Mai 07 2009

SO BUNT WIRD DER SOMMER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Krise.

Das Volks-T-Shirt

Ganz Deutschland redet über den Pullover von Sergio Marchionne. Der muss so furchtbar bedeutsam sein, dass sich mit diesem Pullover die Zukunft der deutschen Ökonomie deuten lässt. Je nach Standpunkt muss dringend die Pulloverisierung der Chefetagen in Deutschland verhindert werden, oder aber die Pulloverisierung ist die Antwort auf die Krise des Neoliberalismus.

Viel zu wenig, wieder einmal, wird von einer ähnlichen symbolpolitischen Modeerscheinung am anderen Ende der sozialen Skala berichtet. Nämlich vom Volks-T-Shirt. Das Volks-T-Shirt ist „eine gemeinsame Volks-Aktion von KiK und Bild.de“. Es sind die üblichen Scheußlichkeiten für Kinder, Damen und Herren, in „verschiedenen Modellen, Farben und Größen“, und zwar sind es Streifen für den Mann, vielleicht darf es noch etwas Sportliches sein, Blumen für die Dame, florales Geflecht und erlesene Tüddeligkeit, und für die Kinder muss man noch einmal unterscheiden, zwischen Jungs, voll krasses Schrift- und Zeichen-Durcheinander und für die Mädchen Herzchen, Kringel und, klar, wieder Blumen. Die Besitzer von deutschen Volks-T-Shirts von KiK und Bild.de sind über ihre Volks-T-Shirts unheimlich glücklich, so sehe ich das im Prospekt, der meiner Gratis-Wochenzeitung beigelegt ist. Ich unterbinde im übrigen die donnerstägliche Lieferung dieser Gratis-Zeitung nicht mit einem dieser schmucken „Keine Werbung, keine Prospekte, kein Wochen-Kurier“-Aufkleber auf dem Briefkasten, erstens weil mir der „Keine Werbung, keine Prospekte, kein Wochenkurier“-Aufkleber in seiner Mischung aus deutschrentnerischer Rechthaberei und grünalternativem Schmock peinlich wäre, und zweitens, weil ich an die Leute denke, die verdammt noch mal auf die paar Euro angewiesen sind, die sie dafür bekommen, Stunden bevor mein ohnehin relativ früh terrorisierender Wecker losgeht, durch die holperigen Straßen unserer Altstadt Stapel dieser nervtötenden Umschläge für die Werbeprospekte zu verteilen, in denen man zwischen den Anzeigen auch noch erfahren kann, wie toll die Plakette war, die der Schützenverein für die Meisterschützen verliehen hat.

Zurück zu den Volks-T-Shirts der gemeinsamen Volks-Aktion von KiK und Bild.de. Sie kosten pro Stück, und da kann man nun wirklich nicht meckern, einen Euro und neunundneunzig Cent. Das ist preiswert, wenn man bedenkt, dass man damit nicht nur ein, den Fotos nach, glücklich machendes Textil erwirbt, sondern auch eine semiotische Rekonstruktion der klassischen Geschlechterrollen. Mit dem Volks-T-Shirt von KiK und Bild.de sind Jungs wieder Jungs, Mädchen wieder Mädchen, Damen wieder Damen und Herren wieder Herren. Schön, dass sich dabei auch der blond-und-blauäugig-Teil der idealen T-Shirt-Familie mit dem etwas südlicheren einig ist.

Nun könnte man freilich auf die Idee kommen, die Spur zu verfolgen, die ein Volks-T-Shirt von KiK und Bild.de, übrigens in 2.700 KiK-Filialen europaweit, so auf der Welt hinterlässt, bevor es seine volkstümliche 1,99 Euro-Marke erreicht. Es ist eine Spur der Verarmung, der Ausbeutung, der Verdrängung, deren letzten Eindruck wir in der Begegnung mit der armen kik-Verkäuferin erhalten, die mit letzter Kraft freundlich sein möchte, wenn sie uns das Volks-T-Shirt von KiK und Bild.de einpackt. Plastiktüte kostet extra.

Den Lidls und Aldis und KiK gehört der Markt der „kleinen Leute“. Was der Kommunismus nie geschafft hat, möglicherweise sogar nie gewollt hat, das schafft der späte Kapitalismus offensichtlich mühelos, nämlich das große Gleichmachen. Und was Hedgefonds in der Finanzwelt sind, das sind die Discounter in der Welt der Realwirtschaft, sie schaffen die Voraussetzung für ihren Profit selber: Sie schaffen den Kaufkraftverlust, der ihnen wiederum die Kundschaft zutreibt. Nicht weil es da so böse, böse Manager und ihre Gier gibt (jedenfalls kenne ich den Gier-Faktor von KiK-Managern nicht), sondern weil es die politische Ökonomie so will. Dem fehlt dann nur das ideologisch-narrative i-Tüpfelchen, und dass dazu die Bild-Zeitung das richtige Label ist, leuchtet beinahe so ein, wie der derzeitige inflationäre Gebrauch des Wortes „Volk“ in der Werbung. Übrigens, gleich neben dem KiK gibt es einen kaum weniger trostlosen Einkaufsbau, der sich „Volksdiscounter“ nennt.

Wer bei KiK einkauft (vielleicht, nachdem er oder sie des frühen Morgens KiK-Prospekte verteilt hat) gehört bestimmt nicht zu den Gewinnern der Krise. Ein T-Shirt für 1,99 EUR ist, trotz des mülligen Designs, ein Teil des täglichen Überlebens. Denn noch, wenn auch am unteren Rande, ist man Teil des Marktgeschehens, fällt autonome Kaufentscheidungen, mehr oder weniger. Aber der Preis ist viel höher als man ahnt. Und hat neben der ökonomischen auch eine kulturelle Seite: Das Volks-T-Shirt von KiK und Bild.de definiert nicht nur eine soziale sondern nun auch eine ideologische Zugehörigkeit. (Und wer’s nicht glaubt, dem drohe ich ein Pro-Seminar über Farbsymbolik, Applikations-Semiologie und Werbe-Inszenierung an.)

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