Mai 25 2010
Kritik & Zukunft
Die offene Kritik
Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)
No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.)
Andere Frage: Das System bestehe aus Elementen, Positionen, Beziehungen und Dimensionen. Das kritische Element in einem System erzeugt eine kritische Beziehung. Wird sie das System verändern, stabilisieren, zerstören oder immunisieren? Joseph Schumpeter glaubte, der Kapitalismus würde durch ein Übermaß von selbst produzierten kritischen Elementen zum Einsturz gebracht. Offensichtlich ist das Gegenteil eingetreten: Kritik ist so weit verschwunden, dass das System selber darunter zu leiden beginnt. Der Kapitalismus ohne Kritik verliert eine Dimension. (Aber welcher Kritiker möchte schon so eindeutig dem System dienen, das er kritisiert? Kritisier mich! Schreit der masochistische Kapitalismus zur Zeit der Krise. Nein! Sagt der sadistische Kritiker.)
Ohne Zukunft erscheint bemerkenswerterweise alle Kritik als reaktionär. Muss, wer nicht im Namen der Zukunft spricht, in dem der Vergangenheit sprechen (und erntet die Häme: „Ja, ja, früher war alles besser!“) oder zustimmend murmeln in einem endlos „praktischen“ Heute? Hier könnte man das System noch ein wenig besser machen, dort droht es ein wenig die Dimensionen zu verlieren. (So verlangt die Kritik des Kapitalismus derzeit ein wenig Keynes zurück. Nun ja.)
Präsens-Kritik besteht aus Vorschlägen zum Weitermachen; we can handle it. Sie ist ein Eingriff in die Symptome. Radikale Kritik nennt die Krankheit. Allerdings ist sie sich ihrer Diagnose nicht sicher. (Und mit der Therapie ist das sowieso so eine Sache.) So wird sich der Arzt selber zum Thema. Man muss sehr aufrichtig sein, um außerhalb des Gesetzes zu leben. Sagt Bob Dylan. Man muss sehr systematisch denken um außerhalb des Systems zu denken.
Zweifellos gibt es auch eine Kritik ins Offene hinein (die bessere Art, ohnehin, damit wir Kritik nicht als Maske des Besserwissens missverstehen); aber ins Leere?
Es ist leicht, beim Kritisieren zynisch zu werden. Aber noch viel leichter ist es, jeder Art der Kritik ins Offene hinein Zynismus zu unterstellen.
Man müsste wohl eine Position der „offenen Kritik“ – in Analogie zu Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“ – bestimmen, eine Kritik der „veränderlichen Lektüren“, die gleichwohl alles Mögliche nur nicht beliebig und belanglos wäre: „Vielheit und Gleichwertigkeit der Beschreibungen der Welt“ (Eco).
Offene Kritik kann sich selbst mit-kritisieren, ohne in sich selbst zu verschwinden. Sie bleibt der unterschiedlichen Lektüre offen, indem sie zwischen Elementen, Beziehungen und Positionen ihres Gegenstandes zu unterscheiden weiß. Und offene Kritik beschreibt sehr genau die eigenen Beziehungen und Positionen, mag man sich innerhalb oder außerhalb des Systems (eines Kunstwerks, eines Herrschaftssystems) befinden.
Daher kann die offene Kritik „unmögliche“ Positionen einnehmen (das heißt: ihre erste Frage ist nicht die nach der Nützlichkeit, nicht die nach der Machbarkeit sondern die nach der Vorstellbarkeit).
Die Kritik der Phantasien setzt selber Phantasie frei.
Offene Kritik kann nur funktionieren, insofern sie Macht ausschließt. (Jede Form von Macht ist Gegenstand der Kritik. Auch die eigene.)
Umgekehrt hat die offene Kritik wenig prinzipielle Probleme mit einer Verschwesterung mit einem Gegenstand: Das Kunstwerk ist nicht nur Gegenstand der Kritik, sondern auch Verbündeter bei der Kritik der Welt.
Kritik der Welt? Ja, auch die offene Kritik, wenngleich sie ehrlich genug ist, sich weder auf eine verpflichtende Vergangenheit noch auf eine projizierte Zukunft zu berufen, will, dass es nicht so bleibt, wie es ist.
Der tückischste Gegner der offenen Kritik ist die Mode. Hat sich nicht ein Begriff, mag er noch so präzis sein, hoffnungslos „verbraucht“; ist nicht eine Denkmethode, brauchbar meinethalben, zu „altmodisch“ geworden, um noch zu wirken? Kritik auf dem Meinungsmarkt muss immer in der jeweils hippen Sprache vorgetragen werden. Oder?
Der Mode misstrauen ohne zu erstarren!
Der eigenen Zeit auf Augenhöhe begegnen (das heißt auch: Sich nichts von ihr gefallen lassen!).
Aber welches Medium könnte die offene Kritik denn noch benutzen? Das Feuilleton zerbröselt; das Internet ertränkt jeden Gedanken, den es zulässt, in der schieren Menge der verschleuderten Blödheiten; die Subversion ist ein Werbe-Gag.
Bis zu einem gewissen Grad muss sich daher die offene Kritik selber medial herstellen. Um es mit einem altmodischen Wort zu sagen: nomadisch. Oder auch: archipelagisch.
Da sie es schwerer hat, nimmt sie es leichter.
Denn der offenen Kritik braucht man gar nicht erst mit ihrer „Wirksamkeit“ kommen. Solche Wirksamkeit wäre Teil des kritisierten Systems.

