Mai 01 2010

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ordnungsrufe im Frühling

Erste längere Sonnenstrahlen freuten neben den Solarzellenherstellern und ihren Werbespezialisten auch Passanten und Faulenzer. Es war das große Hocken und Defilieren im wiedererwachten Menschenzoo, Fütterungszeit, Paarungszeit, Schlafzeit. Weißbierzeit für unsere wohlbekannten Herren.

„Ist Ihnen das schon aufgefallen?“, fragte Herr Kainer, „Was einen so verstört, oder auch so langweilt, wie man es nimmt, das ist, dass nichts an einem rechten Ort ist. Alles ist halt da, hier ein Auto mit einem Aufkleber ‚Kleiner Feigling’, dort eine Irokesenfrisur über einer Aktentasche, und da redet einer vor sich hin, vielleicht hat er ein Handy im Kragen, oder er ist verrückt, oder beides, denn das ist ja egal, weil alles verbunden ist aber auch alles nur für sich. Verstehen Sie, was ich meine? Die Dinge sind genau dort miteinander verknüpft, wo man es nicht sieht. Verbunden mit etwas weit entferntem und getrennt vom allernächsten. Alles ist möglich, solange es nur keinen Sinn ergibt.“

Das war zuviel Menschenzorn für einen Sonnenstrahl, der sich schnell hinter den Büschen verzog.

„Ganz früher,“ meinte Herr Reiner versonnen, „vielleicht war es bei den Griechen, oder noch davor, da hat man sich wahrscheinlich eine Ordnung vorgestellt, in der jedes Wesen und jedes Ding seinen Platz hat. Und da muss es eine große Vergnügung gewesen sein, in jedem Ding die Ordnung zu erkennen, und in der Ordnung jedes Ding. Ich sage Ihnen: Damals hat Denken noch Spaß gemacht. Ich schaue die Sachen an, und sage: Noch nicht! Aber ich werde euch schon noch dahinter kommen! Und wenn ich es nicht bin sind es die Zwerge, die auf meinen Schultern stehen werden.“

Der Sonnenstrahl versuchte es noch einmal. (Die Sonne ist neugierig, wissen Sie doch noch von Ihren Kinderbüchern.)

„Vielleicht waren Ihre Griechen aber auch bloß Ignoranten“, murrte Herr Kainer.  „Sie haben einfach unter sich ausgemacht, dass ‚Denken’ genau das ist, was den Wesen und den Dingen ihren Platz in der Ordnung gibt. Da denkt es sich natürlich leicht so dahin.“

„Eben. Da sind sie so herumgesessen, der Plato und der Aristoteles und was weiß ich, haben was getrunken (Weißbier hat es damals, glaube ich, noch nicht gegeben in Athen) und haben den Leuten zugeschaut, schau, Plato, hat der Aristoteles gesagt, der da geht, der da stirbt, und der da spinnt. Alles in Ordnung. Und die Leute haben sich eben auch so verhalten, als wüssten sie, dass sie Teil einer gedachten Ordnung sind. Und haben ganz freundlich zum Plato und zum Aristoteles herüber gegrüßt: Alles in Ordnung, liebe Denker, macht nur weiter so“, ergänzte Herr Reiner gutgelaunt. „Verstehen’s? Dass sie ihre Ordnung mitdenken. So wie wir. Da sitzen wir in der Sonne und trinken unser Weißbier und sagen: Jetzt ist unsere Welt in Ordnung.“ Er wischte sich, wie er es gern tat, den Schaum vom Mund (oder war es schon ein imaginärer Schaum, denn Herr Reiner war ja ein geübter Weißbiertrinker und verstand es, Schaum vorm Mund zu vermeiden).

Der Sonnenstrahl fand dieses degoutant und verzog sich augenblicklich, geschmackshalber.

„Die Ordnung unserer Welt basiert auf unserer festen Überzeugung, dass die Welten der anderen uns a) am Arsch vorbei gehen und b) von Volldeppen bewohnt wird, die weder das Mitgefühl noch das Nachdenken wert sind. Sie sind halt ein selbstzufriedener Mensch, und das gönne ich Ihnen ja auch. Aber die philosophische Gesamtsituation ist doch sehr unbefriedigend.“

Und wieder war er da, dieser vermaledeite Sonnenstrahl. Was denkt sich eigentlich so ein Sonnenstrahl? Kommt und geht wie es ihm so emotional gerade passt. Es gibt keine Psychoanalyse des Sonnenstrahls, und weil es keine Psychoanalyse des Sonnenstrahls gibt, gibt es auch keine Psychoanalyse vom Rest der Welt. Was übrigens Sigmund Freud selber sehr genau gewusst hat. Nämlich dass Psychoanalyse nur in einer Welt richtig und klar wäre, in der eigentlich niemand eine Psychoanalyse bräuchte. Verstehen Sie? Ein Sonnenstrahl kann auch nur treffen, was schon erleuchtet ist.

„Es ist ja nicht so, dass wir jetzt in schönster Unordnung leben würden.“ Herr Reiner wurde nun etwas ernster. „Das wäre ja was, da wäre ich sofort dabei. Ich meine wir leben in dutzenden von Ordnungen, nur verhalten die sich katastrophal feindselig zueinander. Deshalb verwechseln wir unser Hin und Her mit Freiheit. Dabei sind wir von Ordnungen und Bezeichnungen regelrecht niedergedrückt. Da ist ein Irokese mit einer Aktentasche ja noch ein schöner Witz, als hätte da jemand wenigstens begriffen, dass er in zwei Ordnungen lebt, die nichts miteinander zu tun haben. Der ganze Liberalismus, das ist nichts anderes als statt einer großen Scheißordnung zwanzig, dreißig kleinere Scheißordnungen zu haben.“

„Das ist aber doch auch ein Fortschritt, oder?“ Irgendwie ahnte Herr Kainer, dass er sich in eine von seinem Freund gestellte Falle begeben hatte, und zeigte sich entschlossen, ihr durch eine Rochade zu entkommen. „Zwanzig Ordnungen sind weniger mörderisch als eine einzige. Vielleicht sind es ja auch viel mehr. Und stellen Sie sich vor: Jede Ordnung hat ihre Sprache, ihre Bilder, ihre Erzählungen. Welch ein Reichtum! Da ist immer was los. Freiheit ist die Unfähigkeit in zwanzig Ordnungen gleichzeitig zu funktionieren. Wer in einer besonders gut funktioniert, funktioniert dafür in anderen überhaupt nicht. So haben wir immer was zu lachen. Verrücktsein ist mehr oder weniger unser Normalzustand. Man muss halt einen gewissen Humor haben.“

Herr Reiner wurde immer vergnügter. „Jetzt sehen Sie es selbst. Zuviel verschiedene Ordnungen sind einfach nur lächerlich, aber nicht philosophisch. Ich hätte aber meine Welt gern philosophisch.“

„Können Sie haben. Das ist genau so wenig verboten wie irgend was anderes. Wenn’s nicht geht, sind’S selber schuld“.

Sogar der Sonnenstrahl hatte nun seine Eindeutigkeit verloren. Er wusste nicht mehr, ob er aus eigenem Antrieb schwächer werden, sich von der kosmischen Gewohnheit winkelmäßig verändern oder im allgemeinen Smog verenden lassen sollte. Dieser Sonnenstrahl sehnte sich nach den grünen Hügeln Afrikas, von denen ihm jemand einmal vorgelesen hatte.

Herr Kainer bestellte ein neues Weißbier und dachte bei sich: Eben dies ist der Augenblick, in dem die Welt in Ordnung ist, der Augenblick, in dem man Lust hat, sich ein zweites Weißbier zu bestellen und es auch tut. Davor und danach: Mangel, Chaos, Überdruss, Gewohnheit, Langeweile. „Ich hätte gerne noch ein Weißbier“ formulierte er und übernahm dabei das Strahlen vom Sonnenstrahl, der seinen Feierabend genoss (möglicherweise trinkt er irgendwo im Kosmos sein eigenes Feierabend-Weißbier).

Herr Reiner nahm die Sache offenbar ernst. „Wir verlangen nach Ordnung, und was wir bekommen, ist Herrschaft. Wir wollen Schutz und Gemeinschaft, und was wir bekommen, ist  Regierung. Wir wollen Glück und bekommen Kapitalismus. Wir wollen Freiheit und bekommen Fernsehen. Es ist als würden wir senkrecht sehen, wo man waagrecht sehen müsste, und waagrecht, wo man senkrecht sehen müsste. Wie jemand der einen Tunnel bohrt, wenn er auf einen Abgrund stößt, und eine Brücke baut, wenn er durch einen Berg will“.

„Was regen Sie sich auf?“ meinte Herr Kainer. Die Sonne hatte die Stadt und die Herzen genügend erwärmt hinterlassen. „Sie müssen sich vorstellen: Die Ordnung, der Schutz, die Gemeinschaft, das Glück und die Freiheit, das kommt alles in diesem zweiten Glas Weißbier zusammen, das kalt serviert wird, wenn die Luft noch warm ist, aber die Sonne nicht mehr gefährlich. Unser Aristoteles hat die Form eines Weißbierglases, die ich, nebenbei bemerkt, für eine perfekte Mischung aus Dynamik und Verlässlichkeit erachte.“

„Ha! Eine Illusion! Nichts weiter! Ein imaginärer Punkt zwischen Durstig- und Betrunken-Sein.“ So kam es zornig von Herrn Reiner zurück. (Dennoch bestellte auch er sich nun ein zweites Weißbier.) „Weißbiertrinken ist ein Verrat an der Weltgeschichte. Weißbier ist Opium für die Philosophie!“

Der Biergarten füllte sich mit gepiercten Damen, Herren mit Laptops und Lederhosen, Handy-Telefonierern, Gruppen, die den letzten Mobbing-Fall in der Firma diskutierten, Pensionisten mit falscher Mallorca-Bräune, Ophtalmologisten, Lach-Zen-Trainer und Weight Watchers fanden sich zu ihren Stammtischen, jemand rief nach seinem Kind, das gebeten wurde, nicht alles in den Mund zu nehmen, ein Hund hob das Bein.

„Alle diese armen Menschen, Herr Kainer“, sagte Herr Reiner, „werden beherrscht. Sie werden beherrscht, wie kaum jemand zuvor beherrscht wurde. Aber sie finden keine Ordnung. Nirgends.“

„Alle diese armen Menschen, Herr Reiner“, entgegnete Herr Kainer, „sind frei. Sie sind frei, wie kaum jemand zuvor war. Aber sie wollen Ordnungen. Überall.“

„Dürfen wir uns zu Ihnen setzen“, fragte eine Frau im Landhaus-Stil und saß auch schon, ihr Begleiter folgte. „Jetzt freue ich mich auf ein ordentliches Bier“, sagte dieser, und die Frau im Landhaus-Stil nickte zustimmend: „Ist doch schön, wenn man endlich frei hat“.

Herr Reiner und Herr Kainer verfielen in vergnügtes Schweigen.

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