Mai 12 2010
Sprichwörter (2)
„Geld regiert die Welt.“ (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon zur Zeit meiner Großmutter darin, dass möglicherweise nicht allein diejenigen, die es haben und die es einigermaßen skrupellos einsetzen, die Welt regieren, sondern das Geld an sich.
Im Augenblick sind wir diesem Regenten auf eine Weise unterworfen, wie wir es zumindest noch nie gespürt haben: Alle sind betroffen, kein außerhalb mehr möglich (weder das Verfassen eines Haiku noch eine Liebesgeschichte denkbar ohne Geld), andere, auch nicht viel sympathischere Formen von Macht und Gewalt, Regierung, Militär, Terror, ganz und gar dem Geld unterworfen. Was kein Geldgeschäft ist, ist obskur und obszön. (Fiel nicht einer famosen deutschen Politikerin als erstes zu den Missbrauchsfällen in der Kirche und in den Internaten ein, die Schuld in Geldform zu begleichen?)
Dieser Regent wird um so mächtiger, je fiktiver er wird. Stellen wir uns vor, jene Summe, die man eben mal in Brüssel als „Schutzschirm“ über „unser“ Geld gespannt hat, und die Zeitungen gerne ausdrücken, indem sie sie über mehrere Seiten dehnen, würde tatsächlich „fällig“, dann wäre wohl das Ende dieses Regenten (zumindest in seiner Euro-Form) gekommen, mehr noch aber wäre es das Ende seines Volkes. Denn schon jetzt ist klar, dass jede Regierung, um ihren wahren Regenten (eine „Realabstraktion“, wie wir von Karl Marx wissen, das heisst: Geld gibt es nicht „wirklich“, aber es hat beständig unwiderlegbar wirkliche Folgen) zu schützen, über Leichen geht. Wenn es gilt, den Euro zu schützen (der auf einmal „unser“ Geld ist, in einer Welt, in der alles plärrt: „Meins! Meins! Meins!“), sind Menschen nichts mehr wert. Wir sollen arbeiten und sparen, zugleich konsumieren wie die Deppen und verzichten wie noch größere Deppen, um das Geld zu schützen, zu stützen, zu „stabilisieren“. Sehr viel Gnade kennt dieser Regent nicht.
Eine nicht zu verachtende Methode ein Problem zu behandeln, ist es, die Frage voranzustellen, wer es geschaffen hat und aus welchem Grund. Aber natürlich fällt unter der Regentschaft des Geldes den Apologeten nichts anderes ein, als sich Sündenböcke zu suchen: Die faulen und verlogenen Griechen, wie es die BILD-Zeitung in ihrer Kampagnen-Widerlichkeit macht (sie haben sich geweigert, dem Geld zu geben was des Geldes ist, nämlich ihre Lebens- und Arbeitskraft, sie haben ihre Steuern nicht bezahlt, sie haben die Erzählung des Geldes nicht korrekt wiedergegeben etc.), die Regierungen, die nicht schnell genug bemerkten, wie ungehalten der Regent ist (hat der Regent Fieber? Hat er Hunger? Braucht er neue Bataillone?), die „Spekulanten“, die sich am Hof des Regenten bereichern, durch falsche Ratschläge, tückische Schranzen-Spiele. In der Mitte des Volkes herrscht die Meinung, der Regent sei im Kern gut, weise und gerecht, man darf ihn nur nicht kritisieren, betrügen, ignorieren oder sonst wie kränken.
Regierung ist mittlerweile kaum noch etwas anderes als die Kunst, die Totalität und die Absurditäten, vor allem aber: die Schwäche des Regierenden Geldes zu vertuschen. Was ist, wenn dieser König stirbt (und ist er nicht dabei, sich zu Tode zu regieren)? Wird er sein Volk mit in den Abgrund reißen, oder kann es verdutzt und erleichtert aufatmen: Was waren wir doch für Narren!
Geld regiert die Welt. Und es zeigt sich uns, wie jener Kaiser einst, der von seiner eigenen Pracht überzeugt war. Nackt.

