Dez 22 2009

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/09

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst.

Von Differenz und dummen Dingen

Die Frage, warum eigentlich etwas ist, und nicht vielmehr nichts, das ist das eine. Das andere aber ist: Warum gibt es eigentlich so vieles und nicht eines? Warum zum Beispiel gibt es nicht ein Tier und eine Pflanze, die sich auf endlosem Kreis voneinander ernähren? Oder warum gibt es Kulturen, Klassen, Geschlechter und nicht einfach den einen, multikulturellen, metrosexuellen und arbeitend-zufriedenen Menschen? Historisch gesehen ist das so einfach wie den Tod erklären: Es ist nützlich (vielleicht nützlich genug, um das ganze System überhaupt am Laufen zu halten). Aber das Historische ist ja keine Antwort, außer, dass es so ist, weil es so geht.

Und warum schreibt heute niemand mehr wie Balzac? Weil die Menschen sich nicht mehr so verhalten wie zu seinen Zeiten: Sie verraten sich nicht mehr durch ihre Details. Warum gelingen keine Portraits mehr? Weil es nichts zu sehen gibt. Wir produzieren durch Erscheinung nicht mehr Persönlichkeit. So weit, so gut.

So erzeugen wir Symptome der Differenz (und das Bild muss in Bewegung bleiben). Die Differenz, die durch die sexuelle Ökonomie erzeugt wird, reicht nicht mehr aus. (Das Deuten der Welt freilich bleibt Angst-besetzt wie eh und je. Das geile Suchen nach dem Unterschied endet im Entsetzen. Zwischen A und A’ lauert der Horror.)

Das Schlimmste von allem: Ich verletze nicht dich. Ich verletze dein Bild. So bleibe ich Herr der Differenz.

Alle anderen werden von der Differenz beherrscht, sie sind Sklaven der Unterschiede.

Es ist die Todeskunst: Genau das gleiche Bild noch einmal machen. Nicht „reproduzieren“, nicht „imitieren“ und nicht „fälschen“. (Störfälle des Originalgenies, das sich, vielleicht, von den Menschen auf die Sachen übertragen hat: Das originale Subjekt empfindet sich als lästig, so verliebt es sich in das Objekt der Originalität, mag es auch ein dummes Ding sein.)

In der Welt der dummen Dinge ist jenes Bild das genaueste, was, statt unscharf zu sein, die Unschärfe abbildet. (Ist Ihnen aufgefallen, wie viele Meisterkünstler der letzten Jahre mit unscharfen Bildern oder eben Bildern der Unschärfe bekannt geworden sind: Als müssten sie dem Sehen die Würde wieder geben.)

Und die Errettung der äußeren Wirklichkeit? Frankly, we don’t give a damn. Denn wo die Welt sich in das System der dummen Dinge verwandelt hat, muss das Bild ihnen die Bedeutung absprechen. Es ist ein gutes Stück Arbeit, einem dummen Ding die Bedeutung abzusprechen.

Keine Kommentare

Trackback URI | RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar