Sep 01 2009

DUMMHEIT ALS KAPITAL

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Krise, Politik.

Wenn die Dummheit mehrheitsfähig geworden ist, und zwar in eben jener Form, die unentwegt nicht nur Dummheit, sondern auch das Bekenntnis zur Dummheit verlangt, dann ist Nicht-Dummheit (was immer das sein mag, vielleicht beginnt es mit nicht mehr als einem kleinen Unbehagen daran, dass es offensichtlich gesellschaftliche Apparate gibt, in denen jeder, der Geld oder Macht oder einen sogenannten Promi-Status hat, einen Blödsinn vor sich hinreden darf – der Moderator hat immer den andächtigen Dackelblick dazu -, den wir in einem Face-to-Face-Gespräch mit Nachbarn nicht hinnehmen würden) keine Auszeichnung, sondern ein Stigma. Es geht nicht mehr allein darum, dass etwas Dummes gesagt werden kann, sondern dass die Form der Gespräche bereits Dummheit implizieren muss. Würde irgend jemand irgendwann bei Anne Will, nur zum Beispiel, etwas Kluges sagen, so hätte er nicht nur etwas Skandalöses getan, sondern auch das ganze Sendeformat in Frage gestellt, was durchaus einem unflätigen Benehmen in einer Kirche gleichkäme. Jede Talk Show definiert den in einem Segment des Publikums verbindlichen Grad an Dummheit. Und daran sehen wir auch, dass selbst eine durch und durch dumme Gesellschaft selbst in ihren Dummheitsmaschinen immer noch eine Klassengesellschaft ist, in der sich, wer die Dummheit bei Anne Will genießt, sich als etwas Besseres fühlen darf als jener, der sich nachmittägliche Schmuddel-Talkshows „reinzieht“.

Gehen wir also davon aus, dass die Dummheit im Spätkapitalismus eine Religion im Stadium des differenzierten Fundamentalismus ist. Das heißt, sie ist beileibe keine Privatsache mehr, sie ist weder Empfindung, noch Erfahrung, weder Metapher noch Flucht, sondern offensiv vertretene Lebenspraxis, die Dissidenz bestrafen muss und in der jedes dumme Wort auch in dumme Praxis umgesetzt werden muss. Seit dem „Narrenschiff“ wissen wir, dass die Dummen gerne herzhaft über die Nicht-Dummen lachen, aber erst die neoliberalen Medienmaschinen machen das Lachen der Dummheit zur mechanischen Pflicht. Umgekehrt lebt die Dummheit von Hansi Hinterseer und einigen seiner volkstümlichen Zeitgenossen eben dadurch, dass sie gegen alle Nicht-Dummheit verteidigt werden muss. So wie die Dummheit von Rosamunde Pilcher-Schmiere vielleicht gegen eine weibliche Form der Nicht-Dummheit verteidigt werden muss. Dummheit als mediale Ideologie lebt zu gleichen Teilen vom Empfinden der Macht in der Mehrheit und von der Ahnung der Kränkung durch Spuren der Nicht-Dummheit.

So ist klar, dass in der derzeitigen Krise des Kapitalismus (übrigens unabhängig davon, wie sehr diese „Krise“ auch Inszenierung ist) genau die Leute die größten Verlierer sind, die sie beschrieben und erklärt haben, die vom Interesse der Menschen gegen das Kapital erzählten. Nicht nur, dass sie, nachdem sie zuvor „Spielverderber“ waren, nun in den Rang der „Besserwisser“ gelangt sind (niemand ist unsympathischer als jemand, der es „schon immer gewusst“ hat), sie wollen ja auch verhindern, dass das einzige, was aus der Krise entsteht, ein Bläschen des „dummen“ Antikapitalismus ist. In der Religion der Dummheit kann eine Krise des Kapitalismus gar nicht anders beantwortet werden als mit noch mehr Kapitalismus, und wenn noch mehr Kapitalismus gerade nicht geht, dann eben mit noch mehr Dummheit.

Der Schrecken der Finanzkrise liegt darin, dass man aufhören müsste, sich in der eigenen Dummheit zu genießen. Aber das wird nicht geschehen, da wir nicht in einer allgemeinen Stimmung der Dummheit leben, die bei Impulsen von außen und Verwerfungen von innen auch, wie jede Stimmung, „umkippen“ könnte (und die Menschen in Deutschland wie die Weltmeister die Schriften von Marx und Engels, die Romane des neunzehnten Jahrhunderts und das Gesamtwerk von Michel Foucault durcharbeiteten), sondern in einer ausgeformten Kultur der Dummheit, in der eine Sprache der Dummheit gesprochen wird, und in der die Dummheit eine Herrschaftsform ist. Allein um etwas weniger dumm zu sein, müssten wir so etwas Ungeheuerliches wie „radikale Veränderungen“ herbeiführen. Das genaue Gegenteil aber ist der Fall. Seit „Finanzkrise“ ein allgemein verbreiteter Begriff geworden ist, und die Politik sich auf ebenso unmoralische wie unvernünftige Weise mit ihr, sollen wir sagen: „beschäftigt“, ist offensichtlich die Akzeptanz von Dummheit in jedwelcher Argumentation ins Grenzenlose gestiegen. Unsere Reaktion auf das Desaster ist nicht: Wir glauben nichts mehr, von dem, was Ihr uns erzählt. Unsere Reaktion ist stattdessen: Jetzt glauben wir einfach alles. Da wir es nicht mit der Dummheit von Subjekten zu tun haben (obwohl uns die ja weiß der Himmel schon reichen würde), sondern mit der Dummheit ganzer semiotischer und sozialer Systeme – im Fernsehen, nur zum Beispiel, produziert das Aufeinandertreffen von durchaus klugen Menschen nichts anderes als Dummheit, ja es ist schon verblüffend, wie rasch und scheinbar unbemerkt sich intelligente Menschen der Dummheit des Apparates fügen, – und so ist jeder nicht-dumme Gedanke bereits eine Form des Aufstandes. Und das ist wie die Kunst: Es ist schön, macht aber viel Arbeit.

So ist also, nach allem, was wir bislang beobachten können, die sogenannte Finanzkrise mit einer anschließenden Rezession auch ein gewaltiges Projekt, die allgemeine Dummheit des Kapitalismus von einem noch an manchen Stellen offenen in ein geschlossenes System zu verwandeln. Das geht einher mit einer einfachen Erfahrung: Es reicht keineswegs, dass jeder, der sich in dieser „Krise“ und ihrem „Management“ dissident verhält, ein Objekt von Schäubles Apparaten wird und von seinen Arbeitskollegen gemobt wird, nein, er oder sie müssen definitiv ihre Ohnmacht akzeptieren. Weil es nichts nützt, zu wissen, wie die Krise erzeugt und benutzt wird, ist dieses Wissen nicht nur gefährlich, sondern auch wieder „dumm“, während die Dummheit, mit der man sich für das Weitermachen wappnet, ausgesprochen schlau ist. Es wird ja Überlebende, ach was, es wird Gewinner auch dieser Krise geben.

Denn es muss ja nur die Dummheit des Kapitals selber reorganisiert werden: Wir haben behauptet, dass die Dummheit im Kapitalismus nichts anderes ist als direkter Ausdruck der Dummheit des Kapitals. Da ist auf der einen Seite das erfreulicherweise gleich sogenannte silly money, jenes dumme Geld, das sich nicht im geringsten darum schert, in welche Produktion oder welches Produktionsloch es fließt, weil es hauptsächlich beiseite geschafft werden muss, einem anderen Kreislauf entzogen, und womöglich geopfert und verbrannt wird, um an anderer Stelle nicht ganz so dummes Geld zu sichern. Dass silly money dumm ist, braucht man nicht weiter zu erklären, wenn es das System schon selber so bezeichnet. Der Zweite Strom des Geldes ist das bloody money, jenes Geld, das aus dem organisierten Verbrechen, dem Drogenhandel, den staatlich-ökonomischen Korruptionszyklen etc. stammt und dringend einer Wäsche bedarf. Zwar steckt in dem Vorgang der Wäsche selber enorme Intelligenz, das zu waschende Geld selber freilich bleibt wiederum dumm. Es vermehrt und vermindert sich unablässig auf einer Schleimspur der Korruption, es sucht indes nicht die Orte der Produktivität, sondern jene der Verschwiegenheit. Wenn das silly money geopfert wird (zum Beispiel für die Produktion unverkäuflicher Waren, deren eigentlicher Wert materielles Abbild von Bilanz-Zaubern ist), so fordert das bloody money umgekehrt Opfer. Das Zocker-Kapital. Es ist dumm, weil es nur mitnehmen und abräumen kennt, es hinterlässt Leere, und schließlich muss das Geld in der Blase explodieren. Bleibt noch ein Segment des alten Kapitals, das irgendwie dem Fall der Profitrate entkam (sei es durch seine schiere Menge, sei es durch eine Rückbindung an alte Formen wie Besitz und Geographie) – dem „neuen“ und „schnellen“ Kapital kann dieses Kapital nur dumm erscheinen.

Das alles füllt nur einen Satz, an den wir uns einigermaßen besinnungslos gewöhnt haben, ohne zu verstehen, dass er, wie viele solcher Sätze ganz und gar wörtlich zu nehmen ist: Das Kapital, einmal in Bewegung gesetzt, verdient sich dumm und dämlich.

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