Feb 02 2010
KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/10
Eines der schöneren Probleme der Kunst ist, dass man zu ihr zugleich schweigen und von ihr sprechen muss. Spricht einer von einem Kunstwerk, würde man ihm am liebsten sagen: Halt den Mund! Schweigt er indes vor ihm, treibt es uns um: Nun sag’ doch was! Schweigen und Sprechen ist gleichermaßen „falsch“ (und „richtig“); Entweihung kämpft gegen Verschwinden. Es entsteht dabei wohl etwas, das wir „diskursive Unschärfe“ nennen können, und genau diese notwendige diskursive Unschärfe wird dem Kunst-Gespräch von Leuten, die sich gern auf Tatsachen und Relationen berufen, als Geschwätz vorgehalten.
Übrigens hatte Arnold Gehlen durchaus unrecht, als er im Jahr 1960 konstatierte, es sei gerade die „gegenstandslose“ Kunst, die uns das Gespräch aufzwingen würde (die im Bild nicht mehr erkennbare Wirklichkeit müsste demnach im „Kommentar“ wieder aufscheinen). Tatsächlich gibt es in diesem Fall keinen Diskurs zwischen dem Bild und dem, „was es darstellt“, so dass eben dieser entweder im Bild selber (zwischen Farben und Linien etc.) oder zwischen dem Bild und seiner Theorie stattfinden müsse. (Wir sprechen demnach, angesichts eines abstrakten Bildes, je nachdem, über die Befreiung des Bildes von der Welt, oder umgekehrt, von der Nicht-Abbildbarkeit der Welt.)
Auch der Diskurs zwischen dem Bild und dem „was es enthält“, und sei es ein Rest von Welt oder ein Rest des „Autors“, bedarf schon immer des Kommentars, gesprochen wurde vom Bild schon als es noch Heiligtum war, und zu Besitz und Bildungsgut konnte es ohne das „Geschwätz“ nicht werden.
Ein Bild ist also unter vielem anderen nichts anderes als eine Aufforderung zum Diskurs: Sprich über mich, sagt das Bild, oder vielleicht sogar: Sprich mich. (Aber sprich richtig und sprich nicht zu viel, sonst bestrafe ich dich mit deinem Verschwinden.) Daher ist es das größte Missverständnis der Tatsachen-Menschen, wenn sie glauben, über Kunst könne man mehr oder weniger alles sagen. Vermutlich verzeihen es Quantenphysik und Astronomie eher, wenn man von und in ihnen falsch spricht als die Kunst.
Im Sprechen über sie wird Kunst historisch und politisch, ob man es will oder nicht. Die lineare Ordnung des Textes kann dem Bild zwar nicht „gerecht werden“, bewahrt es aber davor, als purer Augen-Blick so erhaben wie folgenlos zu sein. Daher ist es eine Frage des Interesses, wer wie über Kunst spricht (und das Interesse des „Sammlers“ kann nicht das Interesse der Kritik sein); in jedem Sprechen über die Kunst steckt die brisante Frage, wem sie gehört.

