Sep 15 2009
DUMMHEIT & HERRSCHAFT (Ein weiterer Beitrag zur Wahl)
Horst Geyer definierte 1954 in seinem Buch „Über die Dummheit“ eben die Dummheit als „Zustand, bei dem ein normaler, erwachsener, durchschnittlich begabter Mensch Antworten gibt, die sich in der Mitte zwischen Schwachsinn und Unwissenheit befinden und auf unfreiwillige Weise komisch wirken“.
Für Letzteres bedürfte es ein Subjekt, irgendjemand muss sich trauen, eine Mischung aus Schwachsinn und Unwissenheit komisch zu finden, ohne sich dabei als arrogant und überheblich vorzukommen. Wenn der Schwachsinn bei einem durchschnittlich begabten Menschen diagnostiziert wird, dann geht es eben nicht um einen Menschen, der nicht denken kann, sondern um einen, der nicht denken will. Und Unwissenheit in einer Informationsgesellschaft kann nicht mit einem Mangel an Medien und Archiven des Wissens erklärt werden. So haben sich seit den fünfziger Jahren die ohnehin schon günstigen Voraussetzungen für das Nicht-Dummsein weiter verbessert – und die Dummheit verbreitet sich epidemisch. Dummheit kann nicht mehr Schicksal sein, sie wird erzeugt durch eine Komplizenschaft zwischen Subjekt und Gesellschaft. Menschen, die dumm sein wollen, werden in einer Gesellschaft geformt, die dumme Menschen will.
Wenn es also eine Unwissenheit ist, die sich ihrer nicht gewahr ist, kann sie sehr einfach gelernt werden, indem man sie bestätigt. Guter alter Pawlow!
Dummheit bestätigen kann man auf die gutmenschenpädagogische Art, indem man den Menschen an sich wie ein Kind behandelt, dem man jede Kränkung ersparen soll und dem deshalb die Dummheit nicht vorgehalten, sondern mehr oder weniger diplomatisch ausgeredet werden soll.
Dummheit wird bestätigt, indem man sie zwar zur Kenntnis nimmt, aber ihren Wert herunterspielt. Wenn jemand erotisch, sportiv, erfolgreich oder angenehm ist, verzeiht man ihm seine Dummheit, bis hin zu einem Grad, wo Dummheit gar nicht mehr überprüft wird.
Dummheit wird bestätigt, indem man sie kollektiviert. Wir sind, sagt der Moderator, ja alle genau so unwissend wie der Proband, wir kollektivieren unsere Dummheit durch unsere Sitten und Gebräuche, mehr und mehr aber auch durch unsere Medien.
Dummheit wird bestätigt, indem sie von einem politischen System, einer Ideologie aufgesogen wird. Wladimir Lenin sprach von den „nützlichen Idioten“, aber auch und gerade eine demokratische Partei unseres System fragt nicht nach der intellektuellen Valenz, sondern ausschließlich nach der Quantität im Wahlvorgang. Es ist Frau Merkel völlig egal, ob sie von dummen oder von klugen Wählern gewählt wird, und wenn eher dumme Wähler Mehrheit bringen, dann gibt es nichts, was dagegen spricht, sie vor der Wahl dumm zu machen. Oder überhaupt.
Dummheit wird bestätigt, indem man ihr einen Blitzableiter, ein Feindbild zugesteht. Noch der idiotischste rassistische Skin, der kaum lesen kann und ganz bestimmt nicht sprechen kann, hält Goethe und Kant für die Leute, derentwegen man auf den „Ausländer“ herabschauen darf. Der Dumme ist stolz auf eine nationale Kultur, die ihm persönlich viel zu anstrengend ist. In der allerdümmsten Fernsehserie gibt es immer einen, der noch dümmer ist. Aber umgekehrt greift jemand, der gerade dabei ist, beim Dummsein erwischt zu werden, nur allzu gern nach dem Strohhalm des Anti-Intellektualismus. Droht man über die Dummheit zu lachen, drohen die Dummen, wenn sie denn in der Mehrheit sind, stante pede damit, über die Klugheit zu lachen.
Dummheit wird bestätigt, indem ganze soziale Topographien, ganze Bildungsinstitutionen den Kampf gegen sie aufgeben und ein Brachland der menschlichen Dummheit als gegeben im Neoliberalismus akzeptieren.
Dummheit wird bestätigt, indem die Eigenschaften, die sich aus der Nicht-Dummheit ableiten, das selbständige Denken, die Unabhängigkeit, den Nonkonformismus, den Mut zum Widerspruch, Zweifel und Kritik insgesamt als negative Eigenschaften brandmarkt. Umgekehrt werden andere Eigenschaften, die nicht an die Nicht-Dummheit gebunden sind, als besondere Tugenden dargestellt, das glatte Äußere, das Selbstbewusstsein, das Fehlen von Scheu und Zurückhaltung im Umgang, die Lust an unreflektiertem Benehmen, die zur Schau gestellte Infantilität.
Dummheit wird bestätigt, indem man die Mittel, die ihr entgegen stehen entweder ökonomisch verknappt, oder kulturell ächtet, oder unter solche Kontrolle steht, dass die Sekundärtugenden der Nicht-Dummheit nicht zur Entfaltung kommen.
Jede Art von Herrschaft ist auf die Dummheit der Beherrschten angewiesen. Wirkliche Demokratie beginnt damit, dass man auf die Dummheit als Herrschaftsinstrument verzichtet, und zwar auf drei Ebenen: Erstens indem in der Informationspolitik zwischen Regierung und Bevölkerung/Wählern weder Dummheit instrumentalisiert noch erzeugt wird, dass auch bei der Durchsetzung von Zielen nicht auf die Karte der Dummheit (als Einfallstor der Dummheit) gesetzt wird, zweitens politische Wahl und andere Formen der Teilhabe nicht Dummheit voraussetzen und drittens schließlich, dass die Nicht-Dummheit zu einem gemeinsamen Ziel erklärt wäre, nicht nur in der Form der Ausbildung, sondern auch in der einer allgemeinen Bildung zum selbständigen Denken.
Alle drei Beziehungen zwischen Dummheit und Herrschaft sind konkret und individuell nachprüfbar. Noch vor der Frage, ob wir im Wahlkampf (oder auch: im ewig währenden Wahlkampf des Medienpopulismus) belogen werden, ist die Frage, wie viel Dummheit in der Kommunikation und dem Verführungsangebot steckt. Wenn wir von Wahlpsychologie sprechen, müssten wir eigentlich von Wahldummheit sprechen, wenn sich Kandidatinnen und Kandidaten verkaufen wie Waschpulver oder Versicherungspolicen. Was die Informationspolitik anbelangt, so habe wir uns daran gewöhnt, dass die Politiker sie uns vorzugsweise in Form der Unterhaltung als Talk- und Debattiershows oder öffentliche Auftritte als Show-Einlage präsentieren.
Die Politiker werden so lange nicht auf die Dummheit als Transportmittel der Macht verzichten, so lange sie sich als erfolgreich erweist. Und als erfolgreich erweist sie sich so lange, als sie von den Mainstream-Medien getragen werden. Auf diese Weise ist ein Teufelskreis entstanden. Es geht nicht um die Dummheit im System, es geht um Dummheit als System.
Wenn die Politiker der ersten Generationen unserer Nachkriegsdemokratie so etwas noch gewollt haben können, um mit Hilfe der allgemeinen Dummheit des Volkes möglicherweise sogar das Schlimmste zu verhindern, nämlich eine Infragestellung von Demokratie und Kapitalismus selber, so erweist sich nun die Abhängigkeit der Politik von der Dummheit als nicht mehr wieder gut zu machender Fehler. Tatsächlich können nun die Politiker nicht mehr klüger sein als sie ihr Volk gemacht haben, jede kluge Entscheidung wäre ein Affront gegen das dumme Volk. In einer dummen Gesellschaft muss am Ende die Regierung, wenn sie es will oder muss, die Demokratie gegen das Volk verteidigen, das man zu dumm gemacht hat, um seine Spielregeln zu verstehen oder anzuwenden. Die kapitalistische Demokratie geht an der Dummheit zugrunde, die sie erzeugt hat.
Dabei spielt es im übrigen keine Rolle mehr, ob der Einzelne im Volk so dumm ist, wie es im Ganzen erscheint. Da diese Dummheit Besitz ergriffen hat zuerst von den Medien, sodann von der Sprache und am Ende von der Organisation des Alltags, von Arbeit, Familie und Konsum, ist hier unten jede Anwandlung von Nicht-Dummheit so sehr zum Scheitern verurteilt wie oben.
Dabei gilt es klarzustellen: Dummheit ist weder ein anderes Wort für Ideologie (wiewohl wir ohne weiteres überein kommen können, dass Ideologie an sich etwas Dummes ist) noch für Konsens und Konformismus. Denn es ist ein Trugschluss, dass eine Unwissenheit, die von sich selber nicht weiß, zu einer Dummheit führt, die sich, weil sie ja die Mehrheit und die Mitte besetzt, ihrer selbst nicht gewahr ist. Unsere Kultur erzeugt nicht nur, wie Karl Kraus das nennt, die Rapidität der Dummheit, sondern immer auch ihr Gewahren. Man könnte ohne weiteres behaupten, dass man in einer über-informierten Gesellschaft wie der unseren zwar dumm sein kann, aber nicht mehr ohne zu wissen, dass man dumm ist.
Deshalb ist dies nicht die Gesellschaft von glücklich Dummen, sondern von verzweifelt und zornigen Dummen. Sie hassen nicht nur den Rest der Welt, in der sie Nicht-Dummheit vermuten, sie hassen vor allem sich selbst.
Und dann gehen sie wählen.

