Jul 11 2009

SCHÖNE LANDSCHAFT, ALTE HEIMAT

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Allgemeines, Gesellschaft.

Was meine Heimatzeitung am Freitag besonders wertvoll macht ist eine Beilage aus dem Deutschen Supplementverlag (Nürnberg) namens „rtv – Das Fernsehmagazin Ihrer Zeitung“, der man entnehmen kann, was man sich in der kommenden Fernsehwoche alles ersparen kann.

Glaubt man den Anzeigen in „rtv“, und was sollte glaubwürdiger sein als Anzeigen, so wird diese Fernsehbeilage vor allem von Menschen gelesen, die Probleme mit dem Gehen haben (18 Anzeigen unterschiedlicher Größe preisen Treppenlifte, Wannenheber und Elektromobile), die sich gern selbst medikamentieren (Beine, Potenz, Nagelpilz, Schmerzsalbe und Bluthochdruck) und ganz wild auf Tageshoroskope sind, die man unter 0900-Nummern bekommen kann.

Und außerdem, so ist zu vermuten, gehen diese Menschen gern auf Reisen, zum Beispiel mit der „Donau-Preissensation mit Inklusiv-Paket!“. Oder aber, mit „trendtours“ – „Unterwegs mit netten Leuten!“ – mit einem „Aktions-Angebot“ für (echt jetzt) 399 Euro kann man mit großem Ausflugs- und Erlebnis-Programm eine Woche verbringen: „Schöne Landschaften und alte Heimat: Ostpreußen“. („Ostpreußen“ natürlich fachgerecht mit einer Anmutung gotischer Buchstaben geschrieben.) Besucht werden unter anderem Thorn, Sensburg, Rössel und Rastenburg, und dort ist der Abstecher zur „Wolfsschanze“ so wichtig, dass er gleich zweimal erwähnt wird. Natürlich, das will ja jeder mal gesehen haben, das „Führerhauptquartier“, und weil einem die deutschsprachige Gästebetreuung bei den „schönsten alten deutschen Städten“ ebenfalls gleich mehrfach zugesichert wird, muss der Trendtourist keine Angst haben, dass ihm bei der Andacht der „neuen, alten Schönheiten Ostpreußens“ irgendein Pole frech dazwischen quatscht.

Die Wolfsschanze hat der Führer selber so benannt, weil sein Deckname, ach ist das nett, eben „Wolf“ war, und gleich nebenan ist das „Göring-Quartier“ und, noch eine Schönheit Ostpreußens, die Feste Boyen, wo die Abwehrabteilung „Fremde Heere Ost“ gern einmal ein bisschen härter mit russischen Kriegsgefangenen umging. Auch nach „Graudenz“ führt uns der Weg durch schöne Landschaften und alte Heimat, in jene Stadt, die die deutsche Wehrmacht noch im Februar 1945 zur „Festung“ erklärte und die zu sechzig Prozent zerstört wurde.

Nach dem Besuch von Führerhauptquartier, Festung und ähnlichen „Zeugnissen mittelalterlicher Kultur“ kann man sich entspannen, bei einem „Ostpreußischen Abend mit Kutschfahrt, Musikbegleitung und einem typisch masurischen Eintopf“. Und Satelliten-TV wird einem in der alten Heimat auch zugesichert. Damit wir in „Ostpreußen“ unsere „Dorfmusikanten“ nicht verpassen, oder Guido Knopp mit „Hitlers willige Hunde“.

 

 

 

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