Nov 04 2009
POPULISMUS VS. DEMOKRATIE (Neue Anmerkungen)
Unsere Demokratie ist eine Herrschaftsform. (Wir vergessen das sehr gern oder verstecken es, wenn wir vom Volk als Souverän sprechen und ähnlichem Blödsinn.) Sie ist legitimiert dadurch, dass sie sich als die mildeste, menschlichste und vernünftigste Form von Herrschaft gibt, so far. Deswegen verstehen wir sie nur in Bezug auf die ihr zuvor gehenden oder ihr entgegen stehenden Herrschaftsformen. Feudalismus, absolute (wenn auch meinethalben aufgeklärte) Monarchie, Diktatur, Terror, populistische und mafiöse Herrschaftsformen à la Berlusconi, usw. Wir verstehen sie indessen offenbar nicht als Übergang zu einer nächsten Herrschaftsform, die möglicherweise ein Schritt zu einem alten Traum ist (Alptraum auch, hier und dort), nämlich zu einer herrschaftsfreien Menschenwelt.
Von der Herrschaftsfreiheit sind wir weiter entfernt denn je, wie es scheint.
Wenn wir also unsere Demokratie nur durch die Relation zur historischen Vergangenheit, nicht aber durch Relation zur Zukunft verstehen wollen, haben wir der Kritik gegenüber ein Totschlagsargument, ähnlich dem alten „Geht doch nach drüben“: Geht doch zurück! (Liebend gerne täten das ja genug in unserer Gesellschaft.) So ist unsere Demokratie nicht nur mehr oder weniger unkritisierbar (nur übertreiben darf man es mit der inneren Zersetzung von freedom & democracy), sondern in gewisser Weise auch unbeschreibbar, unerzählbar. Sie scheint, in aller Panik vor den Gespenstern der Vergangenheit, nicht als Teil, sondern nur als Ende der Geschichte denkbar. Ein Ende des endlosen Zerfalls um genauer zu sein, des Zerfalls der Demokratie in die Postdemokratie.
Wenn also unsere Demokratie ein Herrschaftssystem ist, so entsteht es durch eine Beziehung zwischen den herrschenden und den beherrschten Elementen. Das sind in klassischen Modellen Menschen, Klassen und „Schichten“, Kulturen, „Rassen“, Geschlechter und Generationen, auf der anderen Seite aber auch Ideen, Systemteile, Interessen, Korruptionen und Widersprüche, so dass die Beziehung zwischen dem Herrschenden und dem Beherrschten nicht nur zwischen den erwähnten Menschen, Klassen etc. entwickelt wird, sondern durchaus auch im Kopf jedes Einzelnen. Es ist selbst im trivialsten Alltag nicht leicht zu bestimmen, was in einer Haltung Impuls des Herrschenden und was Impuls des Beherrschten ist. „Konsumieren“ zum Beispiel kann ich nur als Herrschender und Beherrschter zugleich; während ich mir etwas aneigne – was im schlimmsten Fall durch Schweiß und Blut in einem anderen, weniger „glücklichen“ Kontinent bezahlt wird, bin ich auch Objekt der Aneignung.
Freiheit in der Demokratie bedeutet unter anderem, dass sich die Elemente der Herrschaft und des Beherrschten in einer offenen Verhandlung treffen. Eine funktionierende Demokratie (also ein zukünftiger, geträumter Zustand) müsste beständig jene Knotenpunkte behandeln, an denen an die Stelle der offenen Verhandlung der Zwang getreten ist. Demokratie würde heißen, sowohl das Interesse als auch die Verantwortung zu teilen, wobei nichts und niemand von diesem Verhandeln ausgeschlossen ist.
Während Demokratie eine Begegnung von Elementen des Herrschenden und des Beherrschten ist (wie gesagt: in der Gesellschaft wie in jedem Einzelnen, und übrigens daher auch in den öffentlichen Begriffen, Bildern und Erzählungen), entspricht „Populismus“ eher einem Kurzschluss zwischen Elementen des Herrschenden und des Beherrschten. Man verhandelt nicht, man „identifiziert“ sich. (Im schlimmsten Fall besteht Populismus aus der Erlaubnis, als Beherrschter ebenso kriminell zu sein wie die Herrschaft, solange man es im Sinne dieser Herrschaft ist.)
Demokratie und Populismus bilden ein Zwittersystem. Die Elemente der Herrschaft und des Beherrschten bewegen sich darin vergleichsweise chaotisch; sie nomadisieren, sie wuchern, sie klumpen. Das einfachste Krankheitsbild dieses Zwittersystems: Auf jeden Widerspruch des Demokratischen wird mit einem Zuwachs von Populismus geantwortet. Die populistische Maske macht die demokratische Verhandlung zum karnevalistischen Ritus: Wir wissen in Wahrheit überhaupt nicht, wie demokratisch unsere Gesellschaft eigentlich ist. (Wir wissen eigentlich nicht einmal, ob sie es im inneren Wesen überhaupt ist.)
Die Aufgabe, auf die Widersprüche der Demokratie mit populistischen Schüben zu reagieren, übernehmen in diesem Zwittersystem die Blödmaschinen.
Das Zwittersystem, wie gesagt, ist in endlosem Zerfall begriffen. (Zwittersysteme haben das so an sich.) Der Zerfall stabilisiert es, jeden Tag neu (jeden Tag BILD, jeden Tag Fernsehen). Denn die Blödmaschinen, die zunächst die Beziehung zwischen den beiden einzelnen Systemen des Zwitters, Demokratie und Populismus, regulieren sollten, übernehmen selbst die Herrschaft. (In dieser negativen Utopie sind sich bemerkenswerterweise die linken wie die rechten Impulse der Panik einig.)
Im Populismus vermittelt sich von oben nach unten der Genuss der Macht. (Eine Blödmaschine, zum Beispiel, verwandelt mein Begehren in lüsternen Hass.) Was daraus entsteht ist der Fetisch, der an die Stelle jenes Dings tritt, dem man sich wahrnehmend, phänomenologisch und bewusst nähern kann. Der Fetisch ist nicht verhandelbar. Der Fetisch ist nicht demokratisch.
Der Fetisch ist das Ergebnis sado-masochistischer Kultur. Große Teile unseres Fernsehens entsprechen nichts anderem als öffentlichen Hinrichtungen, öffentlichen Steinigungen, öffentlichen Prangern, öffentlichen Auspeitschungen, öffentlichen Verspottungen. Das Medium des Populismus ist das Vergnügen, einerseits. Das möglicherweise entscheidendere Medium des Populismus aber ist, was Sigmund Freud den „Todestrieb“ genannt hat. Das hat nichts mit Sterben-Wollen zu tun, sondern mit dem Absterben von Regionen der Empfindungen und der Wahrnehmungen (eine Selbst-Fetischisierung, wenn man so will).
Im „Promi“ hat die Blödmaschine die perfekte Mischung aus Vergnügen und Todestrieb gefunden. Es ist der Mensch, der im Grunde wie eine Suppendose funktioniert, ein sich sowohl der Bewunderung wie der Gier anbietendes Objekt. (Der Mensch, der unbedingt ins Fernsehen kommen will, ist im Wesentlichen der Mensch, der eine Suppendose werden will.)
Der Mensch, der eine Suppendose geworden ist, ist zwar einerseits tot, andererseits aber auch ein bisschen unsterblich. Aber wir müssen das für einen Augenblick ernst nehmen, dass die Unterhaltungsindustrie nichts anderes ist als eine spaßige Maske der Herrschaft des Todestriebs.
So scheint die Freiheit, die mir bleibt, lediglich die Art, in der ich mich dem Sog dieser Unterhaltung entgegenstemme oder auf möglichst elegante Art ihm nachgebe. Diskursen, die in der Sprache des Populismus geführt werden, kann eine demokratische Dechiffrierung nicht mehr folgen. (Was Herr Sarrazin zum Besten gibt, gehört zu solchen Double Bind-Performances: Sie entwickeln, unmenschlich wie sie sein mögen, jenen Sog, der die Politik in Richtung Unterhaltung, die Demokratie in Richtung des Populismus ziehen. Und ist es nicht ein erhellender Scherz, dass es ein zum Banker gewordener, nun ja, Sozialdemokrat sein muss, der die Sache so perfekt exekutiert.)


Sehr schöner, kleiner Essay, vielen Dank! Besonders “der Mensch, der eine Suppendose werden will” – das trifft’s.
Nur der allerletzte Satz, der entspricht voll und ganz dem oben demaskiertem Populismus. Ein Beispiel für angewandten Populismus von Links, das gleich mindestens zwei Vorurteile statt Denkprozesse bedient.
Ein Einwand gegen „Populismus vs. Demokratie“ lautete: „Nur der allerletzte Satz, der entspricht voll und ganz dem oben demaskiertem Populismus. Ein Beispiel für angewandten Populismus von Links, das gleich mindestens zwei Vorurteile statt Denkprozesse bedient.“ Der letzte Satz lautete: „Und ist es nicht ein erhellender Scherz, dass es ein zum Banker gewordener, nun ja, Sozialdemokrat sein muss, der die Sache so perfekt exekutiert?“
Darüber gilt es nachzudenken. Ich glaube, der Einwand wäre vollkommen berechtigt, kämen in dem Satz nicht das Wort „Scherz“ und ein Fragezeichen vor. Damit wollte ich die Aufmerksamkeit vom, ich glaube sogar: dreifachen Klischee – verräterischer Sozialdemokrat wird zugleich Banker und rassistischer Sprücheklopfer – auf die Inszenierung lenken. Der „Fall Sarrazin“ ist letztlich eine Erzählung, die Zustimmung oder Widerspruch austestet, ein Rollenspiel, das nach einem medialen Casting-Verfahren durchgespielt wird. Ich unterstelle, dass diese mediale Erzählung nichts anderes ist, als ein populistischer Coup. Ich bin mir nicht sicher, ob es noch eine große Rolle spielt, ob Herr Sarrazin wirklich weiß, welche Rolle er spielt, ob er für sie nicht nur gecastet sondern auch gecoacht ist usw.
Unsympathisch ist er mir trotzdem.