Jul 14 2009
DIE SCHÖNE SORGE: NOTIZEN ZUR FILMKRITIK
„Einige wollten den Roman als eine Art kinematographisches défilé der Dinge. Diese Vorstellung war absurd“. So schrieb Marcel Proust. Einige andere aber wollten das Kino als eine Art romanesken Reigen der Dinge. Diese Vorstellung war genau so absurd.
Sherlock Holmes und das Denkverbot: Man kam überein, das Richtige nur dadurch zu erhalten, dass das Falsche ausgeschlossen wurde. Schritt für Schritt werden alle Alternativen beiseite gelegt, und was am Ende übrig bleibt, das wäre, nun ja, die Wahrheit. Die Welt ist das sorgsam geschiedene Material, das erschöpfend behandelt wird. So wurde die Sherlock-Holmes-Wissenschaft zum Todfeind intellektueller Offenheit: Die Widersprüche sind nicht nur zwischen den Dingen, sondern in den Dingen zu beschreiben.
Doch schon, wenn man die Welt als Bild betrachtet, ist es aus mit der Sherlock-Holmes-Methode. In einem Bild kann man weder etwas ausschließen noch Richtiges von Falschem unterscheiden. Paradoxerweise gibt es in einem Bild keine eindeutigen Indizien. Das Falsche im Bild ist nur zu beschreiben in Bezug auf etwas, das außerhalb des Bildes ist. Zum Beispiel hält man Teile eines Bildes in Bezug auf ein abgebildetes für „falsch“, etwa wenn ein armseliger Maler aus Versehen menschliche Gliedmaßen unproportional wiedergibt oder den Lichteinfall falsch berechnet. Im autonomen Bild dagegen gibt es nichts Falsches.
Das kinematographische défilé, von dem Marcel Proust sprach, gibt es daher nicht. Das Bild selber steht im Widerspruch zum défilé. Das Bestreben nach Autonomie des einen widerspricht der Ordnung des anderen. Umgekehrt möchten Text-Dimensionen autonom werden, ohne ihren défilé -Charakter überwinden zu können. Nur weil wir im Kopf den Roman sehen und den Film lesen, sind diese Geschichten der Widersprüche nicht verschwunden.
Wir „verstehen“, indem wir Elemente, die sich mehr oder weniger genau beschreiben lassen, miteinander in logische Beziehung setzen. Die Beziehung, nicht die Beschreibung, ist der „Sinn“. Logische Beziehungen wiederum sind Elemente, die sich miteinander in Beziehung setzen lassen. Und so weiter. Wissenschaft geht zurück auf die beschreibbaren Elemente, Kritik dagegen fügt den Beziehungen weitere hinzu. Mehr oder weniger logische Beziehungen zwischen Systemen, zum Beispiel dem System eines Films und dem System eines Wahrnehmungscodes. (Oder zwischen einem Bild und einer Regierung.)
Das défilé ist eine Illusion der Auswahl. Ein défilé der Waren, ein défilé der Körper, ein défilé der Thesen. Film ist die Auflösung des défilés. So dass auch der Kritiker fehl geht, wenn er glaubt, auswählen zu können, als säße er vor einer Nummernrevue.
Je komplizierter „Film“ wird, desto einfacher soll Kritik werden, als sei ihre Aufgabe vor allem die „Komplexreduzierung“. Das ist entweder Irrtum oder Korruption.


Guten Tag, Herr Seesslen.
Ich habe Ihre Kritik zu Inglourious Basterds gelesen und ich denke, Sie haben den Film nicht ganz verstanden. Haben Sie einen Kriegsfilm erwartet, welcher der Geschichte treu bleibt? Dann haben Sie wohl noch nie einen Tarantino Film gesehen. Da hat es mit Treue nicht viel zu tun…
Inglourious Basterds ist der Film auf den jeder, der die Nazis verachtet, gewartet hat. Ich, als Deutsche, habe einen sehr starken Hass gegenüber Nazis entwickelt, ob aus Hitler Zeiten oder gegenwärtig. Hitler kam damals davon, bzw. er konnte sich selber umbringen. In dieser Version wird er gestellt und kaltblütig umgebracht, so wie er es mit 6 Millionen Juden gemacht hat. Also bitte, wer will schon die wahre Version zum 30′000 Mal sehen! So hätte es eigentlich sein sollen und es ist ein gutes Gefühl, es wenigstens als Fiktion in einem Film zu erleben!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Hochachtungsvoll,
Martina Reuschenbach
@Martina Irgendwie ein skurriler Kommentar. Jemandem zu unterstellen einen Film nicht verstanden zu haben, zeugt von Unverständnis gegenüber dem Vorgang des Verstehens selbst. Andererseits ist deine Lesart auch nicht zu verachten: Der Film scheint bei dir ein Gefühl der Katharsis hervorzurufen, im Sinne eines “Rachepornos”, um es mit Eli Roth zu sagen.
Tarantino „Unverschämtheit“ zu unterstellen sehe ich hier als pures Kompliment! Es würde ihn freuen.