Jul 29 2009

SCHÖNHEIT UND REVOLTE

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Semiotik.

Das Schöne ist in der Welt der Zeichen das, was „Charisma“ in der Welt der Menschen und ihrer Beziehungen ist: Eine Möglichkeit, aus eigener Kraft die Macht der Regeln, der Unterdrückungen, der Ordnungen, der Bürokratien, der Konventionen, der kleinen und großen Unterschiede, der Bildung, der Sprache und so weiter zu überwinden. Die Faszination, die vom Schönen ausgeht, ist stärker als die Macht der etablierten Herrschaft, die sich ausdrückt in einer Ordnung der Zeichen. Ein schöner Satz ist nicht nur mehr als seine Aussage (ein ästhetischer Mehrwert), er ist im Gegenteil sogar etwas anderes als seine Aussage. Er ist eine Revolte gegen den Terror der Sprache. (Gute Schriftsteller sind ja nicht Leute, die sich mit der Sprache leicht tun, sondern solche, die mit ihr im Kampf stehen.)

Jede Schönheit entsteht als Akt der Revolte. Deswegen verstehen wir, warum es zu gewissen Zeiten mehr Schönheit und in anderen weniger gibt. (Ungeachtet eines Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage werden wir das Schöne also immer auch als Historisches beschreiben müssen.) Das Schöne enthält die Revolte zugleich als Utopie und als Denkmal. Daher ein Hang zur Melancholie; man weiß nie, ob man von einem Kommenden oder einem Gestorbenen fasziniert ist.

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