GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (35)

Die heiligen drei Herren

Weihnachtsgeschichten handeln von Elend, Grausamkeit, Mord und Heimatlosigkeit. Nirgendwo wird die Welt in so düsteren Farben gemalt wie in Weihnachtsgeschichten. Damit dann der Glanz der Gnade, der Widerschein himmlischer oder wenigstens familiärer Harmonie umso stärker zur Geltung kommen kann.

Ich weiß nicht, sagte Herr Reiner, der Mühe hatte, sich von der Menschenmenge nicht an eine Hauswand drücken zu lassen, wann sich die Erzählrichtung unserer Weihnachtsgeschichten umgedreht hat. Dergestalt, dass sich in einem allfälligen Glanz von Überfluss und Überdruss ein Abdruck der Hölle zeigen muss, damit wir noch glauben. Wir leiden, pflichtete sein Freund Herr Kainer bei, unter der Marktförmigkeit unseres Weihnachtsfestes. Dagegen gibt es nur ein Mittel. Genau, sagte Herr Reiner, den Weihnachtsmarkt.

Wobei es, meinte Herr Kainer, nachdem es ihm mit Mühe gelungen war, einem mürrischen alten Mann mit Mitra und Bischofsstab auszuweichen, nicht ausgemacht ist, ob wir uns hier im Glanz kommender Harmonie oder doch im Widerschein der Hölle befinden. Ob es nun, entgegnete sein Freund, der Himmel oder die Hölle ist, die man hier erahnt, fest steht, dass es unsere Himmel und Höllen sind, deutsche Himmel und Höllen, ja, Weihnachten gewordene Deutschheit, und darauf kommt es an.

So trafen der Herr Reiner und der Herr Kainer schließlich ihren „Dritten im Bunde“, den Herrn N’Bembé, dem sie leichtsinnigerweise versprochen hatten, bei der Besichtigung eines deutschen Weihnachtsmarktes behilflich zu sein. Dabei hatten sie ihm erklärt, dass es zwar in gewissen Städten durchaus schon früher Weihnachtsmärkte gegeben hatte, auf denen man sich Christbaumschmuck, Krippenfiguren, Lebkuchen und andere Spezialitäten kaufen konnte. Die inflationäre Ausbreitung der Weihnachtsmärkte, vor allem aber ihre gleichförmigen Anordnungen um Glühweinstände herum, an denen von ziemlich früh bis ziemlich spät lautstark und geruchsintensiv deutscher Vorweihnachtlichkeit gehuldigt wird, sei ein neueres Massenphänomen sowie eine sonderbare symbolische Aufladung.

Flucht zum Glühweinstand

Auf dem Weihnachtsmarkt möchte das deutsche Volk unter sich sein, und das ist es immer am liebsten, wenn es jemanden hat, dem man unterstellen kann, dass er es einem missgönne. Man hüte sich also, sagte Herr Kainer (und Herr N’Bembé tat sich einmal mehr schwer damit, zu bestimmen, wie ernst es seinem Freund mit dieser Aussage war), vor abfälligen Äußerungen auf einem deutschen Weihnachtsmarkt, weil man hier gern einmal gleich doppelt gekränkt ist, einmal in vorweihnachtlichem Sentiment und militanter Harmoniesucht, einmal aber auch aus deutscher Leitkulturhaftigkeit. Weihnachtsmärkte sind Bollwerke deutscher Leitkultur, drumherum fluten Merkels Asylanten, die Weihnachten abschaffen und die Engel mit Kopftüchern versehen wollen. Herr Kainer grinste dazu reichlich voltairisch.

In solcherlei Betrachtungen vertieft, schlenderten – nein, kein Schlendern war’s, sondern ein Geschoben- und Gedrängtwerden – die drei Freunde über den Markt. Dann hörten sie eine Stimme: „Na, det sin ja lustige Heilige Drei Könige, die ham ’nen authentischen Mohren, wa!“ Selbst der Rassismus kommt hier natürlich in weihnachtlichem Gewand.

Was um Himmels willen machen wir hier?, fragte sich nun Herr Reiner und blickte verstohlen um sich: Auf einer Bühne stehen arme Schulkinder und singen falsch, doppelt falsch, nämlich einerseits, indem sie beharrlich die richtigen Töne nicht treffen, zum anderen aber, indem sie das übliche weihnachtliche Liedgut in Arrangements vortragen, die eines Dieter Bohlen in seinen schlimmsten Tagen würdig wären (ich will damit nicht behaupten, er hätte je andere gehabt, Tage, meine ich, fügte Herr Reiner an). Schlimm wird das allerdings erst durch die krächzenden Verstärker, die dieses „Deutschland sucht den grausamsten Weihnachtssound“ in alle Ecken des, nun, jawohl: Weihnachtsmarktes übertragen, als fürchte man sich vor jedem Augenblick der Stille. Eine andere Flucht als zu den Glühweinständen ist unmöglich.

Jede deutsche Gemeinde hat einen Weihnachtsmarkt. Ein kurzer Feldversuch bringt zutage, dass ein gutes Drittel aller Besucher gekommen sind, um über das Ziel ihres frühabendlichen Ausflugs zu lästern. Und dabei handelt es sich nicht nur um Kids, die nach dem dritten Zuckerschock ihren Freunden smartphonen: Hey, Alter, ist euer Weihnachtsmarkt auch so abgefackt?

Die Klassen bleiben unter sich

Ist es wieder einmal die „Elite“, fragte sich derweil Herr Rainer (mit einem besorgten Seitenblick auf Herrn N’Bembé, der freilich von ihnen dreien bester Dinge schien), die über das volkstümliche Vergnügen, das warme Wir-Gefühl herzieht? Mitnichten! Die Elite, man erkennt sie an ihren Kleidern, ihren Hunden, hat eigene Glühweinstände oder doch Areale vor ihnen besetzt, die durch Protz und Gekicher gegen das gemeine Volk verteidigt werden. Auf einem deutschen Weihnachtsmarkt ist zwar das Deutsche und das Weihnachtliche umfassend versöhnt, die Klassen sind es nicht.

Und ich tippe einmal, entfuhr es dem Weihnachtsmarkt-Lästerer, dass all dieser Budenzauber nur ein Anlass ist für das allgemeine, aber doch sozial streng strukturierte Besäufnis. Wahrscheinlich wäre dies die genaueste Definition von deutscher Leitkultur: Die Inszenierung der Anlässe für die ständisch-hierarchisch organisierten Besäufnisse. Das deutsche Volk geht nicht einfach in eine Kneipe, um sich mit Kumpelinnen und Kumpeln zu besaufen, es braucht einen kulturellen Anlass. Einen Bierzelt-Wahlkampf, das Oktoberfest, den Karneval, Silvester oder eben, seit Neuestem, den Weihnachtsmarkt. Der Besäufnisvorwand entschädigt für die Inflation des Warenangebots und die Deflation der Erwartungen.

Freilich hat es Weihnachtsmärkte schon immer gegeben. Und manche hatten vielleicht etwas vom Glanz einer Ludwig-Richter-Radierung, einen Duft, eine Einzigartigkeit. Als ein Massenphänomen der deutschen Leitkultur (Ideologie plus Ökonomie plus Besäufnis) ist der Weihnachtsmarkt verhältnismäßig neu. Er verspricht nicht mehr viel, er muss einfach sein. Er erzeugt die Illusion einer lokalen Wirtschaft und vormoderner Produktionsweisen; Kapitalismus ist hier mittelalterlich verkleidet. Und es ist einer der Hotspots, wo Deutsche sich in ein „Volk“ verwandeln wollen. Herr N’Bembé wunderte sich über den Spott seiner Freunde über die eigene Kultur, aber er verstand auch: Sollte jemand „Die letzten Tage der Menschheit“ des Karl Kraus auf gegenwärtige Verhältnisse übertragen, der deutsche Weihnachtsmarkt würde eine ideale Bühne abgeben.

Die Sehnsucht nach Geborgenheit

Herr Reiner hatte unterdessen drei „Pötte“ Glühwein erstanden. Er nahm einen Schluck und gestand: Das Zeug schmeckt abscheulich. Eine Beleidigung für jeden Menschen, der schon einmal einen Rebstock in all seiner kraftvollen Poesie gesehen hat. Aber dann konnte er nicht umhin, zu bemerken, wie eine sonderbare Wärme durch Körper, Geist und Seele nebelte. Oh, wie schnell Herr Reiner verstand, welche Sehnsüchte sich hier kreuzten. Die Sehnsucht nach Identität, nach Geborgenheit, nach einem Glück, das sich immer hartnäckiger zu entziehen scheint.

Als der zweite Pott Glühwein vor ihm stand, wusste Herr Reiner, das er selber Teil eines deutschen Weihnachtsmarktes geworden war. Er entsann sich früherer Weihnachtsfeste, des Duftes von Kerzen und der vom Vater mit heiligem Ernst vorgetragenen Geschichte. Ein Gebot sei da ausgegangen, von einem gewissen Kaiser Augustus, dass ein jeder sich schätzen lassen solle, und dann gab’s für Josef und seine Frau, die war schwanger, keinen Raum in der Herberge. Am Ende aber, und damit wurde die Bibel zugeklappt: „Und Friede auf Erden“.

Und dann bemerkte Herr Reiner, dass er sich dessen nicht nur entsonnen hatte, sondern es auch mit lauter Stimme vorgetragen, nicht nur seinen Freunden, dem Herrn Kainer und dem Herrn N’Bembé, sondern auch einer Dame, die sich nichts draus machte, Gucci und C&A-Tüten zu kombinieren, und verständnisinnig lächelte. Und als irgendjemand lautstark „Früher war mehr Lametta“ rief, da lachte auch Herr Reiner mit den anderen, und er hörte sich lachen und sehnte sich . . . ja, wonach? Er hörte noch Herrn N’Bembé „Sehr interessant“ sagen, dann war er in den Labyrinthen deutscher Vorweihnachtlichkeit verschwunden.

Und damit könnte unsere Weihnachtsgeschichte enden. Mit einem Brummschädel, einer Selbsterkenntnis, einer nicht recht reflektierten Versöhnung und einem schwer gescheiterten Versuch der Binnenethnologie.

Aber mit einem Schlag war alles anders.

Aus einer vagen Gefährdungsangst war blutige Wirklichkeit geworden. Getötete Menschen, verwundete, blutende. Schmerzen und Leiden. Die Erfahrung von Ohnmacht und Sinnlosigkeit gegenüber etwas, das man augenblicklich nur als das Böse begreifen kann. Ein Trümmerfeld und eine mediale Giftwolke. Und im Anschluss daran: die Unfähigkeit zu trauern. Dass die üblichen Verdächtigen von rechts sofort zur propagandistischen Leichenfledderei übergehen, war zu erwarten, und auch von Horst Seehofer hat niemand auf dieser Welt mehr politische Anständigkeit erwartet.

Der Wahnsinn der Welt

Und doch, wie pflegte Herr Kainer zu sagen: Eine Gesellschaft erkennt man darin, wie sie mit ihren Verlusten und Opfern, ihrem Tribut an den Wahnsinn der Welt umgeht. Hatte ein „9/11-effect“, ein „Je suis Charlie“, eine Kraft, die nicht aus dem Hass, sondern aus der gemeinsamen Trauer stammt, eine Chance? Aber der Hass richtete sich ja gar nicht auf den Attentäter zuerst, er wurde vor allem gegen die eigene Gesellschaft und ihre demokratischen Repräsentanten laut. Die Volksverräter, die keine Grenzen dicht machen, keine Obergrenzen wollen, die irgendwas von uns zu „schaffen“ verlangen, was wir nicht schaffen wollen.

Es war, als hätte das Attentat dann eben doch nicht nur dazu gedient, möglichst viele Menschen zu töten und leiden zu lassen, wie es der grausamen Logik des Terrors entspricht, sondern auch diesen „Geist von Weihnachten“, der in jeder Weihnachtsgeschichte schon abhandengekommen zu sein scheint, um dann doch überraschenderweise und sei’s, wie in unserem Fall, in ironischer Brechung wieder aufzuscheinen.

Denn wie das alles auch war, mit dem Augustus, der Herberge, dem Stall, den Hirten, Engeln und Königen, was geblieben war, von dem, was uns in den Weihnachtsgeschichten in die prekären Kindheiten schien, das war das Licht, das eine bessere Zeit verheißen würde: Und Friede auf Erden. Der unverschämteste, tückischste und anstrengendste Satz, zu dem unsere Kultur in der Lage war. Friede auf Erden, verstehen Sie, sagte Herr Reiner nicht ohne Verzweiflung zum Herrn N’Bembé, nicht im Himmel, nicht jenseits von Mord und Totschlag, nicht als Belohnung für ach so heilige Kriege. Sondern hier und jetzt. Das ganze semantische Brimborium, der narrative und ikonografische Aufwand, der Rummel, das Besäufnis, die furchtbare Musik. Es dient nur einem Zweck: diesen einen Augenblick zu erzeugen. Friede auf Erden. Und sei der Augenblick auch noch so kurz. Ich weiß, lächelte Herr N’Bembé gütig, und all das dient zugleich zum Zweck, ihn zu verhindern.

Das weiche Ziel des Terrors

Hatte der Attentäter sein Ziel mit Bedacht gewählt? Wäre die Inszenierung des deutschen Weihnachtsmarktes dann so sehr „Einladung“ für den Terroristen, wie die Herstellung von Mohammed-Karikaturen die Kalaschnikow- und Messer-Reaktion provozierten? Natürlich nicht. Es handelt sich eher um eines jener weichen Ziele des Terrors, deren hundertprozentige Sicherung nie anders als um den Preis der Selbsterstickung möglich ist. Anderswo trifft es Basare und sogar Moscheen.

Ein Terrorist ist kein Mensch, der sich einer großen Idee verschreibt und in ihrem Namen Mordtaten zu begehen bereit ist. Ein Terrorist ist ein Mensch, der sich für seine Mordlust eine große Idee sucht. Das ist seine Aussage: Kein Friede auf Erden. Wie kommt das, fragte Herr N’Bembé, in eurer Weihnachtsgeschichte vor?

Gar nicht, mussten Herr Reiner und Herr Kainer zugeben. Sie wussten, dass sie gerade die letzte aller möglichen Weihnachtsgeschichten erzählt hatten.

Georg Seeßlen | taz 23-12-2016

Unterwegs (13)

In einem kleinen Straßencafé unweit der Stadt S. P. beobachtete ich träge die Passanten, als eine Dame mit einem mittelgroßen Hund vorbeikam. Beim zweiten Hinsehen erkannte ich die Züge von Dilma Rousseff. Da gab es kein Vertun, das musste sie sein, die Ähnlichkeit war einfach zu groß. Und doch war das unmöglich, denn sie betraf nicht die Dame, sondern ihren Hund. Ich empfand meine Beobachtung mehr als ungalant, schon eher sexistisch, wenn nicht gar gänzlich unmöglich. Ein Hund kann nicht aussehen wie Dilma Rousseff, weil Dilma Rousseff nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Hund hat. Aus lauter Scham über mich selbst bestellte ich noch ein Bier. Es war eisgekühlt, perlte wunderbar und bildete eine gute Grundlage zur Versöhnung mit mir.

*

„Ein herrlicher Blick, nicht wahr? Sehen sie den großen Turm dort drüben?“
„Nein.“
„Sonderbar. Sie sind heute schon der dritte.“

*

Der Sinn des Woandersseins liegt im Anderssein. Wenn ich woanders nicht anders wäre, könnte ich doch gleich daheim bleiben. Na, was heißt schon daheim.

*

Die Fähigkeit von Menschen bewundern, die so tun, als wüssten sie nicht, von wem sie regiert werden.

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (34)

Eine frühe Abendsonne, wie Robert Musil sie zu beschreiben vergessen hat, brach durch die noch grünen Blätter des Kastanienbaums, der nur zu bald, wie alle die Biertrinker und Philosophen in seinem Schatten wussten, unter dem Einfluss der Miniermotten in wesentlich unansehnlicheren Farben dastehen würde. Doch mit diesem Kastanienbaum hatte es eine ganz besondere Bewandtnis.

Es brütete nämlich in ihrem mächtigen Geäst eine Ente, und das schon seit mindestens drei Jahren. Die Ente im Kastanienbaum war eine Sensation im ganzen Viertel. Man sprach über sie, sehr viel lieber als über das Wetter, den Fußball oder die Gefahren international operierender Terrororganisationen. Und wenn die Sonne schien war der Biergarten ihres Vertrauens auch für die Herren Reiner und Kainer daher um eine Attraktion reicher.

Es ist vollkommen klar, dass eine Ente bzw. ein Erpel (denn man schien sich hier in der Brutpflege durchaus abzuwechseln) von der Natur nicht allzu günstig ausgestattet wurde, was Start- und Landevorgänge in einem Kastanienbaum anbelangt. Weiterlesen

Satire Debatte: Höfliche Bitte eines Rüsseltiers

(Ein politisches Gedicht in Edgar P. Kuchensuchers Manier)

Ich wollt’ ich wär’ ein Ferkel

Dann oinkt ich zu Frau Merkel:

Liebe Kanzlerin, ich bitt

Nimm diesen Brief nach Ank’ra mit

An Erdogan, den lieben Freund,

Der’s gut mit Flüchtlingsströmen meint.

Drin steht: Erdie, altes Haus

Die Satire-Sau lass ich nicht raus

Doch bitte lass auch Du sie sein:

Die Schmähkritik am deutschen Schwein.

DIE KLUGEN KÖPFE

Wenn zehn kluge Köpfe etwas sagen, dann gilt es im Mainstream als ausgemachte Dummheit. Wenn ein öffentlicher Dummkopf es auch sagt, dann gilt es als große Klugheit. Der öffentliche Dummkopf aber, das ist seine Aufgabe, sagt immer erst etwas Kluges nach, wenn es zu spät ist, daraus noch sinnvolle Schlussfolgerungen zu ziehen. So verwandelt der öffentliche Dummkopf noch das Klügste in eine Dummheit. (Und auch die klügsten Köpfe dieser Welt wissen nicht, wie sie dem begegnen sollten.)

*

Aber wer ist schon ein „kluger Kopf“? Niemand stellt sich hin und sagt: Leute, ich bin ein kluger Kopf. Naja, fast niemand.

Deswegen sollte man das mit den klugen Köpfen nicht allzu sehr ans Charismatische binden. Es gibt nun eben brillante Darsteller des Prinzips „kluger Kopf“. Andere, vielleicht noch klügere, zweifeln überhaupt an dem Prinzip.

Irgendwo gibt es einen Club der anonymen klugen Köpfe. Mein Name ist Heinz, und ich bin ein kluger Kopf. Schön, dass du dich so offen dazu bekannt hast. Jetzt beginnt die lange Arbeit, die Klugköpfigkeit zu überwinden. Ganz los wird man sie, wie den Alkoholismus, nie im Leben.

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Ein kluger Kopf ist einer, der weiß was er sagt. Das ist lebenstechnisch gesehen, reichlich dumm. Er ist nicht einer, der „nicht auf andere hört“ (manche, die lieber weise als klug sein wollen, machen es so), sondern einer, der anders auf andere hört. Weder im Wettbewerb noch in der Unterwerfung.

Da sind wir bei der Autonomie; das musste ja kommen.

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Im Club der klugen Köpfe wird hauptsächlich herumgealbert. Kindisch, sowas.

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Kluger Kopf. Das ist so wundervoll altmodisch, so weit weg, so arrogant und deplatziert. Eine Schnittmenge von Rock’n’Roll und Staubsüchtigkeit. Weiterlesen

Wirres Zeug

Jeder klare Gedanke ist ein Schnitt durch wirres Zeug. Jedes Denken wächst inmitten von wirrem Zeug. Aber will das Geschnittene, will das Gewachsene denn daran denken, wie sehr es vom wirren Zeug abhing? Natürlich nicht. Einen klaren Gedanken verkaufen kann man nur, wenn man ihn vorher von allem wirren Zeug gereinigt hat (ein wenig so wie der Schlachter sein Messer oder der Schlächter sein Schwert).

Wirres Zeug, gewiss, gilt als schön, wenn es als Kunst dargestellt und gebannt ist. Dann hat das wirre Zeug sein goldenes Gefängnis. Und vor dem Kunstwerk ist es erlaubt, ja nachgerade geboten, wirres Zeug zu reden.

Gutes Denken müsste indes aus einer Zärtlichkeit gegenüber dem wirren Zeug entstehen. Und ein guter Gedanke sollte nie vergessen, dass er aus wirrem Zeug geboren wurde.

Aber Vorsicht! So lebendig das wirre Zeug ist, so unmoralisch ist es auch. Der klare Gedanke, der sich als Schnitt oder Wachstum versteht – das eine gehört zum anderen, so dass schon hier das Verhältnis nicht ausschließlich friedlich gedacht werden kann – ist nicht der einzige Weg. Aus wirrem Zeug kann so vieles entstehen. Ideologien, Religionen, Verschwörungsphantasien. Weiterlesen

Die Rückkehr der Braut des Sohnes des Merz-Hasen!

Ich hatte sie ja schon lange aufgegeben, die Suche nach dem Merz-Hasen. Aber ich habe es geahnt: Man muss den Familiensonntag nur mit anderen Augen sehen. Und schon ist er da.

Von: BERLINISCHE GALERIE Newsletter<berlinischegalerie-bounce@berlin.kulturkurier.de>
Datum: 24. März 2016 um 19:08:31 MEZ

Betreff: NEWSLETTER 26.03.-01.04.2016

 

INHALT

ÖFFNUNGSZEITEN ZU OSTERN
FÜHRUNGEN
FAMILIENSONNTAG: MIT ANDEREN AUGEN
BENEFIZ-KUNSTAUKTION VON TERRE DE FEMMES
ÖFFNUNGSZEITEN ZU OSTERN

Unser Haus ist an allen Ostertagen zu den üblichen Zeiten geöffnet.
Wir wünschen bunte und sonnige Tage und freuen uns auf Ihren Besuch:
Karfreitag, Samstag, Ostersonntag, Ostermontag von 10:00 bis 18:00 Uhr!
Auch unser Café Dix begrüßt Sie gerne zu Kaffee und Kuchen.

http://www.berlinischegalerie.de

 

Die Chancen einer neuen Aufklärung

Kleine Vorüberlegungen

„Bildung zerfällt in Kultur und Aufklärung“ sagt Moses Mendelssohn in seinem Aufsatz „Über die Frage: was ist aufklären?“ aus dem Jahr 1784. Umgekehrt könnte man wohl sagen, dass sich Bildung nur aus Kultur und Aufklärung zusammensetzen lässt. Bildung ohne Aufklärung zerfällt in Mythos und Ideologie.

Moses Mendelssohn fügt hinzu: „Bildung, Kultur und Aufklärung sind Modifikationen des geselligen Lebens.“ Dabei wird unter Kultur das Schöne und Nützliche und unter Aufklärung Theorie und Kritik verstanden. Nichts von beidem steht hoch im Kurs derzeit. „Kultur“ ist nach Mendelssohn nämlich nur „durch gesellschaftlichen Umgang, Poesie und Beredsamkeit“ zu erlangen. (Eine der Ursachen von Ent-Aufklärung ist die Entgesellschaftlichung des Lebens.)

Daraus wird ziemlich klar: Aufklärung ist keine Sache, die aus einem Kommunikationsverhältnis zwischen gar noch dazu „selbst ernannten“ Aufklärern und ihren Adressaten, gar noch einem „Volk“ entsteht. Aufklärung muss man wollen, und sie entsteht aus gemeinsamer kultureller und semantischer Praxis.

Man kann, mit anderen Worten, Aufklärung nicht „herstellen“. Selbst wenn das Wissen, das Interesse, die Medien, die Techniken und die Sprachen vorhanden sind, ist daraus keine Aufklärung zu gewinnen, wenn sie sich nicht als soziale Praxis verwirklicht.

Was wir von Aufklärung derzeit sagen können ist weder, dass sie unterdrückt, noch dass sie von anderen Sinnsystemen überlagert wird. Wir können nur sagen, dass Aufklärung nicht geschieht. Weiterlesen

Legende

Eines Tages, lang wird es her gewesen sein, da kehrte der lang abhanden gekommene Gott, nachdem er sich erfreulicheren Regionen seiner Schöpfung gewidmet hatte, wieder einmal nach Deutschland zurück. Und da fand er wieder einmal nur Hass, Missgunst und völkische Mordlust. Und das Land wieder in Trümmern. Dabei hatte Er doch gerade, wie er fand, den Deutschen ein schönes, ein reiches, ja sogar ein Land geschenkt, das zu Philosophie und Poesie anregte. Aber nein, sie hassen sich untereinander so, dass sie sich keine andere Gemeinschaft als die des Hasses vorstellen könnend. Ihr schönes Land verwandeln sie immer wieder in Schlachtfeld und Brache. Dass sie bei alledem auch noch seinen Namen missbrauchten, war Gott einigermaßen egal. Gott ist nämlich nicht so eifersüchtig, wie seine Dokumentaristen glauben. Es erzürnte ihn vielmehr die schiere Niedertracht dieser Menschen, die auf ihre Bosheit auch noch stolz waren, nur weil sie eben, weil sie in Liebe nicht vereint sein konnten oder wollten, sich in ihrer Bosheit vereint wähnten. Als wären Sünden keine Sünden mehr, nur weil man sie im Namen von Nation und Volk verübte. Ganz im Gegenteil, dachte Gott, aber er wusste natürlich, dass er dem deutschen Volk keinen solch klaren Gedanken zumuten konnte.

„Deutsche!“, donnerte Gott (er war wirklich ein wenig angefressen). „Habt ihr denn gar nichts gelernt? Wenn ich sehe, was ihr wieder getan habt, wieder und wieder, und was ihr wieder tut. Und wie ihr redet und wie ihr denkt! Ist denn mein Sohn umsonst gestorben? – Ich habe ihn noch gewarnt: Gehe nicht zu den Menschen, lass das! Weiterlesen

Die Einschläge kommen näher – „Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“

Wenn man die Bilder der Pegida-Demonstrationen in all ihrer erlesenen Hässlichkeit sieht, möchte einem schon grauen vor der dumpfen Roheit und der durch Bier und Fernsehen gezüchteten Blödheit des „unkultivierten Pöbels“. Also sehnsuchtsvoller Rückzug in die Tempel der Hochkultur, nicht wahr. Zum Beispiel in die Kölner Philharmonie, wo der aus dem Iran stammende Cembalist Mahan Esfahani ein Steve Reich-Konzert gibt. Das verspricht einen wahren Genuss, zumal Herr Esfahani vor der Musik noch ein paar einführende Worte zu dem anbietet, was dann zu hören sein wird. Allerdings in englisch, aber wir sind hier ja unter gebildeten und gesitteten Menschen. Oder?

Aber nein. Dieses bürgerliche Publikum eines Konzerthauses lässt sich doch so viel Fremdes nicht gefallen. Man zischt und murrt und hört damit auch nicht auf, als die Musik begonnen hat. Das Konzert wird abgebrochen.

Schon zwei, drei mal in der deutschen Geschichte haben wir auf ein gehobenes, kulturell informiertes „Bildungsbürgertum“ gehofft und sind schwer enttäuscht worden. In Deutschland ist auch ein Konzertsaal kein Raum mehr für internationalen Austausch, Interesse und Anstand. Hier kommt Pegida mit Abitur. Hier greift die neue deutsche Mischung aus Verrohung und Verblödung endlich nach der fast schon vergessenen Hochkultur.

Ab morgen spielen wir wieder Wagner nur für Volksdeutsche. Nicht dass man uns noch mal irgendwelche Flüchtlinge so entartete Musik spielen lässt!

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Europa als Idee und Utopie war ein kulturelles Projekt, und seine Verkünder reagierten, seit dem Französisch-Deutschen Krieg im 19. bis hin zu den Zeiten des „Kalten Krieges“ im 20. Jahrhundert auf die großen Krisen des Kontinents. Sie konstruierten, gegen die reale Politik und die reale Ökonomie, eine „geistige Einheit“ (sie deckte sich mehr oder weniger mit der Vorstellung vom „Abendland“). Nicht obwohl, sondern gerade weil es keine politische und ökonomische Einheit gab, konnten die Autoren von Benedetto Croce bis Romain Roland die kulturelle Utopie Europa aufrecht erhalten. Nun, da sich, wennzwar keine politische, so doch eine ökonomische Einheit auf der Tagesordnung findet, zerbricht diese kulturelle Utopie vor unseren Augen. Weiterlesen