Sep 09 2009

ROTSCHWÄNZCHEN UND DIE BÖSE GROSSE WAHL

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Politik.

Da sitze ich also wieder an meinem Computer, trinke viel zu süßen schwarzen Kaffee und schaue aus dem Fenster. Ein Rotschwänzchen vergnügt sich im Holunderstrauch, wie jeden Morgen. Oder ist es eher Arbeit, Nahrungsmittelbeschaffung, und wo liegen da bei einem Rotschwänzchen die Grenzen?

Na egal, ich werde etwas über die Wahl schreiben. Das ist definitiv Arbeit und kein Vergnügen.

Das Rotschwänzchen hält in seiner Vergnügung oder seiner Arbeit inne und scheint zu lauschen, auf das Grundrauschen des Kosmos vielleicht, oder das Grummeln des eigenen kleinen Magens. Es sieht völlig leer aus. Als würde dem Vogel absolut und rein gar nichts einfallen. Muss man sich mal vorstellen.

Wie sehe ich wohl aus, wenn mir nichts einfällt? Ich meine, geht das überhaupt, dass einem Menschen nichts einfällt? Irgendwie wird mir kalt. Ich ahne zuerst etwas, dann wird es nach und nach zur Gewissheit: Mir fällt wirklich nichts ein.

Zur Bundestagswahl 2009 fällt mir nichts mehr ein.

Das Rotschwänzchen wippt gelassen mit dem Namen-gebenden Gefieder. Verdauungsprobleme hat es wohl nicht. Frisst ein Rotschwänzchen eigentlich die Holunderbeeren oder Insekten, die sich auf Holunderbeersträuchern herumtreiben? Muss mal unter Rotschwänzchen, Nahrung nachgoogeln.

Nein, das muss ich nicht! Ich muss etwas zur Bundestagswahl schreiben. Ein guter Journalist ist einer, der auch schreiben kann, wenn ihm nichts einfällt.

Das Rotschwänzchen schaut verdutzt, als hätte ich es gerade persönlich beleidigt. Dann fliegt es davon. Möchte wissen wohin, der Strauch vor meinem Fenster hätte doch noch einiges zu bieten.

Wenn einem zur Botschaft nichts mehr einfällt, dann vielleicht zu den Boten? In der Installation des postdemokratischen Medienpopulismus ist doch sowieso wichtiger was „rüberkommt“, als das, was „reingesteckt“ wird. Zum Beispiel: Angela Merkel und die „Apotheken Umschau“. Das passt zusammen wie Alfred Biolek und Livio-Öl.

Ah, das ist gut. Zweimal Schleichwerbung. Und dann…

Fällt mir wieder nichts ein. Ich wollte Aspirin und ich bekam Angela Merkel. Und weil der Apotheker ja für die „Apotheken Umschau“ bezahlen muss, und wir das naturgemäß bei den Preisen zu spüren bekommen, bezahle ich in der Apotheke neben dem Kopfschmerzmittel auch deren Verursacher. Das ist alles nichts.

Was treibt das Rotschwänzchen bloß?

Ich fürchte, ich muss mal in der Redaktion anrufen. Ich sage am besten, wie es ist: Zur Bundestagswahl 2009 fällt mir nichts mehr ein. Und dabei ist noch eine Zeit hin!

Das Rotschwänzchen kehrt zurück, wippt mit dem Hintern, lauscht auf das Grundrauschen des Kosmos oder das Grummeln des eigenen kleinen Magens und frisst Beeren oder Insekten (das muss noch ergoogelt werden). Alles wird gut.

Ich beginne meinen Artikel mit dem schönen Satz: „Früher war mehr Wahl“.

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