Feb 03 2010
CONTRA NATURAM, oder Die Weltordnung und das Wunder
Anmerkungen zum Phantastischen
In der Zeit der Renaissance begann eine verhängnisvolle Zweiteilung der Wahrnehmung, die uns noch heute bestimmt. Die Welt war einerseits jene in sich ruhende Ordnung, von der Aristoteles gesprochen hatte, und die es zu erforschen galt. Jedes Phänomen, das sich vor den eigenen Augen entfaltete, wurde auf ihren Platz innerhalb dieser Ordnung hin untersucht. Unglücklicherweise aber ließen sich nicht alle Phänomene in diese Ordnung der Natur eingliedern, so dass man mit Dingen zu leben lernte, die staunenswerterweise „contra naturam“ waren. Diese Verstöße gegen die Natur konnten nur einerseits religiös erklärt werden (schließlich war auch die Religion ein geordnetes System, das zu dieser Zeit längst nicht mehr darauf gründete, sich stets durch Wunder neu zu erfinden und neu zu legitimieren, sondern im Gegenteil ihre eigene Statik zur übergeordneten Botschaft zu machen), so musste man mit einem Rest dessen leben, was „gegen die Natur“ war, ein radikal anderes, das seinen Platz in der Wahrnehmung verlangte. So wurden seltsame Ereignisse (wie die Erscheinung des Halleyschen Kometen) als trans-natürliche Zeichen für Geschehnisse in der Ordnung der Geschichte der natürlichen Ereignisse (wie Kriege und Erbfolgen) gedeutet. Das Problem des „Widernatürlichen“ und Phantastischen lag also darin, dass das Groteske und Phantastische immer doppelt codiert waren, als Faszinosum einer sich beständig anreichernden Schöpfung, und als Grauen einer negativen Schöpfung, die den Gottesplan in der Natur ebenso wie die Vernunft in Frage stellt.
Die Grenze zwischen der Ordnung der Natur und den Grauen/Wonnen des contra naturam verändern beständig ihren Verlauf. Und je mehr man den Geist selber erforschte, bis hin zur modernen Psychologie, desto klarer wurde es, dass er selber in der Lage ist, beides zu produzieren. Das Subjekt ist keine fraglose Eigenschaft der natürlichen Ordnung, im Gegenteil, wenn man es nur einen Augenblick allein lässt, gesellschaftlich und logisch, dann verwandelt es sich auch schon selber zum „Monstrum“. Die Freak Show und die Horrorerzählung haben daher die gleichen Wurzeln. Die Grenzen schließlich mussten gesellschaftlich ausgehandelt werden, zum Beispiel durch den Ausschluss der Frauen oder der Kinder. Das „Widernatürliche“ darf von den Frauen noch im achtzehnten Jahrhundert weder gesehen noch erwähnt werden, weil sie sonst selbst zu Gebärerinnen des Widernatürlichen werden. Und die größte Sorge des nächsten Jahrhunderts gilt den Kindern, der zeitlichen Ressource des Bürgertums, die so wenig von der Existenz des contra naturam erfahren sollen wie sich Mittelstands-Kids von heute Zombie-Filme reinziehen sollen, wenn Mam und Dad auf einer Geburtstagsparty sind.
Nicht nur das Subjekt, sondern auch der Körper wird, medizinischer Erforschung nicht zum Trotz, sondern gerade beflügelt durch sie, zum erstaunlichen Kuriosum (denn so erforscht er sein mag, erzählt er doch in jedem Augenblick von der Begrenzung seiner Erforschung). Was contra naturam ist, das kommt entweder als rationale Science Fiction zurück (es kommt von außen, was unserer Natur widerspricht) oder als Horror, als Alptraum der Aufklärung. Dem entkommt der mehr oder weniger kindliche Geist in der Fantasy.
Man könnte den Helden der Fantasy daher als einen bezeichnen, der sich von der faszinierten Groteske des Subjekts abwenden will, indem er das faszinierend Groteske in der Welt zulässt (oder in sie projiziert). Das reicht vom Barbaren in der Sword & Sorcery, der seinen Körper nicht umsonst so gern stählt und panzert, bis zum Opfer eines Körpertausches, der Körper und Seele umso mehr als in sich geschlossene Ordnungen ansieht, je mehr er ihre eindeutige Zuordnung in Frage stellt. Man kann den Körper tauschen eben deswegen, weil die Seele so eindeutig ist, und umgekehrt.
Im bürgerlichen Zeitalter wurde diese Grenze zwischen Staunen und Abscheu melodramatisch, das heißt in einer Verbindung von Moral und Ästhetik gezogen. Das Widernatürliche war das Hässliche, und erstaunlicherweise haben wir im Genre-Gedächtnis von Horror und Fantasy weitgehend vergessen, dass es der ästhetische Abscheu war, der im „Monstrum“ das Böse hervorbrachte, und nicht umgekehrt. Erst als es erkennt, dass es hässlich ist (und als hässlich aus der Ordnung der Natur ausgeschlossen) wird Frankensteins Ungeheuer böse.
Fantasy als illegitimes Kind des rationalen Positivismus (und daher nicht zufällig dort entstanden, wo sich diese Entwicklung am heftigsten zeigte, in den angelsächsischen Industriegesellschaften) ist nicht einfach nur Flucht und Verweigerung, vielmehr scheint das mehr oder minder neue Genre zwei Strategien zur Modernisierung erstaunlich konsequent anzuwenden: Das Phantastische in der Fantasy existiert neben der rationalen und wissenschaftlichen Welt, es bietet sich förmlich als temporäre Ausweichstation an, und zum anderen schrieb sich der Rationalismus durchaus ins Wunderbare ein: Die Magier der Fantasy wenden ihre phantastischen Fähigkeiten vollkommen überlegt und systematisch ein, die phantastischen Reiche sind kartographiert und strukturiert, sie müssen, selbst wenn sie gerade erst erfunden wurden, nach den Regeln der Aufklärung durchmessen und bestimmt werden. Und erstaunlich viele Schöpfer der Fantasy waren im Hauptberuf ernsthafte, systematische Wissenschaftler (und „Alice in Wonderland“, wenn man denn hierbei von Fantasy sprechen darf, von einem Mathematiker stammend, beflügelt noch heute Informatiker, Philosophen wie Soziologen gleichermaßen). Die Welt hat in der Fantasy, so bizarr ihre Axiome und so mythisch ihre literarischen Vorbilder sein mögen, nur wenige Geheimnisse. Das Phantastische ist mehr noch als in der technischen Phantastik der Science Fiction „geregelt“, und die Autoren und mit ihnen die Leser dürfen beides genießen: die Allmacht eines Schöpfergottes, der freilich seine Schöpfung nach strengen Regeln bestimmen muss, und die süße Ohnmacht des geleiteten Menschen auf seiner Heldenreise, die in der Regel zu nichts anderem dient als der Wiederherstellung der Ordnung, die von finsteren Mächten auf ewig gestört wird.
Allerdings zeigt die Beschwörung von Magie, Wunder und „Barbarentum“ auch ein gewandeltes Verhältnis zur Natur. In der Industrialisierung wurde sie unterworfen und zum Objekt der Ausbeutung und Zerstörung; in der Fantasy dagegen bildet sie ein System (neben anderen Systemen), das letztlich nicht zu bezwingen ist, sich immer wieder gegen den menschlichen Eingriff zur Wehr setzt, den technischen Fortschritt gleichsam immer wieder in ihren Kreisbewegungen überrundet.
Nun können wir mittlerweile an die Existenz von Dingen, die contra naturam sind, nur noch in einer neuen Weise denken, nämlich in der der Unschärfe. Es gibt Dinge in der Natur (wie auch in Denk-Systemen) von denen vernünftigerweise gesagt werden kann, dass sie nicht berechenbar sind. Erstaunlicherweise ist ein System mit stärkerer Selbstreferenz, obwohl durchaus „geordneter“ als ein anderes, weniger berechenbar als eines mit schwächerer Selbstreferenz. Vielleicht könnten wir sogar behaupten, dass die Selbstreferenz selber an die Stelle des contra naturam getreten ist (so wie Selbstreferenz an anderem Ort, zum Beispiel im Computer, an die Stelle des Transzendentalen trat). Fantasy ist daher zwar irreal, aber strikt „ordentlich“: Ein System des Phantasierens, das sich nahezu ausschließlich auf die Kraft seiner Selbstreferenz verlässt: Einmal angefangen erzählt sich’s einerseits von selber und macht andrerseits die Willkür-Eingriffe des Autors wesentlich deutlicher als bei einem anderen, „vernünftigen“ Genre wie, sagen wir, dem Kriminalroman. In der Fantasy begeben wir uns daher in eine Ordnung, die beides zugleich ist: verlässlich und unberechenbar. In der künstlichen Weltordnung gibt es keine Wunder (also auch: kein contra naturam), weil alles Wunder (also „Natur“) ist. Wenn die Science Fiction im „Was wäre wenn“-Modus erzählt, erzählt die Fantasy im „Es sei“-Modus; dieses world building muss daher eine größere Komplexreduzierung vornehmen um zu funktionieren, denn Science Fiction kann eine fiktive Tatsache in eine gegebene (und also chaotische) Welt einführen, Fantasy dagegen kann der fiktiven Welt allenfalls eine Dosis Unübersichtlichkeit verpassen. Je mehr sich erweist, wie recht Stanislav Lem mit seiner Idee gehabt hat, alles, was sich Menschen ausdenken könnten und alles was technisch machbar sei werde auch realisiert, desto mehr hat sich die postmoderne Popkultur von der Science fiction ab- und der Fantasy zugewandt. Ordnung, so scheint es, ist uns wichtiger als Wirklichkeit geworden.

