Sep 28 2009
I HIRED A FREMDSCHÄMER
Ist es Ihnen schon aufgefallen? Dieses Wort hat Konjunktur: „Fremdschämen“. Das soll heißen, dass sich jemand geniert, weil jemand anderes so furchtbar peinlich und daneben ist. Sozialpsychologisch gesehen war „Fremdscham“ bislang eher ein Nebenschauplatz. Aber jetzt wird es Mode, Kult, nein, viel mehr, es wird soziale Praxis. Und warum?
Das hat zunächst einmal zwei Gründe:
1. Kann sich in einer medienpopulistischen Gesellschaft niemand mehr für sich selber schämen. Schamlosigkeit ist vielmehr die Voraussetzung für jede Karriere. Wer Erfolg haben will, und wollen wir das nicht alle, darf keinesfalls verschämt daherkommen. Haben Sie vielleicht schon einmal einen Finanzberater, einen Fernsehmoderator oder einen Wirtschaftsminister gesehen, der sich schämt? Das lassen die von anderen machen. Denn damit, dass man sich seiner selbst nicht mehr schämen darf, soll und kann, ist ein gewisses Scham-Bedürfnis des Menschen ja nicht vollständig aus der Welt geschafft. Die Lösung: Fremdscham.
2. Kann man umgekehrt in einer medienpopulistischen Gesellschaft auch niemanden einfach so verachten, bloß weil er oder sie brunzdumm, obszön, peinlich, aufdringlich oder sonstwie unerträglich ist. Das wäre nämlich arrogant und elitär. Die Lösung auch hier: Zeigt sich der Mitmensch als mehr oder weniger gewöhnliches Arschloch, dann verachten wir ihn nicht, wir schämen uns für ihn. Und zwar am besten so, dass er oder sie persönlich gar nichts davon merken. Eben das nennt man Fremdscham.
Fremdscham ist die neue emotionale Vernetzung der Gesellschaft. Sie verbindet perfekt die Erlaubnis, wirklich jeden Scheiß zu treiben, und bigott herum zu maulen, nur eben, dass beides voneinander nicht unmittelbar betroffen ist. Es heißt ja eben Fremdscham und nicht Nächstenscham.
Die einfachste Form dieser neuen sozialen Praxis ist die duale Fremdscham. Ich schäme mich für dich und du schämst dich für mich, da müssen wir gar nicht groß darüber reden. Zum Beispiel in einer so genannten Wirtschaftskrise: Die Verlierer schämen sich für die Gewinner, und die Gewinner schämen sich für die Verlierer. Der Hartz4-Empfänger schämt sich für Josef Ackermann, und der, wenn er mal Zeit und Scham-Bedarf hat, schämt sich für den Hartz4-Empfänger. Oder, statt eines Religionskrieges: Die Katholiken schämen sich für die Protestanten und die Protestanten schämen sich für die Katholiken. Seit sich Männer für Frauen und Frauen für Männer schämen ist das Verhältnis der Geschlechter schon wesentlich entspannter. Fußgänger können sich für Autofahrer, und Autofahrer für Fußgänger schämen. Leute mit Gürteln für Leute mit Hosenträgern und umgekehrt. Anything goes. Man könnte zum Beispiel gewisse modische Accessoires, Sonnenbrillen, Handtaschen, Trachtenkleider bereits mit einer Fremdscham-Garantie auf Gegenseitigkeit verkaufen. Das geht zum Beispiel so: Ich bekomme eine Ray Ban-Sonnenbrille mit der Garantie, dass sich sofort jemand für mich schämt, wenn ich sie in der Öffentlichkeit aufsetze. Dafür muss ich mich im Gegenzug zu einer ordentlichen Portion Fremdscham verpflichten, sobald ich eines Menschen mit Birkenstock-Sandalen ansichtig werde.
Viel besser austariert und dynamischer als die Fremdscham auf Gegenseitigkeit ist freilich eine vernetzte Fremdscham, in der nämlich tatsächlich Subjekt und Objekt der Fremdscham keine direkte Beziehung mehr zueinander haben. In unserem religiösen Beispiel geht das so: Der Protestant schämt sich für den Katholiken, der schämt sich für den Hindu, der schämt sich für den Buddhisten, der schämt sich für den Moslem, der schämt sich für den Ungläubigen, der schämt sich für den Abergläubischen, der schämt sich für den Agnostiker, der schämt sich für den Protestanten. Das ist zwar variabel, man muss aber darauf achten, dass das eine gewisse Linie behält. Beim Fremdschämen ist es wichtig, dass man sich nicht wild durcheinander schämt. Bei Menschen, die zu unkontrollierten Fremdschäm-Attacken tendieren, kann es schon einmal vorkommen, dass sie sich für die gesamte Menschheit schämen, nur nicht für sich selber.
Aber dazu haben wir ja eben unsere famose Presse, die immer wieder erklärt, wer sich gerade für wen schämen sollte. Zum Beispiel nach der Wahl: Die CDU-Wähler schämen sich für die FDP-Wähler, die FDP-Wähler schämen sich für die Grünen-Wähler, die Grünen-Wähler schämen sich für Linken-Wähler, die Linken-Wähler schämen sich für die SPD-Wähler, die SPD-Wähler schämen sich für die Nichtwähler, und die Nichtwähler schämen sich für die CSU-Wähler. So muss sich niemand mehr für das schämen, was er gewählt hat, und die Regierung kann sich vollständig verschämt zurückziehen.
Als Fremdschämer nimmt man doch auch wieder viel mehr Anteil an seiner Umwelt. Nehmen Sie einmal an, Sie würden gern einmal ein bisschen fernsehen. Aber einfach so fernsehen ist ausgesprochen schlecht für Ihren Geisteszustand. Allerdings: Sie sagen, es geht mir nicht um’s Fernsehen, ich möchte vielmehr eine intensive Runde Fremdschämen erledigen, dann hat das doch wieder seinen kulturellen Sinn. Oder Nachbar Müller. Der ist so langweilig und so peinlich, das hältst du nicht aus. Jetzt schon. Du gehst sogar ein Bier mit dem Müller trinken, weil du dich dabei so perfekt fremdschämen kannst.
Der Gruß der neuen sozialen Bewegung soll sein: „Heute schon fremdgeschämt?“ Und die Antwort lautet „Aber hallo!“ (was natürlich sofort erneuter Anlass zur Fremdscham ist).
Ich sage wie es ist: Die Zukunft der Gesellschaft liegt in der Fremdscham. Deshalb werde ich morgen etwas über Fremdscham zum Münchner Oktoberfest erzählen.

