Jul 18 2014

DER ZOMBIE-KAPITALISMUS

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der mehr oder weniger großen Erzählung des Kapitalismus ist der plot point einer Selbstüberschreitung bereits Geschichte; man mag sich allenfalls darüber streiten, in welchem Kapitel er stattgefunden hat, und seit wann er absehbar war. Seitdem jedenfalls leben wir in einer Negativgeschichte des Kapitalismus. Er erzählt sich nicht nur, postmodern genug, nach rückwärts. Er brutalisiert sich auch in seinem äußeren Weiterleben nach dem inneren Tod. Auch deshalb nennen wir das System, in dem wir (noch) leben, den Zombie-Kapitalismus.

Der Zombie-Kapitalismus findet keine Welt mehr, die er erobern, unterwerfen und kapitalisieren kann, deswegen muss er selbst eine Gespensterwelt erschaffen, mit der er diesen Prozess der Landnahme simulieren kann, um einen simulierten Wert zu erzeugen. Der Wert kann in der (digitalen) Welt, in der Arbeit am wenigsten zur Produktion benötigt wird, nur noch durch seine zwei Negationen erzeugt werden. Durch eine willkürliche „untote“ Setzung und durch die Entwertung. Alles außer dem Kapital (einschließlich des Menschenlebens selbst) muss entwertet werden, damit sich das Kapital selbst künstlich aufwerten kann: Es drückt gleichsam nur noch sich selber aus, und in diesem Selbstausdruck spielen gerade jene, die es nicht haben, eine entscheidende Rolle. Dass die „Schere zwischen den Reichen und den Armen immer weiter aufgeht“, wie selbst die wohlwollendsten Kritiker bemängeln müssen (es ist eine Frage der schlichten Evidenz), ist demnach kein lästiger Nebeneffekt, es ist vielmehr eines der zentralen Elemente der Transformation des lebenden in den untoten Kapitalismus. Wenn es wirklich „Wohlstand für alle“ geben könnte, dann wäre das Kapital ja kaum noch etwas wert. Das Kapital ist so viel wert, wie es Elend produzieren kann. Weiterlesen »

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Jul 18 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (29)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Vom Kapitalismus an sich kann man halten, was man mag. Vielleicht müssten wir ohne ihn ja tatsächlich immer noch ohne elektrische Zahnbürsten auskommen. Seine Verwandlung in eine globale kleptokratische Oligarchie aber müsste eigentlich selbst seinen glühendsten Verehrern bitter aufstoßen. Müsste. Dass dem nicht so ist, dafür sorgt ein Heer von Propagandisten und ideologischen Schmußproduzenten in den Medien. Während sich das allgemeine vage Murren über die Bankenmacht, die „Heuschrecken“ und die Enteignung des Mittelstands langsam legt, sehen sie die Gelegenheit, im Ton ein wenig schärfer zu werden. Das Kampfblatt des Neoliberalismus, die F.A.Z., die gerade konstatierte, dass Demokratie im Ringen um die Märkte doch erheblich störend sei, zeigt auch an anderer Stelle, wohin die Reise gehen soll. Zum Beispiel erklärt uns ein gewisser Patrick Welter (der übrigens an anderer Stelle geraten hat, wohlweislich alle Mahnungen den deutschen Exportüberschuss und seine verheerenden Folgen betreffend geflissentlich zu überhören), warum sich ein Staat wie die USA gefälligst aus den Kreisläufen der Kleptokratie heraushalten soll: „Wenn Obama und Lew (der US-Finanzminister Jacob Lew) von Steuerreform sprechen, geht es ihnen nicht um eine wirkliche Entlastung von Unternehmen“. Das ist natürlich unerhört, wenn es irgendjemandem auf dieser Welt um etwas anderes geht, als um die Entlastung von Unternehmen. Aber es kommt noch besser: „Mindeststeuern, Streichen von Steuerschlupflöchern und andere Folterinstrumente aus dem Gruselkabinett des Fiskalstaats beherrschen ihre Rede“ (F.A.Z. vom 17. Juli 2014, „Lews Gruselkabinett“).

Wie bitte? Das „Streichen von Steuerschlupflöchern“ für Unternehmen ist ein „Folterinstrument“ aus dem „Gruselkabinett“? Den Betrug der Konzerne und ihrer oligarchischen Führungsschicht an der Allgemeinheit zu stören ist demnach ein fiskalstaatliches Schwerverbrechen und wird, natürlich, bestraft, und zwar mit einer „erschreckend niedrigen Investitionsbereitschaft der heimischen Unternehmen“. So geht der neue Kapitalismus: Weiterlesen »

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Jul 16 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES (XV)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Der Sohn Gottes war in verschiedenen Multiversen unterwegs und besuchte hier und da einen kleinen Planeten, der ihm vertrauenerweckend erschien. Ihm war die Sache noch nicht ganz  geheuer, denn schließlich war es das erste Mal, dass er durch Zeit und Raum reiste, genauer gesagt durch das, was jenseits der Zeit und das, was jenseits des Raums liegt. Was ihn wunderte war, dass dies alles, die Unendlichkeit, wie man so sagt, auf dem Prinzip der Ähnlichkeit basierte. Er hätte zu gern einmal etwas anderes gesehen, etwas wirklich anderes, aber es war immer und überall das Gleiche, nur in immer neuen Zusammensetzungen.

„Ich weiß“, dachte der Sohn Gottes, „dass ich auf dieser Reise etwas lernen muss. Etwas sehr Wichtiges. Aber was nur? Wenn doch sowieso jede Welt nur die verrückte Abbildung der anderen ist. Was soll man denn da noch lernen können?“

„Lachen vielleicht?“, rief ein Bruder, der mit affenartiger Geschwindigkeit an ihm vorbei zischte. „Lachen solltest du lernen!“ Und der Bruder des Sohnes Gottes lachte aus vollem Hals und war auch schon wieder verschwunden.

„Wie viele solcher Brüder mag ich wohl haben?“, fragte sich der Sohn Gottes. „Und habe ich vielleicht genau so viele Schwestern? Vielleicht ist es ja gerade das, was ich suche. Eine Schwester!“

Die Schwester, die ihn gerade auf einer Bahn durch die 42. Version eines gewissen Sonnensystems überholte, lachte. „Eine? Du hast unendlich viele, Dummkopf. Wusstest du das nicht?“ Und weg war sie.

„Ich hätte aber gerne eine“, dachte der Sohn Gottes und tauchte durch ein finsteres Mittelalter. „Eine Schwester. Das würde mir vollauf genügen.“

Er war so in Gedanken, dass er bei seinem Flug durch sämtliche Himmelsversionen sogar durch die seines Vaters rauschte. Als er das erkannte wurde ihm kalt, und er beschleunigte seinen Fall an den Ursprung der Welt.

„Da war doch was!“ sagte Gott der Herr. „Das war doch … Vollauf, das war doch er! Er! Ihr Pappnasen! Himmel und Hölle hab ich in Bewegung gesetzt, und jetzt rauscht dieser Rotzlöffel hier einfach so durch. Hat denn keiner was gemerkt, bin ich denn ganz und gar von Schwachköpfen umgeben?“

„Da wir gerade dabei sind, Boss“, sagte Petrus betont lässig, „die Schutzengel sind mal wieder reingelegt worden“.

„Ich fass’ es nicht“, schrie Gott. „Durch wen denn diesmal?“

„Äh, durch Hühner.“

„Durch Hühner!?“ Der Sohn Gottes spürte die Druckwelle noch, obwohl er schon ein Universum und eine Trillion Jahrhunderte weiter war.

„Ja, durch Hühner. Und durch Nazis. Ich hab’ dir immer gesagt, schaff die Hühner ab. Hab ich gesagt. Und ich hab auch gesagt: schaff die Nazis ab. Wär ein Klacks für dich. Aber du hörst ja nie auf mich.“ Weiterlesen »

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Jul 15 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (28)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der FAZ wird im Wirtschaftsteil schon einmal fürsorglich die Demokratie abgeschafft. Unter dem Titel „Demokratie ist überbewertet“ schreibt Rainer Hank (8.6. 2014) zum Beispiel: „Freihandel soll verhindern, dass Demokratien die Allgemeinheit schädigenden Blödsinn beschließen.“ So etwas nennen wir doch einmal Klartext. Gefolgt von einer Kernaussage der neoliberalistischen Ideologie, für die man Herrn Hank bestimmt irgendeinen Industriepreis verleiht: „Demokratische Selbstbindung an den Freihandel setzt dagegen darauf, dass – im Vergleich zur demokratisch gepamperten Klientelwirtschaft – am Ende alle Menschen sich besser stellen werden und ihre Freiheit gleichermaßen entfalten können.“ Die Freiheit, von der der Neoliberalismus träumt, verträgt sich nämlich einfach nicht mit der Demokratie. Das muss man den Leuten nur mal klarmachen, dafür haben wir ja unsere Zeitung für Deutschland.

Natürlich weiß diese FAZ auch, wie Fußball geht (15. 7. 2014): „Fußball der Zukunft: Die Kräfte der Vergangenheit vereint mit den Stärken der Gegenwart“. Jetzt, Boah, ey! Das ist, wie soll ich sagen, eine Super-Vorlage, für: „Der frische Weltmeister aus Deutschland hat sich mit dem vierten Stern zu einem weltweiten Vorbild entwickelt, gerade auch für den brasilianischen Rekordweltmeister, der sich nach dem Turnier im eigenen Land seiner fußballerischen Identität beraubt sieht“. Am deutschen Fußballwesen soll die Welt genesen. Adidas-WM-T-Shirts mit dem vierten Stern, die in China gefertigt werden und jetzt per Flugzeug auf unseren Markt kommen, kosten knapp 85 Euro das Stück. „Die Aktie des Ausrüsters, der dank der WM aus dem Verkauf von Trikots, Fußballschuhen und Bällen in diesem Jahr mehr als 2 Milliarden Euro Umsatz erzielen will, sprang am Montag an die Spitze des Dax.“ Den demokratischen Blödsinn lassen, das deutsche Vorbild fußballerisch durchsetzen, und mit der „fabelhaften Fußball-Ökonomie“ an die Spitze des Dax, so wird das was. Jedenfalls wenn man Sport, Politik und Wirtschaft à la FAZ zusammen denkt.

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Jun 30 2014

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Es war der Spätnachmittag eines heißen Sommertages. Die Sonne wurde mählich altersweise und sanft, in den Kastanien summte und brummte es noch taghaft, und manch eine Wespe bezahlte nun ihren Appetit auf Streuselkuchen und Softdrinks mit dem Leben.

Herr Reiner sah andächtig auf das schlanke Glas mit der Schaumkrone.

„Das erste Weißbier am Tag ist doch immer das beste“, bemerkte er philosophisch.

„Da haben Sie recht“, antwortete sein Freund, Herr Kainer. „Vielleicht sollte man sogar so weit gehen, es bei diesem ersten, also dem besten zu belassen.“

„Wo denken Sie hin“, entrüstete sich Herr Reiner. „Dann wäre ja das erste Weißbier zugleich das letzte. Das also, das nach Abschied und Verlust schmeckt.“

„Aber auch das ist ein großer Geschmack“, warf Herr Kainer ein.

„Ja, er verhält sich wie eine Tragödie zur Komödie. Die Kunst besteht daher, möglichst viele Weißbiere zwischen dem ersten und dem letzten zu leeren.“

„Aber auch nicht zu viele. Denn sonst vertrinkt man die Erinnerung an das erste und die Konzentration für das letzte.”

„Das ist wahr“, sagte Herr Reiner und gab sich eine Zeit tiefsinnigen Gedanken hin.

Sein Freund tat es ihm gleich.

Eine Wespe entkam den wütenden Schlägen eines verantwortungsbewussten Familienvaters.

„Wir dürfen“, nahm schließlich Herr Kainer den Faden wieder auf, „das zweite und das dritte Glas nicht vernachlässigen.“

„Auf keinen Fall dürfen wir das“, pflichtete Herr Reiner bei. „Das wäre eine grobe Beleidigung. Was denkt sich dann so ein Weißbier? Ihr liebt mich nie so wie ihr das erste Glas geliebt habt. Ihr trinkt mich nur, um das unvermeidliche Kommen des letzten Glases hinauszuzögern.” Weiterlesen »

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Jun 28 2014

Unterwegs (3)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Signore M., den wir hier Ercole nennen dürfen, denn so hieß er nicht (alles andere, ich schwöre es beim Leben meiner Mutter, Gott hab’ sie selig, ist wirklich und wahrhaftig geschehen) war ein fleißiger, solider Metallarbeiter, der mit seiner kleinen Familie, der Ehefrau Sophie und den Kindern Michele und Anita in der Peripherie einer großen norditalienischen Stadt lebte. Man konnte keine großen Sprünge machen, aber man kam zurecht in diesen späten 1960er Jahren. Ercole war Mitglied der Kommunistischen Partei, der er natürlich bei jeder Wahl seine Stimme gab, und deren Versammlungen er gelegentlich, sehr gelegentlich, besuchte. Ansonsten genügte ihm der Fußball, über den er sich in der Gazetta dello Sport informierte, die in der Bar um die Ecke auslag, in der er ab und an ein Glas Wein trank; am liebsten lag er sowieso bei gutem Wetter in einem alten Liegestuhl in dem winzigen Garten, den Sophia mit ein paar Tomaten, einem Rosmarinstrauch und einer Zitrone bepflanzt hatte, die tapfer ums Überleben kämpfte. Die kleine Anita und Michele, der eigentlich für so etwas schon zu alt war, vergnügten sich dann in einem winzigen Plastikbecken mit Wasser, das im Handumdrehen lau und schmutzig wurde.

Eines Tages verkündete Ercole seiner Familie, man werde einen „kleinen Ausflug“ in der Utilitaria unternehmen. Große Freude. Damals waren im ganzen Land noch kleine Zirkusunternehmen mit Tierschauen unterwegs, und in einem Vorort hatte eine davon die Zelte aufgeschlagen. Ercole wollte den Kindern die Tiere vorführen, die sie ansonsten nur von Bildern und aus dem Fernsehen kannten (den „richtigen“ Zoo hatte man nämlich geschlossen). Es gab einen Löwen, Affen, einen Wolf, Zebras, allerlei kleineres Getier, Papageien zu sehen. Und, die größte der Attraktionen: ein Elefant.

So machte sich die Familie M. also auf, die halbe Stunde Fahrt war eine Kleinigkeit. Ercole  fuhr gemächlich und sicher wie immer. Anita und Michele waren vor lauter Vorfreude auf die kommenden Attraktionen in friedfertiger Stimmung auf der engen Hinterbank des Cinquecento. Unterwegs kauften sie eine Flasche Wasser, denn es war heiß, das kann ich euch sagen, und eine Tüte Erdnüsse. Weiterlesen »

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Jun 26 2014

Was der Kapitalismus bietet

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Im Kapitalismus gibt es (beinahe) alles, was man sich vorstellen kann. Dieser Satz scheint zuerst einmal geblendet vom „Reichtum“ dieses Weltsystems, und selbst fundamentale Kritiker des Kapitalismus kommen in aller Regel nicht darum herum, diesen materiellen, ästhetischen und funktionalen Reichtum einzugestehen, der eine enorme verführerische Kraft zu entfalten scheint.

Doch ist es ratsam, diesen Satz noch einmal, von hinten her zu lesen. Dann heißt er nicht viel anderes, als dass der Kapitalismus nicht nur Dinge anbietet, sondern auch die Vorstellungen davon. Schärfer gefasst: Er produziert die Dinge überhaupt erst über die Vorstellungen von ihnen und erfüllt daher den in anderen Zusammenhängen nicht sehr hoch geschätzten Tatbestand einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Um die Dinge und die Vorstellungen in seinem Sinne zu regeln (wenn ein System einen solchen „Sinn“ haben kann) hat der Kapitalismus daher zwei große Regulatorien. Die Dinge, die er hervorbringt und die Vorstellungen, die er erzeugen kann. Eine kapitalistisch erzeugte Vorstellung verlangt nach kapitalistisch erzeugten Dingen, die ihrerseits kapitalistische Vorstellungen erzeugen.

So entsteht ein Kreislauf, der sich natürlich nach dem Prinzip der Landnahme immer auch am Außen, Jenseits und Metaphysischen bedient.

Es ist sicher richtig, die Kritik am Kapitalismus an seiner Art von Produktion anzusetzen. Aber vielleicht ist es zu wenig, ja vielleicht sogar ein verhängnisvoller Fehler der Kritik, der kapitalistischen Herrschaft über die Vorstellungen allenfalls eine nachrangige Funktion zuzuschreiben, oder sie als Teilaspekt der Produktion zu betrachten.

Versuchen wir stattdessen, Produktion und Vorstellung als eine dialektische Einheit zu denken.

Zunächst produziert der Kapitalismus immer mehr, und immer zu viel und zu wenig zugleich. Zuviel ist es nicht nur für den Konsumenten, sondern immer auch für den „Kapitalisten“ selber. Der Wettbewerb, zum Beispiel, zwingt ihn, sich selber die Preise zu verderben. Weiterlesen »

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Jun 18 2014

Kleine Skizze für einen Hot Spot der Diskurse

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

WAS KOMMT DANN?

Die Gesellschaften des Westens befinden sich offensichtlich in einem Umbauprozess. Die Transformation der ökonomischen Praxen in ein Ineinander von Neoliberalismus, Finanzkapitalismus und Neomerkantilismus bedingt eine zweite Transformation, nämlich die der Regierungssysteme zu einem Ineinander von „Postdemokratie“, Medienpopulismus und ökonomisch-politischem Oligarchentum. Und diese Transformationen wiederum können nur funktionieren, wenn sich zum Dritten auch das transformiert, was man gemeinhin Kultur nennt. Diese Kultur muss wohl in einem doppelten Sinne verstanden werden, nämlich einerseits als Spielraum für Formen, Ideen, Dispute und Diskurse, andrerseits als Kultivierung bestimmter sozialer, politischer und ökonomischer Vorgänge. (Daher gibt es, so seltsam das klingen mag, immer auch eine Kultur der Kultur, und was wir gerade erleben könnte man Dekultivierung der Kultur nennen.)

Dieses doppelgesichtige Ungetüm von Erneuerung und Bewahrung, von Freiheiten und Kontrollen, entwickelt sich immer mehr zu einem Geflecht der Bilder, Narrative und Begriffe, das zu mehr als nur der Reflexion und der Kommunikation der Freiheiten und der Kontrollen dient. Kultur bzw. Kulturen sind es nämlich, die die widersprüchlichsten Beziehungen von Ökonomie und Politik, System und Alltag zusammenhalten. Weiterlesen »

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Jun 15 2014

Unterwegs (2)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Welche Wohltat, in ein Land zu kommen, in dem nicht jede sportliche Veranstaltung genutzt wird, den eigenen Innenraum in ein „Meer von Fahnen“  (und Fähnchen) zu verwandeln und sonstige nationale Symbole flächendeckend zu setzen wie Hunde ihre Pissmarken.

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Jun 15 2014

Europa ohne Linke

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Und endlich einmal hatte der liebe Gott ein Einsehen und holte alle aufrechten linken Menschen Europas zu sich in den Himmel.  Dort gab er ihnen ein wunderschönes Tal (mehr brauchten sie nicht, denn es waren nicht allzu viele) und hieß sie, den Kommunismus zu verwirklichen, was sie denn auch nach Herzenslust taten. Und so leben die aufrechten Linken glücklich und zufrieden in ihrem himmlischen Tal in alle Ewigkeit, Amen. Die bösen Linken aber, die Staatssozialisten, Stalinisten und Dogmatiker, die schickte Gott der Herr in die Hölle, und dort verbannte sie ein gleichgültiger Unterteufel in eine riesige Plattenbausiedlung, wo sie ohne Unterlass um die Generallinie, die Parteiführung und den sozialistischen Realismus stritten.

Auf Erden aber war der Jubel groß! Endlich keine Linken mehr! Keine Marktmuffel und Kritikaster mehr. Keine Gerechtigkeitsapostel, Anarchisten und Gesellschaftsanalytiker. Keine Spinner, Chaoten, Träumer und Revoluzzer! Den Karl Marx hatten sie zurückgelassen, und der erwies sich als durchaus brauchbar, man musste ihn nur von den Füßen auf den Kopf stellen. Endlich konnte der Kapitalismus nach Gutdünken prosperieren und akkumulieren. Fortschritt, Wettbewerb, Marktfähigkeit und Konsumfreude entfalteten sich aufs prächtigste; Versager, Verweigerer und Verlierer wurden in Außenbezirke der Zentren gedrängt, wo sie der freien Entfaltung der Marktkräfte und den Karrieren der Tüchtigen nicht weiter im Weg standen. Junge idealistische Menschen durften Tierschützer, Friedensfreunde oder Genmaisgegner werden, das schadete nicht weiter, sondern schuf nur nette kleine Nischenmärkte. Im Leben jedes dieser Menschen kommt einmal das Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Unsinnige Reste des Sozialstaates wurden abgebaut. Handelshemmnisse beseitigt. Das Rote Kreuz dem Pharmakonzern angegliedert. Die Polizei privatisiert. Wenn es keine Linken mehr gibt, dann ist der Mensch nämlich endlich frei, zu sehen, wo er bleibt.

Und doch lief nicht alles so geschmeidig wie erhofft. Man hatte plötzlich niemand mehr, auf den man, wenn etwas schief gelaufen war, die Schuld schieben konnte. Diese Linken, mit ihrer vermaledeiten politischen Ökonomie, wo doch nur ökonomische Politik Segen bringt! Der Staat konnte nicht mehr behaupten, man müsse Polizei, Justiz und Geheimdienste gegen die Extremisten von rechts und links, vor allen diese, einsetzen. Weiterlesen »

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