WEITERES ÜBER DUMME DINGE

Man erinnert sich: An bestimmten Orten der Welt, zum Beispiel in einem „real sozialistischen“ Staat oder am untersten Ende der Einkommensskala in den noch realer existierenden kapitalistischen Staaten, war einst der Besitz einer Levy’s Jeans oder der Genuss einer Marlboro-Zigarette höchster Traum, obwohl durchaus klar war, dass Jeans, die nur die Hälfte von den Levy’s kosteten ebenso gut waren wie andere Zigaretten mindestens ebenso gut schmeckten. Es war, was man begehrte, die Metaphorik, es war das Image, es war die Erzählung. Weiterlesen

Nationalgefühl dank Coca Cola

Natürlich muss es auch das geben: Die „15. Deutschen Sponsoringtage“ in Frankfurt. Das Thema dieses Jahres war „Sport und Business“ (und wenn man nicht sowieso etwas Besseres mit seinem Leben anzufangen wüsste, dann könnte man sich hier nachhaltig sowohl das Ausüben von Sport als auch das Zuschauen bei entsprechenden Veranstaltungen, Übertragungen, Berichten und Nachrichten abgewöhnen). Dort erfahren wir so weltbewegende Dinge wie „Die Krise ist auch eine Chance“ oder „Die Budgets sind nicht mehr steigerbar. Es geht jetzt um eine Umverteilung“. Weiterlesen

DUMME DINGER (DIE DINGE DER DUMMHEIT)

Weitere Fragmente zur großen Theorie der Blödmaschinen

Um die Welt im Sinne der Herrschaft (und der Herrschaften) erzählbar zu machen, müsste keineswegs bedingungslos Dummheit erzeugt werden. Eine Mythologie, und sei sie noch so phantastisch, ist nicht dumm. Sie hat im Gegenteil eine doppelte Intelligenz, eine in sich selbst und eine zur Welt. (Der Widerspruch zwischen beiden ist freilich nicht ohne; so kann man auch am und im Mythos verrückt werden.) Weiterlesen

DIE SANDKASTEN-PROTOKOLLE (IV)

–       Ja, das hat sich bei uns halt so – eingespielt. Man ist es halt gewöhnt, gell? Also wir sitzen immer auf dieser Seite. Und vorn auf der linken Seite sitzen die mit den Kopftüchern. Da in der Mitte, das ist die Ayse. Die kenne ich gut. Wir sehen uns immer im Supermarkt und im Haus, da helfen wir uns dann schon auch, mit den Kinderwagen und so. Hier? Nein, da begrüßen wir uns nicht. Ich glaub’, das gibt nur Ärger. Weiterlesen

MACHT OHNE SOUVERÄN

oder: Was geschieht eigentlich beim Zerfall des demokratischen Fürsten?

Wir verstehen, meint Foucault, zu wenig von der Macht, wenn wir sie auf das Problem des „Souverän“ reduzieren. (Das Denken der Macht in der Demokratie leitet sich offensichtlich immer noch vom „Fürsten“ ab.) Da die Macht in der Demokratie sich als mehr oder weniger gerecht, jedenfalls vernünftig verteilt wähnt, stellt sie sich kurzerhand „das Volk“ als Souverän vor. Der „demokratische Fürst“ ist daher eine virtuelle Einheit des vom Volk als Souverän ermächtigten „Regierenden“ und eben dieses Volks. Da es das Volk aber (wir erinnern uns) nicht „gibt“, es vielmehr allenfalls geschieht oder erzeugt wird, entbehrt diese Vorstellung nicht der Groteske. Die Macht in der Demokratie „löst sich auf“ in den Beziehungen. Sie ist so sehr wie sie Wille und Interesse ist, auch Ordnung und Masse, was unter anderem heißt: Die Macht, die der demokratische Fürst einmal erzeugt und gesammelt hat, wird er so schnell nicht wieder los. (Natürlich will er es in der Regel auch gar nicht.) Nicht nur, weil sie Gesetz und Gewohnheit wurde, sondern auch weil jede Form der Macht auch die Ohnmacht erzeugt, sich gegen sie zu entscheiden. Daher ist es das Bestreben jeder Macht, sich einerseits oben zu konzentrieren, andererseits unten aber noch jede noch so kleine Verzweigung zu besetzen. Weiterlesen

POPULISMUS VS. DEMOKRATIE (Neue Anmerkungen)

Unsere Demokratie ist eine Herrschaftsform. (Wir vergessen das sehr gern oder verstecken es, wenn wir vom Volk als Souverän sprechen und ähnlichem Blödsinn.) Sie ist legitimiert dadurch, dass sie sich als die mildeste, menschlichste und vernünftigste Form von Herrschaft gibt, so far. Deswegen verstehen wir sie nur in Bezug auf die ihr zuvor gehenden oder ihr entgegen stehenden Herrschaftsformen. Feudalismus, absolute (wenn auch meinethalben aufgeklärte) Monarchie, Diktatur, Terror, populistische und mafiöse Herrschaftsformen à la Berlusconi, usw. Wir verstehen sie indessen offenbar nicht als Übergang zu einer nächsten Herrschaftsform, die möglicherweise ein Schritt zu einem alten Traum ist (Alptraum auch, hier und dort), nämlich zu einer herrschaftsfreien Menschenwelt.

Von der Herrschaftsfreiheit sind wir weiter entfernt denn je, wie es scheint. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (10)

Die Wahlmüden des Alltags

Ein leichter aber hartnäckiger Regen hatte die Herren Reiner und Kainer in ein Wirtshaus getrieben, das von außen gesehen diesen Namen noch verdiente. Herr Keiner legte die Zeitung zur Seite, als die Kellnerin mit dem frischen Weißbier kam.

„Wenn man so die Galerie unserer neuen Regierunge anschaut“, meinte er,  „muss man schon sagen: Wir haben es der Welt gezeigt“.

„Was haben wir der Welt gezeigt?“, frug Herr Kainer erstaunt. „Dass wir eine normale demokratische Nation sind?“

„Aber nein“ versetzte Herr Reiner. „Wir haben der Welt gezeigt, dass wir Deutschen Humor haben“.

Er wischte sich den Schaum vom Mund. Vom Weißbier, wohlgemerkt.