Jan 23 2010

Charlie und Brown in Mönckersheim (I)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Krimi.

Alf Kimmel und der Fall Peanuts

Ein Kriminalroman in unregelmäßigen Fortsetzungen

So, den kennen sie gar nicht? Das ist doch der Kimmel. Alf Kimmel. Wissen Sie, was das für einer ist? Das ist ein Privatdetektiv. Nein, nein, nicht einer von der Sorte. Ich meine, der spioniert nicht den Kassenfrauen vom Lidl nach, ob sie auf dem Klo rauchen oder Leergut-Bons einstecken. Und der schnüffelt nicht nach Angestellten, die sich krank gemeldet haben. Das ist nicht einmal so einer, der Eifersuchts- und Ehegeschichten behandelt, so mit Vaterschaft und DNA oder so. Ehrlich, der muss nicht mal sein Geld mit dem Detektivspielen verdienen. Der hat da im Hinterhaus so eine kleine Galerie. Kunst und alte Bücher, so Atlanten und Gedichte und was weiß ich. Es kommen immer mal wieder Leute von weit weg zu ihm, die irgendwas suchen. Nicht grade oft, aber immer mal wieder…

Das Haus hat er übrigens von seiner Oma geerbt. Da hat er seine kleine Wohnung, ich weiß gar nicht, ob Sie das jetzt interessiert, also, und dann wohnt oben noch die alte Frau Meisters, die zahlt, glaube ich, gar keine Miete, weil sie schon immer da gewohnt hat, und dann ist da noch Fredy. Ich weiß nicht, wie der mit Nachnamen heißt, es sagen alle nur Fredy zu ihm. Der kennt sich mit Fotografien und Computern und dem Zeug aus. Ich glaube, der zahlt auch keine Miete, aber er muss für den Kimmel immer wieder was erledigen.

Ich lebe für die Kunst, sagt der Kimmel immer. Und Schnüffeln sagt er, Schnüffeln ist auch so eine Art Kunst. Schnüffeln im Leben von Menschen, in dem irgendwas schwer daneben gegangen ist. Ich frag’ ihn immer, in was für einem Leben schon nichts schwer daneben gegangen ist. In meinem vielleicht? Da könnt’ ich Ihnen Sachen erzählen. Na ja, aber jetzt wollte ich ja vom Alf Kimmel reden.

Also, seine Kundschaft empfängt er immer hier im „Schwanen“. Ist ja logisch, es ist ja auch die Schwanstraße. Die hat aber nichts mit Schwänen zu tun, sondern der Schwan war einmal ein Bürgermeister von Mönckersheim. Und weil er die Kunden immer hier empfängt, kriege ich auch alles mit, weil, ich sitze auch immer gern hier im Schwanen. Und manchmal gibt der Kimmel mir auch einen Auftrag oder lässt mich jemanden beschatten, so nennt man das. Er schnüffelt. Der Alf Kimmel. Ich beschatte. Einer der schnüffelt, der weiß, was er sucht, und einer der beschattet weiß es eher nicht. So einfach ist das.

Und hier hat auch die Geschichte mit diesem Schroeder und dem Charles Brown angefangen, oder sie hat ihr Ende gefunden, wie man es nimmt. Dem amerikanischen Klavierspieler und seinem Manager. Da hat der Kimmel die Frau Schmölders von der Mordkommission empfangen, hier im Schwanen. Er hat schon ein, zwei Bier gehabt, der Kimmel, aber immer noch tadellos. So hat er ihr was von sich erzählt, ich habe es genau gehört, weil ich am Tisch daneben gesessen bin.

„Wissen Sie, wer mein großes Vorbild ist?“, hat der Kimmel die Frau gefragt (die hat nur einen Kaffee getrunken damals, später war sie dann nicht mehr so, und schon auch einmal ein Bier mit uns genommen), „Nein, Quatsch, kein Sam Spade oder Nero Wolfe oder Nestor Burma. Mein großes Vorbild ist Alice. Sie wissen schon: Alice im Wunderland. Erinnern Sie sich vielleicht an die Geschichte aus ‚Alice hinter den Spiegeln’, wo Alice und Dideldum und Dideldei den Schwarzen König treffen? Also, der schwarze König“, hat der Kimmel erzählt, „liegt da unter einem Baum und schläft. Und Dideldei fragt, ob Alice weiß, wovon er träumt. ‚Das kann keiner wissen’, sagt Alice. Und Dideldei sagt: ‚Der schwarze König träumt von dir. Und wenn er aufwacht und aufhört zu träumen, wo wärst du dann? Dann wärst du Nirgendwo. Du bist nämlich nur ein Bild aus dem Traum des schwarzen Königs.’ Alice glaubt natürlich diesen ganzen Humbug nicht“, hat der Kimmel weiter erzählt, „Wissen Sie, wenn Alice nicht ein so vernünftiges und skeptisches Mädchen wäre, dann wäre die ganze Geschichte mit dem Wunderland nur halb so spannend. Aber Alice ist eben auch vernünftig genug, bei ihren weiteren Untersuchungen so vorzugehen, dass der schwarze König nicht geweckt wird. Verstehen Sie jetzt, warum Alice mein Vorbild ist“.

Die Frau Schmölders hat geschaut, als wenn es ihr nichts ausgemacht hätte, dass man ihr angesehen hat, dass sie gar nichts verstanden hat, und sie hat in ihrem Kaffee gerührt. Sie war damals halt noch ganz anders als später. Aber der Kimmel hat ungerührt weiter geredet.

„Oft wenn ich einen Fall untersuche“, hat er gesagt, „dann habe ich das Gefühl, dass Alice mich begleitet. Sie sagt mir dann immer, dass ich nicht auf die Geschichte vom schwarzen König hereinfallen soll. Sie warnt mich, aber auch, wenn ich drauf und dran bin, ihn zu wecken. Und glauben Sie mir, der schwarze König, der hat verdammt viele Masken. Die Welt ist voller träumender schwarzer Könige. Und Schnüffeln, das ist die Wahrheit herausfinden, ohne sie zu wecken“.

„Na, wie dem auch sei“. Der Kimmel hat jetzt gemerkt, dass die Frau ihm gar nicht mehr richtig zuhört. „Jedenfalls bin ich weder besonders schmierig noch richtig schäbig. Ich sitze nicht in ledernen Sesseln, züchte keine Orchideen, habe keinen Trenchcoat und besonders hart gesotten bin ich auch nicht. Ich habe eine Knarre in meinem Büro, aber die habe ich noch nie benutzt. Verprügelt werde ich auch nur höchstens alle paar Monate. Ich bin eben kein Privatdetektiv wie in den Filmen und Romanen“.

Jetzt war die Frau Schmölders wenigstens wieder in ihrem Element. Fakten, Fakten, Fakten, wenn Sie mich verstehen. Und dann hat der Kimmel gesagt, okay, er kommt jetzt zur Sache. Und dass er ihre Hilfe braucht. „Aber dazu muss ich Ihnen die Vorgeschichte des Falles erzählen. Keine Sorge. Allzu lange dauert das nicht. Es fing an, als mir Lucy Brown, ihr Ehemann Charles, und der Künstler, der nur ‚Schroeder’ genannt wird, auf dem Flughafen entgegen kamen, und zwar genau in dieser Reihenfolge“. Und dann hat der Kimmel die ganze Geschichte haarklein erzählt.

Fortsetzung folgt

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