Mrz 24 2010
Charlie Brown in Mönckersheim (IV)
Als der Künstler, genannt Schroeder, in dieser Nacht aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Mumienwesen verwandelt. Er lag auf seinem von Laken und Tüchern umwickelten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten Bauch mit den gefesselten Händen, auf deren Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine ebenfalls aneinander gebundenen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
„Was ist mit mir geschehen?“ dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges nur etwas zu kleines Hotelzimmer, lag ruhig zwischen den typischen Hotelzimmerwänden. Über dem Tisch, auf dem der Spezialkoffer mit seinem Kindheitsklavier stand, hing das Plakat, das seinen Auftritt in Mönckersheim ankündigte. Es zeigte Schroeder selbst mit einer Glitzerjacke und Pelzboa, vor dem Piano, hinter dem seine ganzen Unterarme verschwunden waren.
„Es ist kein Traum“, wiederholte Schroeder sich. Sein Blick richtete sich zum Fenster, und das trübe Dunkel – man hörte Regentropfen auf das Fensterplastik schlagen – machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch etwas weiterschliefe, und all den Unsinn hier vergäße“, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloss die Augen, um die hilflos ruckenden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
„Ach Gott“, dachte er, „was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die Anstrengungen auf Tournee sind viel größer als das Aufnehmen zu Hause, und außerdem ist mir noch die Plage der Flugreise auferlegt, das ewige Check-In, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!“ Er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit einem gepunkteten Tuch umwickelt war, das er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit den aneinander gefesselten Armen die Stelle betasten, doch bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer. Unter den Schichten von Laken und Tüchern war der Künstler genannt Schroeder nackt.
Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. „Dieses frühzeitige Aufstehen“, dachte er, „macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben. Andere Tourneekünstler leben wie Haremsfrauen. Wenn ich zum Beispiel im Lauf des Vormittags ins Hotelrestaurant gehe, um die Verträge zu unterzeichnen, sitzen die Herren Konzertmanager noch beim Frühstück. Das sollte ich mal versuchen, Charlie Brown würde mir was vorjammern, von wegen Künstlerdisziplin. Wie leicht ist so ein Vertrag geplatzt. Wer weiß übrigens, ob das nicht gut für mich wäre. Wenn ich mich nicht wegen Charlie und Lucie zurückhielte, ich hätte längst das Herumreisen aufgegeben. Vor den Produzenten wäre ich hingetreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Mischpult hätte er fallen müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Mischpult zu setzen und von der Höhe herab mit dem Musiker zu reden, der überdies wegen der Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muss. Well, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um unsere Schulden an das Label abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern – mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht. Vorläufig muss ich aufstehen, der Soundcheck muss gemacht werden“.
Und Schroeder sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte. „Himmlischer Vater!“ dachte er. Es war halb zwei Uhr, und die Zeiger gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel. Es war Zeit für eine Pille, oder zwei. Wieso hatte der Wecker nicht geläutet, sein ganz spezieller Pillenwecker? Man sah vom Bett aus, dass er auf ein Uhr richtig eingestellt war. Gewiss hatte er auch geläutet. Ja, aber war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu verschlafen? Well, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der Künstler, genannt Schroeder, brauchte eine Pille, oder auch zwei.
Und dann öffnete sich die Hotelzimmertür. Zwei weiß gekleidete Gestalten traten rasch ein. Reinigungskräfte, dachte Schroeder, und wollte sie gerade um Hilfe bitten, ihn aus der misslichen Lage zu befreien, in der er sich befand, und die ihm recht eigentlich jetzt erst zu Bewusstsein kam. Aber kaum wollte er zu sprechen beginnen, da hatten sie ihn auch schon gepackt. Einer von ihnen klebte ihm einen Streifen Klebeband über den Mund. Sehr schnell setzten Atembeschwerden ein, der Künstler, genannt Schroeder, geriet in Panik. Kräftige Hände packten ihn, als wäre er tatsächlich nichts anderes als ein Wäschebündel. Der eine warf sich das über den Rücken, der andere öffnete zuerst die Tür, dann, ein Stück den Gang hinunter, eine Klappe in der Wand. Die Wäscheklappe, dachte Schroeder. Und dann fiel er. Er fiel sehr lange.

