Kritik & Zukunft

Die offene Kritik

Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)

No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.) Weiterlesen

Ist der Kapitalismus noch zu retten?

Ist der Kapitalismus noch zu retten? Antworten, und keine erfreulichen, gibt meine Lieblingsrubrik im Börsenblatt des deutschen Buchhandels. Dort nimmt ein gewisser FinanzBuch Verlag Titelschutz in Anspruch für kommende Werke mit Titeln wie
– Weltkrieg der Währungen
– Unser Weg in den Systemkollaps
– Der Staatsbankrott wird kommen!

Aber: Um die Zukunft des Systems muss man indes nicht fürchten, denn
– Große Erfolge entstehen in Krisen
– Der freche Vogel fängt den Wurm
– Nach der Krise ist vor dem Aufschwung

Wer immer noch voller Sorgen ist, darf auf dieses Buch gespannt sein:
– So erziehen Sie Ihr Kind im Umgang mit Geld. Weiterlesen

Unvernünftiges Denken

Man kann nicht auf vernünftige Art vernünftig sein. Wenn man nämlich die Vernunft vernünftig gebrauchen wollte, so gebrauchte man sie besser überhaupt nicht. Wer unvernünftig genug ist, seine Vernunft zu gebrauchen, wird mit politischem Arbeitsverbot bestraft. Außerdem sind vernünftige Menschen unsympathisch. Es ist vermutlich richtig, zu behaupten, vernünftig zu sein bedeute eine besondere Form von Verrücktheit. Umgekehrt ist jede Verrücktheit vernünftig, so lange es nur eine allgemeine Verrücktheit ist.

Ist es nicht merkwürdig, mit wie viel Applaus wir Menschen bedenken, die öffentlich bekennen, bei der Ausübung von Politik, Kunst oder Ökonomie weniger den Kopf als den Bauch zu befragen? Möglicherweise denkt diese Gesellschaft ja tatsächlich mit dem Bauch.

Interessanterweise nun kann eine Gesellschaft oder ein Mensch, der mit dem Bauch denkt, den Bauch selber nicht denken. So ist ebenso, wie es unvernünftig ist, vernünftig zu sein, der Gefühlsmensch zugleich ein gefühlsloser.

So hat unsere Gesellschaft, mit einer scheinbar so einfachen Beziehung, das Kunststück fertig gebracht, sowohl das Denken als auch das Fühlen abzuschaffen.

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/10

Kunst & Verbrechen

Verflechtungen im Maquis der (mehr oder weniger) schönen Dissidenz

In jedem Künstler, sagt man, steckt ein Mörder, der heraus will. Und in jedem Mörder ein Künstler, dem man nicht bei der Arbeit zusehen soll, der aber wohl das Werk präsentieren will. Der eine versteckt seine Todeswünsche in einem Bild, der andere versteckt sein Bild in einer Leiche. Der eine ist der Schatten des anderen. Aber haben nicht alle die bürgerlichen Rollen, der Wissenschaftler, der Offizier, der Kaufmann und sogar der Kardinal ihre dunklen Wiedergänger? Als Verschwörer, Triebtäter oder Wahnsinnige. Sie sind nicht ganz bei sich, in all ihrer Macht, so fängt das an. Und was entsteht, als düstere Legende, ist nichts als ein Mythos, der das Unvereinbare zusammenbringt. Der Künstler, nur zum Beispiel, ist in der bürgerlichen Gesellschaft dringend notwendig und zugleich unmöglich. Man muss ihn fürchten, und er muss sich vor der eigenen Aufgabe fürchten. Mindestens. Denn während er das Unbehagen in seiner Kultur zu bändigen versucht, lockt er es erst recht hervor.

Obwohl die besseren Geschichten dazu definitiv aus früheren Zeiten stammen, ist die Idee einer grundsätzlichen inneren Verwandtschaft zwischen Kunst und Verbrechen wohl ein Fantasma des neunzehnten Jahrhunderts. Weiterlesen

Sprichwörter (2)

„Geld regiert die Welt.“ (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon zur Zeit meiner Großmutter darin, dass möglicherweise nicht allein diejenigen, die es haben und die es einigermaßen skrupellos einsetzen, die Welt regieren, sondern das Geld an sich.

Im Augenblick sind wir diesem Regenten auf eine Weise unterworfen, wie wir es zumindest noch nie gespürt haben: Alle sind betroffen, kein außerhalb mehr möglich (weder das Verfassen eines Haiku noch eine Liebesgeschichte denkbar ohne Geld), andere, auch nicht viel sympathischere Formen von Macht und Gewalt, Regierung, Militär, Terror, ganz und gar dem Geld unterworfen. Was kein Geldgeschäft ist, ist obskur und obszön. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (13)

Zwei lachende Herren überquerten bei strahlendem Himmel die Ismanninger Straße, was andere Verkehrsteilnehmer zu unerwünschten Hormonausschüttungen und semiotischen Entgleisungen führte.

Was mochte die beiden Herren so erheitert haben?

Vielleicht hatte der eine von ihnen gesagt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“.

Und der andere hatte geantwortet: „Und der kommt bekanntlich immer gleich nach dem Hochmut“.

Vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes, was die Herrn Reiner und Kainer amüsierte.

Wie dem auch sei. Strahlendem Himmel und lachenden Herrn ist, wie ein altes Sprichwort weiß, nie zu trauen. Besonders nicht im modernen Straßenverkehr.

Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt…

Komplexreduzierung daily

Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen nach dem Muster seltsam rassistisch anmutender Kampagnen um (als müsste um jeden Preis der Welt verhindert werden, dass die Beschissenen dieser Erde sich solidarisieren).

Die Art, wie demokratische Regierungen die Bevölkerung bescheißen, funktioniert am Ende in der Regel immer, denn sie bedienen sich dabei der Medien, die sie perfekt zu bedienen gelernt haben (wenn auch mal, wie man so sagt, über die Bande). Politiker, die es lernen, mit Medien umzugehen, verlernen zuerst, mit echten Menschen umzugehen, und dann verlieren sie die Fähigkeit, überhaupt noch mit der Wirklichkeit umzugehen. Außer natürlich mit der Wirklichkeit des Kapitals.

Bei jeder solchen Krise, so scheint es, kann auch die demokratische oder eben postdemokratische Herrschaft nachher genau so weiter machen wie bisher. Aber jedes Mal erzeugt sie eine nächste Gruppe von Menschen, die nicht mehr mitmachen, die das alles nichts mehr angeht, die leer gewordene Rituale der Demokratie nicht mehr füllen wollen.

Die Geschichte der Demokratie ist dann zu Ende, wenn die Anzahl jener, die nicht mehr mitmachen, mehr oder weniger identisch mit der Anzahl der Wahlberechtigten in einer Gesellschaft ist (abzüglich von Mafia- und Parteimitgliedern). Lang kann das nicht mehr dauern. Dann muss eine demokratische Regierung wohl tatsächlich Brechts Vorschlag befolgen, das Volk auflösen und sich ein neues wählen. Naja, wenn es noch eines gibt jedenfalls.

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (12)

Ordnungsrufe im Frühling

Erste längere Sonnenstrahlen freuten neben den Solarzellenherstellern und ihren Werbespezialisten auch Passanten und Faulenzer. Es war das große Hocken und Defilieren im wiedererwachten Menschenzoo, Fütterungszeit, Paarungszeit, Schlafzeit. Weißbierzeit für unsere wohlbekannten Herren.

„Ist Ihnen das schon aufgefallen?“, fragte Herr Kainer, „Was einen so verstört, oder auch so langweilt, wie man es nimmt, das ist, dass nichts an einem rechten Ort ist. Alles ist halt da, hier ein Auto mit einem Aufkleber ‚Kleiner Feigling’, dort eine Irokesenfrisur über einer Aktentasche, und da redet einer vor sich hin, vielleicht hat er ein Handy im Kragen, oder er ist verrückt, oder beides, denn das ist ja egal, weil alles verbunden ist aber auch alles nur für sich. Verstehen Sie, was ich meine? Die Dinge sind genau dort miteinander verknüpft, wo man es nicht sieht. Verbunden mit etwas weit entferntem und getrennt vom allernächsten. Alles ist möglich, solange es nur keinen Sinn ergibt.“ Weiterlesen