Mai 11 2009
ÜBER SCHÖNHEIT
Ein Quantum Grauen
Früher einmal war die Welt überall schön. Zu glauben, die Welt sei an der Cote d’Azur oder auf der Zugspitze von Natur aus schöner als in Wanne-Eickel oder Nowosibirsk gehört zur romantischen Entfremdung. Die dramatische Landschaft ist nur deswegen schöner als die sanfte Landschaft, weil die sanfte Landschaft dem Menschen nichts entgegen zu setzen hat (höchstens Endlosigkeit und Unbewohnbarkeit).
Schön ist die Welt heute nur noch, wo sie sich dem Menschen widersetzt. Ein Meer, das man nicht austrocknen kann, ein Berg, den man nicht abtragen kann, einen Fluss, den man nicht begradigen kann. Reste passen in Reiseprospekte. Schön ist die Natur heute nur noch, wo sie früher böse war. Schön ist die Welt nur dort, wo der Mensch an ihr gescheitert ist. Deshalb sind Friedhöfe schön.
Seltsamerweise macht nicht das Glück die Landschaft schön. Sondern im Gegenteil ein Quantum Grauen. Genau das ist das Grauen der Schönheit von Landschaften. Schön findet es der Mensch nur an Orten, an denen er eigentlich nichts zu suchen und nichts verloren hat. Früher einmal war die Welt überall schön.

Der Wanderer über dem Nebelmeer (Caspar David Friedrich)


Ein schöner Beitrag!
landschaft ist eine reliefarbeit
“Überall ist es besser, wo wir nicht sind” – (So heißt übrigens auch ein Film von Michael Klier aus dem Jahre 1988)