Jun 02 2009

MANAGER-TROMMELN IN KRISENZEITEN

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Krise.

“Vergesst nicht, was ihr alles gemeinsam schaffen könnt, wenn ihr eure Kräfte vereint!”

Wir leben (ist Ihnen das schon aufgefallen?) nicht einfach in einer „Wirtschaftskrise“ oder einer „Krise des Kapitalismus“ – von der wir schon jetzt wissen, wer davon profitiert, und wer die Zeche zahlt. Wir leben in einer Krise der großen Welterzählung. Das Märchen zerfällt vor unseren Augen. Aber ach, nicht das helle Licht von Tag und Aufklärung erwartet uns danach, wir schleppen uns vielmehr durch einen großen Scherbenhaufen zum alltäglichen Weitermachen. Nichts stimmt, nichts passt mehr zusammen, und wer es schon immer gewusst haben will, kriegt von uns auch kein Freibier.

Aber ehrlich: Watend durch den Scherbenhaufen der großen Erzählung kommt einem manches Juwel unter. Scherben, die einen kaputten Charme ausstrahlen, Scherben die eine echte Blutspur zeigen, und nicht zuletzt: Scherben von ungemein komischer Gestalt. Zum Beispiel dies (aus dem Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. Mai 2009):

“Trommeln für den Teamgeist

Kaum etwas verbessert den Zusammenhalt unter Mitarbeitern so sehr wie gemeinsames Trommeln, behaupten Unternehmenstrainer – zu Besuch bei einem Trommelworkshop.“

Und dann wird erzählt von so einem Trommelworkshop, für den sich deutsche Manager gern einmal nach Towcester, UK-Northhamptonshire, nach Sitges im sonnigen Spanien (Vier Sterne Ressort) oder wenigstens nach 63128 Dietzenbach im schönen Deutschland begeben, man gönnt sich ja sonst nichts. Dort sollen, so im FAZ Bericht, die Mitarbeiter der Marketingabteilung eines internationalen Unternehmens “fit gemacht werden für die kommenden Monate.”

“Natürlich kann man nicht erwarten, dass, wenn einmal im Januar zusammen getrommelt wird, danach alle für den Rest des Jahres ohne Differenzen zusammenarbeiten” erklärt entschuldigend der Geschäftsführer des Unternehmens Proske Group, das von Rosenheim aus Großveranstaltungen für Konzerne wie Siemens, Coca Cola oder Glaxo Smith Kline organisiert. Aaaaber: “Ein Trommelworkshop kann der Teamstruktur eine neue Richtung geben.”


– “Entschuldigung, könnte ich wohl mal den Chef sprechen? Ich verstehe nicht ganz, warum man mir das Urlaubsgeld streicht.”

– “Den Chef? Der ist nicht da. Der ist mit den Herren vom Führungsstab beim Trommeln in Sitges. Da geben sie der Teamstruktur eine neue Richtung. Und jetzt raus hier.”


Laut FAZ muss man sich das segensreiche Manager-Trommeln in der Krise, nein in Sitges, so vorstellen: “Nach fast drei Stunden treffen die drei Gruppen wieder im großen Saal zusammen. Aus den sehr kontrolliert wirkenden Mitarbeitern ist eine Horde lärmender und lachender Menschen, ein wildes Percussion-Orchester geworden. Sie schlagen auf tief klingende Trommeln ein, klopfen mit Holzstäben auf große Klanggabeln sowie auf eine Art Kuhhörner. Alle wippen, schaukeln oder schwingen mit den Hüften…”

Tut mir leid, ich muss hier abbrechen. Die Vorstellung von trommelnden Marketing-Managern, Schlipsen, Rolex-Uhren, Klanggabeln und Kuhhörnern – es ist zu komisch. Und dann, wenn genug Kindergeburtstag gespielt, genug „wilder Mann“ und „Lockerungsübung“ absolviert ist, kommt ja noch die Moral: “Macht euch bewusst, was ihr hier erreicht habt!”, ruft ein gewisser Herr Freitas: “Vergesst nicht, was ihr alles gemeinsam schaffen könnt, wenn ihr eure Kräfte vereint!” Eine schöne kleine Krise, ein paar nette Massenentlassungen oder wenigstens ein Marketingkonzept auf Klanggabel-Niveau, vielleicht?

Ich behaupte: Unser Wirtschaftssystem wird nicht von Nieten geführt, wie einst ein eingeweihter Autor in einem Buch behauptete.

Sondern von Vollidioten.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “MANAGER-TROMMELN IN KRISENZEITEN”

  1. Hannaham 28 Jun 2009 um 22:24 Uhr.

    Ich glaube, die meisten Manager trauen sich schon gar nicht mehr, ihre Rolex am Arm zu tragen. Oder vielleicht haben sie die auch schon verpfändet. Ich glaube, die einzigen, denen die Krise nichts ausmacht, sind die Leute bei Rolex selbst. Luxusgüter dieser Art scheinen sich ja irgenwie immer zu verkaufen. Bekommen eigentlich die Mitarbeiter bei Rolex alle automatisch so eine Uhr an den Arm gebunden? Das wäre ja mal was…

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