Mrz 19 2010

Der Idiot der Familie (4)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Versuch über negative Karnevalisierung der Politik

In Wahrheit ist Guido Westerwelle wohl die Wiederkehr von Möllemann in anderer Form. ER hat wohl versucht, mit der karnevalisierten Politik ernst zu machen. Haider hatte Erfolg, Berlusconi hat Erfolg, Dressmänner haben Erfolg, wie viel Erfolg muss ein teutonischer Haider-Berlusconi haben (auch wenn er, two dressmen dressing, gegen seinen Konkurrenten zu Guttenberg als Dressman keine echte Chance hat). Die Karnevalisierung der Politik ist deswegen „nötig“, weil die notwendige Klientel (diejenigen Menschen, die eine FDP nicht aus „Überzeugung“ sondern aus Interesse wählen) und die notwendige Stimmenzahl nicht übereinstimmen. Eine Partei wie die FDP (oder auch jede Partei in der Postdemokratie) muss also eine erhebliche Anzahl von Menschen dazu bringen, ihre Stimme für sie abzugeben, auch wenn das gegen das eigene Interesse verstößt. Eine „Spaßpartei“ war dafür das angemessene Instrument: Zugleich mit der Klientel-Politik konnte man ein Reservoir der Trash-Politik abfischen. Möllemann arbeitete unter dem Deckmantel der Karnevalisierung an der Faschisierung seiner Partei (und so was hat Tradition in Deutschland, wo die Nazis den Karneval vereinnahmten und die Karnevalisten später dem jubelnden Volk karnevalisierte Formen von Einmärschen, rassistischen Scherzen, deutschen Grüßen und betrunkenen Reichsparteitagen servierten). Möllemann und Westerwelle waren für geraume Zeit zugleich einzig mögliche Verbündete und Kerle, die nur darauf warteten, sich gegenseitig den (politischen) Dolch in den Rücken zu stoßen. Aber sie waren zwei Erscheinungsformen des „neuen Politiker-Typus“: Menschen, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes kennen lernten und taten als interne und externe Machtkämpfe, und das mit allen Mitteln. Damals vermöllemannisierte und verbarschelte die deutsche Politik (und Angela Merkel war die perfekte Antwort auf solche Verwahrlosung: langweilig, ignorant, zäh und reaktionär, aber wohl doch nicht kriminell); Guido Westerwelle schien als Überlebender der „bessere“ Teil, aber eine dialektische Einheit wie Westerwelle und Möllemann lässt sich auf solche Weise nicht teilen. So kommt nun der Möllemann in Westerwelle zum Vorschein, und zwar heftig. Der „neue Politiker-Typus“, der um zur Macht zu kommen und an ihr zu bleiben alles, wirklich alles tut, ist mit Barschel und Möllemann nicht gestorben, sondern er hat nur die Gestalt gewechselt. Es ist, das demonstriert Guido Westerwelle nun so grandios, ein Politiker, der immense Intelligenz im Kampf um die Macht zu mobilisieren weiß, doch dann, wenn er sie hat, gar nicht weiß, was er damit anfangen soll. Was soll einer wie Westerwelle als Außenminister machen, wenn er doch nichts gelernt hat außer Intrigieren, Manipulieren und Manövrieren? Klar: Er intrigiert gegen das eigene Volk, denn mit einer staatsmännischen Macht eines Ministeriums kann er nichts anfangen. Der Politiker neuen Schlages kann Macht nur als Manövriermasse mit einem Wert für sich selbst begreifen; man kann das auch Macht ohne Verantwortung nennen (Macht ohne Klugheit ist es sowieso).

Das allfällige Westerwelle-Bashing freilich führt nur eines vor Augen: Dass er damit durchkommt. Die Empörung über einen wie ihn, der so offensichtlich mit dem Amt nicht, aber auch gar nicht zu wachsen bereit ist, ein Laufbursche der Wirtschaft als Außenminister, erzeugt zugleich offenbar ein Wachstum seiner beiden Unterstützer-Gruppen: seines Interessen-Klientels (bitte keine Korruption ohne uns) und der Fraktion der Karnevalsfaschisten, die zu jedem „Man wird doch noch sagen dürfen“ schenkelklopfen und johlen.

Es ist nicht der Westerwelle, der Idiot der Familie, es ist die Verwesterwellung der Politik, gegen die man sich zur Wehr setzen muss.

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