Mai 09 2009
VERBIETEN
Koalition will Gotcha und Paintball verbieten
Toll, sagen unsere Medien, Gotcha und Paintball werden verboten. Jetzt werden wir wieder menschlicher. Und toll, sagen sie, wie gleich darauf der eine Boxer dem anderen in die Fresse haut. Toll, wie unsere Mädels und Jungs (meistens aus Sportabteilungen der Bundeswehr) schießen und dann davon brettern können. Wir nennen das nicht Gotcha sondern „Biathlon“. Toll, wie unser Staat sich um unsere Moral kümmert, und wenn man die bösen Spiele verbietet, dann kommen doch gleich viel weniger Amokläufe vor, gell.
Wahrscheinlich verhält es sich so, dass Gotcha und Paintball einfach keine Lobby haben, wie es die Waffenindustrie und der Boxsportverband und der Skiverband haben. Deswegen werden sehr viel leichter „Fangen“ oder „Völkerball“ (mit diesem üblen „Abschießen“ der gegnerischen Spieler) verboten, auch „Dame“ und „Halma“ sind, wenn sich die Lobby der deutschen Brettspiele nicht schleunigst wappnet, auf die Verbotsliste gesetzt. Im Gegenzug, man macht ja mal einen Deal, können wir beim „Monopoly“ den Besitz der Schlossallee mit einer Sonderabgabe für gentechnikfreie Babynahrung belegen. Und „Schiffe versenken“ während des Ethik-Unterrichts bleibt verboten.
Jedes Verbot in einer demokratischen Gesellschaft hat zwei Seiten. Die eine Seite ist (oder sagen wir mal: wäre) die Realisierung eines gemeinschaftlichen oder mehrheitlichen Willens. Eine Gesellschaft will etwas nicht haben, weil sie weiß, es schadet ihr. Das aber ist das Paradox des Verbotes, es unterstellt einen Impuls. In den Briefkasten des Nachbarn zu urinieren müsste normalerweise nicht verboten werden, da wir davon ausgehen, dass niemand dies tun würde, der Wert darauf legt, Mitglied dieser Gemeinschaft zu sein. Erst das Verbot erzeugt den Briefkastenurinierer. Und wenn die Medien sich entsprechend verhalten, dann wird Briefkastenurinieren durch das Verbot zu einem Massenphänomen. Nicht, dass jeder und jede in den Briefkasten des Nachbarn zu urinieren versuchte, vielmehr unterstellt jeder und jede dem Nachbarn (oder wenigstens den Leuten im letzten Haus links), nur auf die Gelegenheit zu warten, in den geliebten Briefkasten zu urinieren. Nun müssen nur noch zwei Dinge geschehen: Es entsteht (aus Gründen, die wir kennen), das Gerücht, geringfügig verdienende Soziologen mit Migrationshintergrund hätten eine besondere Neigung, in nachbarschaftliche Briefkästen zu urinieren, und ein Politiker benötigt dringend Legitimations- und Wahlkampfstoff.
Jedes Verbot einigt und trennt zugleich. Wer ein Verbot haben will, der will zugleich eine Trennungslinie. Es ist nachvollziehbar, dass man eine Trennungslinie zwischen sich und Mördern, Kinderschändern oder Gammelfleischverkäufern ziehen will. Ist es nachvollziehbar, zwischen sich und einem Paintball-Spieler eine Trennungslinie zu ziehen, während in deutschen Haushalten zehn Millionen Schusswaffen lagern? Das Verbot ist eine Übersprungshaltung: Die Obrigkeit (und nicht die Gesellschaft) verbietet etwas, was sich verbieten lässt, weil sie etwas, was sie verbieten müsste, nicht verbieten kann (und auch nicht verbieten will). Solch eine Ersatzhandlung wäre zunächst nichts weiter als eine Lachnummer. Aber es geschieht noch etwas anderes: Das „Verbieten“ als radikalste und nachhaltigste Form eines gesellschaftlichen Konsens’ wird in sich entwertet. Es ist offensichtlich eine Mischung aus Obrigkeitswillkür und Profilneurose. Am schlimmste aber: Die obrigkeitliche Geste eines solchen Verbotes unterstellt nicht nur den Betroffenen entweder schon beinahe kriminell zu sein oder mit einem Bein im Wahnsinn zu stehen, sie unterstellt vielmehr dem Rest der Untertanen den Zustand fortgeschrittener Verblödung.
Nun muss man ja Kampfspiele wie Gotcha und Paintball deswegen nicht mögen. Es gibt im übrigen verdammt viel in dieser Gesellschaft, was man nicht mögen muss. Aber das Verbieten ist in einer aufgeklärten, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft etwas, das nur auf einer gemeinschaftlichen Anstrengung des Nachdenkens und Abwägens beruhen kann. Dumme Verbote können in einer Demokratie hoch gefährlich sein.
Die zweite Seite des Verbietens ist die Schaffung und Legitimierung von Macht. Der fürsorglich verbietende Staat rechtfertigt und realisiert seine Macht. So verspricht er uns etwa, uns vor „Kinderpornographie“ zu schützen (ohne es wirklich zu können). Natürlich möchten wir auch davor geschützt werden – wie vor manchem anderen. Gleichzeitig müssten wir diesem Staat, um uns von ihm schützen zu lassen, auch trauen. Vor kurzem wurde ein Politiker mit Schwerpunkt der Medienpolitik wegen des Besitzes von „kinderpornographischem Material“ angeklagt und verlor seine politische Karriere. Er verteidigte sich mit dem Hinweis, er sei Opfer einer politischen Intrige geworden (pikanterweise offensichtlich aus dem eigenen Lager angezettelt). Beide Erklärungen, nämlich man habe den Bock zum Gärtner gemacht, wieder einmal, oder aber, ein unliebsamer Gärtner sei als Bock gemobbt worden, scheinen gleich wahrscheinlich. (Und man weiß nicht, was von beidem mehr zum Kotzen ist.) Statt uns also gegen etwas Entsetzliches und Unverzeihliches zu schützen, baut das politische System es in sein internes Machtspiel ein. (Jungpolitiker als Gotcha-Spieler entlarvt! X behauptete, nur aus sozialen Gründen mit Farbe geschossen zu haben. Der Ortsverband beschloss den Ausschluss des Politikers, der bereits wegen kritischer Äußerungen über den Ortsverbandsvorsitzenden aufgefallen war.)
Wer überwacht die Wächter? Das war die Kardinalfrage der römischen Republik. Sie wurde beantwortet, indem man die Republik abschaffte. Das Verbot von Gotcha und Paintball ist also eine politische Farce, die natürlich dem Wahlkampf geschuldet ist, ein Aktionismus über dessen Unangemessenheit und Unklugheit man lachen könnte, wäre da nicht ein verhängnisvoller Nebeneffekt: Es ist/wäre ein Verdachtsverbot, ein Symbolverbot, ein Verbot, das Moral heuchelt, wo es Demokratie abschafft. Und das zugleich mit einer kleinen Demonstration der Stärke, die wahre Schwäche des Staates aufzeigt.
Das Verbot dieser Art ist daher ein Boomerang, es beweist nämlich die Ohnmacht des Staates. Und damit wiederholt sich als triviale Farce, was in größerem Maßstab längst dramatischer Alltag geworden ist, nämlich, dass uns dieser Staat zum Beispiel nicht vor der zunehmenden Präsenz und Gewalttätigkeit der Neonazis zu schützen imstande ist. Dass er uns allein lässt, wenn es um den Verlust der Würde, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit geht. Dass er nicht den Bürgern sondern den Lobbyisten gehört.


Dieser Text ist mit Abstand das Beste, was ich bisher zur gesamten Verbotsdebatte gelesen habe.