Aug 26 2009
UND TÄGLICH GRÜSST DIE DUMMHEIT
Dummheit ist, so scheint’s, nicht das Problem, sondern der Inhalt unserer Kultur. So hörten wir vor Jahr und Tag einen Politikwissenschaftler von einem „Recht auf Dummheit“ in der Demokratie sprechen. Er meinte damit nicht jene mehr oder weniger selbst verschuldete Unmündigkeit, aus der uns die Aufklärer zu führen versprachen, sondern eine durchaus industriell produzierte, Staat, Gesellschaft und Individuum wohl tuende Dummheit, an die alle Kommunikationsmittel angeschlossen sind. Eine Art von Dummheit, die man nicht hat, die man nicht einmal „bekommt“, sondern eine Dummheit, die man sich holen muss. Tag für Tag.
Gibt es das Recht auf Dummheit in einer Gesellschaft, die sich frei wähnt? Die Frage selbst ist eine Falle: Im Namen der Freiheit nämlich muss es das Recht auf Dummheit schon deshalb geben, weil es keine demokratische Instanz geben kann, die darüber bestimmt, was dumm ist und was nicht. Im Namen der Demokratie indes müsste man ein Recht auf Dummheit entschieden verneinen, da es nichts anderes beinhaltet als die Freiheit, demokratische Umgangsformen zu ignorieren. Auch hier zeigt sich also, wie Demokratie die Freiheit auffressen kann, und Freiheit die Demokratie.
Natürlich unterscheidet sich eine industriell gefertigte und kulturell akzeptierte Form von Dummheit von einer klassischen Form. In dieser nämlich galt zweierlei als ausgemacht:
1. Dumm sind immer die anderen. 2. Wer dumm ist, dem fehlt etwas, was ihn weniger dumm macht (Bildung, Information, Erfahrung etc.).
Die industriell gefertigte Dummheit dagegen ist sich ihrer selbst bewusst, sie genießt sich (auch wenn sie sich andere Namen gibt wie zum Beispiel „Fun“) und sie verteidigt sich gegen alle Zumutungen von außen: Wir lassen uns unsere hart erworbene Dummheit nicht mehr nehmen.
Einer der hundert Gründe, warum eine Kultur der Dummheit toleriert wird, auch von jenen, die sich ihr nicht zugehörig fühlen (und Achtung! Dazu gehört mehr als BILD, Echo der Frau oder Gala nicht zu lesen und das Privatfernsehen zu meiden), liegt in der unverbrüchlichen, dem 18. Jahrhundert entstammenden Meinung, das Einfache sei das Natürliche. Man weiß zwar, dass die Natur, was immer das ist, dazu tendiert eher nicht so einfach sondern vielmehr gar komplex zu sein, aber das ficht uns nicht weiter an. Denn da wir uns, so meint man nun seit mehr als zweihundert Jahren, durch Wissen und Reflektion von der Natur entfernt haben, so kann umgekehrt doch nur der Verzicht auf Wissen und Reflektion uns der Natur wieder nahe bringen. Wer verblödet ist wenigstens nicht dekadent, oder? So kann der Naziskin ohne darin einen Widerspruch zu sehen, behaupten, er sei stolz auf die deutsche Kultur, nicht obwohl, sondern gerade weil er, abgesehen von deutscher Bierbrauerkunst, nicht die geringste Ahnung vom Inhalt dieser Kultur hat. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Medientrottel hält der neue Faschist Dummheit nicht nur für ein Naturrecht, sondern auch für eine nationale Identität – dass er bei der Verbreitung dieser Dummheit so klug wie kriminell vorgehen kann, liegt auf dieser Linie: Dummheit ist Inhalt und Strategie zugleich.
Die Dummheit, die also zugleich ein Recht und eine Kultur sein soll, wird deshalb – im Gegensatz zu „Gewalt“ oder „Pornographie“ – nicht als medienimanente Bedrohung empfunden, weil sie so „natürlich“ ist, gleichsam in kindlicher Unschuld das Leben wieder aufnimmt wie durch einen Schnuller. Der dumme Mensch macht einen so zufriedenen Eindruck, dass wir ihn in einer Art des kognitiven „Kindchen-Schemas“ wahrnehmen. Die innere Verwandtschaft von Dummheit und Brutalität verschwimmt uns immer wieder, auch wenn sich alltäglich die furchtbarsten Beispiele ereignen. Es muss uns indes klar sein: Wer Dummheit produziert, produziert auch Brutalität (nicht, dass Nicht-Dummheit vor Brutalität bewahre – eine solche lineare Gleichung wäre, nun eben: dumm). Und umgekehrt produziert Brutalität auch wieder Dummheit (als einzigen Schutz, als einzige Taktik). Kurz gesagt: Wer von „Gewalt in den Medien“ spricht und von der Dummheit schweigt, ist Teil des Lügenzusammenhangs in dem wir, unsere eigene Kultur betreffend, leben.
Die „Zufriedenheit“ des dummen Menschen ist eine doppelte Täuschung. Getäuscht wird das Subjekt wie seine Umgebung. Denn das augenblickliche Gefühl, eine Balance zwischen sich und der Welt zu erzeugen – technisch gesprochen: durch fundamentale „Komplexreduzierung“ – wird bezahlt durch eine Selbstreduktion, die irgend etwas zwischen Schuld (die verzweifelte Frage, die der Schuster, der als Hauptmann von Köpenick jemand war, Gott an ihn stellen lässt: „Wat hasste aus deim Leben gemacht, Wilhelm?“) und Hass bedeutet: Im Rassismus, zum Beispiel, drückt sich der selbstreduzierte Mensch aus.
Auf die ausgesprochen zwiespältige Frage, ob es ein Recht auf Dummheit gibt, folgt eine schon eher zu beantwortende Frage, nämlich die, ob es ein Recht auf Verdummung gibt. Es ist offensichtlich, in unserer Kultur herrscht nicht nur Dummheit und eine Art der intellektuellen Tolerierung der Dummheit, sondern auch eine ungeheure Angst vor der Dummheit. Interessanterweise kann man derzeit mit Büchern, die irgendwie „Verblödung“ oder etwas ähnliches im Titel führen, beinahe so viel Geld verdienen wie mit Büchern über Feuchtgebiete und tyrannische Kinder. (Um es mal pathetisch zu sagen: Körper, Kindheit und Geist werden derzeit offensichtlich neu erfunden, und zwar im Geiste des postdemokratischen Medienliberalismus.)
Die Tragikomödie unserer Kultur ist es, dass sie durchaus „weiß“, dass sie an der Dummheit zugrunde gehen wird, die sie produziert. Das ist ein Witz. Aber es fällt immer schwerer, darüber zu lachen.

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