Jan 27 2010

Charlie Brown in Mönckersheim (II)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Krimi.

Ein Kriminalroman in unregelmäßigen Fortsetzungen

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Also, das muss schon ein Anblick gewesen sein, für den Kimmel, mein lieber Schwan. Lucy Brown, aufgedonnert wie geht nicht mehr, keift herum, Charles Brown, den nennen sie aber nur Charlie, versucht sie dauernd zu beruhigen. Und hinter ihnen drei, der Schroeder, so eine Art Elton John, aber nicht so gesund, ziemlich weggetreten. So sind sie aus dem Flugzeug gestiegen.

„Lucy, Dear…“

„Don’t you dare dear me. Shut fuckin’ up, you lousy son of a loser.“

Charlie Brown hat sich an Kimmel gewandt, der ist nämlich damit beauftragt worden, den großen Künstler namens „Schroeder“ vom Flugzeug abzuholen und mit einer gemieteten Limousine zu uns in die Stadt und zum Hotel zu bringen. Vielleicht hat der Kimmel jetzt nicht so gut ausgeschaut, er macht sich halt nicht so viel aus teuren Anzügen. Bei der Stadt aber hat man schon gedacht, dass was passieren könnte. Sie wollten keine Polizisten schicken, deswegen der Kimmel. Weil in der Stadt hat man schon die Plakate für den Auftritt von Schroeder, der spiel Klavier, wissen Sie ja, im Stadtsaal, überall beschmiert. „Schwule Sau“ und „Judenarsch“ und so. Unser Bürgermeister sagt immer, wir haben keine Neonazis. Immer wenn ein Bürgermeister sagt, dass eine Stadt keine Neonazis hat, dann haben sie schon die halbe Stadt. Und wenn sie dann die ganze Stadt haben, dann sagt der Bürgermeister immer noch, es gibt sie nicht bei uns. Also der Charlie Brown hat sich dem Kimmel gegenüber zu entschuldigen versucht.

„Sie mussten versteh meine Frau ist nicht gut gewohnt das lange Fliegen und Flugzeug sitzen. Und sie geben ihr immer zu trinken.“

„What the fuck are you fuckin’ talking about?“

„Just explain… Herr Schroeder ist sehr erfreut zu wieder sehen die Heimat seiner Familie. Sie wissen, die Großmutter von Herrn Schroeder ist geboren in Mönckersheim. Und hat gesprochen auch in America immer nur deutsh. So Herr Schroeder spricht sehr gutes Deutsh. Währenddessen mein deutsh ist nix so gut. Aber ich habe gelernt auch in die Familie Schroeder und später in die Army“.

„The Army? That fucking drug suckling troup of losers on their way to mass destruction…“

Charlie Brown hat einen tiefen Seufzer getan.

„So als Manager von Herr Schroeder.. Darling, would you please mind and stopp smoking that Zigarillo on a german airport; it’s not allowed also over here… Manager von Herr Schroeder möchte ich mich bedanken, dass Sie uns geben eine Fahrt nach Mönckersheim, Herr… Kimmel?“

„Kimmel. Als Kimmel. Ja, dann: Auf nach Mönckersheim.“

Der Kimmel war ein bisschen angefressen, das muss ich schon sagen.

„What sort of a crazy fucking name for a town ist that: Mongershime. It even has no website. No celebrity. No stars, no bankers, no ruins. No King Ludwig. No Oktoberfest. Nothing. We’re stranded in the middle of nowhere. A german nowhere, that is.“

Der Charlie Brown hat wieder einen tiefen Seufzer gemacht. „Ich muss auch beten um Verzeihung, weil Herr Schroeder nicht gut sprechen jetzt. Denn hat genommen, wie man sagt, sort of sleeping pills. Um zu beruhigen vor die Angst vor Fliegen. In die States wir touren deshalb immer mit Zug. Please, Schroeder, would you come over an say Hello to Herr Kimmel“.

Der Schroeder hat einmal ein bisschen die Augen aufgemacht, vielleicht war das seine Art von Gruß. Aber sonst hat er während der ganzen seltsamen Begrüßungsszene keine Mine verzogen, und gesagt hat er schon gar nichts. Auch der Kimmel hat nicht viel geredet. Der Schroeder, das muss ich Ihnen noch erzählen, der hat als begabter Konzert-Pianist begonnen. Aber irgendwie hat er nicht den Sprung an die echte Spitze geschafft. Irgendwas fehlt ihm zum musikalischen Genie, und es gibt niemanden auf der Welt, der das so genau weiß, wie Schroeder selbst. Vielleicht schaut er deshalb aus wie jemand, der gerade das Liebste verloren hat, was es für ihn auf der Welt gibt. Dann hat er sich darauf verlegt, Klassik und Pop zu spielen, im Glitzeranzug und mit Streichern im Hintergrund. Und viel Playback. Damit hatte er zwar Erfolg, aber er ist auch immer unglücklicher geworden. „Sleeping Pills“. Dass ich nicht lache. „Um zu beruhigen vor die Angst vor Fliegen“. Wenn Sie mich fragen, der sensible Künstler ist ein Drogenwrack.

Schroeder jedenfalls kümmerte sich um gar nichts. Das einzige, was ihn wirklich zu interessieren schien, das war ein kleines Kinderklavier, das er in einem speziellen Koffer mit sich herumtrug. Das hat er nie aus den Augen verloren. Er hat dann später sogar im Hotelzimmer drauf gespielt. Es war leise genug, dass sich niemand beschwert hat. Es war sein Heiligtum, oder so was.

Der Kimmel hat die drei also in der gemieteten Limousine nach Mönckersheim gefahren. Immerhin eine gute Stunde Fahrtzeit. Mönckersheim hat ja keinen eigenen Flugplatz, aber das wissen Sie ja. Der Kimmel hatte sich dazu bereit erklärt, denn nach der Besichtigung der Stadt seiner Ahnen und nach zwei Konzerten, die er im Stadtsaal geben sollte, ausverkauft waren sie übrigens nicht, beabsichtigte Herr Schroeder beim Kimmel die Bilder eines Malers anzusehen, von dem er in New Yrok gehört hatte, und den der Kimmel seit einem Jahr in seiner Galerie vertreten hat. Durshand. Schon mal gehört? Expressive Remix, hat der Kimmel einmal gesagt. Mir soll es recht sein. Ich glaube, von dem Durshand werden Sie schon noch was hören.

Also, der Kimmel hat gute Gründe gehabt, sich um die Gäste zu kümmern. Auch wenn er sich die Sache wahrscheinlich leichter vorgestellt hatte. Was die Fahrt anbelangt, gab’s jedenfalls nicht viel Abwechslung. Lucy Brown hat geflucht und sich beschwert, wieder mit viel „fucking“ und „loser“, Charlie Brown hat geseufzt, hat versucht, sie zu beruhigen und gleichzeitig ein bisschen höfliche Konversation zu machen.

„Oh, da sind ja die Plakate von Schroeder. Very Good. Sehr schön. But… wait a minute! What’s that? What a fershluggener…Svastica! Ein, wie heißt? Hakenkreuz. Da noch eines! Was soll das heißen, Herr Kimmel?

Dem Kimmel war das verdammt peinlich. Aber er hat zugeben müssen, dass es auch im verschlafenen Mönckersheim mehr als eine Bande von Neonazis gibt, eine „Kameradschaft“, wie die das nennen, und sogar einen Nazi-Abgeordneten im Stadtrat haben wir auch. Von den Skinhead-Saufköpfen ganz zu schweigen. Solche Schmierereien sind hier an der Tagesordnung. Erst jetzt ist dem Kimmel aufgefallen, dass sich hier bei uns schon lange niemand mehr groß darüber aufregt. Und jetzt hat er sogar übersetzen müssen, was „schwule Sau“ und „Judenschwein“ auf englisch heißt. Und „Beethoven bleibt doitsch“. Charles und Lucy Brown waren reichlich blass geworden, der Schroeder war aber immer noch mehr oder weniger weggetreten.

„I Don’t get it. The same old Nazi Shit. Why should we come here? Why?“

„Lucy, please… Es ist in der Tat ein wenig schwierig zu verstehen, Herr Kimmel. Wir haben gedacht an Freiheit und Demokratie, und jetzt, wo es gibt keine Kommunisten mehr…“

Ich glaube nicht, dass der Kimmel versucht hat, den beiden zu erklären, wie es bei uns zugeht, er hat es ja selber nie so recht verstanden. Der Rest der Fahrt verlief, wie man so sagt, in Totenstille. Nur ab und zu war ein Seufzer von Charlie und ein leises „Fuck! Fuck! Fuck!“ von Lucy zu hören. Und Schroeder schwieg so beharrlich, dass Kimmel sich ab und an durch einen Blick in den Rückspiegel vergewisserte, dass er noch am Leben war. Beim Hotel brachte er es zu einem kleinen Sturz vor der Drehtür, und weil das niemanden weiter zu interessieren schien, legte Lucy Brown wieder los.

„Do you fuckin’ know how to behave with a great artist like that? Where are the flowers? Where ist the fucking press? Where can I get me a drink“.

„Lucy…“

„What the fuck do you Lucy me? I wanna get me a drink, and I want it fucking now“.

„Herr Schroeder möchte gehen in seine Zimmer gleich und ausruhen für morgige Tag. Aber meine Frau, äh, sie möchte…“

„Ja kommen Sie, ist mir ein Vergnügen“.

Das war eine faustdicke Lüge vom Kimmel.

„Wir können in die Hotelbar gehen. Dann können wir auch gleich alles Nötige besprechen. Und, Herr Schroeder, wir sehen uns morgen, ja? Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserer Stadt“.

Die ganze Reaktion war, dass Schroeder für einen kurzen Augenblick seinen Kopf noch tiefer auf die Brust sinken ließ. Dann schlurfte er, begleitet von Charlie Brown und so einer Art Pagen mit einer Wagenladung voller Koffer, zum Aufzug des Hotels Metropol.

„Come on, sweetheart. What’s your name?“

Lucy Browns Stimmung schien sich durch die Aussicht auf einen Drink sichtlich aufzuhellen.

„Kimmel. Alf Kimmel“.

„Alf? Alfie! Alfie-Boy! Let’s go to that fucking Hotel-Bar“.

An der Theke setzte sich Lucy Brown so auf einen der Sessel, als wäre sie entschlossen, hier so schnell nicht wieder wegzugehen. Sie orderte Gin Tonic.

„You know what? I’m beginning to like you. I’m beginning to like that fucking country. It’s so… small. Forget about those Nazi-Schmatzi. You know, Schroeder and his family had so much to tell about Doitschland. Whether we bombed it or not“.

Lucy Brown lachte ein härteres Bomber-Piloten-Lachen. „Another Gin Tonic. Here’s Looking at you, Alfie“.

Als Charlie Brown wieder bei uns auftauchte, hatte Lucy den fünften Drink gekippt und dem „Alfie“ ihre ganze traurige Lebensgeschichte erzählt. Sie war von Kind auf in den musikalischen Wunderknaben Schroeder verliebt gewesen, obwohl sie mit Musik jenseits der Country & Western-Hitparade wenig anfangen konnte und Beethoven für eine Hunderasse gehalten hätte, wenn ihr nicht einmal eine Gipsbüste des Komponisten im Hause Schroeder auf den Kopf gefallen wäre. Und obwohl Schroeder sie immer zurückwies, war sie felsenfest davon überzeugt, dass sie beide einst heiraten würden, wohlgeratene Kinder bekämen, keine Loser, wie diesen rundköpfigen Charlie Brown, und dass Schroeder Millionen verdienen würde, wenn er erst einmal ein größeres Klavier bekam. Bis sie ihn dann eines Abends überraschte, in den Armen ihres Schulfreundes Franklin. Für Lucy war damals, wie man so sagt, eine Welt zusammengebrochen. Und aus lauter Trotz und Verzweiflung hatte sie dann Charlie Brown geheiratet. Den rundköpfigen Verlierer, genau. Den Sohn eines Friseurs. Den schlechtesten Baseballspieler aller Zeiten.

Naja, als Schroeder selber merkte, dass seine hehre Liebe zur Musik nur zu fünfundsiebzig Prozent erwidert wurde, und er begann mit seiner Pop-Klassik zu tingeln, irgendwie musste er ja leben, seine Jungs bezahlen, seine Mittelchen gegen Flug- und andere Ängste, und die teuren Klamotten, da fragte er Charles, ob er nicht sein Manager werden wollte. Vielleicht kannte Schroeder einfach sonst niemandem, dem er vertrauen konnte. Charlie hatte ja mit seiner Baseball-Mannschaft seine Erfahrungen, und tief in seiner Seele war Schroeder allem Neuen gegenüber misstrauisch. Unglücklich seit dem Tag, an dem er sein Zuhause und seine Freunde Richtung New York verlassen hatte.

Charlie Brown stürzte sich mit Feuereifer in seine neue Aufgabe. (Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt eine alte gab.) Und seitdem geht es kontinuierlich bergab. Aber die drei klebten offensichtlich aneinander. Einen Grund dafür hat Lucy dann nach dem neunten Gin Tonic verraten.

„You know what? I’m still in love with that boyfucking boy“.

Und wissen Sie, was Charles Brown getan hat? Charlie Brown, der beinahe unbemerkt neben mir an der Bar saß und geduldig wartete, bis sich seine Frau ausgekotzt und abgefüllt hätte?

Genau. Charlie Brown hat einen tiefen Seufzer getan.

Fortsetzung folgt

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