Nov 09 2009

MACHT OHNE SOUVERÄN

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie, Gesellschaft.

oder: Was geschieht eigentlich beim Zerfall des demokratischen Fürsten?

Wir verstehen, meint Foucault, zu wenig von der Macht, wenn wir sie auf das Problem des „Souverän“ reduzieren. (Das Denken der Macht in der Demokratie leitet sich offensichtlich immer noch vom „Fürsten“ ab.) Da die Macht in der Demokratie sich als mehr oder weniger gerecht, jedenfalls vernünftig verteilt wähnt, stellt sie sich kurzerhand „das Volk“ als Souverän vor. Der „demokratische Fürst“ ist daher eine virtuelle Einheit des vom Volk als Souverän ermächtigten „Regierenden“ und eben dieses Volks. Da es das Volk aber (wir erinnern uns) nicht „gibt“, es vielmehr allenfalls geschieht oder erzeugt wird, entbehrt diese Vorstellung nicht der Groteske. Die Macht in der Demokratie „löst sich auf“ in den Beziehungen. Sie ist so sehr wie sie Wille und Interesse ist, auch Ordnung und Masse, was unter anderem heißt: Die Macht, die der demokratische Fürst einmal erzeugt und gesammelt hat, wird er so schnell nicht wieder los. (Natürlich will er es in der Regel auch gar nicht.) Nicht nur, weil sie Gesetz und Gewohnheit wurde, sondern auch weil jede Form der Macht auch die Ohnmacht erzeugt, sich gegen sie zu entscheiden. Daher ist es das Bestreben jeder Macht, sich einerseits oben zu konzentrieren, andererseits unten aber noch jede noch so kleine Verzweigung zu besetzen. Der demokratische Fürst macht das nur sehr eingeschränkt mit den traditionellen Mitteln von Terror, Bespitzelung und Unterdrückung, er macht es vor allem durch sein Personal. Er erzeugt eine Klasse von Macht-Menschen, die man zwar (durch eine Wahl zum Beispiel) aus dem Zentrum vertreiben kann, die aber dann, mitsamt akkumulierter wie benötigter Macht, irgendwo in dieser Gesellschaft hin müssen. So bilden sie einen Mittelbau, und strahlen zunehmend in die Mikrophysik der Macht (bis in das, was der „Souverän“ Volk mit seinen Körpern macht). Aber eine Vorstellung vom Volk als Souverän (als Kollektiv-Fürst) verhindert weitgehend eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Mikrophysik der Macht.

So scheint eine Wahl ein Vorgang, in dem entweder eine Macht bestätigt wird, oder aber Gruppen und Individuen „entmachtet“ werden, und die Macht „in andere Hände übergeht“. Was aber geschieht mit den „Entmachteten“? Den Abgewählten, Unterlegenen, Zurücktretenden oder Entlassenen? Verwandeln sie sich etwa über Nacht von Mächtigen in Machtlose, tritt etwa der temporäre Fürst ins Volk zurück? Natürlich nicht. Die Macht, die im Zentrum nicht mehr wirken kann, sucht sich einen Ort an den Peripherien. Wir kennen das: Nach jeder Wahl drängen die Verlierer, die, wie man so sagt, ihre Schreibtische räumen müssen, in die Positionen der zweiten Reihe der Verwaltung, der Wirtschaft, der Vereine. Der große Machtwechsel hat einen langen Schwanz, am Ende führt eine Bundestagswahl zum „Stühlerücken“ im Verschönerungsverein von Kleinkleckersdorf. Erst dort freilich kommt als Posse an, was ein Umbau der Macht-Pyramide in der ganzen Gesellschaft ist. Die Macht verklumpt sich oben und zerbröselt langsam nach unten, aber sie verschwindet eben nicht. Darum ist jede Gesellschaft, der es nicht gelingt, sich einer permanenten Demokratisierung zu widmen, dazu verdammt, an der sich zersetzenden, sich verklumpenden Macht zugrunde zu gehen, mit der sie sich anreichert.

So erzeugt paradoxerweise jeder demokratische Vorgang ein solches zerfaserndes Anreichern der Macht; denjenigen, die von unten an die Macht streben, fallen (oder strömen) von oben jene entgegen, die vom verklumpten Zentrum in die bröseligen Peripherien streben. Unentwegt werden bei diesen gegenläufigen Strömungen neue Machtpositionen geschaffen. (Man muss ja irgendwohin mit diesem doppelten Angebot der Aufsteiger und der Absteiger.) Der Alltag wird spürbar mit Macht überdüngt. Es wächst mehr Macht nach als auf natürlichem oder eben demokratischem Wege abgebaut wird.

Zwischen jedem Menschen und jedem anderen entwickeln sich Machtbeziehungen. Unter dem Druck der unendlich zerfallenden Macht des demokratischen Fürsten von oben zersetzen, maskieren und privatisieren sich auch diese Machtbeziehungen. Die Macht von Vereinsvorsitzenden, Filialleitern oder Abteilungschefs saugt sich an dieser Mikrophysik der Macht voll. Immer mehr Bereiche der Gesellschaft, die von den Partikeln der Zersetzung des demokratischen Fürsten besetzt werden, entziehen sich der „demokratischen Kontrolle“, weil sie gleichsam intime Räume bilden. Intim, wohlgemerkt, für die Entfaltung der Macht.

Die beiden derzeitigen Lieblings-Apokalypsen der gefühlten Demokratie, die ungebremste, unkontrollierte, unaufgeklärte Macht einer kleinen Schicht der ökonomischen „Player“ einerseits, ein terroristischer, feudalistischer Zugriff der Konzerne auf ihre Mitarbeiter, die nach und nach in den Zustand temporärer Sklaverei zurück gestuft werden, haben mit diesen Bewegungen der Macht durch die Gesellschaft und ihren Alltag zu tun. Die Bonuszahlung für den Manager und die elektronische Überwachung der Lidl-Kassiererin sind die beiden (symbolischen) Endpunkte einer Bewegung des Machtflusses, den der endlose Zerfall des demokratischen Fürsten auslöst.

Auch die Macht des Staates löst sich immer weiter in der Mikrophysik auf. Was uns wirklich betrifft, wird nicht durch den „Machtkampf“, sondern durch die Lobby-Arbeit entschieden. Die aufgelöste Macht flockt beständig an verschiedenen, geeigneten Orten wieder aus. Die Bestimmung dieser Orte geschieht durch Geld. Deshalb muss das Kapital, um sich Macht zu verschaffen, gar nicht direkt eingreifen. Es genügt, die Auflösungsprodukte des demokratischen Fürsten aufzufangen. Dass Gerhard Schröder nach seiner Abwahl, wie sagt man: bei Gasprom „untergekommen“ ist, bot hier nur das öffentliche Bild. (Aber wie denn? Soll Gerhard Schröder zum Angeln gehen? Platon neu übersetzen? Rosen züchten auf den Gütern? Wir sehen: gerade der sozialdemokratische Fürst muss die Mikrophysik der Macht festigen.)

So ist es um so notwendiger, das Augenmerk vom doppelten Souverän (dem demokratischen Fürsten und dem souveränen „Wahlvolk“) auf die unsichtbareren Formen der Macht zu richten, die, um noch einmal Foucault zu zitieren, weder durch den Willen noch durch das Interesse allein zu erklären sind. (Nicht, dass Willen und Interesse noch in der kleinsten Einheit von Macht fehlen würden.) So ist, unter anderem, neben die primäre Frage – „Wie wird der demokratische Fürst gebildet?“ – eine zweite zu stellen: „Was geschieht mit der Macht beim Zerfall des demokratischen Fürsten?“.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “MACHT OHNE SOUVERÄN”

  1. [...] Politik, Kunst, Kultur und Semiotik. Neben Texten mit theoretischer Tiefe – z. B. Macht ohne Souverän – verfasst der in München lebende Autor, Feuilletonist und Filmkritiker auch Beiträge zu [...]

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