Nov 13 2009
DUMME DINGER (DIE DINGE DER DUMMHEIT)
Weitere Fragmente zur großen Theorie der Blödmaschinen
Um die Welt im Sinne der Herrschaft (und der Herrschaften) erzählbar zu machen, müsste keineswegs bedingungslos Dummheit erzeugt werden. Eine Mythologie, und sei sie noch so phantastisch, ist nicht dumm. Sie hat im Gegenteil eine doppelte Intelligenz, eine in sich selbst und eine zur Welt. (Der Widerspruch zwischen beiden ist freilich nicht ohne; so kann man auch am und im Mythos verrückt werden.)
Jeder Mythos produziert „Gegenstände“. Jeder Gegenstand ist das Produkt eines Mythos. Die „Alten“ kannten den Pflug nur im doppelten Sinne, als den Gegenstand, mit dem der Boden bearbeitet wird und als ein besonderes Geschenk der Götter. (Die Geschenke der Götter waren in aller Regel „vergiftet“, deshalb haben wir ja auch versucht, sie abzuschaffen. Die Götter, nicht die Geschenke.) Historisch gesehen enthält jedes Ding die Geschichte dessen, dem wir es weggenommen haben. Sie wiederum ist nicht zu ertragen ohne den Mythos.
Bis zu einem gewissen Grad erzählt der Mythos sich selbst. Wir können darin eine Kette von Bedürfnis, Zensur, Bearbeitung und Befriedigung erkennen, aber auch die Beziehungen von Material, Arbeit, Produkt und Tausch. Es gibt den Mythos als Objekt des Tausches (Erzählung gegen Herrschaft, Glauben gegen Gastrecht etc.) und es gibt, umgekehrt den Tausch im Mythos.
Kapitalismus als eine Wahrnehmung des Selbstverständlichen (der Markt als „Natur“) funktioniert in der traditionellen Weise nur, solange beides gewährleistet ist: Dass mit den Waren auch mehr oder weniger verlässliche Mythen ausgetauscht werden, und dass der – unvorteilhafte – Tausch innerhalb einer sinnreichen Welterzählung geschieht.
Also funktioniert der Kapitalismus nicht mehr?
Er funktioniert, ob als Kapitalismus oder doch schon Post-Kapitalismus, weniger glücklich, durch seine Blödmaschinen.
So also wie die „dummen“ Lalen (aus dem Lalebuch, dem Urbild der „Schildbürger“) einst aus den klugen Beratern der Herrscher entstanden, so entstehen die Blödmaschinen aus den Mythos-Maschinen.
Unterhaltung (als die Fabrik in der die Blödmaschinen ihr Werk nur verrichten können) produziert auch Mythen, oder etwas, das, sagen wir, sich zum Mythos so verhält wie eine Soap Opera zu einem Melodrama. Aber sie produziert eben auch das Gegenteil, ein Misstrauen gegenüber der Erzählung überhaupt, einen Sog in die Richtung des „Reality“-Formats, jene Lust am Gewöhnlichen, in dem noch die Hintertüren zur Transzendenz versperrt werden.
In jedem Reality-Format geht es wiederum einerseits um eine Bestätigung der gesellschaftlichen Ordnung als Konvention (hier spricht der Fernseh-Richter nicht nach dem Gesetz sondern nach dem „Das muss man so sehen“), und andrerseits um die Zerstörung des Mythos. Manchmal müssen, um den Mythos zu zerstören, auch die Gegenstände kaputt gemacht werden.
So kann man Unterhaltung als ein paradoxes Doppel-System ansehen, nämlich einerseits als einen Zusammenhang von Maschinen, die „populäre Mythologie“ oder „Mythen des Alltags“ erzeugen, und andrerseits als eine Fabrik der Entmythologisierung.
Die Entmythologisierung der Welt durch Unterhaltung freilich geschieht keineswegs im Zeichen der Vernunft. (Eine platte Erklärung: Sowohl der Mythos als auch die Vernunft sind anstrengend. Keines von beiden bekommt man „für umsonst“.) Sie geschieht im Zeichen der Opportunität.
Man stelle sich also eine Kultur vor, deren Mitgliedern selbst die Roland Bartheschen „Mythen des Alltags“ unlesbar und rätselhaft würden.
Wir haben, an anderer Stelle, von „Mythemen“ gesprochen. Das sind einerseits narrative, ikonografische und semiotische Elemente, aus denen sich Mythen zusammensetzen. Es sind andrerseits aber auch Elemente, in die ein Mythos (eben auch ein Mythos des Alltags wie, sagen wir die Dramaturgie eines Quiz oder einer Koch-Show) zerfällt. Von den drei Fragen, die man an den Mythos stellen kann, die nach dem Ursprung, die nach der Aussage und die nach der Funktion, verlieren sich die ersten beiden, während das Mythem ganz in seiner (sozialen) Funktion aufzugehen scheint. Das Design eines Küchenmessers, das zwar sehr leicht die Bedürfnisse preisgibt, die es befriedigt: das perfekt geschnittene Steak verbunden mit dem sozialen Distinktionsgewinn. Die Geschichte von Herrschaft, Gewalt und Schuld, die in diesem verflixten Messer ebenso stecken, müssen dagegen, ganz anders als bei Hirschgeweih und Fußabstreifer zuvor durch indirekte Bezüge rekonstruiert (oder eben einfach vergessen) werden.
Das Mythem ist zwar wesentlich weniger als der Mythos, aber es ist dafür auch wesentlich beweglicher. Märkte befeuern sich gegenseitig nicht aufwändig mit Mythen (zu den Gegenständen) sondern mit Mythemen.
Die Dinge, die weder „mythisch“ werden können (wie noch einst ein „Sanella“-Würfel oder eine „Club Cola“) noch im Mythos daheim sind (wie das Automobil, das die Familie vor dem Zerfall oder der Versteinerung rettete), können sich nur in die Bewegung retten. Sie werden, das ist kulturpessimistisches wie kapitalismuskritisches Klein-Einmaleins, schneller kaputt, unmodern oder technisch unverknüpfbar, als sie Bedeutung schaffen können.
Nicht dass es in der Mitte nicht mehr die mythische Ware, den mythischen Gegenstand gäbe. Dieser Text entsteht auf einem „Mac“-Laptop, und der ist zweifellos ein Mythos, unabhängig sogar davon, dass, wenn im Fernsehen ein tragbarer Computer vorkommt, beinahe automatisch ein Mac mit seinem Leuchtapfel die Rolle übernehmen muss. Man kann eben kaum besser einen sozialen und kulturellen Ort definieren.
Weder „oben“ noch „unten“ in dieser Gesellschaft kann der Gegenstand noch Sinn und Erlösung bringen. Was nutzt dort oben eine Yacht, wenn es nicht die größte der Welt ist; was nutzt hier unten ein Hemd, wo es keinen Ort mehr gibt, an dem ich mich mit ihm sehen lassen kann? So klammert sich – auch das ist (Fernseh-) Programm – der verzweifelte Mittelstand an die Gleichung von Ware und Mythos.
Wie bei meinem Mac, der mit seiner Mischung aus Knubbeligkeit und Funktionalität genau ausdrücken mag, wie ich es mit der Selbst-Technologisierung und ihren Grenzen halte, so ist es bei den verbliebenen „mythischen Gegenständen des Kapitalismus“ für den Mittelstand vor allem die Medialisierung, die mir den Sinn vermittelt.
Man kauft sich vielleicht einen BMW (mal abgesehen davon, dass man daraus das Recht ableitet, rücksichtslos und ohne Schuldgefühl den Verkehr als sozialen Kampfplatz zu definieren) nicht nur wegen, sondern auch für seine mediale Spiegelung. BMW-fahren erzeugt ein soziales Echo, vielleicht bin ich in eben diesem ja meinem „Sinn“ irgendwie nahe.
Ansonsten müssen die Dinge weiter unten so dumm sein wie die Blödmaschinen, die ihr Echo bilden.
Wir müssen Dummheit produzieren, nicht nur weil Nicht-Dummheit so verdammt anstrengend ist (ist sie gar nicht!), sondern weil sich erst in der Dummheit die Frage nach dem Sinn nicht stellt. Hier auch montieren wir die Mytheme nicht mehr zum Mythos (und diesen nicht mehr zur Mythologie) zusammen, sondern stopfen damit die Bäuche wie die Räume wie die Seelen voll. Der Überdruss, den wir dabei erzeugen, ist zweifellos systemrelevant.
Wir sind nicht gegen den Kapitalismus, wir haben ihn nur satt.
Der Gegenstand, der teils Mythem, teils Dummheit repräsentiert, schaut uns böse an.
Wir hassen diesen Gegenstand schon in dem Augenblick, in dem wir nicht anders können, als ihn zu kaufen.
Wer schon nicht Geld macht, der soll wenigstens konsumieren. Die Gefahr im unteren Mittelstand: Kauf dich arm! Deswegen spricht der Rest-Mythos der mittelständischen Ware von nichts mehr als von seiner Verlässlichkeit und seiner Unzeitlichkeit. Mein Mac verspricht mir, morgen noch da zu sein, und immer noch sinnvoll.
Im Post-Kapitalismus kann „Luxus“ nicht mehr die Form der Ware einnehmen. Sie kann weder Qualität versprechen (meine fünf Euro-Uhr von Woolworth geht genau so zuverlässig wie eure Rolex) noch Exklusivität (eine gefälschte Rolex-Uhr erzählt eine interessantere Geschichte als eine echte): während nämlich die mythische Ware des Mittelstands (der BMW beispielsweise) durch seine Präsenz in den Medien das „gerade richtige“ Echo ausbildet, entwertet sich die Luxus-Ware durch Werbung so entschieden (wäre aber ohne Werbung gar nicht vorhanden) wie in den dummen Traumschiff-Bildern der Blödmaschine.
So sind die Luxuswaren und die Massenwaren parallel zueinander verblödet.
Der Kapitalismus hat seinen protestantischen Geist verloren. War er es allein, der eine Balance zwischen Wahn und Zweckrationalität erzeugte (von gelegentlichen militärischen Übersprungshandlungen abgesehen)? Offensichtlich müssen die Blödmaschinen bis zu einem gewissen Grad die Lücke füllen, die der protestantische Geist des Kapitalismus hinterlassen hat.
Das dumme Ding nun aber besetzt immer weitere Areale, und der Mittelstand fürchtet nicht zu Unrecht, mit in den Messie-Strudel gerissen zu werden. So wie er sich im öffentlichen Raum von den schlechten Manieren des neuen Subproletariats mehr als belästigt fühlen muss, so muss er sich von den unendlich vielen dummen Dingen bedroht fühlen, die nicht nur zu nichts Nutze sind, sondern vor allem ausgesprochen unschön.
Und nicht nur hier berühren sich die Grund-Diskurse „Dummheit“ und „Schönheit“.

[...] Wir müssen Dummheit produzieren, nicht nur weil Nicht-Dummheit so verdammt anstrengend ist (ist sie gar nicht!), sondern weil sich [...]