Unterwegs (13)

In einem kleinen Straßencafé unweit der Stadt S. P. beobachtete ich träge die Passanten, als eine Dame mit einem mittelgroßen Hund vorbeikam. Beim zweiten Hinsehen erkannte ich die Züge von Dilma Rousseff. Da gab es kein Vertun, das musste sie sein, die Ähnlichkeit war einfach zu groß. Und doch war das unmöglich, denn sie betraf nicht die Dame, sondern ihren Hund. Ich empfand meine Beobachtung mehr als ungalant, schon eher sexistisch, wenn nicht gar gänzlich unmöglich. Ein Hund kann nicht aussehen wie Dilma Rousseff, weil Dilma Rousseff nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Hund hat. Aus lauter Scham über mich selbst bestellte ich noch ein Bier. Es war eisgekühlt, perlte wunderbar und bildete eine gute Grundlage zur Versöhnung mit mir.

*

„Ein herrlicher Blick, nicht wahr? Sehen sie den großen Turm dort drüben?“
„Nein.“
„Sonderbar. Sie sind heute schon der dritte.“

*

Der Sinn des Woandersseins liegt im Anderssein. Wenn ich woanders nicht anders wäre, könnte ich doch gleich daheim bleiben. Na, was heißt schon daheim.

*

Die Fähigkeit von Menschen bewundern, die so tun, als wüssten sie nicht, von wem sie regiert werden.

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (34)

Eine frühe Abendsonne, wie Robert Musil sie zu beschreiben vergessen hat, brach durch die noch grünen Blätter des Kastanienbaums, der nur zu bald, wie alle die Biertrinker und Philosophen in seinem Schatten wussten, unter dem Einfluss der Miniermotten in wesentlich unansehnlicheren Farben dastehen würde. Doch mit diesem Kastanienbaum hatte es eine ganz besondere Bewandtnis.

Es brütete nämlich in ihrem mächtigen Geäst eine Ente, und das schon seit mindestens drei Jahren. Die Ente im Kastanienbaum war eine Sensation im ganzen Viertel. Man sprach über sie, sehr viel lieber als über das Wetter, den Fußball oder die Gefahren international operierender Terrororganisationen. Und wenn die Sonne schien war der Biergarten ihres Vertrauens auch für die Herren Reiner und Kainer daher um eine Attraktion reicher.

Es ist vollkommen klar, dass eine Ente bzw. ein Erpel (denn man schien sich hier in der Brutpflege durchaus abzuwechseln) von der Natur nicht allzu günstig ausgestattet wurde, was Start- und Landevorgänge in einem Kastanienbaum anbelangt. Weiterlesen

Satire Debatte: Höfliche Bitte eines Rüsseltiers

(Ein politisches Gedicht in Edgar P. Kuchensuchers Manier)

Ich wollt’ ich wär’ ein Ferkel

Dann oinkt ich zu Frau Merkel:

Liebe Kanzlerin, ich bitt

Nimm diesen Brief nach Ank’ra mit

An Erdogan, den lieben Freund,

Der’s gut mit Flüchtlingsströmen meint.

Drin steht: Erdie, altes Haus

Die Satire-Sau lass ich nicht raus

Doch bitte lass auch Du sie sein:

Die Schmähkritik am deutschen Schwein.

DIE KLUGEN KÖPFE

Wenn zehn kluge Köpfe etwas sagen, dann gilt es im Mainstream als ausgemachte Dummheit. Wenn ein öffentlicher Dummkopf es auch sagt, dann gilt es als große Klugheit. Der öffentliche Dummkopf aber, das ist seine Aufgabe, sagt immer erst etwas Kluges nach, wenn es zu spät ist, daraus noch sinnvolle Schlussfolgerungen zu ziehen. So verwandelt der öffentliche Dummkopf noch das Klügste in eine Dummheit. (Und auch die klügsten Köpfe dieser Welt wissen nicht, wie sie dem begegnen sollten.)

*

Aber wer ist schon ein „kluger Kopf“? Niemand stellt sich hin und sagt: Leute, ich bin ein kluger Kopf. Naja, fast niemand.

Deswegen sollte man das mit den klugen Köpfen nicht allzu sehr ans Charismatische binden. Es gibt nun eben brillante Darsteller des Prinzips „kluger Kopf“. Andere, vielleicht noch klügere, zweifeln überhaupt an dem Prinzip.

Irgendwo gibt es einen Club der anonymen klugen Köpfe. Mein Name ist Heinz, und ich bin ein kluger Kopf. Schön, dass du dich so offen dazu bekannt hast. Jetzt beginnt die lange Arbeit, die Klugköpfigkeit zu überwinden. Ganz los wird man sie, wie den Alkoholismus, nie im Leben.

*

Ein kluger Kopf ist einer, der weiß was er sagt. Das ist lebenstechnisch gesehen, reichlich dumm. Er ist nicht einer, der „nicht auf andere hört“ (manche, die lieber weise als klug sein wollen, machen es so), sondern einer, der anders auf andere hört. Weder im Wettbewerb noch in der Unterwerfung.

Da sind wir bei der Autonomie; das musste ja kommen.

*

Im Club der klugen Köpfe wird hauptsächlich herumgealbert. Kindisch, sowas.

*

Kluger Kopf. Das ist so wundervoll altmodisch, so weit weg, so arrogant und deplatziert. Eine Schnittmenge von Rock’n’Roll und Staubsüchtigkeit. Weiterlesen

Wirres Zeug

Jeder klare Gedanke ist ein Schnitt durch wirres Zeug. Jedes Denken wächst inmitten von wirrem Zeug. Aber will das Geschnittene, will das Gewachsene denn daran denken, wie sehr es vom wirren Zeug abhing? Natürlich nicht. Einen klaren Gedanken verkaufen kann man nur, wenn man ihn vorher von allem wirren Zeug gereinigt hat (ein wenig so wie der Schlachter sein Messer oder der Schlächter sein Schwert).

Wirres Zeug, gewiss, gilt als schön, wenn es als Kunst dargestellt und gebannt ist. Dann hat das wirre Zeug sein goldenes Gefängnis. Und vor dem Kunstwerk ist es erlaubt, ja nachgerade geboten, wirres Zeug zu reden.

Gutes Denken müsste indes aus einer Zärtlichkeit gegenüber dem wirren Zeug entstehen. Und ein guter Gedanke sollte nie vergessen, dass er aus wirrem Zeug geboren wurde.

Aber Vorsicht! So lebendig das wirre Zeug ist, so unmoralisch ist es auch. Der klare Gedanke, der sich als Schnitt oder Wachstum versteht – das eine gehört zum anderen, so dass schon hier das Verhältnis nicht ausschließlich friedlich gedacht werden kann – ist nicht der einzige Weg. Aus wirrem Zeug kann so vieles entstehen. Ideologien, Religionen, Verschwörungsphantasien. Weiterlesen

Die Rückkehr der Braut des Sohnes des Merz-Hasen!

Ich hatte sie ja schon lange aufgegeben, die Suche nach dem Merz-Hasen. Aber ich habe es geahnt: Man muss den Familiensonntag nur mit anderen Augen sehen. Und schon ist er da.

Von: BERLINISCHE GALERIE Newsletter<berlinischegalerie-bounce@berlin.kulturkurier.de>
Datum: 24. März 2016 um 19:08:31 MEZ

Betreff: NEWSLETTER 26.03.-01.04.2016

 

INHALT

ÖFFNUNGSZEITEN ZU OSTERN
FÜHRUNGEN
FAMILIENSONNTAG: MIT ANDEREN AUGEN
BENEFIZ-KUNSTAUKTION VON TERRE DE FEMMES
ÖFFNUNGSZEITEN ZU OSTERN

Unser Haus ist an allen Ostertagen zu den üblichen Zeiten geöffnet.
Wir wünschen bunte und sonnige Tage und freuen uns auf Ihren Besuch:
Karfreitag, Samstag, Ostersonntag, Ostermontag von 10:00 bis 18:00 Uhr!
Auch unser Café Dix begrüßt Sie gerne zu Kaffee und Kuchen.

http://www.berlinischegalerie.de

 

Die Chancen einer neuen Aufklärung

Kleine Vorüberlegungen

„Bildung zerfällt in Kultur und Aufklärung“ sagt Moses Mendelssohn in seinem Aufsatz „Über die Frage: was ist aufklären?“ aus dem Jahr 1784. Umgekehrt könnte man wohl sagen, dass sich Bildung nur aus Kultur und Aufklärung zusammensetzen lässt. Bildung ohne Aufklärung zerfällt in Mythos und Ideologie.

Moses Mendelssohn fügt hinzu: „Bildung, Kultur und Aufklärung sind Modifikationen des geselligen Lebens.“ Dabei wird unter Kultur das Schöne und Nützliche und unter Aufklärung Theorie und Kritik verstanden. Nichts von beidem steht hoch im Kurs derzeit. „Kultur“ ist nach Mendelssohn nämlich nur „durch gesellschaftlichen Umgang, Poesie und Beredsamkeit“ zu erlangen. (Eine der Ursachen von Ent-Aufklärung ist die Entgesellschaftlichung des Lebens.)

Daraus wird ziemlich klar: Aufklärung ist keine Sache, die aus einem Kommunikationsverhältnis zwischen gar noch dazu „selbst ernannten“ Aufklärern und ihren Adressaten, gar noch einem „Volk“ entsteht. Aufklärung muss man wollen, und sie entsteht aus gemeinsamer kultureller und semantischer Praxis.

Man kann, mit anderen Worten, Aufklärung nicht „herstellen“. Selbst wenn das Wissen, das Interesse, die Medien, die Techniken und die Sprachen vorhanden sind, ist daraus keine Aufklärung zu gewinnen, wenn sie sich nicht als soziale Praxis verwirklicht.

Was wir von Aufklärung derzeit sagen können ist weder, dass sie unterdrückt, noch dass sie von anderen Sinnsystemen überlagert wird. Wir können nur sagen, dass Aufklärung nicht geschieht. Weiterlesen

Legende

Eines Tages, lang wird es her gewesen sein, da kehrte der lang abhanden gekommene Gott, nachdem er sich erfreulicheren Regionen seiner Schöpfung gewidmet hatte, wieder einmal nach Deutschland zurück. Und da fand er wieder einmal nur Hass, Missgunst und völkische Mordlust. Und das Land wieder in Trümmern. Dabei hatte Er doch gerade, wie er fand, den Deutschen ein schönes, ein reiches, ja sogar ein Land geschenkt, das zu Philosophie und Poesie anregte. Aber nein, sie hassen sich untereinander so, dass sie sich keine andere Gemeinschaft als die des Hasses vorstellen könnend. Ihr schönes Land verwandeln sie immer wieder in Schlachtfeld und Brache. Dass sie bei alledem auch noch seinen Namen missbrauchten, war Gott einigermaßen egal. Gott ist nämlich nicht so eifersüchtig, wie seine Dokumentaristen glauben. Es erzürnte ihn vielmehr die schiere Niedertracht dieser Menschen, die auf ihre Bosheit auch noch stolz waren, nur weil sie eben, weil sie in Liebe nicht vereint sein konnten oder wollten, sich in ihrer Bosheit vereint wähnten. Als wären Sünden keine Sünden mehr, nur weil man sie im Namen von Nation und Volk verübte. Ganz im Gegenteil, dachte Gott, aber er wusste natürlich, dass er dem deutschen Volk keinen solch klaren Gedanken zumuten konnte.

„Deutsche!“, donnerte Gott (er war wirklich ein wenig angefressen). „Habt ihr denn gar nichts gelernt? Wenn ich sehe, was ihr wieder getan habt, wieder und wieder, und was ihr wieder tut. Und wie ihr redet und wie ihr denkt! Ist denn mein Sohn umsonst gestorben? – Ich habe ihn noch gewarnt: Gehe nicht zu den Menschen, lass das! Weiterlesen

Die Einschläge kommen näher – „Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“

Wenn man die Bilder der Pegida-Demonstrationen in all ihrer erlesenen Hässlichkeit sieht, möchte einem schon grauen vor der dumpfen Roheit und der durch Bier und Fernsehen gezüchteten Blödheit des „unkultivierten Pöbels“. Also sehnsuchtsvoller Rückzug in die Tempel der Hochkultur, nicht wahr. Zum Beispiel in die Kölner Philharmonie, wo der aus dem Iran stammende Cembalist Mahan Esfahani ein Steve Reich-Konzert gibt. Das verspricht einen wahren Genuss, zumal Herr Esfahani vor der Musik noch ein paar einführende Worte zu dem anbietet, was dann zu hören sein wird. Allerdings in englisch, aber wir sind hier ja unter gebildeten und gesitteten Menschen. Oder?

Aber nein. Dieses bürgerliche Publikum eines Konzerthauses lässt sich doch so viel Fremdes nicht gefallen. Man zischt und murrt und hört damit auch nicht auf, als die Musik begonnen hat. Das Konzert wird abgebrochen.

Schon zwei, drei mal in der deutschen Geschichte haben wir auf ein gehobenes, kulturell informiertes „Bildungsbürgertum“ gehofft und sind schwer enttäuscht worden. In Deutschland ist auch ein Konzertsaal kein Raum mehr für internationalen Austausch, Interesse und Anstand. Hier kommt Pegida mit Abitur. Hier greift die neue deutsche Mischung aus Verrohung und Verblödung endlich nach der fast schon vergessenen Hochkultur.

Ab morgen spielen wir wieder Wagner nur für Volksdeutsche. Nicht dass man uns noch mal irgendwelche Flüchtlinge so entartete Musik spielen lässt!

*

Europa als Idee und Utopie war ein kulturelles Projekt, und seine Verkünder reagierten, seit dem Französisch-Deutschen Krieg im 19. bis hin zu den Zeiten des „Kalten Krieges“ im 20. Jahrhundert auf die großen Krisen des Kontinents. Sie konstruierten, gegen die reale Politik und die reale Ökonomie, eine „geistige Einheit“ (sie deckte sich mehr oder weniger mit der Vorstellung vom „Abendland“). Nicht obwohl, sondern gerade weil es keine politische und ökonomische Einheit gab, konnten die Autoren von Benedetto Croce bis Romain Roland die kulturelle Utopie Europa aufrecht erhalten. Nun, da sich, wennzwar keine politische, so doch eine ökonomische Einheit auf der Tagesordnung findet, zerbricht diese kulturelle Utopie vor unseren Augen. Weiterlesen

Kleinigkeiten (45)

Unsere medialen Erzählmaschinen scheinen derzeit einem gewaltigen Irrtum aufzusitzen. Sie sind offenbar der Meinung, dass man eine halbwegs diesen Namen verdienende demokratische Zivilgesellschaft nur schützen kann, wenn man sie zugleich zu einer Konsensgesellschaft erzieht. Daher ergibt sich dieses etwas degoutante Bild von einer Presse, die alles daran setzt, eine gemeinsame Erzählung zu generieren, Abweichler rasch und heftig zu desintegrieren, und den Mainstream der Meinungen so weit als eben verträglich nach rechts zu lenken, weil es nun eben der Markt halt so will.

Einer dieser Konsenskonstruktionen lautet in etwa: Donald Trump ist ein so grotesker rechter Idiot, dass nur Hillary Clinton ihn bezwingen kann und den politischen Frieden wieder herstellen. Der linke Kandidat Bernie Sanders kann da nur als Störenfried gelten, den es kleinzuschreiben gilt. Von seinen AUSSAGEN ist in der hiesigen Presse so gut wie nichts zu lesen.

Umgekehrt wird auch ein kognitives Beschweigen vermittelt; dass seinerzeit mit der Ukraine-Berichterstattung mit ihrem leicht ins Hysterische lappendem Mainstreaming ziemlich schief gelegen ist, mag niemand hören oder lesen. Daher Schwamm drüber.

Das Mainstreaming der Flüchtlings-Erzählung freilich überschreitet im Wesentlichen bereits den Rahmen zivilgesellschaftlicher Codes. Das Aber im Ja, aber wird nicht nur lauter, es wird zum eigentlichen Inhalt. Weiterlesen