Sep 29 2009
BILDER/FLÜSSE (1)
Niemand kann zwei Mal in denselben Fluss steigen. So sagte es wohl Heraklit, aber es würde mich nicht wundern, wenn andernorts andere Menschen auf die gleiche Idee gekommen wären. Eine Idee, nebenbei, mit der bei vielen Leuten „das Nachdenken“ (oder einfach: das Philosophieren) begonnen hat. Bei anderen hat es damit aber auch schon wieder aufgehört; das ist das Kreuz mit „wuchtigen Sätzen“. So als wäre damit nämlich sowieso schon alles geklärt und man könnte auf die Frage, wie viel drei mal vier ist ebenso wie auf die Frage nach dem Ursprung des Unrechts antworten: „Niemand kann zwei mal in denselben Fluss steigen“.
Heraklits Satz hat den Vorteil, dass man ihn einfach in der Wirklichkeit „nachspielen“ kann.
Eine andere Frage ist, ob man zwei Mal denselben Fluss sehen kann. Wenn man nicht die Absicht hat, in den Fluss zu steigen (womit sehen nichts anderes als antizipiertes steigen wäre), dann öffnet sich die phänomenologische Schere: Sehe ich die Existenz oder die Essenz des Flusses?
Die Voraussetzung dafür, dass ich nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen kann, besteht darin, dass es immer dasselbe Ufer ist, von dem aus ich den Versuch unternehme, und zu dem ich (gereinigt und erleuchtet, mehr oder weniger) zurückkehre. Klammern wir den Umstand des Abgetriebenwerdens, des Nacht-Einfalls oder schlichtes Ertrinken aus, so können wir überzeugt sein: Das Ufer des Flusses ist dasselbe! Wäre das Ufer nicht dasselbe, so könnte ich vielleicht ohne weiteres immer wieder in den selben Fluss steigen, je nach der Taktung des Wechsels entweder immer wieder und nichts anderes, oder aber rhythmisch-zufällig. Aber was noch viel wichtiger ist: Die ganze Metapher wäre beim Teufel.
So zerfällt Heraklits Satz spätestens im Alltagsgebrauch in zwei Teile: Einer sagt etwas über das unbestimmbar-gleichmütige Fließende des Wassers aus, der andere behauptet (mit großer Erleichterung, stellen wir uns vor) die Verlässlichkeit eines sich selber gleich bleibenden Ufers (das sich womöglich selber unheimlich ist, da es sich nicht anders als katastrophal verändern kann).
Eine andere Frage ist, ob ich immer dasselbe Ufer sehe. (Übrigens behandelt fast alle Literatur, die am Fluss spielt, diese Frage, und Huckleberry Finn unternimmt eben dies, ein Teil desselben Flusses zu werden, um an ganz und gar nicht selbes Ufer zu gelangen.) So spricht der Fluss: Ich kann nicht zwei Mal denselben Stein berühren. Ihm ist das Ufer, was dem Ufer der Fluss ist. Allerdings nicht ganz. Denn das Ufer ist von Menschen bewohnt.
Erstaunlicherweise reitet John Wayne in „Red River“ immer wieder in den selben Fluss. Jedenfalls soweit wir das sehen können, und soweit wir wissen, was ein Film ist. Noch erstaunlicher ist, dass wir uns darüber im klaren sind, dass wir nie zwei Mal denselben Film sehen können. Obwohl er sich Bild für Bild, Wort für Wort, Ton für Ton wiederholt. Er verändert sich im Verhältnis zu einem wirklichen Fluss genau spiegelverkehrt, nämlich in Bezug auf Existenz und Essenz. Hier wird der gleiche Zustand durch nicht-gleiche Partikel gebildet, dort der nicht-gleiche Zustand durch gleiche Partikel. So spricht der Film: Ich kann nicht zwei Mal denselben Menschen berühren.
So etwas könnte, in Diderots Diskurs, auch ein Schauspieler denken: „Wenn der Schauspieler Gefühle hätte, könnte er – Hand aufs Herz! – zweimal hintereinander die gleiche Rolle mit der gleichen Wärme und dem gleichen Erfolg spielen? Bei der ersten Vorstellung wäre es warm, ja heiß, um bei der dritten bereits erschöpft und eiskalt zu sein“. So beschreibt Diderot das „Paradox über den Schauspieler“. Natürlich trifft er damit weniger als den unseren, den Schauspieler seiner Zeit, denn auch was Schauspiel sei, ist, nun ja, im Fluss. Aber es scheint uns nun doch erklärlicher, warum es John Wayne so leicht fällt, immer wieder in denselben Fluss zu reiten. Nämlich weil er es in Wahrheit nur einmal getan hat. Würde er es immer wieder tun (zum Beispiel jeden Abend auf einer Wildwest-Bühne), so müsste eine Entscheidung getroffen werden: Würde es ein „richtiger“ Fluss sein, so wäre er nie derselbe. Würde es aber etwa eine blaue Linie (ein Zeichen für Fluss) sein, so wäre umgekehrt der immer wieder in ihn hineinreitende John Wayne nie derselbe (was er auch für uns als Zuschauer wäre, kämen wir auf die törichte Idee, mehrere Abende hintereinander dafür zu bezahlen, John Wayne in eine blaue Linie reiten zu sehen).
Film internalisiert sowohl die phänomenologische Grundgleichung als auch das Paradox der Schauspielerei und dreht beides zugleich um. Heraklits „absolute Metapher“ (Hans Blumenberg) bleibt auch im Film erhalten, nur eben genau anders herum: Dem Menschen im Film ist es unmöglich, nicht immer wieder in denselben Fluss zu steigen. Das ist bemerkenswerterweise der Preis für seine Realität. Solange er sich an die (negative) absolute Metapher hält, ist er nicht Symbol oder Ritus (jedenfalls nicht ausschließlich).
Sehr vereinfacht könnte man sagen: Im Film verhält sich ein Ufer wie ein Fluss, und ein Fluss wie ein Ufer. Und eine der vielen möglichen Ableitungen davon wäre, dass sich im Film ein Schauspieler nicht wie ein Paradox, sondern ein Paradox wie ein Schauspieler verhält. Man könnte aber ebenso gut auch andrerseits sagen: Eine direkte Abbildung der absoluten Metapher im Film ist nicht möglich! Auf diese Weise gelangt man möglicherweise zu einem erneuten Nachdenken über die „Kinematografisierung unserer Wahrnehmung“. Der kinematografisierte Mensch, das ist sein Glück in der Kunst und sein Elend im Alltag, kann immer wieder in denselben Fluss steigen. Aber er kann nie wieder an dasselbe Ufer zurückkehren.

