Erziehung ist höchst zweifelhaft. (Wahrscheinlich erkennen die Politiker in der medialen Spaßkultur, dass das Volk es ohnehin nicht ernst meint, und noch weniger, wenn man ihm Grund zur guten Laune gibt.)

Und doch wieder: Sollte uns das Lachen vergehen, so gefährdeten wir nicht nur die Herrschaft, sondern auch uns selbst. Denn natürlich ist das politische Witzemachen auch ein Archiv und eine Sprache unseres Wissens von der Herrschaft. Dampf ablassen (um dann weiter zu funktionieren) ist das eine, das andere ist es, zu sagen, was längst in den „ernsthaften“ Kanälen der Information und der Kritik nicht mehr gesagt werden kann. Nicht weil es ein despotischer Herrscher verböte (dem wir dann mit einer Verfeinerung der satirischen Mittel begegnen könnten), sondern weil die Spaßkultur ein lukrativer Markt ist.

In der Satire wird die Welt indes unbeschreiblich (dumm). Und im Gelächter erklären wir uns einverstanden mit Verhältnissen, die man nicht einmal ernsthaft darstellen kann. Unseren aufklärerischen Vorfahren war die Satire immer ein Mittel unter vielen, uns Heutigen scheint sie dagegen das Endlager aller vergeblichen Hoffnungen und kritischer Energie. Dabei ist die Illusion, in der Satire wenigstens hätten wir eine Teilhabe, die wir im demokratischen Prozedere längst nicht mehr real haben, so oft vor unseren Augen zerplatzt, und die Macht, die wir, nach Brechts Worten, in der Karikatur „zur Kenntlichkeit entstellen“ könnten, beweglicher als unser Witz. Das ist eine der Metapointen unserer Spaßkultur: Das Kabarett, das alles darf und nur wenig fürchten müsste, hinkt der politischen und ökonomischen Wirklichkeit hoffnungslos hinterher.

Unter anderem, weil die Damen und Herren Kabarettisten auf die Lacher aus dem Publikum warten müssen. Man will ja nicht arrogant, elitär oder insiderisch sein, nicht wahr. Deswegen sehen wir Kabarettisten derzeit bei ihrer zähen Arbeit zu, das Publikum aus der Mitte „abzuholen“. Selbst die kritischsten unter ihnen, so viele gibt es da nicht mehr, bedienen und füttern es, bis sie selber nicht mehr wissen, ob das Bedienen und Füttern (für ein Lachen, das sie selber, wir sehen es ihnen gelegentlich an, als Ausdruck bösen und falschen Bewusstseins erkennen müssen) nicht zum Hauptzweck geworden ist. Nicht mehr über die kenntlich gemachte Herrschaft und nicht mehr „über sich selbst“ lacht dieses Publikum dann, sondern über alle, die vermeintlich noch ärmer dran, noch blöder gemacht, noch hilf- und geschmackloser sind.

Der Satire entzieht sich also nicht nur das Objekt, geschmeidig wie postdemokratisch-neoliberale Herrschaft nun mal ist, auch das Subjekt, der empörte oder skeptische Bürger, scheint zu verschwinden. Das Werk aber ist getan: Zwischen der Herrschaft und den Beherrschten, so unscharf ihre Trennung sein mag, jedenfalls wenn man keinen Einblick in Bankkonten hat, ist ein medialer „Freiraum“ der schieren Beliebigkeit entstanden, in den der Bürger zwecks Amüsemang und der Herrscher zwecks Beliebtheit gehen kann. Dieser Freiraum schafft Illusionen von Partizipation und Freiheit unter der Voraussetzung, dass sie außerhalb nicht eingefordert werden. Satire darf dies und jenes (alles ganz bestimmt nicht), aber sie darf ihren medial, politisch und ökonomisch geformten Raum nicht verlassen. So ist sie, wie die Zote in der neuen sexuellen Ökonomie, die auf eine Vulgarisierung der sozialen Beziehungen hinausläuft (um ihnen die politischen Impulse zu nehmen, unter anderem, um sich als voyeuristisches Objekt dem medialen Zugriff zu unterwerfen: Big Brother, das sind die anderen, die darauf warten, dass du die genau richtige Version von Obszönität ablieferst), ist auch die politische Satire zum Instrument der Mikrophysik der Macht geworden. Jetzt lachen wir uns wirklich krank.

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