Mai 19 2010

Unvernünftiges Denken

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft.

Man kann nicht auf vernünftige Art vernünftig sein. Wenn man nämlich die Vernunft vernünftig gebrauchen wollte, so gebrauchte man sie besser überhaupt nicht. Wer unvernünftig genug ist, seine Vernunft zu gebrauchen, wird mit politischem Arbeitsverbot bestraft. Außerdem sind vernünftige Menschen unsympathisch. Es ist vermutlich richtig, zu behaupten, vernünftig zu sein bedeute eine besondere Form von Verrücktheit. Umgekehrt ist jede Verrücktheit vernünftig, so lange es nur eine allgemeine Verrücktheit ist.

Ist es nicht merkwürdig, mit wie viel Applaus wir Menschen bedenken, die öffentlich bekennen, bei der Ausübung von Politik, Kunst oder Ökonomie weniger den Kopf als den Bauch zu befragen? Möglicherweise denkt diese Gesellschaft ja tatsächlich mit dem Bauch.

Interessanterweise nun kann eine Gesellschaft oder ein Mensch, der mit dem Bauch denkt, den Bauch selber nicht denken. So ist ebenso, wie es unvernünftig ist, vernünftig zu sein, der Gefühlsmensch zugleich ein gefühlsloser.

So hat unsere Gesellschaft, mit einer scheinbar so einfachen Beziehung, das Kunststück fertig gebracht, sowohl das Denken als auch das Fühlen abzuschaffen.

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