Okt 27 2009

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/09

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst.

Von der Subversion zur parasitären Strategie

Parasiten und alles, was mit solchen ungebetenen und schmarotzenden Wesen am Tisch oder im Körper zu tun hat, haben denkbar schlimme Images, auch und gerade, wenn es um kreative, geistige oder ästhetische Arbeit geht. Mittlerweile, mit ein bisschen Kenntnis von Biologie und Systemtheorie, sickert es auch zur kulturellen Mitte durch, dass parasitäre Lebensformen nicht nur nützlich, manchmal sogar überlebensnotwendig, sondern auch im höchsten Maß selber kreativ sein können. Kreativ im eigenen Sinn, kreativ aber auch, was System oder Organismus anbelangt, die parasitär besetzt sind. Ein System ist auf Dauer ohne Parasiten nicht überlebensfähig.

Der Parasit, im ursprünglichen Sinne, ist ein Gast, der nicht eingeladen ist, dennoch aber durchaus Willkommen geheißen werden mag. Denn zahlt er auch nicht, gehört er auch nicht zur Familie oder zum, nun ja, Volk, so hat er (oder sie) doch etwas zu bieten. Man kann es Erzählung nennen, oder Information.

Der Parasit macht das System klüger, so oder so.

Für jeden Computer-Benutzer ist das Spiel bekannt: Ein neuer Virus taucht auf, und mit jedem neuen Virus werden Firewalls und Anti-Virensysteme perfektioniert. Ein Spiel, von dem man immer einmal wieder den Verdacht hat, es könnte abgekartet sein oder doch wenigstens von beiden Seiten mit klammheimlicher Freude durchgeführt werden.

Parasitäre Strategien in der Kunst dagegen haben etwas anderes im Sinn. Sie wollen die ästhetischen und kommunikativen Systeme, die sie angreifen, nicht bloß zur Perfektion antreiben, sondern wirklich verändern. Und eines der größten Systeme, die es (viral oder parasitär) anzugreifen lohnt, sind die Wahrnehmungsmodelle, die kommunikativen und ästhetischen Gewohnheiten. Während es parasitäre und virale Strategien der Werbung auf das rare Gut Aufmerksamkeit und Zuwendung abgesehen haben, um es auf den Erwerb einer Ware zu lenken, versucht die Kunst das System so zu befallen, dass es gleichsam als Gegengift etwas entwickeln muss, womit es sonst eher sparsam umgeht: Offenheit, Ehrlichkeit und Bewusstsein.

Die Firewall, welche das System nun gegen solche Angriffe aufgebaut hat, besteht einerseits aus der Verschärfung der Copyright-Gesetze und der für ihre Übertretung drohenden Strafen, und andererseits aus gezielten Kampagnen, man kann auch Propaganda dazu sagen.

Denn je genauer man es ansieht, desto klarer wird: Die Interessen des „Urhebers“ können nicht die Interessen des „Rechteinhabers“ sein. Ein Produzent einer Ware, und sei es ein Roman, ein Film oder ein Musikstück, möchte für seine Arbeit entlohnt werden, wie jeder andere auch, und wenn es bitte geht, möchte er auch gut entlohnt werden. Gut, aber nicht unbedingt übermäßig. Der Rechteinhaber dagegen will nicht entlohnt werden, sondern Profit erzielen. Möglichst mit der Arbeit von anderen. Allerdings kann man den Urheber auch insofern betrügen, als man ihm sagt, er könne es überhaupt nur als Rechteinhaber zu etwas bringen. Weil wir uns diesen Trick gefallen lassen, gibt es unter Autoren, Künstlern, Intellektuellen etc. 80 Prozent Absolut-Arme bis Prekär-Arme, ungefähr 15 Prozent, die ganz anständig (so oder so) leben können von ihrer Arbeit und vielleicht 5 Prozent, die, nun ja, die es zu etwas bringen, wie man so sagt.

Dieses System macht aus der intellektuellen und ästhetischen Arbeit einen Akt der Aneignung und Ausbeutung. Die Kunst eines geistigen Produzenten nämlich besteht dann darin, möglichst zu verschleiern, wie viel seiner Produktion von anderen stammt, von Vorgängern, Mitstreitern oder Konkurrenten, um umgekehrt bei anderen fanatisch darauf zu achten, ob nicht gar etwas vom eigenen „geistigen Eigentum“ in deren Arbeit vorkommt. „Der hat von mir abgeschrieben“, höre ich mich und meine Kolleginnen und Kollegen immer wieder sagen, und wir müssten als „Rechteinhaber“ darüber so empört sein, wie wir als „Urheber“ stolz darauf sein könnten. Wäre es nicht schön, sagen zu können: „Sie haben meine Gedanken, meine Methode, meinen Stil übernommen? Welche Ehre!“

Wir erinnern uns an jenen Komponisten von Filmmusik in Hollywood, der eines Tages erbost ausrief: „Ich klaue von allen Komponisten dieser Welt. Aber wehe, jemand klaut von mir. Ich habe gute Anwälte“.

Was wäre ich für ein Autor, wenn niemand der Versuchung unterläge, bei mir abzuschreiben!

Den Widerspruch zwischen Urheber und Rechteinhaber kann man auf verschiedene Weise lösen (nur eben: am schlechtesten auf die prekäre und verschleierte Weise, in der wir es tun): Das ehrlich kapitalistische Spiel ist das „Buy Out“. Ich produziere, und was ich produziert habe gehört dem Fabrikherren, der mich dafür (einigermaßen gut, wie gesagt, will ich hoffen) bezahlt. Der Fabrikherr ist nun der Verleger, der Fernsehproduzent, der Gallerist, der Leiter einer Forschungseinrichtung, you name it. Er kann mit meinem Produkt machen, was er will. Ein Arbeiter, der an der Herstellung eines Automobils beteiligt war, hat ja auch mit seiner Arbeitskraft jedes Recht an „seinem“ Produkt verkauft (möglicherweise hat man ihm allerdings auch seine kreativen Fähigkeiten abgekauft).

Das ehrlichste im ästhetischen Spiel wäre die vollständige Freigabe: Ein Produkt der Phantasie, der Logik, der Kritik (oder was auch immer) wäre in dem Augenblick frei für alle, in dem es der Öffentlichkeit übergeben würde.

Keine Ahnung, ob der olle Brecht in mir denkt. Wenn er es täte, wäre ich glücklich und würde trotzdem, nein deswegen, dem Suhrkamp Verlag keine Tantiemen zahlen.

Geistiges Eigentum ist eine Perversion.

Allerdings, und hey, wir müssen auch an uns selber denken: Warum sollten ausgerechnet die (ähem) geistigen Arbeiter, die man ja nur als Unternehmer in eigener Sache gelten lässt, als erste auf die Eigentumsrechte verzichten? Wenn Kapitalismuskritik sich nicht verkauft, dann findet sie nicht statt. Wenn Kapitalismuskritik sich verkauft, dann findet sie nicht statt.

Verhält sich die geistige Arbeit parasitär zum Kapitalismus, oder der Kapitalismus parasitär zur geistigen Arbeit? Boa, was für eine Frage!

Parasiten werden von Parasiten befallen; am Ende ist der Wirt des Parasiten der Parasit des Wirts; das Parasitäre ist eine Form der Symbiose, welche in einem der beiden betroffenen Systeme nicht mit Lust oder Nutzen besetzt scheint (sind Putzerfische nicht niedlich, sind Karies-Bakterien nicht scheußlich?).

Sinnvoll ist die Kunst, weil sie den Sinn der Zuordnungen in Frage stellt.

Wer Plagiate, Samplings, ästhetisches Recycling, Détournements, pictorial liberations, culture jamming und alles dies betreibt, versucht die Kunst in der Gesellschaft aufzulösen, oder auch die Gesellschaft in der Kunst. Von Zeit zu Zeit hegen wir solche Hoffnungen (oder Alpträume).

Trauen wir einem Wirt, der beginnt, seine Parasiten zu lieben?

Die SUBVERSION glaubt an den Parasiten, die parasitäre Strategie letztendlich an das System. Andererseits war Subversion von jeher eine Vorstufe der Korruption, was dem Element der parasitären Strategie nicht drohen kann.

Und so weiter.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/09”

  1. Philam 02 Nov 2009 um 22:24 Uhr.

    “Der Rechteinhaber dagegen will nicht entlohnt werden, sondern Profit erzielen.” — falsch, auch ein Inhaber will “nur” entlohnt werden, aber per Definition kann sich ein Inhaber nur durch Gewinn “entlohnen”, schon rein linguistisch gesehen. Das kann man jetzt voll schlimm und uebel finden als Urheber, aber dann verkauft man doch bitte seine Rechte nicht — machen viele Urheber ja konsequenterweise auch nicht und organisieren sich eben irgendwie anders… easy-peasy.

    “Trauen wir einem Wirt, der beginnt, seine Parasiten zu lieben?”

    Ich nicht. =)

    “Und so weiter.”

    Ich glaub auch, ey…

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