Jan 22 2010

Die Götter der Dummheit

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Die Dialektik der Dummheit in der spätkapitalistischen Gesellschaft sieht folgendermaßen aus: Es ist eine Dummheit, die nicht aus einem Mangel ersteht, sondern die im Gegenteil aus dem Überfluss produziert wird: Alles, was man bräuchte, um nicht dumm zu sein, ist nicht nur vorhanden, sondern mehr oder weniger auch kostenlos – Information, Lehre, Vorbilder, Anschauungsmaterial, Freizügigkeit, sogar, bis zu einem gewissen Grad: Zensurlosigkeit. Na schön, ich bin erschöpft, na schön, ich hab’ da jetzt keinen Kopf für, na schön, Alltag und Beruf machen mich fix und fertig. Die Sucht nach Unterhaltung entsteht als auf den Kopf gestellter Kapitalismus-Protestantismus: Weil Arbeit so sehr Pflicht, Strafe und Selbstdisziplinierung ist (und natürlich, ein bisschen Spaß muss da doch auch sein: Vor allem Disziplinierung der anderen), weil Arbeit so hundeelend anstrengend ist, muss der Rest des Lebens das Gegenteil von anstrengend sein. Ist aber Thomas Gottschalk, Big Brother oder Traumschiff das Gegenteil von anstrengend? Ist die BILD-Zeitung das Gegenteil von anstrengend, nur weil es keine Nebensätze gibt? Wenn man diese Unterhaltungsformen als Imitationen von sozialen Kontakten ansieht, sind sie doch eigentlich verflixt anstrengend, ganz zu schweigen von den Anstrengungen der sinnlichen Wahrnehmung: Diese Farben, diese Lautstärke, diese Hektik! Glauben Sie mir, Nicht-Anstrengung sieht anders aus.

Es geht also offensichtlich um etwas anderes als, wie man so sagt: Entspannung. Entspannen können Sie bei Beethoven oder bei Thomas Mann. Es geht offenkundig aber um eine besondere Form der Anstrengung, nämlich einerseits um ein Dazugehören (wo ich doch tagsüber ausgeschlossen war), und dann darum, die Illusion zu genießen, zugleich alles unter Kontrolle zu haben und für nichts verantwortlich zu sein. Glücklicherweise geht es doch auch um nichts, ein paar Leute, die sich mehr oder weniger freiwillig zum Affen machen. Na und?

Genau nachdenken mag ich darüber freilich nicht. Denn die mit solcher Art von Unterhaltung verbrachte Zeit ist verlorene Zeit, unwiderruflich. Zeit, in der ich nicht gelebt habe, und Zeit, in der ich nichts gelernt habe über das Leben. Es ist eben nur (vor mir selbst und dem Rest der leitkulturell markierten Menschen um mich herum) zu rechtfertigen durch die Mühe, die mir der Arbeitsalltag bereitet hat. Jeder darf sich seine Ration Schwachsinn abholen, wenn er fleißig gearbeitet hat. Etwas ganz anderes ist es mit jenen, die nicht arbeiten. Die Kinder. Mein Gott, lassen Sie doch die Kinder nicht so lange vor dem Fernseher sitzen. Die verblöden ja. Und Hausfrauen. So kann es nichts werden, mit der Emanzipation, wenn Frauen lieber daheim bleiben und bügeln, nur damit sie nebenbei „Desperate Housewifes“ oder „Verbotene Liebe“ sehen können. Oder ganz schlimm: Die Arbeitslosen. Warum ist unser Fernsehen so unerträglich? Genau, weil es hauptsächlich für Kinder, Hausfrauen und Arbeitslose gemacht wird. Obwohl der geballte Schwachsinn, anstrengend oder nicht, einmal als Belohnung für die Leistungsträger, na gut, sagen wir: für die Besitzer von Arbeitsplätzen gedacht war, haben es die Minder- bis Gar-nichts-Leister übernommen, und amüsieren sich auch noch in der Zeit zu Tode, wo unsereins malochen muss.

Die Blödheit des Fernsehens (zum Beispiel) wird erkannt, weil man sie sich gegenseitig neidet. Ein Arbeitslosen-verseuchtes Fernsehen wird auch für den Besitzer eines Arbeitsplatzes gefährlich; man weiß gar nicht mehr: Erzeugt die Arbeitslosigkeit das Blöd-Fernsehen, oder erzeugt das Blöd-Fernsehen die Arbeitslosigkeit. Jedenfalls ist einer, der den ganzen Tag ferngesehen hat, am Abend genau so fertig, bloß anders, wie einer der gearbeitet hat.

Aber zur gleichen Zeit muss man natürlich auch fernsehen, nicht bloß, weil man ja sonst nicht mehr mit der Welt verbunden ist. Man muss auch lernen, wie man sich verhält, im öffentlich-medialen Raum. Diesen Raum kann man nicht anders als mit dem eisernen Willen zu dargestellten wie zur praktizierten Dummheit betreten. Wir sehen es doch jeden Tag: Je dümmer, desto prominenter.

Und so kann die Dummheit nicht anders als sich ihrer selbst auf eine bestimmte Art bewusst sein, und zwar zu gleichen Teilen als „strategischer“ Wert (mit der Dummheit kommt man im Fernsehen und im Beruf weiter, genauer gesagt: Mit der Darstellung von Dummheit, die allerdings umso besser gelingt, je mehr authentischer Kern von diesem Rohstoff vorhanden ist) und als existentielle Not. (Ich wollte ein Mensch werden, doch ich wurde ein Fernseher! All diese Dinge da draußen, ein Vogel im Baum, die Bücher in der Bibliothek, das Spiel der Wolken, der Duft eines Gerichtes, das schreit dich an: Zu dumm! Zu blöd! Zu doof!, und wo noch könntest du Trost finden als in deinen Blödmaschinen?) Das Tückische an einer solch postmodern produzierten Dummheit ist: Sie produziert als Nebeneffekt aber in besorgniserregenden Quantitäten Angst, und damit wiederum jene Gewalt, die dumm und ängstlich macht, aber nun in einem anderen Code.

Immer ist es die Dummheit, die dem Terror vorangeht. Politiker wie Roland Koch sind es, die damit beginnen, die allgemein produzierte Dummheit in einen Terror der Mitte gegen die „Unterschicht“ zu verwandeln, aber sie können dieses Geschäft nur besorgen, weil ihnen selbst jene noch zuarbeiten, die statt ihre Funktion zu beschreiben, die Blödmaschinen hämisch ihre Arbeit tun lassen: Selber schuld! Wenn ihr nur Fernsehen und BILD im Kopf habt und in den Schlangen vor den Gratisläden und den Arbeitsämtern von doppelten Vergasern und Lipgloss schwärmt!

Der Mensch im neoliberalen Medienpopulismus genießt also seine Dummheit und leidet zugleich unter ihr. Erst dadurch wird seine Lähmung perfekt: Die Dummheit muss daher ständig reproduziert werden, und sie braucht das ständige Gegenbild, die Bestrafung der Klugheit, die Lächerlichkeit der Aufklärung. Alles, was an Waren, Bildern und Vorstellungen produziert wird, läuft auf die gleiche Aussage in der Mitte hinaus: Es ist klug, dumm zu sein. Und diesen Heiligen Text kann man im ewig laufenden Programm ebenso von der klugen wie von der dummen Seite her schreiben. Als Triumph der Dummheit oder als (Selbst-)Opfer der Nicht-Dummheit.

So also muss sich, anders als „Unwissenheit“ und anders womöglich auch als lineare „Verblendung“ diese Form der industriell und medial produzierten Dummheit wiederum erklären. Das tut sie zuallererst, indem sie unendlich von sich selber schwätzt. Wegen ihres Bekenntnis-Charakters muss diese Dummheit ständig auch verkündet werden, es gibt in unserem Fernsehprogramm ebenso wie in der Politik aber auch in jeder Nachbarschaft die „Götter der Dummheit“. Ein „Promi“ zum Beispiel, der von Talk Show zu Talk Show zieht um mit dem selben bedeutsamen Gesichtsausdruck die selben Dummheiten von sich zu geben, fungiert als solcher Dummheitsgott, oder wenigstens als Prophet und Messias einer fernen Dummheitsgottheit, deren erstes Gebot lautet: Du sollst nichts anderes haben in deinem Kopf als grenzenlose Dummheit. Und siehe: Wer dumm ist, den können wir erlösen, und wer sich lange genug dumm stellt, der wird auch wahrhaft dumm.

Dass jemand, der im Mediengebrauch ein „Promi“ ist – oder, mit den Worten von Karl Kraus: eine „Berufsberühmtheit“ – als Ablenkungsfaktor funktioniert, Teil einer Öffentlichkeit in der nichts, und schon gar nicht das Wesen und der Weg der eigenen Gesellschaft verhandelt wird, ist einsichtig. Wesentlich komplizierter freilich ist die Art, wie sich die Kultur eine „Berufsberühmtheit“ erwählt. (Allerdings: Wie der Begriff vermuten lässt – die Berufsberühmtheit ist ein Mensch, der seine Berühmtheit professionell benutzt, aber er ist womöglich auch einer, der sich seine Berühmtheit professionell erarbeitet.)

Natürlich wird der Status der Prominenz ab einem gewissen Punkt eine tautologische Angelegenheit. Prominent wird jemand durch die Gegenwärtigkeit in den Medien, und wer in den Medien gegenwärtig ist, ist prominent. In aller Regel ist neben der Geschäftstüchtigkeit für den Status eines Promis die öffentliche Bearbeitung einer mittelschweren Psychose ausschlaggebend. Einerseits muss er oder sie ja wirklich daran glauben, dass sich ungeheure Mengen von Menschen für die Verdauungsprobleme des eigenen Pudels oder für die Umstände, wie ein Arschloch das andere Arschloch betrog, interessieren, und was soll ich Ihnen sagen: Sie tun es wirklich!, andrerseits aber entflieht der Promi seiner eigenen Bedeutungslosigkeit an den einzigen Ort, wo man sie nicht bemerkt: in einem Fernsehstudio.

Und dort tut der Promi, was ihm aufgetragen ward: Er predigt die Dummheit. Er preist das Himmelreich der absoluten Blödheit! Er ist ergriffen von der eigenen Null- und Nichtigkeit. Und er wird, wie andere Prediger, wirklich nicht schlecht bezahlt dafür.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “Die Götter der Dummheit”

  1. Rene Schütteram 22 Jan 2010 um 18:37 Uhr.

    Prominente schaffen sich selten selbst sondern werden von der Gesellschaft zu solchen gemacht. Allein der Sturz in die unendliche Weite der Nichtigkeit bestimmt der Promi selber :-)

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