Jun 23 2009
NOTIZEN VON DER AUTOBAHN
Wir fahr’n fahr’n fahr’n
„Der Deutsche“, sagt Kurt Tucholsky, „fährt nicht wie andere Menschen. Er fährt, um Recht zu behalten“. Man kann also an der Art, wie Deutsche Auto fahren, ablesen, was dieses Volk gerade so mehrheitlich als „Recht“ versteht. Zu Tucholskys Zeiten nämlich konnte sich ein deutscher Autofahrer beim Recht behalten auf die Obrigkeit verlassen. Reines Glück war es dann, im Blick des weiß uniformierten Verkehrspolizisten zu bestehen, um anschließend jemanden von der Fahrbahn zu scheuchen, der sich dort widerrechtlich befand oder gar, wo kommen wir da hin, einem zu solcher „Berechtigten“, die „Vorfahrt“ zu nehmen gewagt hatte. „Wo haben Sie denn Ihren Führerschein her?“ Im deutschen „Führerschein“ findet sich der Widerschein des Führer-Prinzips. Jedermann sein eigener Führer, das wäre uns Deutschen denn doch zu demokratisch. Daher ist jeder deutsche Autofahrer der klassischen Schule fest davon überzeugt, der einzige zu sein, der einen Führerschein wirklich verdient hätte.
Unter der semantischen Vereinfachung und Globalisierung haben deutsche Autofahrer gelitten wie Hunde auf der Autobahn! Denn der Verkehrspolizist wandelte sich von einer regelnden zu einer strafenden Instanz, dafür nahm die Anzahl der Zeichen zu. Stop-Schilder schauen dich an, Ampeln verheißen Eindeutigkeit, und das Gespenst des Rechthabens kommt als „Geisterfahrer“ zurück. “Achtung, auf der Autobahn bei Mönckersheim kommt Ihnen ein falsch fahrendes Fahrzeug entgegen!” – Eines? Ha! Hunderte von Falschfahrern kommen mir da entgegen! Wo haben die bloß ihren Führerschein her?
In der Wirtschaftswunderzeit haben in der Bundesrepublik vor allem jene Autofahrer Recht behalten, die das Autofahren noch im Krieg gelernt hatten. Im Unrecht waren da von vorneherein die automobilen Vertreter der Nachkriegsgeneration, die mit viel zu viel PS und viel zu wenig Disziplin schon die Revolte vorbereiteten, die die 68er dann zu Fuß fortsetzten. Allerdings in solchen Mengen, das einfach kein Durchkommen mehr war. Der Terror der langhaarigen linken Studenten begann mit der Verstopfung der Straßen. Dazu hatten sie kein Recht.
Spätestens in den siebziger Jahren aber setzte sich auf den deutschen Straßen ein anderes Recht durch. Auf das obrigkeitsstaatliche Recht-Haben folgte das Recht des ökonomisch stärkeren, so wie auf die Utopie des „Wohlstand für alle“ das „Freie Bahn für freie Bürger“ gefolgt war. Recht hatte, wer das teurere Auto besaß, der VW-Käfer musste verschwinden, und die studentische „Ente“ war dem fleißigen deutschen Bürger schon deswegen ein Dorn im Auge, weil er nur in einem immer schneller war: Im Besetzen eines Parkplatzes. Allerdings: Der Wirtschaftswunder Mercedes-Fahrer à la Heinz Erhardt wurde von einem Sportwagenfahrer-Sohn à la Peter Krauss bedroht (also mehr oder weniger mit den eigenen Waffen); die Ente dagegen war eine irgendwie auch sexuelle Unbotmäßigkeit. Dieses Gefährt schien nicht zum Recht haben sondern zum Schaukeln bestimmt. Enten, darin wenigstens war der krisengebeutelte Mittelstand einig, gehören nicht auf die Autobahn
Die Antwort auf automobile Sinnkrisen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft hieß BMW. Der Erwerb eines dieser süddeutschen Automobils für Besserverdienende bedeutet zugleich: Recht-Haben aus Prinzip. Wer sich ein solches Auto leisten kann, darf dafür erwarten, dass man ihm immer und überall Recht gibt. Deshalb ist BMW-Werbung („Aus Freude am Fahren“ – Also: Das Fahren selber soll Freude machen, nicht etwa das irgendwo hin kommen) immer mehr als BMW-Werbung gewesen (mit Auf und Abs in der Wirkungsgeschichte, natürlich), nämlich die Ideologie des neoliberalen Rechthabens auf der Straße. So darf man sich nicht wundern, dass BMW in Zeiten der Krise mit einer Werbe-Lyrik reagiert, die Kurt Tucholsky die Sprache verschlagen hätte:
„FREUDE
Auf diesem Wort wurde ein Unternehmen erbaut,
unabhängig von allem,
verpflichtet nur Einem, dem Fahrer.
Wir bauen nicht einfach nur Autos.
Wir erzeugen Emotionen.
Wir sind Garant für Begeisterung, Faszination und Gänsehaut.
Wir finden neue Formen der Freude, für die es keine Worte gibt.
Wir sind die Freude am Fahren“.
Und so geht das weiter, als Sonderbeilage in den großen Zeitungen, und endet:
„Noch effizienter, noch dynamischer.
Wir geben der Welt die Schlüssel zur Freude und diese geht damit auf große Fahrt.
Und während andere versuchen, alles zu versprechen, versprechen wir nur eins.
Das persönlichste, schönste und menschlichste aller Gefühle.
Freude.
Das ist es, was uns bewegt.
Freude ist BMW.“
Ja, bei Rilke und Benn, Freude schöner Götterzündfunken. Noch effizienter, noch dynamischer. Wenn Sie im Rückspiegel einen BMW sehen, fahren Sie nach rechts, lassen sie ihn effizient und dynamisch überholen. Denn der Fahrer (Götterzündfunken spüren offensichtlich nur, sagen wir, Menschen die männlich fühlen) ist nicht nur aus ökonomischen Gründen prinzipiell im Recht, sondern auch im Zustand lyrischer Besoffenheit. Im Natural High der Krisengewinner.
