Die Dinge des Kinos

Das zweifache Objekt. Ein Spielfilm, natürlich, erzählt in der Regel eine Geschichte. Eine Geschichte ist einerseits die Kunst, auf eine Weise Menschen und Objekte im Raum und in der Zeit zu bewegen, die für den Empfänger so oder so einen Sinn erzeugt, in einem moralischen, ästhetischen und kulturellen Bezugsfeld. Und andrerseits hat diese Geschichte selber eine Form, sie hat eine Topographie, eine Architektur, einen Rhythmus der Bewegung, sie ist selber Körper und Objekt. (Ob die Bewegung den Raum oder der Raum die Bewegung erzeugt, sei für den Augenblick einmal dahingestellt.)

In einer Geschichte bewegen sich Menschen zwischen Objekten und Objekte zwischen Menschen. (Der Schatz, der Brief, das Indiz oder das Dokument wechseln mehrfach den Besitzer; fertig ist der Kino-Plot.) Ein Erzählziel unter vielen anderen kann es sein, lustvoll die Grenze zwischen Menschen und Objekten zu überschreiten, um sie am Ende angstvoll wieder zu ziehen, die Zauberbesen in die Ecke zu stellen. Das übergeordnete Erzählziel aber ist es, eine Einheit zwischen den Menschen und den Dingen zu schaffen; eine Geschichte erklärt, warum der Mensch erst vollständig ist als Ensemble von Körpern und Objekten. Weiterlesen

Sprichwörter (1)

„Der frühe Vogel fängt den Wurm!“ Das heißt wohl auch: Frühe Würmer werden von frühen Vögeln gefressen. Deswegen bleiben kluge Würmer morgens länger liegen. Die frühen Vögel wären damit schon mal ausgetrickst. Wenn aber nun späte Vögel einfach die späten Würmer fressen? Dann nutzt dem Wurm weder Intelligenz noch Erfahrung, und dem Vogel nutzt das Frühaufstehen nichts. Vor allem aber nutzen Sprichwörter nichts.

Der Idiot der Familie (4)

Versuch über negative Karnevalisierung der Politik

In Wahrheit ist Guido Westerwelle wohl die Wiederkehr von Möllemann in anderer Form. ER hat wohl versucht, mit der karnevalisierten Politik ernst zu machen. Haider hatte Erfolg, Berlusconi hat Erfolg, Dressmänner haben Erfolg, wie viel Erfolg muss ein teutonischer Haider-Berlusconi haben (auch wenn er, two dressmen dressing, gegen seinen Konkurrenten zu Guttenberg als Dressman keine echte Chance hat). Die Karnevalisierung der Politik ist deswegen „nötig“, weil die notwendige Klientel (diejenigen Menschen, die eine FDP nicht aus „Überzeugung“ sondern aus Interesse wählen) und die notwendige Stimmenzahl nicht übereinstimmen. Weiterlesen

Titelschutz (1)

Damit nicht jemand anderes das Buch schreibt, das man gerade selber schreiben bzw. verlegen will, gibt es die segensreiche Einrichtung des „Titelschutzes“ nach §§ 5 und 15 Markengesetz, und eine entsprechende Rubrik im „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“. Das ist in aller Regel eine erheiternde Lektüre, weil man da auf Titel stößt, die so manches versprechen. Wir dürfen erwarten zu lesen im „Wörterbuch Ohrenkuss“, oder „Wie Kirche über sich hinauswächst“; es wird geben (oder auch nicht) „Mein Guckloch-Fühlbuch“ und eine „Vampirdämmerung“, gefolgt von „Suizid – Ich habe es getan“, „Geld fressen Seele auf“ und „Globalisierung macht krank“ für die Depressiveren, Weiterlesen

Charlie Brown in Mönckersheim (III)

Kurz nach eins haben Kimmel und Charlie Brown Lucy dann endlich nach oben befördern können. Sie war sturzbetrunken. Aber eben in der Art, Sie wissen schon, wie jemand, der es einfach drauf hat, betrunken zu sein. Charlie seufzte noch ein paar mal, während er tapfer den Anschein wahrte, als wäre alles in bester Ordnung. Und dann ist der Kimmel nach Hause gegangen. Ich meine, wirklich, er ist gegangen, denn die Limousine hatten sie in der Zwischenzeit schon wieder abgeholt. Der Spaziergang machte ihm jedenfalls wieder einen einigermaßen klaren Kopf. Nicht, dass er sich an Lucy Browns alkoholischem Extremsport beteiligt hätte, aber das endlose Gefasel, der kurze Blick in ein reichlich verkorkstes Leben und der ganze lange Tage machten dem Kimmel doch zu schaffen. Weiterlesen

Perforationen. Das Filmische, das Dokumentarische, das Theatralische und die Vernetzung

Eventuell nützliche Abschweifungen

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Das Dokumentarische im Allgemeinen und das Dokumentarische im Film im besonderen mussten sich in den neunziger Jahren einer Neubestimmung unterziehen lassen.  Auf der einen Seite entzog sich das Dokumentarische zunehmend dem Begriff, es drohte im Diskurs zu verschwinden. Was zum Teufel konnte noch „dokumentarisch“ sein zwischen Tagesschau und MTV? Auf der anderen Seite tauchte es an überraschenden Stellen wieder auf, beim Theater und in der Bildenden Kunst etwa (und zwar in ganz anderen Zusammenhängen als in denen man etwa in den sechziger und siebziger Jahren vom Dokumentarischen im Verhältnis zum Theater oder zur Kunst gesprochen hatte). Das Dokumentarische ist seit den neunziger Jahren auf eine nicht recht fassbare Weise „wieder da“. Und es musste „besprochen“ werden. Das geschah aus einer defensiven Haltung (im Mainstream) und einer offensiven Haltung (bei den ästhetischen Produzenten). Weiterlesen