Jul 10 2009

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Bayern, Gesellschaft, Krise.

Zweiter Klasse

Es war der schiere Übermut, der Herrn Reiner und Herrn Kainer veranlasste, an einem halbschönen Sommertag einen Ausflug unternehmen zu wollen, und zwar mit der Deutschen Bahn.

„Sehen Sie sich nur diesen Bahnhof an!“, staunte Herr Reiner, der die einstige Schalterhalle nach ihrem Umbau bewunderte. „Was es hier alles zu kaufen gibt! Hier ist ein Spielplatz für Kinder. Dort gibt es Probeabonnements  für „Christ und Hund“. Und dort kann man sogar ein Automobil gewinnen“.

„Wie passend“, warf Herr Kainer ein. „Wer Glück hat, muss nicht mehr Eisenbahn fahren“.

„Bücher. Kräuter. Asiatische Spezialitäten. Italienische Spezialitäten. Lassen Sie uns einen original italienischen Espresso nehmen und dieses kleine Paradies bewundern.“

„Ja“, meinte Herr Kainer, „jetzt müsste man nur noch diese lästigen Züge abschaffen“.

„Was reden Sie denn da! Ein Bahnhof ohne Züge. Da könnte man für den Espresso höchstens noch die Hälfte verlangen. Kein Mensch würde ein Auto gewinnen wollen. Und die schönen Fahrkartenautomaten. Die Informationsbeamten. Die Schalter…“

„Ich sage ja nicht, dass es keine Fahrkarten mehr geben sollte. Nur die Züge sollte man abschaffen.“

„Aber Fahrkarten ohne Züge sind doch unsinnig!“

„Sagen Sie das nicht. Schauen Sie, bei uns im Viertel hat die Deutsche Post, weil sie ja Personal sparen muss, den letzten Briefkasten abmontiert. Das sah jetzt natürlich hässlich aus, der leere Fleck an der Mauer. Also haben sie etwas anderes hingehängt.“

„Und zwar?“

„Einen Briefmarkenautomaten. Jetzt kann man da, wo man früher seine Briefe eingeworfen hat, Briefmarken für Briefe kaufen, die man nicht mehr einwerfen kann.“

„Das ist eine Logik!“

„Ja, nicht wahr. Man ging von der vollkommen richtigen Annahme aus, dass eine Briefmarke nur einerseits ein Zettelchen ist, das die Berechtigung zur Inanspruchnahme einer postalischen Dienstleistung bescheinigt. Andererseits ist nämlich eine Briefmarke nichts anderes als der sichtbare Ausweis eines tief empfundenen Begehrens: Ich will einen Brief schreiben. Und Sie wissen ja, wie das ist. Wenn man ein tief empfundenes Begehren nur richtig ausdrücken kann, dann ist man schon halb zufrieden. Schatz, ich wollte Dir ja schreiben, da schau: Ich habe eine Briefmarke gekauft. Übrigens gibt unser neuer Briefmarkenautomat aus Prinzip kein Rückgeld, so dass derjenige, welcher seinem tief empfundenen Begehren, einen Brief zu schreiben, Ausdruck verleihen will, gern einmal ein paar Euro-Cent zusätzlich zahlt.“

„Und genau so wollen Sie es mit einem Bahnhof machen? Sie kriegen Fahrkarten, aber es fahren keine Züge?“

„Genau. Stellen Sie sich vor: Rom. Malmö. Gunzenhausen. Ganz wie es einem beliebt. Man kauft sich eine Fahrkarte und hat das tiefe Begehren, eine Bahnreise zu unternehmen, perfekt ausgedrückt. Und dann trinkt man seinen Kaffee…“

„Seinen sündhaft teuren Kaffee.“

„..sodass jeder sehen kann: Dieser Mensch hätte ohne weiteres eine Bahnreise nach Genua unternehmen können. Aber er verzichtet großzügig darauf. Das heisst: Wir alle, das System, verzichtet für ihn. Das ist gut für die Umwelt und noch besser für die Wirtschaft. Hat doch unlängst ein „Wirtschaftsweiser“ gemeint, dass der private Konsum nix bringt für die Wirtschaft. Die wirtschaftliche Zukunft gehört dem reinen Geldverkehr.“

„Wenn das Schule macht. Denken Sie nur: Sie kaufen sich eine Theaterkarte, aber es gibt keine Vorstellung. Keinen Faust.“

„Noch besser: Keine Publikumsbeschimpfung. Oder denken Sie an das Kino. Hunderte von Millionen Euro könnten da eingespart werden. ‚Terminator 5’ wird erst gar nicht mehr gedreht.“

„Gott sei Dank.“

„Und das Publikum ist hochzufrieden. Es hat sich eine Eintrittskarte gekauft und seinem tief empfundenen Begehren Ausdruck verliehen, es ordentlich krachen zu lassen. Fußball! Wie viel Beinbrüche und Miniskusschäden könnten da vermieden werden. Oder: Sie gehen in ein Bekleidungsgeschäft, zahlen 250 Euro und kommen unbekleidet wieder heraus.“

„Ja, da fühlen Sie sich wie ein Kaiser“.

„Beim Zahnarzt: Nie wieder bohren. Oder ein Polizist. Er sagt zum Einbrecher: Bitte sehr, mein Herr, bedienen Sie sich. Ich werde nämlich nicht etwa fürs Nichtstun bezahlt, sondern für das tief empfundene Begehren der deutschen Bevölkerung nach Sicherheit. Dazu habe ich extra eine Uniform.“

„Und jetzt kommt natürlich unsere Regierung…“

„Nein, die kommt eben nicht. Die bleibt daheim. Denn mit der Bezahlung unserer Steuern haben wir unserem tief empfundenen Begehren Ausdruck verliehen, regiert zu werden.“

„Wenn ich aber doch gar nicht regiert werden will!“

„Ja, mein Gott, dann zahlen Sie eben keine Steuern. Da werden Sie schon sehen, was Sie davon haben.“

„Wenn ich es mir recht überlege“, Herr Reiner studierte die wachsende Anzahl verzweifelter Menschen vor dem Fahrkartenautomaten, die Gesichter der Informationsbeamten und die Preistafel vor dem Cafè für Reisende, „dann will ich auch keine Fahrkarte kaufen“.

Herr Kainer stimmte zu, und die beiden Herren gingen, statt an den schönen Tegernsee zu fahren, in den Zoo, wo sie ihrem alten Freund, dem Orang Utan, das Neueste aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen mitteilten, was dieser mit erstaunlicher Gelassenheit aufnahm.

Hätten Herr Reiner und Herr Kainer gewusst, was ihnen durch den Verzicht auf die Fahrt von München nach Tegernsee (und zurück) alles erspart blieb, das Weißbier im Zoologischen Garten hätte ihnen noch besser geschmeckt, als es dies ohnehin tat.

 

 

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