Sep 12 2009

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (WAHL-SUPER-SPEZIAL!)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Schwanenscheiße

Der Verkehr am Mittleren Ring, das tut er gerne, brach einmal wieder zusammen. Die Pflicht ruft, und als letzten Aufschrei der individualistischen Revolte werfen sich die Menschen in ihre Automobile. Der Bus ist nämlich schweinegrippenvoll und kommt auch nicht schneller voran.

Die Herren Reiner und Kainer saßen am Ufer des Kleinhesseloher Sees und genossen den Beginn eines sonnigen Herbsttages, der es sich nicht leicht machte. Sie waren versunken in den Anblick einiger Schwäne, die sich abwechselnd füttern ließen und sich gegenseitig oder ihre Wohltäter anfauchten. Dann meinte Herr Reiner:

„Haben Sie gestern den Guttenberg im Fernsehen gesehen?“

„Nein.“

Es entstand eine längere Pause, in der man der Sonne Zeit gab, sich noch etwas freundlicher zu zeigen.

„Haben Sie das Interview in der Abendzeitung mit dem Westerwelle gelesen?“

„Nein.“

Eine weitere längere Pause, obwohl sich weder die Sonne noch die Schwanen-Szene nennenswert veränderte.

„Und heute früh, das Gespräch mit dem Steinmeier im Radio, das haben Sie wohl auch nicht…?“

„Nein.“

Die Pausen wurden langsam zur Gewohnheit.

„Sagen Sie, Herr Kainer, Sie werden doch nicht auf Ihre alten Tage das Interesse an Politik verloren haben? Ausgerechnet Sie!“

Herr Kainer seufzte.

„Sehen Sie, Herr Reiner, wenn ich mich für Schwäne interessiere, was ich, ehrlich gesagt, in nicht sehr ausgeprägtem Maße tue, dann beobachte ich wie sie fliegen, wie sie schwimmen, wie sie miteinander kämpfen. Aber ich kümmere mich nicht um den Dreck, den sie hinterlassen. Ich interessiere mich nicht für Schwanenscheiße“.

„Sagen Sie so etwas nicht, Herr Kainer!“ entgegnete Herr Reiner begeistert. „Verachten Sie mir die Analyse von Schwanenscheiße nicht. Ich kann Ihnen sagen, dass man aus Schwanenscheiße die hormonelle und soziale Situation der Tiere herauslesen kann. Es sieht nämlich nur auf den ersten Blick so aus, als wäre Schwanenscheiße immer gleich. Genauer betrachtet kann man sehen, ob sie krank sind, ob sie sich aufgeregt haben, ob sie Nachwuchs bekommen oder im nächsten Moment einen Jungschwan verjagen werden. Ich sage Ihnen, wenn man eine Schwanenscheiße richtig untersucht, dann könnte man sagen: Dieser oder jene Schwan ist schon tot. Er weiß es nur noch nicht.“

Wieder folgte eine längere Pause. Die Schwäne hörten auf, sich füttern zu lassen und zu fauchen und segelten, na ja, „majestätisch“ über den See. Denn am anderen Ufer standen Menschen, die sie erneut zu füttern bereit schienen. Ein Schwan bedankt sich nicht, ganz im Gegensatz zu den Enten, die sich wenigstens gelegentlich mit einer mehr oder weniger gelungenen Donald Duck-Imitation erkenntlich zu zeigen versuchen.

„Und, wie ist es, Herr Kainer,“ Herr Reiner fragte es zögerlich, „wollen wir uns das Fernsehduell von Merkel und Steinmeier zusammen ansehen?“

Herr Kainer seufzte. „Na schön. Aber nur weil ich dann einen so ausgezeichneten Schwanenscheißeleser an meiner Seite habe. Und Sie sorgen für die Getränke!“

Der Verkehrsstau auf dem Mittleren Ring begann sich, wie man so sagt, aufzulösen. In den Kanzleien, Büros, Fabriken, Bibliotheken und Meeting Rooms begannen die Arbeitnehmer mit der Lektüre von Schwanensch…, nein, Unfug, von Akten, Büchern, Zeitungen, Bildschirmen, Anleitungen und Statistiken. Wir haben viel Arbeit. In Afghanistan stirbt ein Kind in freundlichem Feuer.

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