Mrz 06 2010
Charlie Brown in Mönckersheim (III)
Kurz nach eins haben Kimmel und Charlie Brown Lucy dann endlich nach oben befördern können. Sie war sturzbetrunken. Aber eben in der Art, Sie wissen schon, wie jemand, der es einfach drauf hat, betrunken zu sein. Charlie seufzte noch ein paar mal, während er tapfer den Anschein wahrte, als wäre alles in bester Ordnung. Und dann ist der Kimmel nach Hause gegangen. Ich meine, wirklich, er ist gegangen, denn die Limousine hatten sie in der Zwischenzeit schon wieder abgeholt. Der Spaziergang machte ihm jedenfalls wieder einen einigermaßen klaren Kopf. Nicht, dass er sich an Lucy Browns alkoholischem Extremsport beteiligt hätte, aber das endlose Gefasel, der kurze Blick in ein reichlich verkorkstes Leben und der ganze lange Tage machten dem Kimmel doch zu schaffen. Er war einfach nur müde.
Aber als er gesehen hat, dass im „Schwanen“ noch Licht war, da hat sich der Kimmel doch entschlossen, noch auf ein Abend-Bier herein zu schauen. Da hab’ ich ihn getroffen, und er hat mir die ganze Geschichte erzählt. Natürlich haben wir nicht wissen können, wie sie in der Zwischenzeit weiter gegangen ist.
Charlie und Lucy waren noch nicht fertig miteinander, an diesem Abend. Den ganzen Tag hatte sie gekeift und er hatte geseufzt. Jetzt war es umgekehrt. Charlie redete und redete, und Lucy hätte am liebsten nur geschlafen und geträumt von einem Haus in Beverly Hills und wie sie nach einer kosmetischen Operation aussehen würde, aber da war nichts zu machen, und darum hat sie dann den Spiegel zertrümmert, und das Hotelpersonal war ziemlich in Aufregung, und keiner glaubte an einen Unfall, nur von Schroeder hörte man nichts.
Kimmel hat sich im „Schwanen“ zu mir gesetzt, obschon ich sagen muss, besonders begeistert hat er nicht ausgesehen. Und der Wirt war auch nicht begeistert, weil er hat sich schon auf den Feiertag gefreut. Und als erstes hat der Kimmel Geld in die alte Jukebox gegeben, die hat der Schwanen noch, eigentlich spielt nur der Kimmel damit. Weil der Wirt hat auch Radio, das ist umsonst. Und dann ist es losgegangen.
Twääängelding,dääng, tui,tuuui, twängel diäääh.
Weil der Kimmel ist auf Jimi Hendrix gestanden. Und so ein Zeug.
Duiiidel, duidel, duuuuidel, didadeldeeeeeeei.
Wie das Stück dann aus war (der Hendrix, der mag manchmal einfach nicht zum Schluss kommen, wo er doch schon so laut anfängt), hat der Kimmel mir also die Sache erzählt. Und wir haben immer noch lauter reden müssen als gewöhnlich, wegen dem Jimi Hendrix, den hat man dann noch in den Ohren. So Doiiidldiaatweeet, Sie wissen schon.
Duideldadadatwiettwiettwiet.
Man kriegt es nicht mehr los!
Und ich habe es ihm gleich gesagt. Das mit den Nazis und der Türkenmafia und den Hell’s Angels. Dass die nämlich unsere Stadt längst im Griff haben, jeder hat sein Revier. Jeder lässt die anderen machen, solange die ihnen nicht ins Gehege kommen. Die Polizei weiß das natürlich, und die hält sich so lang es geht heraus. Und unser Bürgermeister, der weiß das auch. Neonazis? Bei uns nicht, die kommen woanders her. Türkenmafia? Ja mei, die gibt es überall, und die bleiben nur so unter sich. Die machen das islamistisch, mit Ehrenmorden und Krummdolchen, was weiß ich. Und die Hell’s Angels? Die gibt’s in Hamburg oder in Düsseldorf, aber doch nicht in Mönckersheim. Die fünf Diskotheken, die wir hier haben. Wenn was vorkommt, sagt der Bürgermeister, dann kommt das immer von auswärts.
Aber ich glaube, sage ich dem Kimmel, eigentlich gibt es schon lange keine staatliche Macht mehr. Und der Bürgermeister, der hat im Privatberuf ein Baugeschäft. Und sein Schwiegersohn ist Rechtsanwalt, und auch in der Partei. Praktischerweise in der anderen. Was glaubst du, frage ich den Kimmel, wer das in der Neuberghausener Straße war, und wem das alles gehört, und wer da gearbeitet hat. Waren das vielleicht deutsche Arbeiter mit ordentlichen Papieren und Krankenversicherung und alles? Und wer hat geschaut, dass alle gespurt haben? Das haben sie sich wieder geteilt, die Neonazis, die Türkenmafia und die Hell’s Angels. Und die anderen gibt’s ja auch noch, die bei den Pizzerien abkassieren, und die die Auftragsmorde machen, und die mit den Drogen.
Der Kimmel hat nur mit einem Ohr zugehört, aber das eine Ohr hat gereicht, damit er nicht wieder zu der Jukebox gegangen ist, zu seinem Jimi Hendrix. Ich meine, ich habe überhaupt nichts gegen Musik. Aber so
Dwoidwoidwoididdeldaaadidelduiii.
Ich weiß nicht. Und ich sage dem Kimmel (aber der hört, wie gesagt, gar nicht richtig hin), wie das ist mit den Parteien in dieser Stadt. Also zuerst müssen die schauen, dass sie selber zu ihrem Geld kommen. Haben Sie das gehört, mit dem Ding, dem Rüttgers, oder war das der Sekt, der da 6000 Euro verlangt, nur damit ein Schmiergeldzahler erst einmal überhaupt fragen darf, ob er ein Schmiergeld zahlen darf? Bei uns machen die das eben gleich mit dem Sekt, ich meine die treffen sich in den Ratsstuben, und dann gehen sie in die Miami Bar, und wer passt auf, auf die Miami Bar? Eben. Und da machen die Parteien das unter sich aus, eigentlich genau wie die Neonazis, die Türkenmafia und die Hell’s Angels. Jetzt kommen aber noch die Russen, aber das ist eine andere Geschichte. Ich sage dem Kimmel, auch wenn er nur mit einem, oder vielleicht sogar nur mit einem halben Ohr zuhört, dass es eigentlich gar nicht mehr um Parteien, sondern nur um Bauaufträge geht. Und die Parteien, verstehen Sie, die machen das mit Leitanträgen. Also wenn die kleinen Leute in der Partei irgend etwas wollen oder eben etwas nicht wollen, dann kommen die mit einem Leitantrag daher. Genau weiß ich das auch nicht, wie das geht, auf jeden Fall geht dann immer nur das eine, wenn auch das andere geht.
Und schau dir unsere Heimatzeitung an, sage ich zum Kimmel. Was steht da drin? Wie super jetzt die Neuberghausener Straße aussieht (für mich sieht die einfach scheiße aus, aber um Geschmacksfragen geht’s ja jetzt nicht). Und dann Bürgermeister-Empfang. Und Sport vor Ort. Und noch ein Bürgermeister-Empfang. Und da eine Auszeichnung für einen verdienten Bürger. Hast du da je schon mal was davon gelesen, warum unser Fluss so dreckig ist? Richtig giftig. Dass die Frau, die sich aus dem Fenster hat fallen lassen, keine Familientragödie war, sondern weil sie ihr einfach die Miete nicht mehr bezahlt haben, und entlassen, und zwei kleine Kinder und alles. Und die toten Bauarbeiter in der Neuberghausener Straße? Das waren, heißt man es dann, verfeindete Gruppen.
Dann habe ich noch ein Bier bestellt. Obwohl der Kimmel, der war schon halb am Einschlafen. Ich weiß gar nicht, ob er folgendes noch mitgekriegt hat:
Also passen wenigstens Sie auf. Der Kulturdezernent, als der jetzige, der wollte früher selber Bürgermeister werden. Der hatte auch gute Chancen, so von der Partei her und von der Wirtschaft. Müller heißt er. Ja, einfach Müller. Und dann kam diese Geschichte. Der Tote in der Schwulenbar. Erinnern Sie sich? Furchtbar zugerichtet, der arme Kerl. Oder auch wieder hergerichtet, wie man es nimmt. Hingerichtet, hätte der Stoiber gesagt. Aber da sollte man jetzt eigentlich keine Witze machen. Denn erst haben sie ihn mit ich weiß nicht was allem zerschnitten, zerstochen, durchstoßen und zerschlagen. Und dann haben sie ihn wieder fein gemacht, angezogen und geschminkt und alles. Und so haben sie ihn in den Vorraum gelegt. Aufgebart. Oder wie ein Kunstwerk ausgestellt.
Apropos Kunst. Das war auch ein Künstler. Das hat der Kimmel natürlich gewusst, und da ist mir aufgefallen, dass er doch nicht ganz eingeschlafen war. Im Gegenteil. Das kann man beim Kimmel nie wissen, ob er schläft oder im Gegenteil hell wach ist. Jetzt war es das Gegenteil.
Jedenfalls, der Müller, obwohl er wahrscheinlich nichts mit dem Mord zu tun gehabt hat, jedenfalls ist da nichts aufgekommen, der Müller war, einfach wegen dem Aufenthaltsort, erst einmal weg vom Fenster. Ja, da glaubt man immer, dass wir jetzt so tolerant sind. Schwuler Außenminister und so. Aber was glaubst, wir sind hier in Mönckerhseim. Da gibt es vielleicht Neonazis, Türkenmafia und Hell’s Angels, aber sonst hat unsere Toleranz Grenzen.
Und vor einem Monat, oder waren es zwei, dass ich nichts Falsches sage, da haben sie den Müller dann aus der Versenkung geholt, weil der alte Kulturdezernent ist in Ruhestand gegangen und es war gerade nicht Wahl. Und eines der ersten Sachen, die er angeleiert hat, noch immer so ein bisschen im Hintergrund, war es, diesen Künstler namens Schroeder einzuladen, den halt, den der Kimmel jetzt an der Backe gehabt hat. Eigentlich hat es gar nicht zu Mönckersheim gepasst, da wäre Rammstein besser gewesen, für die Nazis, oder Motorhead für die Hell’s Angels oder Tarkan für die Türken oder Peter Maffay oder Volksmusik für den Rest. Dass es der Schroeder hat sein müssen, da kann ich mir nur persönliche Gründe vorstellen.
Das hat der Kimmel ja schon gewusst, dass die Familie vom Schroeder aus Mönckersheim gekommen ist. Großmutter oder was. Die haben die Nazis dann, also die echten. Zum Teil. Die anderen sind gerade noch davon gekommen.
Und die Schroeders haben damals ja diese Rahmen-Fabrik gehabt, für die Künstler, damals haben ja alle Bilder noch einen Rahmen gehabt, so aus Gold und mit Verzierungen. Manchmal war da der Rahmen wichtiger als das Bild. Da hat man gutes Geld verdient. Und neben der Rahmen-Fabrik, das war ja auch irgendwie logisch, haben die Schroeders auch einen Kunsthandel gehabt. Und wie es der Teufel will, hat die Familie vom Mueller, also von dem Kulturdezernenten, die Rahmen-Fabrik und den Kunsthandel übernommen. Arisierung hat man das geheißen.
Jetzt hat es dann schon lange so ein Hin und Her gegeben. Von wegen Rückgabe und Entschädigung. Aber das meiste war ja auch im Krieg verloren. Und die Mönckersheimer fanden das auch nicht gut. Einmal muss doch Schluss sein mit der Vergangenheit, und da sieht man es wieder, die Juden wollen immer nur Geld. Das Übliche halt.
Der Müller aber hat das ganz schlau gemacht, anders als das in der Schwulenbar, das war natürlich dumm. Er hat immer gesagt, dass er sich seiner Verantwortung bewusst ist, und dass er sich ganz bestimmt nicht bereichern wollte, dass es aber um die Kunst geht. Und hinten herum haben die Rechtsanwälte verhandelt, mein lieber Schwan.
Jetzt also, wenn der Schroeder hier in Mönckersheim ein Konzert gibt, und wenn er sich da gleich ein paar Tage dafür nimmt, so Besuch in der alten Heimat, versteh’st, dann hat das bestimmt einen Zusammenhang. Dass er sich auch beim Kimmel eine Kunst hat anschauen wollen, das kann ja sein. Aber da ist etwas ganz anderes dahinter gesteckt.
Und wie das alles noch zusammen hängt, das wollte ich dem Kimmel gerade erzählen. Und da hat sein Handy getan. So
Twängdiddeldiddeldüoi.
Weil auch dem Kimmel sein Handy hat Jimi Hendrix gespielt.
Und dann hat der Kimmel das Handy an sein Ohr gehalten. Und er hat zugehört. Und dann ist der Kimmel ganz blass geworden.

