Okt 20 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (II)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

2

„Ich bin was ich bin“, sagte Gott zu sich selbst, als er allein unter dem Baum der Erkenntnis saß. „Aber das ist nicht alles, was ich bin.“ Er war mal wieder ganz uneinig mit sich selbst.

Wie so oft versammelten sich dann die Nerd-Engel um ihn herum und quatschten ihm die alte Hucke voll.

„Du bist einerseits, aber andererseits tust du ja auch was. Du hast einen Willen, und wenn einer was will, dann hat das seinen Grund nur in sich selbst. Über deinen Willen musst du nicht groß nachdenken“, sagte einer von ihnen.

„Nö“, pflichtete ein anderer bei, „das bringt echt nix.“

„Schau dir die alten Götter an. Die griechischen zum Beispiel. Die waren einfach. Die waren Natur. Basta. Keinen Willen, höchstens irgendwelche ferkeligen Absichten, hier und da.“

„Genau, die konnten machen, was sie wollten. Sie waren alles Gute und alles Schlechte, Tag und Nacht. Jessas, und da hatten die Menschen viel mehr Freiheiten gegenüber ihren Göttern.“

Der Baum der Erkenntnis spendete einen angenehmen Schatten, und Gott war drauf und dran, seinen vielen Sorgen den Hintern zu zeigen und einfach sanft zu entschlummern. Wenn nur diese Nerd-Engel nicht wären.

„Du aber, du musst alles allein erledigen. Du musst die Welt erschaffen, regieren, deinen Willen durchsetzen, die Menschen erlösen, und am Ende auch noch so ein gewaltiges Gericht abhalten.“

„Deswegen brauchst du auch unbedingt einen Sohn. Nicht nur wegen der Erlösung. Du bist einfach überfordert.“

„Vielleicht habt ihr ja recht. Ich sollte einfach mal ein bisschen Urlaub …“

„Nichts da“, meinte ein Nerd-Engel. „Damit machst du die Sache nur noch schlimmer.“ Weiterlesen »

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Okt 20 2014

Eine Agamben-Ableitung nebst einer Umdeutung des Marktgeschehens (Skizzen)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Was ist „ökonomisch“?

Ökonomisch ist die Wirtschaft und das Wirtschaftliche; alles was geschieht zwischen einem Bedarf der Menschen, der einzelnen wie der kollektiven, und der Deckung des Bedarfs. Auf einer tieferen Ebene ist die oikonomia nichts anderes als eine „Verwaltung des Hauses“. Zunächst also ist die Ökonomie – nach Aristoteles – von der Politik zu unterscheiden; die Verwaltung eines Hauses (eines erweiterten familiären Zusammenhangs) wie die eines Haushaltes in einer Gemeinschaft gegen die territoriale, diplomatische und am Ende militärische Führung einer Politik. Die Unterscheidung von Ökonomie und Politik, könnte man wohl sagen, ist eine Grundlage des Staatsgedankens.

Den „oikos“ („das Haus“ – im Gegensatz zur „Polis“ – Stadt und Staat) definiert Aristoteles durch drei Formen der Beziehungen: durch das Herr-Knecht-Verhältnis, durch das Eltern-Kind-Verhältnis, und durch Liebes- und Eheverhältnisse. Entscheidend scheint für diese Philosophie, dass sich die Ökonomie aus solchen Verhältnissen und nicht aus Regeln bildet, und dass sie entsprechend nicht durch wissenschaftliche Sätze beschrieben werden kann. Vielmehr scheint es sich um eine durchaus subjektive, angemessene Kunst der Verwaltung zu handeln.

Es geht darum, die Dinge, die gebraucht werden, herzustellen bzw. zu besorgen, zu verteilen und, nicht zuletzt, zu ordnen und zu bewahren. „Ökonomisch“ in diesem Sinne verhält sich also jemand, der die Dinge seiner lebenden Gemeinschaft pfleglich, ordentlich und gerecht behandelt, der sie, zum Beispiel, so anordnet, dass sie sich beim Gebrauch nicht gegenseitig stören, dass sie nicht Zeit verschwenden lassen, dass sie keinen Schaden nehmen.

Diese Ökonomie ist nicht möglich ohne Kontrollen. Und so beschreibt Xenophon in „Oeconomicus (Gespräch über die Haushaltsführung)“, einem Dialog mit Sokrates und einem (vielleicht fiktiven) Kritobulos, ein „ökonomisiertes Haus“:
„Alle Geräte scheinen einen Chor zu bilden, und der Raum in der Mitte all dieser Geräte sieht schön aus, wenn jedes an seinem Platz ist. Wie auch ein kreisförmiger Chor nicht nur selbst ein schöner Anblick ist, sondern auch der Raum in seiner Mitte schön und klar aussieht“. Weiterlesen »

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Okt 16 2014

Die F.A.Z. hat es wieder getan! Ein tolles neues Wort erfunden, aus dem Wörterbuch des … naja, des F.A.Z.-Lesers eben. Das Wort lautet: „ZWANGSBEGRÜNUNG“

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Dabei geht es um einen Gesetzesentwurf der grün-roten Landesregierung in Stuttgart, die möchte, dass Häuser, die keinen Garten haben, wenigstens an der Fassade oder auf dem Dach ein paar Pflanzen anlegen, und außerdem sollte es wettergeschützte und diebstahlsichere Parkplätze für Fahrräder geben. Brrr, wie sozialistisch! Da lobt sich die F.A.Z. doch die CDU-FDP-Koalition, die in Hessen den genau entgegengesetzten Weg gegangen ist, und den Gemeinden und Städten schlicht die Verordnung von ökologischen Bau-Auflagen (Wachstumsbremsen) verboten hat.

Und noch was Schreckliches aus Stuttgart: „In Häusern mit mehr als zwei Wohnungen sollten die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar und die Wohn- und Schlafräume sowie Bad und Küche mit dem Rollstuhl zugänglich sein“. Das soll wohl Behinderten- und Altenfreundlich sein, was? Aber es ist absolut grausam gegenüber der Immobilienwirtschaft, es ist nämlich „für Investoren ein ernsthaftes Problem“.

Ach, es geht um mehr! Um die Freiheit! FREIHEIT! „Hier geht es nicht um Niedlichkeiten, sondern um einen Staat, der sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen.”

Soll niemand sagen, der Neoliberalismus habe keine Lobbyisten, keine Propagandisten, keine Ideologen, was sage ich, keine Freiheitskämpfer. Weg mit dem Efeu! Freiheit für die Investoren! Keine Fahrradparkplätze für Autoindustrieschädlinge! Beton gegen Zwangsbegrünung! Und auf gar keinen Fall Windräder vor den Häusern. Denn die machen, das weiß die Allgemeine Zeitung für Deutschland: „flapp-flapp-flapp“. SUVs lasst röhren gegen zwangsbegrüntes Flapp-Flapp-Flappland!

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Okt 16 2014

Warum „Warum“-Bücher die größten Dumm-Macher sind.

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

ACH, WARUM?

Warum keiner will, dass du nach oben kommst . . . :  . . . und wie ich es trotzdem geschafft habe

von Martin Limbeck und Walter Kohl von Redline Verlag

 

Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet: Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

von Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer und Walter Krämer von Campus Verlag

 

Warum die Sache schiefgeht: Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen

von Karen Duve von Galiani-Berlin

 

Warum uns ein schöner Haushalt glücklich macht: Und wie er gelingt

von Kornelia Wassersteiner von CreateSpace Independent Publishing Platform

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Okt 14 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (I)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Das falsche Ende des Waldes

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Und so kamen sie immer tiefer in den Wald: Joe voran, der noch nicht einmal die Hälfte seines Enthusiasmus verloren hatte; der Sohn Gottes, der sich immer mal wieder auf eine kleine Astralreise zu machen versuchte, und sich grämte, dass er dabei kaum ein paar Millimeter, kaum ein paar Sekunden vorwärts zu kommen schien, schlimmer als gar nichts, befand er; Ayse, definitiv mit dem falschen Schuhwerk für eine solche Wanderung ausgestattet; Pablo, der sich darauf konzentrieren musste, die Verbindung von seinem Kopf zu den Füßen nicht von unten willkürlich unterbrechen zu lassen; Mississippi, die sich immer wieder verstohlen umsah, ob nicht doch eines von ihren Tieren, der Hund oder wenigstens die Katze, ihr gefolgt sei; Murx, die gewisse Dinge in diesem Wald durchaus geil fand, nur die Ausmaße von alledem zum Kotzen; Matrix, der ein Kognitionsnetz über ihre Bewegungen zu legen versuchte, ohne genau zu wissen, was zum Henker ein Kognitionsnetz ist; und am Ende Albert mit schlechtem Gewissen. Er hatte seiner Gurkentruppe verschwiegen, dass sich hier ganz in der Nähe das Waffenlager der, naja, Kameraden befand.

„Ich hab’ einen Mordskohldampf“, sagte Murx auf einmal. Und da fiel auch den anderen ein, dass es schon eine geraume Zeit her war, dass man was gegessen und getrunken hatte. Von letzterem vielleicht ein bisschen zuviel.

„Du findest doch den Wald so toll“, maulte Murx weiter (ein bisschen Spaß machte ihr das schon wieder, das muss man zugeben), „also, Joe, dann zeig’ uns doch mal, wie man hier so überlebt. Beeren und Früchte und so“.

Joe fühlte sich in seiner Ehre gekränkt. Außerdem war er gerade mit seinen Gedanken woanders. Wir sagen jetzt nicht wo.

„Ich hab’ nicht behauptet, dass ich ’n großer Pfadfinder wär, oder so. Ich hab’s nur einfach schön hier gefunden, das ist alles.“

Bevor sie sich aber weiter Gedanken machen konnten, was man in so einem Wald nun essen könnte und wie man es schaffte, zu irgendeinem Bächlein helle zu gelangen, nicht nur um zu trinken, sondern auch um seine Füße mal ein bisschen abzukühlen, bemerkten sie etwas Ungewöhnliches. Rauch! In einem Wald sollte man alles mögliche riechen, aber keinen Rauch.

„Rauch“, sagte Ayse.

„Rauch“, sagte Joe.

„Rauch“, sagte Murx und rülpste. Weiterlesen »

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Okt 10 2014

Kleinigkeiten (38)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Die Pointe eines politischen Systems, das weder Würde noch Respekt generieren kann, liegt darin, dass alle immer irgendwie beleidigt sind. Man könnte wohl von einer Weltkultur des Gekränktseins sprechen. Was nicht so lustig ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Denn mit dem Schmollen und Zurück-Beleidigen ist es ja in den seltensten Fällen getan. Die Kultur des Gekränktseins brütet im großen wie im kleinen ihren Terrorismus aus.

Gekränkten Menschen kann man beinahe alles einreden. Aber umgekehrt lässt sich auch beinahe alles durch eine Kränkung rechtfertigen.

In einer Kultur des Gekränktseins gibt es keinen Dialog, keine Debatte, keine Kritik. Alles, was nicht vollständig deckungsgleich mit der Selbstwahrnehmung der potentiell Gekränkten ist, muss als Kränkung aufgefasst werden und zwangsläufig zu verbaler oder auch physischer Gewalt führen.

Die neueste Mode im deutschen Spießertum ist das Fremd-Gekränktsein. Man ist stellvertretend beleidigt. Mehr noch: Man ist auf der unentwegten Suche nach Menschen, Begriffen, Dingen, Ideen, Religionen etc. die irgendwer kränken könnte. So wie der emotionale Krüppel, der seine Angehörigen nur hassen kann, in Weinkrämpfe verfällt, wenn ein „Promi“ stirbt, so ist der moralisch Verkommene der größte Eiferer in der Kultur des Gekränktseins.

Das Gekränktsein ist der perfekte Auslöser für eine auch semantische Regression. Wer gekränkt ist (oder eben, sich ein Ersatzobjekt des Gekränktseins sucht) darf sich nicht nur wie ein Kind fühlen, sondern auch wie ein solches sprechen. Ein Kind, das zugleich natürlich den Lehrer und den Hausmeister in sich wallen fühlt.

Die Kultur des Gekränktseins lässt sich nur zeitweise durch das geschmackliche Verbot von Kritik und Debatte beruhigen. Am Ende will sie doch auf eine Totalität hinaus: Kränkung kann sich nur in MACHT auflösen. Weiterlesen »

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Okt 10 2014

FREIHEIT?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Oder: Vielleicht ist es notwendig, den Begriff der Freiheit zu befreien, bevor er uns wieder zur Zukunft wird

 1

Wenn es etwas gibt, wofür man den Gaucks dieser Welt dankbar sein muss, dann ist es der Umstand, zum Nachdenken über den Begriff der Freiheit inspiriert zu werden. Wenn man nämlich etwas von ihr wissen kann, dann ist es das: Der Umgang mit ihr, in Theorie und Praxis, ist kompliziert. Andersherum: Nichts gefährdet „die Freiheit“ mehr als eine militante Komplexitätsreduzierung. Und wer Freiheit wie eine Fahne vor sich her trägt, hat sie im Inneren entweder noch nicht – dann ist er ein Rebell, oder er hat sie schon verloren – dann ist er ein Ideologe. Ein Rebell ist Joachim Gauck sicher nicht.

Freiheit bedeutet: eine Wahl haben. Die Wahl selber wird nicht durch Willkür, Gier oder Angst bestimmt, wodurch sie sich selbst aufheben würde, und sie wird nicht durch Belohnung, Erfolgswahrscheinlichkeit, Bedrohung oder Abwertung und Abweisung in Frage gestellt. Eine Wahl treffen heißt: sich entscheiden trotz Willkür, Gier und Angst, trotz Belohnung, Bedrohung, Abwertung oder Abweisung. Mit jeder Wahl wird die Freiheit neu bestimmt; mit jedem Verzicht auf die Wahl wird ein Stück Freiheit geopfert.

Freiheit „geben“ bedeutet zunächst nichts anderes, als den anderen weder zu bedrohen noch zu verführen, weder zu bedrängen noch zu reduzieren. Es bedeutet, erstaunlich genug, dem anderen Zeit zu geben.

Menschen die Zeit zu nehmen ist auf dieser Ebene das gleiche wie Menschen die Freiheit nehmen. Etwas ähnliches gilt für den Raum: Menschen den Raum zu nehmen bedeutet in diesem Zusammenhang: Menschen Freiheit nehmen. Die beiden extremen Formen dieses Raum-Raubes sind das Einsperren und die Enteignung / Vertreibung. Freiheit ist sehr Vieles und sehr Widersprüchliches. Weiterlesen »

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Sep 24 2014

UND EWIG LEBT DER 68ER (Ein Protestsong)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ein Protestsong der Gruppe SCHNÖSELKLANG, Mönckersheim

 

Wer ist schuld, dass ich nich’ Kanzler wer’?

Die 68er! Die 68er!

Wer stört immer noch den Geldverkehr?

Die 68er! Die 68er!

Wer kämpft für Assis und Hungerleider?

Die 68er! Die 68er!

Und wer nießt in unseren Champagner?

Die 68er! Die 68er!

 

Pullover, Joint und lange Haare!

So komm’se langsam in die Jahre.

Verstehen nix von Zins und Geld

Und kritisier’n die Warenwelt!

 

Die 68er gehören weg!

Die 68er sind der letzte Dreck!

Weiberfreiheit! Ökoschmus!

Wachstumsbremsen im Überdruß! Weiterlesen »

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Sep 23 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/14: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (2)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Die fünf Sphären der Kunst

Kleiner Vorschlag für eine Diskurs-Architektur

Es ist durchaus möglich, dass es in der Kunst eine Sphäre gibt, die sich mehr oder weniger nur wiederum dem Künstler (oder, ein wenig allgemeiner, immerhin dem „künstlerisch empfindsamen“ Menschen) erschließt. Nennen wir dies den „heißen Kern“. Was darin geschieht, kann ebenso gut das Großartigste von allem oder eine Angelegenheit von wenig Belang für den Rest der Welt sein. Es ist, für den Kunst-Diskurs, die Kritik zum Beispiel, so abenteuerlich wie gefährlich in diese Sphäre einzudringen (weshalb man schon von einer außergewöhnlich wagemutigen Angelegenheit sprechen darf, wenn diese innerste Sphäre auch nur gestreift wird). Es ist der Drang, dass etwas entstehe, etwas eigenes und neues. Ohne diesen heißen Kern existiert die Kunst nicht, aber für ihn allein tut sie es auch nicht.

Die zweite Sphäre bildet eine grandiose, immerwährende und immer erneuerte Metapher, das Schöpferische und die Freiheit betreffend. Nach den Worten von Plato ist das, was aus dem Zustand des Nicht-Seienden in den des Seienden gerät, nicht zu denken ohne jenes Schaffen, das bei ihm „poiesis“ hieß. Wenn also Poesie das ist, wodurch ein Nicht-Seiendes zu einem Seienden wird, dann ist Kunst der wesentliche Ausdruck einer ursprünglichen und unbedingten Schöpferkraft des Menschen und steht schon deshalb in einer ausgesprochen prekären Situation zu anderen Sinn-Systemen wie vor allem der Religion oder allen Systemen, die religionsähnliche Züge annehmen können.[1]

Diese Metapher funktioniert, weil sie einen Schöpfungsakt vor allem anderen oder jenseits alles anderen, kurz eine unbedingte Schöpfung ansieht, im Sinne der großen Anmaßung: Der Mensch ist das Wesen, das etwas erschafft. (Eine Eigenschaft, die zugleich ausgesprochen unheimlich ist, weshalb man, neben und sogar in der Kunst, die Götter zu Hilfe ruft.) Wie immer man Allianzen ausrufen mag, Kunst kann in dieser Metapher nicht durch Technik, durch Geld oder durch Organisation erzeugt werden, wenn sie sich nicht selbst aufheben will.

Es entsteht also eine zweite Gefährdung der Kunst nach der ersten: Der Unterdrückung, der Einkerkerung, der Verbannung und gar der Ermordung von Künstlern bzw. kunstempfindlichen Menschen, vor der, zum Beispiel, weder der deutsche Faschismus noch die maoistische „Kulturrevolution“ zurückschreckte. Weiterlesen »

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Sep 17 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/14: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Der Preis eines Kunstwerks

Die Exaltationen des Kunstmarktes und die Korruption des Betriebes, den wir in „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ zu beschreiben versuchten, sind einerseits Symptom einer Transformation der kapitalistisch-postdemokratischen Gesellschaft, andrerseits aber auch ein Symptom der Krise zwischen Kunst und Gesellschaft.

Der Preis ist eine „dezentrale Information“ über den Wert eines Dings oder einer Dienstleistung. Es soll zugleich die Informationen (nicht nur) über den Wert eines Dings oder einer Dienstleistung sammeln, sondern diesen Wert auch wieder bestimmen. (Der Preis ist ein sich zyklisch öffnendes und schließendes System.) Welche Art von Informationen in diesen Transformationsprozess einfließen, lässt sich in unterschiedlichen Modellen darstellen: Angebot und Nachfrage; Tauschwert, Gebrauchswert, Sinnwert und Prestigewert; Nützlichkeit, Schönheit, Seltenheit, Neuheit; Bedeutung und kulturelle Distinktion; Identität und Exotik (Kolonialismus), und vieles mehr.

Umgekehrt ist der Preis eine Voraussetzung für die Arbeitsteilung. Nur über den Preis lässt sich der Wert einer Ware oder eine Dienstleistung über die Macht und das Bedürfnis eines einzelnen, primären Produzenten hinaus entwickeln. Damit, natürlich, ist der Preis zugleich Schlüssel zur Entwicklung der Produktion und zur sozialen Ungleichheit. Alles, was seinen Preis hat, ist etwas fundamental anderes als das, was im Angelsächsischen in schöner Ambivalenz „free“ genannt wird.

Das Kunstwerk wird nur einerseits vom Künstler produziert, von Galeristen verkauft, vom Betrieb verwaltet und von den Käufern (anders: den Besuchern) bewertet. Das ist der Objekt-Charakter (den wir in unserem Buch als „Fetisch“ begriffen haben). Andrerseits wird das Kunstwerk, was seine soziale Wirkung anbelangt, arbeitsteilig erzeugt, und der Künstler selbst muss nicht einmal den größten Anteil an dieser Arbeit haben. Das ist der Dienstleistungs-Charakter der Kunst.

Weder der Objekt-Charakter noch der Dienstleistungscharakter eines Kunstwerks bilden eine hinreichende Erklärung und eine hinreichende Legitimation. Weiterlesen »

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