Jul 02 2009
DIE ZUKUNFT? FRAGT DEN WETTERFROSCH!
Super – Illu, oder was?
Es gilt als ausgemacht: 90% unserer Medien bestehen aus Schwachsinn, Obszönität und schlechtem Geschmack. Und warum? Na, weil es die Leute so wollen. Zwischen der Werbung wollen sie weder Politik noch Kultur, nichts Anstrengendes und nichts Intelligentes. Sondern Schwachsinn, Obszönität und schlechten Geschmack.
Aber irgendwer muss das außer den Leuten ja noch wollen. Denn die Leute wollen ja auch Mindestlöhne, Kindertagesstätten und Lehrmittelfreiheit. Aber kriegen sie das? Natürlich nicht, denn das will eben keiner außer ihnen.
Schwachsinn, Obszönität und schlechter Geschmack sind ein ideales Umfeld für Werbung, Public Relations und politische Beeinflussung. Und die geht zum Beispiel so: In der Zeitschrift Super-Illu (Nr. 24 vom 4.6. des Superwahljahres 2009) findet sich zwischen dem „Duell der Giganten“ (gemeint sind Fernsehentertainer Jauch, Raab und Kerner) und „Dank Botox ist mein Hals wieder gerade“ etwas Wahlwerbung für die CDU und für eine Art „Lotterie-Sparen“ der Sparkasse mit dem gesetzlich verordneten Hinweis: „Spielen kann süchtig machen. Hinweise zur Spielsuchtgefährdung und zu Hilfsmöglichkeiten liegen in den Sparkassen-Geschäftstellen aus.“ Kasino-Kapitalismus für uns Arme: „Wecke den Glückspilz in dir“. Ohne Schwachsinn, Obszönität und schlechten Geschmack wäre das gar nicht zu verkaufen, und über „Ginkobil“ (Gedächtnisprobleme), „Biolectra“ (nächtliche Wadenkrämpfe), „Magnetrans“ (Verspannungen) und „Accu-Check“ (Blutzucker) will ich gar nicht reden. Sondern über etwas, das man auch noch mit Schwachsinn, Obszönität und schlechtem Geschmack verkaufen kann. Den Arbeitgeber-Kapitalismus.
Drei mal eine drittel Seite Anzeigen mit grinsenden Prominenten finden sich da, von denen man erst einmal gar nicht weiß, was einem da verkauft werden soll. Es geht um eine „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, und wer wollte etwas gegen soziale Marktwirtschaft haben, höchstens, stellt sich die berechtige Frage: Was zum Teufel ist mit der „Alten Sozialen Marktwirtschaft“ passiert?
Sehr viel interessanter ist ja die Frage, warum hierzulande alle so bedingungslos an die Notwendigkeiten des Marktradikalismus geglaubt haben und, glaubt man den Umfrageergebnissen, es offenbar immer noch tun. Eine der einfachsten Antworten darauf ist: Weil sehr viel Geld dafür ausgegeben worden ist, es uns glauben zu machen. In Deutschland hat die Arbeitgeber-Organisation mit dem schönen Titel „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ vermittels der Werbeagentur Scholz & Friends nach Mittel und Wegen gesucht, und sie offensichtlich auch gefunden, den sogenannten unabhängigen elektronischen und gedruckten Medien bestimmte Schlagworte schmackhaft zu machen. Sie mussten einfach nur immer wieder vorkommen. Die wichtigsten hießen: „Weniger Staat, mehr Privatisierung“, „die Politik ist auf der Seite des Mittelstandes“ und „Lohnnebenkosten müssen gesenkt werden“ und „Der Staat muss sparen, weil ‚wir’ über unsere Verhältnisse gelebt haben und die Staatsschulden nicht unseren Kindern vererben dürfen“. Es genügte dann, dass die Politiker diese Schlüsselsätze nicht nur immer wieder aufgriffen, sondern sie auch mit einem Zusatz versahen. Er lautete „alternativlos“, manchmal auch „Sachzwang“.
Diese „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ versorgt klamme Universitäten mit, nun ja, „Rhetorik-Kursen“, richtet Veranstaltungen aus und sendet unaufhörlich Sickerbotschaften nach allen Regeln der Werbestrategie, in denen man zum Thema Krise etwa folgendes erfährt:
„In Deutschland wachsen seit Jahren die Zweifel am Nutzen des freien Welthandels, während beispielsweise in Asien geradezu eine Globalisierungseuphorie herrscht. Sie hat dazu geführt, dass die Armut weltweit seit 20 Jahren in beeindruckender Weise zurückgeht. Dabei haben Meinungsumfragen herausgefunden, dass die Akzeptanz der Globalisierung in den Industrieländern mit dem Grad der Informiertheit zunimmt. Aufklärung hilft also, um Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung zu zerstreuen und Zuversicht zu erzeugen. Deutschland ist, das zeigen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, unterm Strich ein großer Gewinner der Globalisierung“.
Diese Form der Globalisierungspropaganda als Schwurbel von Schlagworten und unterschwelligen Botschaften (wenn ihr nicht mit uns auf die neoliberale Globalisierungspauke haut, frisst euch der globalisierungseuphorische Chinese grinsend den Arbeitsplatz weg!), die natürlich unterschlägt, wie auch im eigenen Land, bevor man den Strich zieht, Menschen Arbeitsplätze und soziale Sicherung verlieren, und dass, wenn Deutschland ein großer Gewinner der Globalisierung ist, offensichtlich auch große Verlierer erzeugt werden, stammt von einem im Jahr 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründeten Unternehmen, dem – nach der Selbsteinschätzung – „marktwirtschaftlich orientiere Denkfabriken“, Werbeagenturen und Nachrichtendienste zuarbeiten. Jährlich wird diese Organisation allein von den Gründern mit 8,3 Millionen Euro unterstützt, hinzu kommen weitere Wirtschaftsverbände, die sich organisatorisch und finanziell beteiligen. Zu den erklärten Zielen gehören als marktwirtschaftliche Reformen: Rückzug des Staates aus den Wirtschafts- und Finanzkreisläufen, Abschaffung aller Begrenzungen für den Handel mit Finanzdienstleistungen, Senkung der Steuern und Senkung der Sozialabgaben mit dem Ziel der Förderung von Eigeninitiative, Abbau der betrieblichen Mitbestimmung der Arbeitnehmer, Deregulierung des Arbeitsrechtes, Flexibilisierung der Löhne und der Arbeitszeiten, Einführung und Erhöhung der Studiengebühren an Schulen und Universitäten und strengere Auswahl der Studierenden. Ob Kachelmann, Ruge und Co wissen, für was sie da Reklame machen, wenn sie dreist behaupten: „Soziale Marktwirtschaft macht’s besser, weil sie ein Wachstumsklima und keine Klimakatastrophe schafft“.
Man weiß gar nicht was schlimmer ist: Wenn sie für Geld jeden Quatsch verkaufen oder wenn sie den Quatsch auch noch selber glauben.
Der Aufklärungselan der globalisierungskritischen Bewegung ist zum Scheitern verurteilt, wenn er nicht nur auf eine massive Gegenaufklärung sondern auch gegen eine hoch budgetierte Verblödungsmaschine trifft, in der nicht nur zentrale Begriffe der Kritik aufgenommen werden, sondern in der auch jene sich ein Zubrot verdienen, die, wollte man tatsächlich im Mainstream ankommen, natürliche Verbündete sein müssten: In der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ finden sich Journalisten, Ökonomen, Demoskopen, SPD-Mitglieder, ein ehemaliger Sprecher der Bündnis-Grünen; sie finanziert eine Journalistenschule des RTL, stellt an deutschen Schulen Unterrichtsmaterial zur Verfügung und kreiert Slogans wie „Sozial ist was Arbeit schafft“, die von CDU und FDP gleichermaßen in ihre Wahlkampfstrategie eingearbeitet wurden.
In der Sendung „Monitor“ vom 13.10.2005 erklärte der Medienwissenschaftler Professor Siegfried Weischenberg von der Universität Hamburg: „Die ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft’ ist höchst erfolgreich, weil es ihr gelungen ist, so einen neoliberalen Mainstream in den Medien durchzusetzen. Und das konnte auch leicht gelingen, weil die Medien kostengünstig produzieren müssen. Sie sind sehr darauf angewiesen, dass ihnen zugeliefert wird, hier gibt’s eine Lobby, die sehr wohlhabend ist. Das ist natürlich eine sehr, sehr problematische Geschichte, weil die Medien nicht das tun, was sie tun sollen. Die Journalistinnen und Journalisten fallen sozusagen aus der Rolle, weil sie nicht kritisch kontrollieren, weil sie die Interessen nicht transparent machen.”
Für eine soziale Bewegung, die eben gerade nicht auf Krawall und Aufmerksamkeit sondern auf Überzeugung und Aufklärung setzt, ist die strukturelle Korruption der gesellschaftlichen Institutionen, der Medien, der Schulen, der Universitäten am Ende tödlich. Die Grunderfahrung, dass man nicht mit den besseren Argumenten sondern mit der größeren Wirtschaftsmacht in die Zentren der öffentlichen Diskurse gerät, und dass potentielle Medien und potentielle Verbündete bereits rettungslos im Kreislauf der strukturellen Korruption festsitzen, trifft als Lähmung insbesondere die Jugendlichen an der Basis. Deshalb ist es doppelt schändlich, wenn sich sogenannte Promis aus der öffentlich-rechtlich (also auch mit unserem Geld) produzierten Medienblase für die Propagandamaschine der Arbeitgeber hergeben, von der selbst „Scientology“ noch was lernen könnte.
Mein bescheidener Rat: Ausschalten wenn Kachelmann kommt. Sich „unabhängige“ Fernsehjournalistinnen nicht mehr gefallen lassen, die sich als Arbeitgeber-Grinser ein Zubrot verdienen. Und das Life-Killer-Egoshooter-Spiel namens „Biathlon“ sollen diese doppelten Schießläufer-Deppen bitte unter sich ausmachen!

