Aug 31 2009
PRODUZIERENDER KONSUM, KONSUMIERENDE PRODUKTION
Menschen, die miteinander oder für sich Spaß haben, und gleichzeitig etwas „herstellen“, das für sich selber oder für einen Dritten Profit erzeugt, das war früher ein Nischen-Dasein (kulminierend in der erheiterten Aussage des Pornostars, man werde im Business für das bezahlt, was die meisten Menschen aus purem Spaß machen). Im öffentlichen Raum wird dies weiter geführt in jenen Events, in denen Teilnehmer zugleich Zuschauer und Zuschauer zugleich Teilnehmer sind. Im Internet schließlich ist der konsumierende Produzent der Normalfall. Wer surft, hinterlässt nicht nur eine Datenspur, auf die sich die entsprechenden Scouts begeben, um ein Konsumentenprofil zu erzeugen und es zu nutzen, man ist zugleich auch die immaterielle Ware, die andere Surfer wiederum dazu veranlasst, das Netz überhaupt aufzusuchen. Eine Unterscheidung zwischen einem „professionellen“ und einem „dilettantischen“ ist dabei so wenig aufrecht zu erhalten wie die zwischen Konsument und Produzent. Indem wir uns austauschen erhöhen wir das immaterielle Potential der Medienkonzerne und bilden zugleich die ebenso wachsende Abnehmergruppe. Wir unternehmen eine Kreisbewegung durch eine Profitmaschine, in der sich Copyright-Magneten befinden, die aus solcher „freien Arbeit“ wiederum „Besitz“ erzeugt.
Es geht dabei um nicht weniger als eine Privatisierung nicht allein des frei verfügbaren Wissens und der gesammelten Kultur, es geht mehr noch um eine paradoxe ökonomische Privatisierung des Privaten: Egal mit was Sie sich beschäftigen, mit Briefmarkensammeln, Feldhockeyspielen, Gruppensex oder Esoterik, sobald Sie es dem Netz „anvertrauen“, erzeugen Sie damit einen Profit – gewiss: in so Millionstel-Promille Einheiten, dass es Ihnen selbst nicht weiter auffällt: Der Lustgewinn in dieser teils realen und teils fiktiven Kommunikation erscheint größer als der ökonomische Verlust. (Das ändert sich erst in einem semi-professionellen Bereich, zum Beispiel beim Musik-Machen, Text-Erstellen oder Bilder-Erzeugen, wo sich die Verhältnisse umkehren: Der geistige Arbeiter von heute – und noch mehr derjenige von morgen – gibt seine Arbeit lieber umsonst ab – das heißt: Der Produzent der immateriellen Ware Kultur, Information und Wissenschaft bekommt nichts, der Konzern, der diese immaterielle Ware verbreitet alles – als dass er darauf verzichtet, überhaupt eine Öffentlichkeit dafür zu finden.)
Eine kulturelle Produktion ist also entweder Gegenstand der Copyright Wars („Rechteinhaber“ versuchen ein solches Produkt, einen Song oder ein Bild zum Beispiel, gegen jede freie Nutzung zu sichern, wenn es technologisch nicht funktioniert, dann durch juristische Kniffe) oder aber sie ist, wenn sie zur Nutzung frei gegeben ist, Massenware der Distributoren, Trägersubstanz, zum Beispiel, für Werbung. Verlierer dabei sind die ursprünglichen Beteiligten jeden Austauschs von Kultur und Information, nämlich die eigentlichen Urheber, die Künstler, die Kritiker, die Wissenschaftler etc., und die Adressaten. Zwar glauben wir ja nicht ganz zu Unrecht, durch das Internet einen Zugriff auf Kunst und Information zu haben wie niemals zuvor, aber darüber vergessen wir vollkommen über die Art und Weise zu sprechen, in der dieser Zugriff ermöglicht wird.
Ganz ähnlich verlieren wir in den Internet-Chats die Hoheit über den eigenen Diskurs. Da sich jeder einklinken und jeder alles benutzen und verfälschen kann, leben die immateriellen Produkte jenseits ihrer Urheber und jenseits ihrer Adressaten. (Und wie schnell kann man einen Diskurs verfälschen, verflachen oder in puren Nonsense verwandeln!)
Die konsumierende Produktion/der produzierende Konsum, das ist beides zugleich: eine gewaltige Chance für eine demokratische Kultur, und das Medium ihrer Auflösung in ökonomischen Interessen und Beliebigkeit. Daher ist notwendig, sich Regeln zu geben, die Kommunikation im Internet immer wieder neu auszuhandeln und zu erfinden. Es gibt kein Medium, das so viel benutzt wird und über das zugleich so wenig nachgedacht wird wie das Internet. Worum es also gehen wird: Nicht „das Internet benutzen“, sondern im Internet neue Kommunikationswege finden. „Die heutigen globalen Medien- und Kommunikationskonglomerate sind Mafias“, behaupten A.S. Ambulanzen, „und wenn wir uns gegen sie zur Wehr setzen, sollten wir uns nicht auf das verlassen, was von den Staatsregierungen übriggeblieben ist“. Produzenten und Konsumenten der immateriellen Ware müssen einander stattdessen als freie Individuen begegnen, sie müssen Respekt füreinander haben, sie müssen gemeinsam über das Medium nachdenken, das sie benutzen. Sie müssen sich weigern, einen besinnungslosen Datenmüll zu produzieren, der das Schmiermittel der Kommunikationskonglomerate ist. Von da beginnen neue Gedanken zu einer Kommunikation, bei der man nicht mehr zwischen Produzieren und Konsumieren, nicht mehr zwischen dem Herstellen und dem Anwenden von Ideen unterscheidet. Es wird nämlich nicht besonders einfach werden, eine politische Ökonomie für eine Kultur zu finden, die die alte Autoren-Kultur nicht mehr sein kann, die aber auch nicht die schöne neue Kultur der Medienkonzerne sein soll.

Was sind A.S. Ambulanzen?