Dez 10 2009

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Weihnachten

Lange hatte Herr Kainer diesmal auf den Herrn Reiner warten müssen. Was ihm sonst nichts ausgemacht hätte, denn Herr Kainer empfand insofern durchaus „afrikanisch“ als er Nichts Tun (und wir meinen Nichts wenn wir Nichts sagen) als Wohltat empfand. Indes ist Nichts Tun in der Vorweihnachtszeit (oder überhaupt) bei Zeit- und Raumgenossen hierzulande nicht sonderlich beliebt, weshalb sie alles unternehmen, um derlei zu unterbinden. Und mag Nichts Tun auch eine Wohltat sein, so ist doch gestörtes Nichts Tun die schiere Plage.

„Nun, Herr Reiner, ich sehe Sie haben Weihnachtseinkäufe gemacht“ meinte Herr Kainer, entschlossen, sich nicht einmal von gestörtem Nichts Tun und vier bis sechs ausgebeulten Plastiktaschen in der Hand seines schwitzenden Freundes aus der Ruhe bringen zu lassen. „Haben Sie alles bekommen?“„I wo. Ich habe eigentlich noch gar nichts.“

Herr Kainer blickte gelassen auf das „Garnichts“, das sich unangenehm in die Hände von Herrn Reiner einzuschneiden begonnen hatte und das er nun etwas umständlich befreite, um sich an den Tisch zu seinem Freund zu setzen.

„Was fehlt denn noch?“ fragte Herr Kainer teilnahmsvoll.

„Wieso? Könnten Sie es mir besorgen?“ Herr Reiner war ehrlich verblüfft.

„Das nicht“, antwortete Herr Kainer. „Aber ich könnte Ihnen erklären, warum Sie es nicht brauchen“.

Herr Reiner, die philosophischen Lektionen seines Freundes gewohnt, bemerkte beschwichtigend:

„Es ist doch nicht für mich. Ich brauche Geschenke für meine Familie und meine Freunde“.

„Vielleicht“, meinte Herr Kainer, „sollten sie sich das doch noch einmal überlegen. Ist es etwa respektvoll, Menschen Dinge zu schenken, von denen jemand wie ich erklären kann, warum man sie nicht braucht?“

Eine Pause trat ein. Das tun sie gerne, die Pausen.

„Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen,“ nahm Herr Reiner dann den Gedanken wieder auf, der, wie wir wissen, die Dinge gern praktizierbar hat. „Ich erkundige mich also bei meiner Familie und bei meinen Freunden, was sie sich zu Weihnachten wünschen. Und dann bekommen sie von mir eine Erklärung dazu, warum sie das nicht brauchen.“

„Genau. Das ist ökologisch sinnvoll. Und Sie haben die Welt zu Weihnachten ein wenig weiser gemacht“, pflichtete Herr Kainer bei und rief nach dem Kellner.

„Na ja, das wäre jedenfalls mal originell… Aber was täte ich dann mit den Sachen, die ich schon gekauft habe?“

Der Kellner brachte den beiden Herren das gewohnte Weißbier. Er sah nicht sehr weihnachtlich aus.

„Geben Sie es mir!“ sagte Herr Kainer freundlich. „Ich kann alles gebrauchen.“

Ich glaube, ich habe schon erwähnt, dass Herr Kainer gelegentlich etwas tut, was er „afrikanisch denken“ nennt. Ich weiß nicht, ob es wirklich etwas mit einem Kontinent und seinen Bewohnern zu tun hat. Jedenfalls ist es vollkommen wahr, dass Herr Kainer Dinge gut gebrauchen kann, von denen er zu erklären weiß, warum man sie nicht braucht. Herr Reiner hat dann aber doch ganz normal seine Geschenkeinkäufe gemacht. Und Herr Kainer hat es noch zum Nichts Tun gebracht. So retteten die Herren Reiner und Kainer Weihnachten.

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