Sep 24 2009
Die Filmkomödie, eine Gattung oder ein Genre?
Die Frage ist aufgetaucht: Ist die Filmkomödie eine Gattung oder ein Genre? Ich kann sie natürlich nicht beantworten, wie es ein Experte tun würde. Aber den einen oder anderen Gedanken dazu kann ich schon beisteuern, zum freien Gebrauch.
1. Verhält es sich möglicherweise so, dass Genre und Gattung als zwei Erklärungsmodelle für einander irgendwie verwandte ästhetische Produkte gar nicht direkt miteinander korrespondieren. So also könnte man weder von einem Genre sprechen, das sich aus dem „Zerfall“ oder der Diversifikation einer Gattung ergeben hätte, noch umgekehrt davon, dass sich eine Gattung aus verschiedenen Genres zusammensetzen würde. Vielmehr würde, zum Beispiel, eine Filmkomödie sehr unterschiedliche Diskurse provozieren, je nachdem, ob ich sie einem Genre oder einer Gattung zuordnen würde. Beide Diskurse wären durchaus sinnvoll, und beide Diskurse hätten ihre Grenzen. Beide Diskurse könnten sich gegenseitig freilich auch durchaus verblüffen – und missverstehen.
Nehmen wir einen John Ford-Film als Beispiel. Ich kann über „The Searchers“ als Western sprechen (also: einen Film des Genres par excellence), ich kann aber auch als Tragödie über ihn sprechen (wohl ebenfalls: Gattung par excellence). Das Spannende ist, dass die Tragödie nur teilweise den Western, und der Western nur teilweise die Tragödie enthält. Gattung und Genre durchkreuzen einander also eher, als sich zu bedingen. Aus diesem und anderen Gründen ist ein Film wie „The Searchers“ gleichsam unendlich lesbar, denn ein vollendeter Western dürfte niemals eine Tragödie sein, eine vollendete Tragödie aber könnte sich niemals den Western (die moving frontier) als Ausweg erlauben. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Komödie als Gattung und Genre gleichzeitig: Das Genre unterläuft die Gattung und umgekehrt (weshalb gewisse Chaplin-, Renoir- oder auch Woody Allen-Filme nicht weniger unendlich lesbar sind wie Fords „The Searchers“).
Gattung und Genre also haben eine unmögliche, das heißt kinematografische Beziehung zueinander.
2. Eine Gattung – nach eher europäischem Verständnis – ist geprägt durch Regeln, über die sich die Produzenten und die „Gelehrten“ einig geworden sind. Ein Genre dagegen entsteht durch Verabredungen zwischen Produzenten und Konsumenten auf einem mehr oder weniger strukturierten Markt. Ein Genre hat keine Regeln sondern nur eine Geschichte und Gewohnheiten. Eine Tragödie ist eine Tragödie, weil sie es sein will, und vielleicht genauer: sein muss. Ein Western ist ein Western, weil er mit anderen Western korrespondiert. So enthält die Tragödie zweifellos ein Weltbild (wie der Erziehungsroman, oder die comedy of manners), während der Western umgekehrt jedem Weltbild Zuflucht gewährt. Daher bezieht sich das, was im Film als „Drama“ bezeichnet wird, am ehesten auf die bürgerliche Ableitung: das Melodrama. Genre bezeichnet dabei weder die Absicht noch das Wesen eines ästhetischen Produkts, sondern seinen Gebrauch. Das Genre, noch bevor der Begriff vom amerikanischen Pragmatismus übernommen wurde, lässt sich am besten durch seinen praktischen Nutzen in einer bürgerlichen kulturellen Biographie beschreiben. (Genremalerei zum Beispiel als Strategie einer ganz direkten Verinnerlichung der äußeren Welt.)
3. Es gibt überdies einen sehr engen Begriff des Genres im Film, der recht eigentlich nur für die Zeit des Oligopols der Hollywood-Studios vollständige Geltung beanspruchen darf und nicht nur die Beziehung ästhetischer Produkte auf einem strukturierten Markt, sondern eine bestimmte Strukturierung des Marktes bezeichnet. Nach dem Zusammenbruch des Studiosystems und der Vorherrschaft der Traumfabrik will ein Film (auf einem deregulierten Markt) nicht mehr nur Verlässlichkeit des Genres, sondern auch Alleinstellungsmerkmal: Es soll ein Western sein, aber zugleich ein Western „wie es ihn noch nie gab“. Oder eine Komödie, die die Grenzen des Geschmacks im Mainstream verschiebt. Die Filme der Post-Genre-Ära sprechen, ganz wie im richtigen Leben, nicht mehr miteinander, sondern sie sprechen übereinander. Auflösung in Reihen, Kulten und Sub-Subgenres und Meta-Genres wie „Action“ oder „Fantasy“ sind die Folge des bedingungslosen Kampfes der Filme auf dem deregulierten Markt.
4. Genre und Gattung sind Begriffe im Diskurs zwischen US-amerikanischem und europäischem Kino. Sie verlieren ihre Verlässlichkeit je weiter man nach Süden und nach Osten gelangt, diffundieren bereits in Lateinamerika, verschwinden in Afrika und waren nie verbindlich in Asien. Gegenüber einem Bollywood-Film erscheint die Frage nach Gattung oder Genre entschieden falsch gestellt. Das japanische Kino hat sich lange Zeit mit einer einfachen Unterscheidung zufrieden gegeben: Filme, die in der Vergangenheit spielen, und Filme, die in der Gegenwart spielen. Genre-Hybride waren die Eintrittskarten kleiner Cinematografien auf den Weltmarkt der Bilder. Die reine Komödie dagegen muss sich re-nationalisieren, ja re-regionalisieren. Möglicherweise beerbt eine einfache Unterscheidung den Diskurs von Genre und Gattung: Binnenmarkt-Filme und Weltmarkt-Filme. Das Genre allein, wie noch in den siebziger Jahren, reicht nicht mehr aus, um einen Film transkulturell verständlich und damit exportfähig zu machen, es ist aber, umgekehrt, auch nicht mehr eine Voraussetzung.
5. Eine Komödie ist ein Film, bei dem ein Publikum dafür zahlt, dass es lachen darf. Man kann diese Vereinbarung vom Lachen her behandeln (was ist so komisch in einer japanischen Filmkomödie? In einer Teenie-Klamotte? In einer Genre-Parodie?), man kann sie auch vom „dürfen“ her behandeln. Das Genre ist immer ein System der Erlaubnisse und daher: Widerhall des Verbotenen. Die Gattung dagegen meint, was über den historischen Kontext hinausgeht. Nicht worüber ich lachen darf und unter welchen Umständen und mit welchen (ideologischen) Konnotationen, sondern ein Lachen an sich, das der Welt gegenüber gesetzt wird. (Wir sprechen vom Unterschied zwischen Katharsis und Strategie, unter anderem.)
Nichts weiter als erste Gedanken. Wir denken weiter darüber nach, oder?
