Sep 28 2009

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Wahlmüdigkeit

Zwei Herren, nicht eben enthusiastisch, waren damit beschäftigt, Wahlplakate von Laternenpfählen zu entdrahten, auf denen ein gewisser Herr Westerwelle behauptet, Arbeit müsse sich wieder lohnen. Da die beiden mit dem Abdrahten von Wahlplakaten beschäftigten Herrn ziemlich sicher waren, dass sich ihre Arbeit im Leben nicht lohnen würde, vermeinten sie in den Blicken zweier anderer Herren, die auf einer Parkbank saßen und ihnen aufmerksam zusahen, einen gewissen milden Spott zu spüren. Aber den Herren Reiner und Kainer, um niemand anderen handelte es sich bei den beiden Sitzenden, war heute gar nicht nach Spott zumute. Nicht einmal nach mildem.

„Jetzt bin ich extra wählen gegangen“, seufzte Herr Reiner, „und jetzt schauen Sie sich das an. Wir haben eine Wirtschaftskrise und die Leute wählen genau die Partei, die alles das noch mehr machen will, was in die Krise geführt hat. Das versteht doch das gesamte deutsche Feuilleton nicht.“

Herr Reiner fuchtelte mit seinen Zeitungen, als wollte er es dem imaginären deutschen Wähler-Volk ins Maul stopfen. „Sie, Sie gehen ja nicht wählen. Sagen Sie bloß nicht, Sie hätten es ja gleich gesagt. Können Sie sich das erklären?“

„Natürlich“ antwortete Herr Kainer, ohne den Heiligen Zorn seines Freundes über Gebühr zu würdigen.

Nach einer Zeit des Schweigens drängte Herr Reiner:

„Ja, und?“

„Was: Und?“

„Ja, die Erklärung“.

„Sie haben mich gefragt, ob ich mir das erklären kann. Und das kann ich. Ob ich es aber auch Ihnen erklären kann…“

„Machen Sie mich nur noch wütender als ich schon bin! Also los! Erklären Sie mir, warum Menschen in einer Krise die Schuldigen und zugleich die Profiteure der Krise stärken wollen. Das gibt doch keinen Sinn.“

„Warum nicht?“ entgegnete Herr Kainer gelassen.

Nach einer Zeit aber entschloss er sich doch, seinem Freund einen Gedanken zu der Frage anzubieten, die der seiner Meinung nach gerade selber beantwortet hatte.

„Ich verstehe nicht, warum wir immer glauben sollen, dass Wähler Menschen sind, die durch ihre Wahl zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme beitragen wollen. Dass sie versuchen müssten, eine weise Entscheidung für die Zukunft des Landes zu fällen. Die Wähler sind viel ehrlicher, glauben Sie mir. Ein Taschendieb wählt die Partei, die am wenigsten gegen Taschendiebstähle unternimmt. Einer der nichts wissen will, wählt eine Partei, die nichts sagt. Wie lange hat das gedauert, dass wir uns zum Beispiel NPD-Wähler als dumpfe Protestwähler vorgestellt haben, die irgendwelchen Frustrationen Ausdruck verleihen wollten. ‚Richtige Fragen, falsche Antworten’, hat es in ihren Feuilletons geraunt. Und wie viel Mühen haben die entsprechenden Wissenschaftler über Jahrzehnte aufgewandt bis wir endlich herausgefunden haben: NPD-Wähler wollen keine Denkzettel verpassen, NPD-Wähler bringen keine Stammtisch-Parolen in die Wahlkabinen, NPD-Wähler sind nicht Unzufriedene, Zukurzgekommene oder Verführte. NPD-Wähler sind einfach Leute, die Nazis an der Regierung haben wollen. Weil sie glauben, dass es ihnen dann besser geht.“

„Sie wollen doch nicht…“

„Nein, nein, keine Sorge. Ich will FDP-Wähler nicht mit NPD-Wählern vergleichen. Ich will nur sagen, dass die Wähler schon wissen was sie wählen. Und Leute, die FDP wählen, wählen FDP, nicht weil sie zu dumm sind, zu erkennen, dass die FDP nichts gegen den Krisenkapitalismus tun wird, sondern weil sie klug genug sind, genau diesem Interesse, dass alles so weiter geht, zu folgen: Es sind genau drei Arten von Menschen, die jetzt die FDP wählen: Leute die in der Krise gewonnen haben, und die hoffen, bei der nächsten Krise auch wieder zu gewinnen. Ganz egal, ob es ein bisschen gewinnen war oder mächtig gewinnen. Leute, die vielleicht diesmal nicht gewonnen haben, aber hoffen, in der nächsten Zockerrunde abzusahnen um diesmal aber doppelt so viel zu kassieren, weil sie jetzt genau wissen, welche Finanzaktionen gut sind. Und Leute, die Angst haben, dass, wenn man etwas gegen den Krisenkapitalismus unternimmt, man auch etwas gegen ihre Geschäfte unternehmen könnte, kleine oder große. Also hören Sie nicht auf das, was die Schreiber in Ihren Feuilletons faseln, von wegen Irrtümern, Wahlstrategien, Stabilitätsfaktoren, Bock zum Gärtner machen oder soziales Gewissen bei der FDP. Das ist alles Blödsinn. Die FDP-Wählern wollen genau das haben, was draufsteht: Dass alles so weitergeht wie bisher, bloß verschärft.“

„Aber das ist ja furchtbar!“

„Wieso ist das furchtbar? Dass Menschen in einer Wahl ganz ehrlich ihre Interessen ausdrücken? Furchtbar finde ich viel mehr Ihre politischen Feuilletons, in denen der Wähler als gesamtgesellschaftliches moralisches Subjekt herhalten soll, und in denen er um so rätselhafter wird, je weniger er sich an diese Rolle hält und stattdessen lieber die Partei wählt, die ihm die besten Chancen eröffnen. Wenn die Leute nach ihren Interessen wählen, werden sie unheimlich.“

„Haben also die Gewinner eine Gewinner-Partei, die Ratlosen eine Ratlosigkeits-Partei, die Verlierer eine Verlierer-Partei, die besser verdienenden Moralisten eine besserverdienend-moralistische Partei, und die Ignoranten eine Ignoranten-Partei gewählt?“

„Ja, wobei es aber wichtig ist, dass die Ignoranten ihre Ignoranten-Partei keineswegs aus Ignoranz wählen. Sondern weil sie Ignoranz als das derzeit einzig richtige Verhalten empfinden.“

„Erzählen Sie mir jetzt nicht, dass die Verlierer ihre Verlierer-Partei wählen, weil sie verlieren wollen!“

„In Bayern vielleicht schon… Aber im Ernst: Die Verlierer wählen die Verlierer-Partei, weil sie schon verloren haben. Man wird ja schließlich nicht vom Verlierer zum Gewinner, nur weil man die Gewinner-Partei wählt. Übrigens wird man auch nicht zum besser verdienenden Moralisten, wenn man die Partei der besser verdienenden Moralisten wählt. Höchstens bei bestimmten Jungwählern ist das noch so eine Sache. Da soll es schon vorgekommen sein, dass ein Betriebswirtschaftsstudent die Linken wählt, weil das besser zu seinem Bücherschrank und zu seiner schneidigen Jacke passt. Aber das gleicht sich auch wieder aus, es gibt ja auch Leute, die wählen Angela Merkel, weil sie so nett lachen kann, wenn sie gerade einen innerparteilichen Konkurrenten ausgeschaltet hat. Aber wissen Sie: Gar nichts werden wir verstehen, so lange ihre politischen Feuilletons nicht aufhören davon zu erzählen, wie die armen Wähler betrogen und manipuliert werden. Wenn es um die Interessen geht, hört das Dummstellen schnell auf. Betrügen würde die FDP ihre Wähler jetzt, wenn sie nicht die neoliberale Sau rauslassen würde, wenn sie sich zu sehr von den Ignoranten oder gar von den Verlierern beeinflussen lassen würde. Aber da mache ich mir nicht viel Sorgen.“

Herr Reiner war wieder einmal nahe daran, an dem zu verzweifeln, was er, in Verlegenheit geratend, Herrn Kainers „Zynismus“ zu nennen pflegte. Er ahnte, dass nicht Verlogenheit und Dummheit, sondern Ehrlichkeit und Interesse von Wählern seiner Vorstellung von Demokratie gefährlich werden konnte. Aber er beruhigte sich auch insofern, als sein Freund zu satirischen Zuspitzungen neigte und jeder Wähler schließlich nicht nur ein Geschäftsmensch, sondern auch ein Zeitungsleser sei. Jetzt sah er zu den mürrischen Männern hinüber, die die „Arbeit muss sich wieder lohnen“-Plakate von den Laternenpfählen fädelten. Und kaum hörbar sagte er: „Ihr Arschlöcher!“ Und er wusste selber nicht genau, ob er damit die Westerwelles meinte, ihre Wähler, oder die Leute, die in entschieden unlohnender Arbeit „Arbeit muss sich wieder lohnen“-Plakate ins Depot fahren. Bis zum nächsten Wahlkampf.

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