Jul 25 2009
WEITERE NOTIZEN ZUR ABSCHAFFUNG DES DENKENS
Die bürgerliche Kultur zu retten, ist es vermutlich zu spät
Das Grauen gegenüber den stets neuen Geschmacklosigkeiten und Debilitäten der populären Kultur im Allgemeinen und des vergehenden Leitmediums Fernsehen im Besonderen ist vor allem die andere Seite des Grauens gegenüber dem Verschwinden der bürgerlichen Kultur. Diese wiederum besteht aus nichts anderem als aus Differenzierung: Sie ist entfernt vom Kindischen, Regressiven, Sexuellen, Rohen, Gewalttätigen, Dummen, sie ist, mit einem Wort, vom Körperlichen entfernt. Aber sie differenziert sich nur auf der Ebene der Codes, auf einer tieferen Schicht der ästhetisch-politischen Praxis schließt sie sie nicht aus, sondern umschließt sie auch. Das Lustige und Spannende an der „bürgerlichen Kultur“ ist es, dass genau das, was sie sich äußerlich vom Leibe hält, in ihrem Inneren immer wieder aufbricht. Weshalb sie sich ja auch, ganz zu Recht, selber nicht geheuer ist.
Denken wir uns einen Weg von einem Horrorfilm, wie „Martyrs“ oder „Hostel“ zu „Penthesilea“, nehmen wir den Weg über Heinrich von Kleist. Am Ende erkennt die Amazone, dass sie ihren geliebten Feind, Achilles, im Liebesrausch inmitten ihrer Bluthunde zerfleischt hat. Nicht der fürchterlichste Horrorfilm würde sich eine solche Phantasie gestatten; Stephen King hat lange, lange vor dem Punkt aufgehört, an dem Kleist, an dem der Mythos erst beginnt. Das macht: Auch die Bilder und Erzählungen der populären Kultur sind durch ihre Differenz geprägt. Sie dürfen eine Menge (alles jedoch nicht, wie uns die Kulturpessimisten raunen), aber eines ganz sicher nicht: Sie dürfen nicht „Ernst machen“.
Es ist also keineswegs eine Art von Sieg der popular culture über die bürgerliche Kultur, wenn das eine so weit verschwindet, dass ein praktischer Umgang mit ihr (einen klassischen Roman lesen, ein Theaterstück besuchen, ein Gemälde betrachten, das nicht im Rahmen eines Events präsentiert wird) beinahe schon wieder dissident erscheint – jedenfalls keineswegs mehr, wie in der klassischen bürgerlichen Kultur der Art, wie sie Pierre Bourdieu noch beschrieb, im Diskurs der Verallgemeinerung und Legitimierung von Macht: Bürgerliche Kultur hat mit bürgerlicher Herrschaft kaum noch etwas zu tun, sieht man einmal von einer Beschäftigungstherapie für Gescheiterte ab.
Im Gegenteil, die „Gegenseite“ zieht aus der Abwesenheit einer widersprechenden Konkurrenz gleichsam das Recht, sich weiter zu infantilisieren, von der gesellschaftlichen Praxis zu distanzieren und auf alles „Ernst machen“ zu verzichten. Pop-Kultur, in der das Verdrängte, Unterdrückte und Obszöne zum Bild wird, wird ohne Reibung an der bürgerlichen Kultur genau das, was sie jener, nicht zu Unrecht (wenngleich ohne Bewusstsein), vorwirft: langweilig.
Zu glauben, das Verdrängte könnte sich einfach so befreien, indem es seinen radikalsten Ausdruck sucht, wie meinethalben bei einem „Orgien Mysterien“-Stück der Wiener Aktionisten, kann sich nur in einer selber ungeheuer engen Kultur ereignen. So wäre ja die populäre Kultur mit ihren endlosen Haufen von Sex, Gewalt und guter Laune nichts anderes als ein ebenso endloses „Befreien“ eines Unterbewussten, dem das Bewusstsein abhanden gekommen ist, einem Verdrängten, dem die Verdrängung abhanden gekommen ist, einem Ventil, das geöffnet wird, obwohl die Maschine gar nicht unter Dampf steht. Kein Wunder also, dass wir uns nicht mehr von der Stelle bewegen.
Die populäre Kultur wurde „gut“ geheißen, eben aus einer mehr oder weniger dissidenten oder wenigstens liberalen Position innerhalb der bürgerlichen Kultur, und auch heute noch entsteht alles Wissen über die populäre Kultur (jenseits von Trendanalysen, unsinnigen Statistiken, Einschaltquoten und Profitrechnungen) aus dissidenten, fragmentarisierten, krisenhaften Elementen der bürgerlichen Kultur (noch bis hin zur Sammelwut eines „Star Trek“-Fans). Wenn man etwas über Pop-Kultur sagen will, muss man es mit den Mitteln der bürgerlichen Kultur tun. Allein die Idee, an der populären Kultur könne irgend etwas „subversiv“ sein, es könne Verbotenes und Unterdrücktes zu seinem Recht kommen, ist eine durch und durch bürgerliche Idee. (Die „echte“ populäre Kultur ist sich selber völlig gleichgültig. Alles, was über ihr bloßes Da-Sein hinausgeht bleibt ihr fremd, und gerade der Hang, wenn es nicht gar ein Zwang ist, zur Selbstreferentialität, kann beschrieben nur außerhalb ihrer werden. Er ist das pure Verwertungsinteresse, der sich durch die Serien-, Rock’n’Roll- und Comic-Welten als Hypertext zieht. Ansonsten dient er zu nichts anderem, als zum Überleben der raren Erfolge im Mehr der Gleichgültigkeit.)
Die bürgerliche Kultur und die populäre Kultur haben stets vor allem ihre Differenz zum Inhalt gehabt. Sicher kann man, wiederum mit Bourdieu sagen, dass es auf der einen Seite um die Kontrolle geht, und auf der anderen Seite um die Körper. Es wird verhandelt auf der Ebene der Bilder und Erzählungen „zwischen denjenigen, die bloße Natur sind, und den anderen, die in ihrem Vermögen, die eigene biologische Natur zu beherrschen, ihren legitimen Anspruch auf Beherrschung der gesellschaftlichen Natur bekräftigen“ (Bourdieu).
Das Unordentlich-Wuchernde auf der einen Seite, voller fließender Übergänge (das „Selbstreferentielle“ nämlich ist eben dies, ein „smoothing“ der Konturen), voller Verschwommenheiten. Und das Geordnete und Klare, auf dem man aufbauen kann, und das einen aufbaut. In der populären Kultur lässt man sich treiben, die bürgerliche Kultur dagegen akkumuliert man: Jedes neue Buch, das man gelesen hat, macht einen „reicher“. Denkste!
Der Dandy des Medienzeitalters ist in der bürgerlichen Kultur unterwegs, als wäre es Pop, und in der Pop-Kultur als wäre es Bildung. Den grundlegenden Widerspruch löst das nicht.
Umgekehrt ist es das Kreuz jeder Kritik der populären Kultur, da sie mit Mitteln und in Verwendung von Kriterien der bürgerlichen Kultur geschieht (woran auch die unterschiedlichsten Formen von „Angleichung“ nichts ändern, und genau so wenig, wenn sich diese Mittel und Kriterien der bürgerlichen Kultur mit einem linken Anspruch verknüpft); sie ist so spieleverderberisch wie un-authentisch. Während nämlich die bürgerliche Kultur gar nicht denkbar ist ohne sie begleitende Kritik, ist populäre Kultur in sich selber letztlich unkritisierbar außer in ihrer Praxis selber. Sie produziert ihre eigene Ideologie, die von der Aussage „Wir lassen uns unseren Spaß nicht nehmen“ zu einer zweiten führt: „Alles was außerhalb ihrer ist, ist bereits ein Versuch, uns unseren Spaß zu nehmen“. So bereitet der Medienpopulismus den Diskurs für medienpopulistische Politik: Wer in den populären Umfragen für mehr „Volksmusik“ im Fernsehen votiert – völlig unsinnig, nebenbei, denn es gibt bei dem Angebot unserer Fernsehanstalten ohnehin keine Zeit, in der der Zuschauer nicht eine Volksmusiksendung sehen könnte, dieser Umfrage-Teilnehmer will also selber nicht mehr Volksmusik, weil er mehr Volksmusik gar nicht sehen kann, sondern er will, dass auch andere nichts anderes sehen sollen als Volksmusik – der trainiert sich eine ausschließende Politik an.
Es ist ab einem gewissen Grad eben nicht mehr zu unterscheiden, wer der Urheber einer Idiotie wie dieser ist: „Angelina Jolie. Schockbeichte: Ich wollte eine Frau heiraten! Ich liebte schon mit 14 Sadomaso. Ich möchte gern Blut trinken“. (BILD, Schlagzeile vom 24. 03. 2007.) „Das Zeichen nötigt uns,“, sagt der Philosoph Brice Parain, „für seine Bedeutung ein Objekt uns vorzustellen“. Aber für einen Schwurbel wie diesen können wir ein Objekt uns beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Wir können uns niemanden vorstellen, der so dumm ist, dass die Zeichen unserer populären Kultur in ihrem „Mainstream“ durch Bedeutung mit verbunden sind. Wer die BILD-Zeitung „liest“, der hat sich die Welt gar nicht fundamental komplexreduziert, er hat sie sich unvorstellbar gemacht. Er kann sich ein Objekt hinter den Schlagzeilen nicht vorstellen und nimmt sie doch für bare Münze. Es ist Pop-Kultur im Status der ungebändigten Hysterie. Selbst wenn wir sie noch nennenswert hätten, könnte „bürgerliche Kultur“ darauf angemessen nicht mehr reagieren. Denn für sie muss Brice Parains Satz von der Beziehung von Zeichen, Bedeutung und Objekt gelten. Für die entgrenzte populäre Kultur dagegen wird das Zeichen (und sein Träger) selber zum Objekt. „Es steht in der BILD-Zeitung“ heißt nicht: „Es ist wahr“. Es heißt: „Es steht in der BILD-Zeitung“. Das ist viel mehr als wahr. Es bezeichnet nicht. Es ist.
Die bürgerliche Kultur zu retten, um uns vor dem Ertrinken in den tautologischen Objekt-Zeichen der populären Kultur zu schützen, ist es vermutlich zu spät. Wir müssen uns wohl was Neues einfallen lassen.
