Mai 06 2009

KRISE, WAS FÜR EINE KRISE?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Krise.

Aus der Chronik des kapitalen Schwachsinns

Die Verlagsbeilage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 05.Mai 2009: „INNOVATIONSOFFENSIVE“

Was die Bilder anbelangt scheint Innovation eine Sache für sportliche junge Frauen (große Bilder) und alte Männer (kleine Bilder) zu sein. Die Frauen sind wohl eher metaphorisch, die Männer eitel. Nun kommen (ausnahmslos alle) Titel:

„SPITZENPOSITION AUSBAUEN“
(Autor: Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Berlin)

„VORSPRUNG SICHERN“
(Autor: Günther H. Oettinger, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg)

„TUGENDEN PFLEGEN“
(Stephan Rahn, Manager Corporate Innovation Marketing beim Multitechnologiekonzern 3M Deutschland GmbH, Neuss)

„VOM FERNSEHEN LERNEN“ – Jetzt echt, oder?
(Autoren: Professor Dr. Uwe Faust, wissenschaftlicher Leiter, Professor Dr. Hannes Utikal, Dekan des Fachbereichs Betriebswirtschaftslehre, Provadis Hochschule, Frankfurt/Main)

„WERKZEUGKASTEN FÜR DEN MITTELSTAND“
(Autor: Ewald Heinen, Geschäftsführer des Instituts für Technik der Betriebsführung in Karlsruhe (itb) im Deutschen Handwerksinstitut e.V.)

„AUFBRUCH ZU NEUEN GRENZEN“
(Gespräch mit Professor Dr. Dr. Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München)

„NEUGIER IST UNSER ANTRIEB“
(Gespräch mit Andreas Barner, Sprecher der Unternehmensleitung und weltweit verantwortlich für Pharmaforschung, Entwicklung und Medizin im Pharmakonzern Boehringer, Ingelheim)

„BRUTSTÄTTEN DES WACHSTUMS“ – Geile Überschrift, was?
(Autor: Professor Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, München)

„STILLSTAND VERSPIELT WOHLSTAND“
(Autor: Professor Dr. Michael Eilfort, Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft)

„WANDEL SCHAFFT VORSPRUNG“
(Autoren: Markus Garn, Leiter Innovationsprojekte und Herausgeber des Magazin „Innovationsmanager“, Daniel Schleidt, verantwortlicher Redakteur des Magazins „Innovationsmanager“, F.A.Z.-Institut GmbH, Frankfurt am Main)

„WENN DER WIDERSTAND BRICHT“
(Autoren: Dr. Kai Eangel, Partner bei A.T. Kearney, Düsseldorf und Leiter der European Innovation und R&D Management Practice und Dr. Eva Diedrichs, Manager bei A.T. Kearney, Düsseldorf und Mitglied der European Innovation and R&D Management Practice)
- Und keine Sorge, gemeint sind natürlich „Innovationsinitiativen“ und nicht etwa Lohnverhandlungen.

„FÜR DEN AUFSCHWUNG RÜSTEN“
(Autor: Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender sowie Vorstand Technology and Market Positioning bei der Festo AG, Esslingen)
- Moment mal: „Für den Aufschwung rüsten“? Nein, so ehrlich wie diese Überschrift ist der Blubber-Artikel selber dann doch nicht.
Weiter:

„DER RICHTIGE SCHRITT“
(Professor Dr. Thomas Müller-Kirschbaum, Corporate Senior Vice President von Henkel, Düsseldorf)

„SOLIDE BASIS“
(Professor Dr.-Ing. Dieter-Heinz Hellmann, Vorstand der KSB, Frankenthal)

„WERTE SCHAFFEN“
(Dr. Martin Stark, Mitglied der Unternehmensleitung bei Freudenberg & Co, Weinheim – die Fragen stellte Daniel Schleidt)

„WENN DER SCHROTTHÄNDLER ZUM KUNDEN WIRD“
(Autoren: Patrick Merke, Projektmanager im TOP-Team, Daniel Schleidt, leitender Redakteur des Magazins „Innovationsmanager“, F.A.Z.-Institut GmbH, Frankfurt am Main)

„KRISELT DIE MITTELSTANDSFINANZIERUNG?“
(Autor: Professor Dr. Thomas Heimer, Dekan der Frankfurt School of Finance & Management, Frankfurt am Main)

„JEDER MENSCH IST KREATIV“
(Autor: Dr. Jörg Mehlhorn, Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität, Mainz) - Was, Donnerwetter, macht eine Gesellschaft für Kreativität so im Laufe des Tages?

Bei so viel Optimismus lässt sich auch die dazugehörige WERBUNG in der F.A.Z. Verlagsbeilage „ Innovationsoffensive “ nicht lumpen:

„Jetzt sind Vorausdenker gefragt.“ (PriceWaterhouse)

„Konjunkturprogramm II – Impulse für Wachstum – Förderung bietet Perspektive für Ihre Innovationen“ (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie/Zentrales Informationsprogramm Mittelstand ZIM) – Was es nicht alles gibt.

„STEP Award 2009 – 100.000 Euro für Wachstumsunternehmen“ (step-award.de)

„Das Ganze sehen. Globalisierung bedeutet für uns: weltweit nah beim Kunden sein“
(SEW Eurodrive)

„Impulsprogramm für Wirtschaft und Technologie – Das Fitness-Programm für Ihr Unternehmen“ (Schon wieder: „Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie“, dort gibt man offensichtlich eine Menge Geld aus, um Geld an die Wirtschaft ausgeben zu können.)

„Willkommen in der Denkfabrik“ (Freistaat Thüringen)

„Deutschlands innovativstes Bundesland lädt ein zum ‚Innovation – Unternehmergipfel 2009’, am 5. Mai in Stuttgart“ (Baden-Württemberg. „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“)


So weit, so dadaistisch die Verlagsbeilage „Innovationsoffensive“ der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland“. Eine verbale Illustration der Idee von Walter Benjamin: Die furchtbarste aller Katastrophen ist es, dass alles genau so weiter geht wie vorher. Die Verlagsbeilage der F.A.Z. (unnütz zu sagen: Verantwortet von Daniel Schleidt vom F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformation GmbH, Abteilung „Innovationsprojekte“) als Gesamtkunstwerk des populistischen Medienkapitalismus beschert uns Sätze, die man so schnell nicht vergisst: „Unsere erfreulich volle Pipeline enthält in fortgeschrittenen Phasen potentielle Medikamente für Typ 2 Diabetes, weibliche sexuelle Dysfunktion, Lungenkrebs und Verhinderung von Schlaganfall bei Kammerflimmern. Für Letzteres haben wir schon Pradaxa auf dem Markt“. Das ist schön, dass der Markt von Diabetes, Lungenkrebs und sexueller Dysfunktion „derzeit von der Krise in der Relation deutlich weniger betroffen“ ist.

Natürlich ist die Sprechblase, die sich unser Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, schreiben hat lassen, die erste und beste; sie fasst alles noch einmal wunderbar zusammen: „Eine gelebte Innovationskultur im Unternehmen, kreative, motivierte Mitarbeiter, die Bereitschaft zur Kooperation und eine sichere Finanzierung sind der Schlüssel zu innovativen Produkten und damit zu langfristiger Wettbewerbsfähigkeit und für Wachstum“. Schauen Sie, so einfach ist das. Und wir Dummerle da unten glauben schon, der Kapitalismus sei in der „K-r-i-s-e“, bloß weil wir unsere Arbeit verloren haben, die Bank uns in die Schuldenfalle treibt, unser Sparsümmchen nichts mehr wert ist, weil die Bank ja vom Staat billiger Knete bekommt als von den blöden Sparern. Krise, bloß weil wir die Ausbildung unserer Kinder nicht mehr bezahlen können, die Pflege der Oma asiatische Schwarzarbeiterinnen erledigen müssen, die Schlangen vor den Wärmestuben und „Tafel“ – Essenausgaben länger werden. Das sind alles Leute, die den Schlüssel zur Innovation verloren haben. Die keine Innovationskultur leben. Selber schuld. Dann ist es halt nichts mehr mit der Wettbewerbsfähigkeit und dem Wachstum.

Wer nichts zu sagen hat, sagt oft aus Versehen die Wahrheit. Deshalb muss man, um die Krise zu verstehen, gelegentlich auch eine Verlagsbeilage der Allgemeinen Zeitung für Deutschland lesen. Deshalb der schönste, dümmste und böseste Satz (unter vielen schönen, dummen und bösen Sätze in dieser Beilage) zum Schluss, und natürlich aus „Für den Aufschwung rüsten“:

„Die geistige Elite ist immer auch Hoffnungsträger der Zukunft und sollte unter den veränderten Rahmenbedingungen so wenig leiden wie möglich“.

Ich sag es mal höflich: Auf eine geistige Elite aus der F.A.Z.-Verlagsbeilage „Innovationsoffensive“, die so wenig leiden will wie möglich (reicht doch, wenn das Hartz-IV-Gesocks leidet!) – auf die können wir getrost verzichten.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “KRISE, WAS FÜR EINE KRISE?”

  1. Edgar Blumeam 31 Mai 2009 um 12:15 Uhr.

    Das große Ticken, oder Werbung in der Krise

    In der aktuellen Magazin-Beilage (Nr. 22, 29.5.09) der Süddeutsche Zeitung findet der geneigte Leser sechs ganzseitige Anzeigen für Chronometer. Unter der Überschrift: „Stil leben – Hochkultur“ tauchen bunte, wasserdichte und nicht ganz preiswerte Modelle von Cartier und Dior. Und Rolex bietet für die erfahrenen Skipper unter uns „Yacht-Master II“ „mit einer programmierbaren Countdown-Funktion, die mit dem Regattastart synchronisiert werden kann.“ Gibt aber vorsorglich keine Gewähr: „Allerdings liegt es ganz an Ihnen und Ihrer Crew, die Regatta auch zu gewinnen.“

    Auch das ZEIT MAGAZIN dieser Tage (Nr. 23, 28.05.09) bewirbt Zeitmesser. In einem redaktionellen Artikel (eher eine schlecht getarnten Anzeige) wird die Frage gestellt „Was zeigt die Uhr?“. Der Autor Tillmann Prüfer stellt das digitale „Lange Zeitwerk“ (Armbanduhr, Preis bis 56.000 Euro) vor und gleichzeitig fest „dafür bekommt man mehr als Status: bei keiner mechanischen Uhr ließ sich die Zeit bislang besser ablesen.“
    Was die Uhr zeigt? Die Glashütte Jubiläums-Uhren auf der 4. Umschlagseite des Magazins jedenfalls zeigen krisengrauen Einheitslook, und der Werbetext bringt es auf den Punkt:

    “Es gibt delikates farbiges Grau an der Schwelle zum Rosa. Das ist Treuenbrietzen. Welches, das silbern oder bläulich wirkt wie der Himmel im März, fast wie Schwarzenberg. Grau kann Dunkellila sein, siehe Dessau, fast Azurblau oder monochrom in Grün fallen, Oliv erzeugen. Grau kann fast alles, GRAU KANN DEUTSCHLAND SEIN: 20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es eine limitierte Edition von 20 Orion-Modellen, die Einheits-NOMOS. Jede Uhr ist grau, und jede Uhr trägt den Namen eine Stadt.”

    20 Jahre nach dem Mauerfall: Grau kann Deutschland sein. Und jede Uhr trägt den Namen einer Stadt. Ausnahmslos einer Stadt in „der ostdeutschen Provinz”.

    (”ostdeutsche Provinz” sowie die folgenden Informationen sind zitiert von der website: http://www.glashuette.com).

    Edgar Blume

    Das Grau
    Die unterschiedlichen Grautöne sind keineswegs beliebig; der Gestalter dieser Uhr, der Berliner Michael Paul, 34, hat Städte in der ostdeutschen Provinz besucht, die Grauwerte gemessen und daraus Zifferblätter gemacht.

    Der Preis
    Der Preis richtet sich nach dem Boden: 1.240 Euro kosten die Exemplare mit Glasboden, 1.040 Euro die anderen. Nur eine Uhr fällt mit 4.360 Euro und auch sonst etwas aus dem Rahmen: Modell Glashütte. Diese Stadt, so fand man bei NOMOS, hat ein massiv goldenes Gehäuse verdient.

    Die Städte
    Folgende sind die 20 Einheits-NOMOS-Städte:
    Budysin, Dessau, Eisenhüttenstadt, Glashütte, Grimmen, Herrnhut, Hildburghausen, Lichtenstein, Ludwigslust, Lützen, Pasewalk, Schildau, Schmalkalden, Stendal, Schwarzenberg, Templin, Treuenbrietzen, Weimar, Weißwasser und Wurzen.

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