Sep 13 2009
DER META-WÄHLER
Auch diesmal bleibt natürlich alles ganz anders. Denn erstens, das haben wir ja jetzt oft genug gehört: Ab jetzt wird nicht mehr direkt, sondern taktisch gewählt. Man befindet sich in einer Art Koalitions-Toto, wo man nicht nur auf Sieg, sondern auch auf Platz, oder, nach dem Vorbild unserer famosen Finanzmanager, sogar auf Niederlagen setzen kann. Wer, zum Beispiel, noch an die Sozialdemokratie glaubt (doch, so was gibt’s!), der wählt jetzt die FDP um eine Wiederholung der großen Koalition zu verhindern, die das endgültige Verschwinden des sozialdemokratischen Projekts noch einmal deutlich machen würde. Oder ein CDUler wählt die Linke, damit seine Partei endlich aufwacht und wieder auf die antikommunistische Pauke hauen kann. Jedenfalls weiß jede Wählerin und jeder Wähler: Wenn ich die Partei wähle, die ich eigentlich wählen würde, dann kriege ich garantiert nicht die Regierung, die ich eigentlich hätte haben wollen. Wir nennen das jetzt „cross voting“.
Der zweite Umstand eher rätselhafter Veränderungen des Wählens ist eine bizarre Selbstbeobachtung. Alle wollen das Wahlvolk verstehen: Warum zum Beispiel ist der derzeit populärste Politiker einer, der genau so aussieht und genau so redet wie die Leute, von denen wir bemerkt haben, dass sie uns in die Krise gebracht und hinterher ihr Geld abgeholt haben? Die einfachste Antwort: Eben drum. Im Fernsehen werden ja auch immer die Gewinner gecastet. Und wie Bayern München Meister geworden ist, fragt ja am Ende auch niemand. In einer Kultur der Gewinner wählt man weder Problemlöser noch so etwas wie „eine ehrliche Haut“. Aber die bürgerlichen Zeitungen ebenso wie der Boulevard machen sich andauernd Gedanken über unser, des Wählers Verhalten, und so stehen wir als Leser, Zuschauer, Blogger oder sonst was, ganz postmodern neben uns selbst und wundern uns. Ich bin ein Wähler, und das ist offensichtlich ein sehr merkwürdiges Wesen. Das muss analysiert und therapiert werden, das ist ein so seltsames Subjekt, dass es am Ende, garantiert, so aussieht: Was haben wir für ein Chaos! Nichts passt und alles ist beliebig, das Durcheinander ist die Grundlage dafür, dass es genau so weiter geht wie vorher. Weil so viele Wählerinnen und Wähler so durcheinander wählen, darf sich ganz und gar nichts ändern. Und wenn ihr uns fragt, wie das kam über’s Land: Es ist der Wählerwille.
Der Wähler, so erzählen es unsere Medien in unendlichen Geschichten, drückt in der Wahl weder sein Interesse noch seine Kritik aus, sondern folgt vielmehr verschlungenen neurotischen, kybernetischen und gewiss auch erotischen Impulsen, Täuschungen und Selbsttäuschungen, Werbestrategien und soziopathischen Projektionen. Das Wählen, ich sage Euch wie es ist, ist in der postmodernen Medien-Spiegelungen nichts anderes als das Symptom einer geistigen Krankheit. Nur dass die Wählerin und der Wähler eben in seinen populistischen Spiegelungen beteiligt wird: Man wird nicht nur hereingelegt, man darf sich auch selber dabei zusehen, wie man hereingelegt wird. Und damit wird man beinahe Teil der Hereinleger. (Stimmen für Westerwelle und Guttenberg sind also mehr oder weniger die ehrlichsten, oder?)
Aber kaum ist die Wahl vorbei, da werden sich der Wähler und die Wählerin auch schon wieder selber furchtbar fremd. Was war das? Das soll ich gewählt haben? Bin ich bescheuert, oder was? Aber ja, werden die bürgerlichen Feuilletons und der Boulevard gemeinsam singen. Das war der Wählerwille. Das taktische Wählen im Fünf-Parteien-System. Die mediale Selbstbeobachtung des Wählers. Jetzt ist er sich selber unheimlich. Und außerdem wissen sie ja auch: Nach der Wahl kommt die Strafe. Das Opfer. Die Steuer. Der Krieg der Habenden gegen die Nichthabenden. Der Selbstgenuss der Macht. Und von irgendwo her kommt ein großes Gelächter.
Der taktische und postmoderne Wähler aber weiß: Diesmal bin ich nicht hereingelegt worden. Diesmal habe ich mich selbst hereingelegt.

