Apr 18 2015

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (9)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

KUCHENSUCHERS KUNSTGEDICHTE

 

Tage des Herrn D.

Am ersten Tage malt der Otto

Schwere Köppe nach sei’m Motto:

Die Welt ist hässlich wie sie ist

Am zweiten Tag zeigt er den Mist,

Den Menschen mit ihr angestellt

Am dritten Tag Spitzhund, der bellt

Kriegsgewinnler und Versehrte

Der Maler uns darauf verehrte

Am fünften ist er selber dran

Schonungslos schaut er sich an

Am sechsten zeigt die Pinselei

Eine Riesenschweinerei

Am siebten Tag malt Otto Dix

Mal nix.

 

Museumsbesuch

Auf einmal malte Emil Nolde

So wie keiner malen sollte

Gelbe Fratzen, schwerer Himmel

Man fragt sich doch: Was will der Lümmel?

Sind Damenwangen etwa weiß?

Ich bitte Sie: Was soll der Scheiß! Weiterlesen »

Ein Kommentar

Apr 16 2015

Aufruf! – KAUFBEUREN GEGEN TTIP – Aktionstag gegen TTIP und CETA am 18.4.2015

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Info -Stand in der Fußgängerzone

Salzmarkt 2

in der Zeit von 10 – 13 Uhr 

am globalen Aktionstag gegen TTIP und CETA  am 18.4.15

 

Wir rufen die Unterstützer-Organisationen des Bündnisses und Einzelpersonen auf, sich an der Durchführung des Info-Standes und der Unterschriften-Sammlung für das Anliegen der Europäischen Bürgerinitiative zu beteiligen.

Die geplanten Abkommen geben den Groß-Konzernen noch mehr Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren. Sie sind geeignet, das politische System und den sozialen Frieden in Europa zu gefährden. Die EU-Kommission will den zunehmenden Widerstand der Bürger ausbremsen.

Die Europäische Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, diese Abkommen zu verhindern.

Die Zahl der Unterschriften soll von 1.6 auf 2 Millionen gesteigert werden, um den politischen Druck gegen TTIP etc. zu erhöhen.

Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.

Wir hoffen auf Unterstützung von Naturschützern, Gewerkschaftern, Piraten, Grünen, Linken und allen,

denen diese geplanten Abkommen ein Dorn im Auge sind.

Der Info-Stand ist überparteilich und verwendet die Info-Materialien von Campact.

Wir wünschen uns, dass er gemeinsam von allen Bündnis-Organisationen die die Europäische Bürgerinitiative unterstützen

getragen wird.

Wir freuen uns, wenn Ihr teilnehmt und die Aktion in Eurem Umkreis und weiter bekannt macht.

 

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Apr 12 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (37)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Allgemeines.

Wozu braucht man eine EU-Kommission? In der FAZ (4. April 2015) erfährt man es. Die Kommission nämlich weiß jetzt (Erfahrungen lehrten es), „dass zwischen Erzeuger- und Konsumentenpreisen nicht zwingend ein Zusammenhang besteht.“ Echt, oder? So dass sich am Ende des Tages eine Europäische Kommission auch nicht mehr wundert, dass, was die Milch auf unserem Frühstückstisch anbelangt, „der Preis, der den Bauern gezahlt wurde, in der zweiten Jahreshälfte 2014 um 11,7 Prozent fiel, während gleichzeitig der Endverbraucher vier Prozent mehr für sein Milchprodukt berappen musste.“ Natürlich kann man sich noch weniger wundern, wenn brasilianische Kaffeebauern immer weniger für ihren Kaffee bekommen und deutsche Kaffeetrinker dafür immer mehr bezahlen müssen. Aber nicht ärgern, investieren! „Für Privatanleger gibt es börsengehandelte Fonds oder Zertifikate auf Indizes oder Körbe aus mehreren Rohstoffen und Waren, Auch in einzelne Rohstoffe wie Zucker oder Kaffee können sie investierten. Banken bieten Fonds, Zertifikate oder Derivate für spekulativere Anlegernaturen auf viele Rohstoffe an, vor alle auf diejenigen, die an Börsen gehandelt werden.“ So der Ratschlag, den die FAZ ihren gierigeren Lesernaturen erteilt. Der einzige Weg, von dem Geld, das zwischen dem Weniger der Hersteller und Mehr der Verbraucher, gemacht wird, etwas abzubringen, führt zur Bank Deines … – jetzt hätte ich beinahe „Vertrauens“ geschrieben.

*

Aber es gibt das Gute doch auch, sogar in der FAZ, oder etwa nicht? Zum Beispiel in Gestalt von Tanja Gönner, Weiterlesen »

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Apr 04 2015

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (VIII)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

(Dieses Kapitel liest sich vielleicht leichter, wenn man dazu das Gemälde »Andrew Meets the Holy Broccoli Family in the mountains of India, 1857« von Andrew Gilbert (2010) betrachtet. Vielleicht aber auch nicht.)

 

Als der Sohn Gottes erwachte, sah er zunächst ein paar blankgeputzte Stiefel, und dann einen Gewehrlauf, der auf ihn gerichtet war.

»Da haben wir ja noch so einen Judenlümmel, der geglaubt hat, sich vor uns in diesem Wald verstecken zu können.«

Der Uniformierte, der das sagte, schlug den Sohn Gottes mit dem Gewehrkolben ins Gesicht. »Es wird wirklich Zeit, dass ihr merkt, wer hier das Sagen hat.«

Der Sohn Gottes verspürte zugleich einen heftigen Schmerz und gar keinen. Wie kann so etwas sein, dachte er. Nur weil ich auf dem Planeten Brocoli das Wort »egal« zu denken gelernt habe? Blut rann ihm übers Gesicht, und doch musste er lachen.

»Los, rüber zu den anderen, Du Judenlümmel«, schrie der Mann mit den Stiefeln und dem Gewehr. Und er trat ihm in die Seite.

Der Sohn Gottes sprang auf. Er versuchte, sich vor den nächsten Schlägen, Tritten und Stößen zu schützen. Er lief vorwärts. Er spürte das Blut, das an seiner Schläfe herunterlief, und es gefiel ihm nicht. Er griff mit den Händen in den Waldboden und fühlte, wie sich Dornen in seine Hände bohrten. Ihm war kotzelend. Er hatte auf den Mann mit dem Gewehr und den Stiefeln einen solchen Hass, dass er ihn angegriffen hätte, egal was dann geschehen wäre. Aber er hatte einfach die Kraft dazu nicht mehr.

»Warum bin ich so schwach?«, fragte der Sohn Gottes.

Er sah, dass etwa ein Dutzend junger Leute, Kinder eher, in einer Reihe vorwärts getrieben wurden. Sie waren so mager, so elend. Von noch mehr Männern mit Stiefeln und Gewehren erhielten sie Tritte und Schläge, obwohl sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Weiterlesen »

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Apr 02 2015

Beute und Gespenst – Eine Skizze

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie,Denken,Gesellschaft.

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Kapitalisierung ist, seit dem, was wir uns eher mythisch als „ursprüngliche Akkumulation“ (nämlich den Gewaltakt der Entwendung und der Versklavung) vorstellen, ein unabgeschlossener und unabschließbarer Vorgang. Der Kapitalismus braucht etwas, das er „erobern“ kann. In jedem Jahrhundert seines Bestehens und in jeder seiner Erscheinungsformen scheint das etwas anderes zu sein: Ländereien, Rohstoffe, Arbeitskräfte, Ideen schließlich. In dem Stadium, in dem wir uns befinden, der Peak des „Finanzkapitalismus“, spielt die „innere Landnahme“, von der schon Rosa Luxemburg sprach, eine wichtige Rolle. Kapitalisierung greift nach den „Naturkapitalien“, wie Luft, Wasser, Bewegung etc. Nach den inneren „Werten“, der Phantasie, den Träumen, der Kunst, der Information und so weiter und zugleich übernimmt die Ökonomie, vollständiger als je, auch das Feld der Kunst. Kapitalisierung, mit einem Wort, betrifft nun nicht mehr allein das, was man umfassend genug „Gesellschaft“ nennt, sondern noch mehr das, was man früher „Seele“ nannte.

Das Nicht-Eroberte ist dem Kapitalismus zugleich Beute und Gespenst. Genau gesagt nicht Beute und Gespenst nacheinander oder gleichzeitig, sondern Gespenst als Beute, und Beute als Gespenst.

Alles Eroberte lebt als Gespenst und Beute weiter, von der Magie bis zum Kommunismus. Daher ist der Kapitalismus auch als ein gewaltiges Spukhaus zu beschreiben. Genauer gesagt, er beschreibt sich selber als solches. Er nennt das seine „Kultur“.

Diese Kultur produziert industriell, und dann postindustriell (digital) Bilder, Begriffe und Erzählungen, die von Beute und Gespenst in allen Dingen sprechen. Wenn man Beute und Gespenst denkt, „versteht“ man nahezu alles, was an Bildern, Begriffen und Erzählungen im Kapitalismus produziert werden kann. Allerdings: Das Geheimnis besteht in der Unzahl der Beute / Gespenst-Beziehungen.

Die „Arbeit“ des Kapitals besteht darin, das Gespenst in der Beute einzumauern; jede Revolte (gleichwohl sie stets wieder eingefangen und zur Produktion neuer Terrains für die innere Landnahme missbraucht werden wird) versucht, das Gespenst aus der Beute zu befreien. Dabei entstehen neue Gespenster, und damit entsteht neue Beute.

Geld ist „reine Beute“, „reines Gespenst“ und „reine Beziehung“, das heißt das zu Transformierende, die Transformation und das Transformierte, immer in neuer Gestalt (und immer in der alten: Das Geld von heute ist Beute und Gespenst des Geldes von gestern).

(Beute und Gespenst sind die  Motoren der Geschichte. Wird ihr Verhältnis prekär, so wird die Geschichte suspendiert. Geschichtslosigkeit ist ein Wesenszug des Finanzkapitalismus. Sie zu überwinden ist wohl nicht automatisch, wie man hier und da erhofft, die Überwindung auch des Kapitalismus’, sondern kann ebenso auch nur nächste Transformation bedeuten.)

Dass wir aus Angst und Lust zusammengesetzte Wahrnehmungsmuster pflegen, die wir wahlweise „freisetzen“ und zu „kontrollieren“ versuchen, in einer Form des Managements, ist der natürliche Rohstoff des Beute / Gespenst-Schemas, in dem die Lust des Seins zum Fetisch des Habens, und die Furcht vor der wirklichen Welt zur Angst vor der Unwirklichkeit in allem geworden ist. Anders als Lust und Angst ist Beute und Gespenst über-individuell zu managen. Der Beute-Aspekt und der Gespenst-Aspekt eines Dings trifft auf ein Wir, ein Ich und ein Es gleichermaßen. Zwar nimmt am Ende einer die Beute, doch haben „wir“ vordem das Ding durch seine Beutehaftigkeit identifiziert und gezähmt bzw. gelähmt. Das Ding, das auf diese Weise zur Beute geworden ist, ist für das Leben verloren. Beides, Beute und Gespenst, sind „untot“. Weiterlesen »

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Apr 01 2015

Kleinigkeiten (42)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der taz (vom 20. 03.15) steht folgendes: „Karl Valentin, der große Münchner Komödiant mit Vogel-V, brachte die Verwirrung um Zeit, Raum und das ganze Gedöns einst auf den einzig wahren Punkt; ‚Wir treffen uns nach dem Krieg um halb vier’.“ Also, ich möchte jetzt nicht besserwisserisch sein, aber alles kann man nun dem Valle auch nicht in die Schuhe schieben. Nein, worum es natürlich geht ist: Eine kleine Lese-Erinnerung. Das ist natürlich aus dem „Schwejk“ (und es ist auch um sechs, und nicht um vier, und vielleicht sogar ein bissel später, für wenn man sich verspäten möcht’). Will sagen: Es wird viel zu wenig Hasek gelesen, bei dem ist manches zu finden zu dieser Zeit. Und Valentin wird auch viel zu wenig gelesen – und viel zu viel „zitiert“.

Weil, das ist das furchtbare Schicksal solcher Künstler, dass man „schwejkelt“ und „valentinisiert“, und das ist dann eine Ausrede für gleich beides. Etwas gescheites zu tun und die Künstler gescheit zu behandeln.

*

Im Jahr 1966 schrieb Johannes Gaitanides über das Verhältnis der Griechen zu den Deutschen: „Was den Griechen zum Deutschen hinzieht, ist nicht das Gefühl einer gleichen Lebensgestimmtheit oder einer verwandten Lebensart, sondern vielmehr der Instinkt für die Fruchtbarkeit einer nur durch ihn vermittelten Spannung. Mit dem Engländer verbindet ihn die sportliche Einstellung zum Leben, die Lust am Spiel und Wettstreit, die Geringschätzung der Arbeit und die Fähigkeit zur positiven Faulheit. Am Romanen besticht ihn die Gemeinsamkeit der Fehler und Laster. Der Deutsche hingegen ist für ihn der schlechthin ‚Andere’, dessen harter Umgangston, dessen Disziplin und Sachlichkeit, die er oft als Kälte empfindet, ihm den Kontakt erschweren. Wo hat der Deutsche sein Herz?“

Fünfzig Jahre später gibt es da immer noch nichts zu finden. Weiterlesen »

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Mrz 28 2015

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Allgemeines.

Schwerer Regen klatschte gegen die Scheiben, die sich in vergängliche Meisterwerke des abstrakten Expressionismus verwandelten. Aber natürlich guckte kein Schwein, alles stierte auf die Biergläser auf den Tischen oder in den ganz persönlichen Abgrund.

„Ich könnte so viel machen“, sagte Herr Reiner, wie aus schweren Träumen erwachend. „Am liebsten würde ich alles machen.“

„Ich würde am liebsten gar nichts machen“, antwortete Herr Kainer nach geraumer Zeit.

Herr Reiner nahm einen Schluck aus seinem Weißbierglas. Dann sagte er bedächtig: „Das geht natürlich auch.“ Bevor er sich wieder seinen Träumen zuwandte. So schwer waren sie, genau besehen, dann auch wieder nicht.

Und dann schauten sie doch noch kurz auf die Glasscheiben mit den wundersamen Linien und Punkten. Und dachten an das Alles und das Nichts. Natürlich ohne sich dabei allzu sehr anzustrengen. Soviel ist klar.

Und der Regen trommelte dadadidong, oder war es doch dadidadong?

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Mrz 25 2015

Unsortierte Gedanken zur Diskriminierung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie,Gesellschaft.

Wir hatten einen Traum. Manchmal. Den Traum von einer Gesellschaft der Freiheit und der Gerechtigkeit. Etwas sollte es in ihr ganz bestimmt nicht mehr geben: Diskriminierung. Menschen sollten als Menschen beurteilt werden, nicht ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Kultur, ihrer Hautfarbe etc. wegen. Wir nannten diesen Traum: Demokratie. Aber dann mussten wir uns dem Alltag widmen, dem Überleben oder auch dem Besserleben. Und das hieß: dem Kapitalismus. Etwas, das immer viel mehr war, als nur eine besonders offene, besonders aggressive und manchmal auch besonders wahnsinnige Form des Wirtschaftens. Etwas, das einerseits nach der Macht über die Welt gierte und sich andererseits bis tief in jede einzelne Seele fraß.

Ob wir dem Traum einer Gesellschaft ohne Diskriminierungen näher gekommen sind oder nicht, kommt vielleicht auf den Standpunkt an. In manchen Feldern haben wir uns viel zu langsam nach vorwärts bewegt, zum Beispiel in der Gleichberechtigung der Geschlechter. In manchen ist aus der institutionellen nur die effektivere strukturelle Diskriminierung geworden: Was brauchen wir noch schurkische Chefs für die Diskriminierung wenn es doch die schurkischen lieben Kollegen via Mobbing genau so machen (und die Verbindung von beidem ist dann ohnehin unschlagbar). Und in manchen ist die Entwicklung offensichtlich nach rückwärts gegangen: Die gesellschaftliche Praxis im Deutschland des Jahres 2015 ist unübersehbar von mehr Rassismus und kultureller Diskriminierung durchzogen als die des Jahres 1975. Was rassistische Diskriminierung bedeutet, kann man bei jeder längeren Fahrt mit der Deutschen Bahn beobachten: Menschen mit dunkler Hautfarbe werden dort nicht nur besonders scharf kontrolliert – und wehe, wenn sie einen Fehler gemacht haben! („Die wissen genau, dass das hier bei uns nicht geht! Das wird teuer für die.“ – Originalton einer deutschen Zugbegleiterin gegenüber einem dunkelhäutigen Paar mit einem behinderten Kind, das in der falschen Zug-Art zur Klinik fahren wollte.)

Diskriminierung als Volkssport

Und dann haben sich auch noch neue Felder der Diskriminierung herausgebildet: Die Loser, Assis und Hartz-IVler, die faulen und gierigen Griechen, die Putinversteher und Wirtschaftsflüchtlinge. Es kann alles diskriminiert werden, was stört. Diskriminierung ist im Deutschland des Jahres 2015 zum Volkssport geworden. Man gönnt uns ja sonst nichts.

Diskriminierung heißt zunächst nichts anderes als ein bewertendes Trennen, die Erzeugung von Unterschieden in Wert, in Recht, in Bedeutung, in Qualität und Ästhetik.  In den alten Zeiten bedeutete es nichts anderes als Trennen an sich; erst im 20. Jahrhundert wurde es mit der negativen Handlung einer Herabwürdigung oder Zurücksetzung verbunden, bis „Diskriminieren“ schließlich (jedenfalls außerhalb naturwissenschaftlichen Fachjargons) zur Bezeichnung für einen verbalen und physischen Akt von hohem inneren Aggressionsgehalt wurde. Diskriminieren ist, mit anderen Worten, eine ziemlich moderne Kulturtechnik, na, was heißt schon: Kultur.

Vielleicht ist diese Wortgeschichte wichtig, um die Funktion des Diskriminierens in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Die Grundlage aller profitorientierter Ökonomie ist das Vorhandensein von Unterschieden. Die Habenichtse und die Superreichen, kik und Armani, billige Arbeit, teure Bank. Im alltäglichen Leben begegnen wir der Diskriminierung zwar vor allem in ihrer Funktion als Aggressionsabfuhr gegenüber Ersatzopfern. Man sucht sich vermeintlich Schwächere, an denen man strukturelle, verbal oder institutionell eigene Überlegenheit konstruiert. Diskriminiert werden Menschen ob ihrer Verhaltensweisen, Fähigkeiten (diskriminiert werden „Behinderte“, „Schwächlinge“, „Loser“) oder wegen ihrer biologischen Eigenheiten (diskriminiert werden Menschen wegen ihres Geschlechts, wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihres Alters).  Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Denkens und Sprechens (diskriminiert werden „Außenseiter“, „Nestbeschmutzer“, „Intellektuelle“) und schließlich wegen ihres sozialen Status (diskriminiert werden „Versager“, „Prolls“, „Schmarotzer“). Man kann, wie die tägliche Lektüre der Bild-Zeitung belegt, einzelne Personen ebenso diskriminieren wie man Gruppen diskriminiert (man kann natürlich auch eine Gruppe erst durch Diskriminierung bilden), schließlich auch ganze Völker (wie die faulen und gierigen Griechen). Solange diskriminiert wird – und, um beim Beispiel der Bild-Zeitung zu bleiben, Diskriminierung ist offenbar eine gut verkäufliche Ware – kann Regieren nicht wirklich demokratisch sein. Je mehr Diskriminierung in einer Gesellschaft, desto undemokratischer die Regierung.

Diskriminierung, und sei sie noch so paranoid, hat immer einen psychischen (die Konstruktion von „Identität“ zum Beispiel), einen politischen (die gewaltsame Verteilung von Macht bzw. die Legitimierung gewaltsamer Machtverteilung) und einen ökonomischen Aspekt (irgendwo wird ein Vorteil oder die Eliminierung eines Nachteils erhofft). Es ist also in den Akten der Diskriminierung kein Widerspruch zwischen Paranoia und Zweckrationalität. Daher tut sich „lineare“ Aufklärung sehr, sehr schwer im Kampf gegen die Diskriminierung. Weiterlesen »

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Mrz 23 2015

Ein Aufruf und seine Folgen: Das Merz-Hasen-Tagebuch

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Aufruf,Demokratie.

25. März

Die gute Nachricht: Die Merz-Hasen-Bewegung nimmt zwei Tage nach ihrer Gründung bereits enorm an Fahrt auf. Schon jetzt dürfen wir Merz-Hasen-Aktivisten in Berlin, München, London und, man staune, Connecticut bei ihrer Arbeit begleiten. Malerische und literarische Arbeiten sind eingetroffen, von denen wir bald die erste Auswahl präsentieren werden. Filme werden gemacht, Fotos geschossen.

Die Naja-Nachricht: Das Kunsthaus Zürich hat gar keine Sachbearbeiter, sondern nur „zuständige Stellen“. Die für Merz-Hasen zuständige Stelle konnte aber, scheint’s, noch nicht eruiert werden.

Die schlechte Nachricht: Es entwickelt sich offenbar bereits eine Gegenbewegung der militanten Merz-Hasen-Negierer! Nun gut. Soll sein. Echte Gegner sind uns immer willkommen. Nur gegenüber der Merz-Hasen-Indifferenz endet unsere gute Laune. Getreu unserem Wahlspruch:

 FEIGHEIT VOR DEM HASEN IST NICHT TOLERABEL!

24. März, abends

So wie es Kurt Schwitters einst formulierte: „Beziehungen schaffen, am Liebsten zwischen allen Dingen der Welt“, so entstehen Merzhasengebiete, allein durch die Spuren, die das Wesen in den Menschen und in den Dingen hinterließ. Diese Spuren auszulöschen ist das Ziel der Bösen im Kampf um die Kunst, sie zu suchen, und der Suche treu zu bleiben das der Guten.

Ist es möglich Areale des Kunstbetriebs als Merzgebiete zurück zu gewinnen? Oder Teile dieser Welt zu Merzgebieten zu erklären?

Es ist nicht genug damit, den Merz-Hasen unter Naturschutz zu stellen. Man muss vielmehr die Natur unter Merz-Hasen-Schutz stellen!

23. März

Ach, wir haben es ja geahnt! Der Mantel des Schweigens um das Merz-Hasen-Syndrom ist schwer zu durchschneiden, das Gesetz der Omertà in der Kunstwelt kennt kein Pardon. Da ist es schon einigermaßen ermutigend, wenn man vom Kunsthaus Zürich die Nachricht erhält, die Anfrage werde an den zuständigen Sachbearbeiter weitergeleitet, auch wenn ich mir nur schwer vorstellen kann, welcher Sachbearbeiter des Kunsthauses Zürich für Merz-Hasen zuständig ist.

Natürlich muss ich zugestehen, dass sich die Merz-Hasen-Sichtungs-Suche erst nach und nach in der, nun ja, Szene ausbreitet. Lauffeuer sehen anders aus!

Und man sollte nicht glauben, wie viele Menschen Out of office sind. Merz-Hasen-Jagen? Wer weiß.

(Es ist diese teuflische Spannung, die kennen Sie bestimmt: Dass man weiß, es müsste jetzt etwas richtig Großes passieren. Und dann passiert doch nichts. Vielleicht ist genau das der long tail eines Merz-Hasen.)

 

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DER AUFRUF

 

merzhase-top

 

Der Merz-Hase ist ein scheues Wesen. Das rechtfertigt allerdings in keiner Weise, dass sein Wirken, ja seine bloße Existenz in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit hartnäckig beschwiegen wird. Als regelrecht skandalös empfinden wir es, wenn man den Merz-Hasen als Untergattung des von Kindern und Werbetreibenden phantasierten Osterhasen abtut. Doch der Merz-Hase ist kein Produkt der Phantasie, sondern poetische Realität! Weiterlesen »

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Mrz 21 2015

Kleinigkeiten (41)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Vielleicht ist Kunst, unter vielem anderen, ein Versuch, Gedanken sichtbar zu machen. Nicht als etwas, das man hat, sondern als etwas, das geschieht. Der Gedanke, sagt Friedrich Dürrenmatt, sei wiederum selbst ein Versuch, nämlich: „ein Versuch, eine Ordnung herzustellen, verschiedene Dinge zusammenzuziehen.” Wenn ein Gedanke die Einheit eines solchen Versuches ist, dann ist seine Grundvoraussetzung, dass es eine solche Ordnung vordem nicht gab und dass es sie möglicherweise auch jenseits des Denkens selber nicht gibt.

So könnte man wohl ohne weiteres behaupten, dass jemand, der generell an die Existenz von Ordnungen glaubt, eher weniger geeignet sei, Gedanken zu entwickeln. Umgekehrt freilich sehen wir des öfteren Denkenden zu, die vom, nun ja, Gedanken an Ordnung so besessen sind, dass sie all ihr Denken in den Dienst der Ordnungen stellen wollen. So sehen wir Gedanken zu, die sich selbst auffressen.

Im Augenblick, in dem ein Gedanke entsteht (noch bevor der Teufel es bemerkt, und ihn wieder in die Ordnungen sperrt), ist der größtmögliche Grad an Freiheit erreicht. Im Augenblick seines Gedankens erhebt sich der Mensch über alle Fährnisse und Verzweiflungen. Müssen wir uns daher den denkenden Menschen als glücklichen vorstellen?

Gewiss nicht, denn der Gedanke muss, um nicht zu einer paranoiden Implosion zu werden, „mitgeteilt“ werden. War der Gedanke schon immer Sprache, oder muss er erst zur Sprache gebracht werden?

Vielleicht könnten wir so etwas wie die Sprache der Gedanken erforschen, die sich als werdende begreift. Jeder wirklich neue Gedanke erneuert auch die Sprache, in der er vermittelt werden kann.

Aus dem Gedanken kann sehr viel entstehen. Kunst, Kritik, Theorie, aber auch Ware, Krieg und Macht. Ein Gedanke kann nicht das Recht in Anspruch nehmen, vor-moralisch zu sein, so wie er, in Bezug auf die üblichen Sprechweisen, vor-sprachlich ist. Kunst, Kritik und Theorie zum Beispiel entstehen auch ohne Gedanken, durch Fleiß und Mechanik, ebenso aber auch durch das emphatische Gespür für die Erwartungen rundherum.

Aber eben das erkennen wir nur zu gut: gedankenlose Kunst, gedankenlose Kritik, gedankenlose Theorie. Das destruktive Potential darin ist enorm. Eine Welt mag ersticken an gedankenloser Kunst, gedankenloser Kritik, gedankenloser Theorie. Wir nennen es, zum Beispiel, Ideologie. Es denkt, wo ich denken sollte.

Die Gedanken sind frei, das sang sich so schön in unfreier Zeit. Nun aber scheint es geradezu ins Gegenteil gekippt: Alles mögliche ist frei in dieser Zeit, nur die Gedanken nicht.

Denn der Gedanke – im Gegensatz zu einem „Einfall“ (nichts gegen Einfälle!) – geht ja schon immer einen entscheidenden Schritt aus dem Inneren zur Welt. Der Gedanke macht etwas Verborgenes sichtbar, ohne dass er je etwas anderes sein kann, als ein Vorschlag, eine Fiktion in der symbolischen Ordnung anderer Fiktionen. Gedanken, das ist das Tröstliche in ihnen, können nicht anders als einen Sinn in der Welt sehen, auch wenn sie durchaus dabei ihre vollkommene Sinnlosigkeit mitdenken können. Denn das ist der Gedanke: Nicht, was es ist, sondern was man daraus machen kann. Oder was man darin sehen kann. Oder was man daraus hören kann. Oder was man darüber (und dadurch) sprechen kann.

Jeder Gedanke ist mithin „schöpferisch“, was eine durchaus zweischneidige Angelegenheit ist. Indem er der Welt etwas hinzufügt, entfernt er sich von ihrem Wesen. Die Schwärze der Gedanken: Sie sind Symptome der Entfremdung.

Von ihrer Anmaßung ganz zu schweigen. Gedanken tendieren nicht nur dazu, sich selber wichtiger zu nehmen, als das, was sie ausgelöst hat, sie heben es gelegentlich durchaus pietätfrei auf, tilgen ihr Andenken. Es ist indes eine Frage der Kunst, genau anders herum zu verfahren. Nämlich weder den Gedanken im Gedachten verbergen, noch im Gedanken das verschwinden zu lassen, was ihn ausgelöst hat. Weiterlesen »

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