Nov 22 2014

Unterwegs (5)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der Bar Europa, unweit der Piazza Gramsci, saß jeden Morgen ein älterer Herr, trank einen Cafe, aß eine Focaccia und las die Zeitungen, die der Barista auf den Tresen gelegt hatte.
Eines Tages im Herbst sah man diesen älteren Herren über seine Zeitung gebeugt plötzlich erschrocken auffahren. Er schüttelte den Kopf. Dann legte er bedächtig die Zeitung zur Seite. „Wovon die da schreiben“, sagte er langsam und mit der Stimme eines Menschen, der ein schwerwiegendes Problem erkannt hat, „das ist nicht meine Welt“.
„Ist nicht mehr deine Welt, Giuseppe, was?“, lachte der Barista mit einer Mischung aus Gutmütigkeit und Herablassung.
„Nein“, sagte der Mann. „Sie ist es nie gewesen.“
Er stand auf und ging. Giuseppe wurde nie wieder in der Bar Europa gesehen.

* 

„Ist es nicht rührend?“, fragte M. und setzte das Weißweinglas ab. Seine Blicke folgten einer alten Frau, die sich angelegentlich mit ihrem kleinen Hund stritt. „Für eine alte Witwe ist ein Hund doch ein idealer Ersatz für den Ehemann, den sie nicht mehr hat.“
„Nun ja“, meinte C. „Für viel mehr Ehefrauen ist wahrscheinlich der alte Ehemann doch eher ein Ersatz für den Hund, den sie noch nicht haben.“
Die alte Frau drehte sich im Sonnenlicht um und erklärte ihrem Hund: „Schau dir diese alten Männer an, Manolo! Keine Frau, keinen Hund. Kein Wunder, dass sie uns so neidisch nachschauen.“ Weiterlesen »

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Nov 19 2014

Krisengerede

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Das Sterben des Kapitalismus ist furchtbar. Denn nicht die törichten, zornigen Antikapitalisten tragen ihn zu Grabe, so gern sie’s auch getan hätten. Sondern es sind immer die neuen Kapitalisten, die den alten Kapitalismus beerdigen. Es gibt da so Gerüchte. Einen „natürlichen Tod“ kann man das ja nicht nennen. So begegnen wir ihm überall, dem untoten, dem Zombie-Kapitalismus.

Das Großprojekt zum Beispiel:

Nehmen wir folgendes an: Der Gleichklang, in dem sich ökonomischer und technischer Erfolg einst als „Fortschritt“ entwickelten – Gewinn war, was man erzielte, indem man auf die beste technische Idee setzte und sie dann am besten umsetzen half – sei einigermaßen nachhaltig gestört. Gewiss hat es schon immer Stolperer bei diesem Weg zum Fortschritt gegeben, ohne den sich der Kapitalismus niemals auch für die mittleren und sogar die niedrigeren Stände attraktiv hätte machen können; Weiterlesen »

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Nov 17 2014

SEMANTISCHE VORBEMERKUNGEN ZU EINER SPRACHE DER WIRKLICHKEIT

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Semiotik.

Dasjenige Bild, das uns sowohl subjektiv als auch objektiv am überzeugendsten erscheint, nennen wir: die Wirklichkeit. Subjektiv überzeugend ist das Wirklichkeitsbild durch eine in der Zeit erzeugte Evidenz. Die Dinge zeigen sich, wie sie sich immer gezeigt haben, bzw. die Änderungen der Dinge vollzieht sich nach einer zeitlichen Logik, die in den Dingen selbst liegt. Die Sonne geht morgens auf, weil sie immer am Morgen aufgeht, weil es logische Folgen hat, wenn sie aufgeht (es wird hell, es wird warm), und weil wir wissen, warum sie aufgeht. Das Wirklichkeitsbild ist vollkommen übereinstimmend mit den Empfindungen der anderen Sinne; der Tisch, den man sieht, schmerzt, wenn man dagegen läuft (das Lieblingsmodell all jener, die ein „objektives“ Modell der Wirklichkeit gegen dubiose „Konstruktivisten“ oder gar „Dekonstruktivisten“ verteidigen zu müssen glauben); die Blume des Wirklichkeitsbild vermag zu duften; das Wirklichkeitsbild einer Kuh wird durch ihren Muh-Laut bestätigt. Das Bild der aufgehenden Sonne verbindet vollkommen Evidenz und Erklärung (wobei es gleichgültig ist, ob es sich bei dieser Erklärung um einen vorbeifahrenden Sonnenwagen oder eine Bewegung der Gestirne handelt). Freilich gibt es für das Wirklichkeitsbild keine Letztbegründung; niemand kann erklären, warum es da ist.

Objektiv überzeugend ist das Wirklichkeitsbild, weil die anderen es genau so sehen wie ich und weil es nicht im Widerspruch steht zu den allgemeinen Regeln der Sichtbarkeit, zu denen es nicht nur Übereinkünfte, sondern auch theoretische Begründungen gibt. Ein weiteres Kriterium dafür, dass ein Bild (das ich, wie ich mittlerweile weiß, durch neurophysische Vorgänge in meinem Kopf erzeuge) identisch mit der Wirklichkeit ist, besteht in der Autorität von Paradigmen, die es mir „glaubhaft“ machen.

Wenn die Wirklichkeit ein Bild ist, dann ist sie es unter diesen Bedingungen:

Ich sehe, was ich sehen kann.

Ich sehe, was ich sehen darf.

Ich sehe, was ich sehen will.

Ich sehe, was ich sehen soll.

Ich sehe, was ich sehen muss.

Diese Bedingungen kommen einander nicht selten in die Quere. Wir haben dazu die populäre Geschichte aus der Ethnologie, in der Südseeinsulaner ein gewaltiges Segelschiff an ihrer Küste einfach nicht gesehen haben sollen, weil sie es mit nichts vergleichen konnten, das sie kannten. Vielleicht sagt diese Geschichte aber auch mehr über ihre Urheber als über ihre Protagonisten aus. Dass man indes immer nur unter Bedingungen sieht (und zwar unter mehr Bedingungen als man während des Sehens begreifen kann), scheint außer Frage. Weiterlesen »

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Nov 16 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (IV)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

4

„Hey“, sagte die Hexe. „Wenn ihr meine Lebkuchen nicht haben wollt … Wie wär’s dann mit ’nem bisschen Pilzsuppe. Hab’ gerade eine auf dem Feuer.“ Und sie deutete auf einen riesigen Kessel, der über einem Feuer hing.

„Also, wenn ich ihr wärt“, flüsterte Grete, „ich würd’ dankend ablehnen.“

„Ja“, pflichtete Hans bei, „das Zeug hat komische Wirkungen.“

„Echt?“ Murx witterte ein prächtiges High.

„Lass das!“, zischte Matrix. „Du hast genug gekotzt für diese Woche.“

„Na, dann ess’ ich meine Pilze eben allein“, murrte die Hexe. Sie schmeckte genüsslich mit einem Holzlöffel aus dem Kessel ab und warf noch ein paar Kräuter in den kochenden Sud.

„Braucht noch’n bisschen“, beschied sie. „Wollt ihr in der Zwischenzeit meine Geschichte hören?“, fragte sie.

„Nein, danke“, sagte Joe.

„Nein, danke“, sagte Ayse.

„Echt nicht“, sagte Murx und rülpste.

„Ach, wissen Sie…“, sagte Matrix.

„Es ist ja schon spät“, meinte Mississippi.

„Geschichte! Geschichte!“, rief Pablo begeistert.

Der Sohn Gottes sagte gar nichts. Er fühlte ein Kribbeln, das ihn an irgendwas erinnerte.

„Fein“, sagte die Hexe. Ihre Miene hellte sich wieder auf. „Dann hört mal gut zu.“

„Ich hab’s geahnt“, sagte Hans und ließ sich resigniert auf den Boden fallen.

„Immer dasselbe“, stöhnte Grete und setzte sich neben ihn.

„Ihr müsst wissen, dass ich auch mal jung und schön war. Also sehr jung. Und sehr schön.“

Sie tat einen tiefen Seufzer, war aber durch einen liebevollen Blick auf die brodelnde Pilzsuppe rasch wieder besänftigt.

„Ich war die Tochter eines Königs.“ Weiterlesen »

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Nov 11 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (III)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

3

„Verzeihen Sie“, sagte Habermas müde, „ich will mich ja wirklich nicht beschweren. Aber meine Pfoten tun weh. Ich habe Durst. Und einen Happen Schappi-Happy könnte ich auch vertragen. Außerdem ist es heiß. Und die Leute schauen uns so komisch an“.

„Beim Schnurrhaar meiner Großmutter“, grinste Schneeball, „wie sieht das erst aus, wenn Sie sich beschweren wollen!“

„Irgendwas zu unternehmen, was den Geschehnissen eine gewisse Wendung zum Positiven zu geben in der Lage wäre, könnte sich aber als diskutabel herausstellen, oder?“, warf Dionys schüchtern ein.

„Würden Sie bitte etwas weniger geschwollen daherreden“, maulte Balthasar.

Und so trotteten sie weiter durch die Stadt. Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn.

„Also, wie ich schon bemerkt habe“, fing Habermas wieder an, „gibt es da diese Geschichte.“

„Vom Esel“, sagte Balthasar.

„Von der Katze“, sagte Schneeball.

„Vom Hahn“, sagte Dionys.

„Und vom Hund, ganz recht.“ Habermas nickte befriedigt. „Und die, weil etwas Besseres als der Tod doch immer zu finden ist, treten als Akrobaten und Sänger auf und verdienen sich dabei dumm und dämlich.“

„Dumm und dämlich waren wir schon mal“, ätzte Schneeball. „Ich dachte, wir würden uns weiter entwickeln. Ich spüre ein enormes Kunstbedürfnis in mir.“

„Was?“, fragte Balthasar.

„Ein Kunstbedürfnis!“, hackte Dionys nach. „Wenn Ihnen Kunst ein Bedürfnis ist, dann ist es eine Notwendigkeit. Dann sind Sie nicht mehr frei in ihrer Schöpfung. Könnten Sie ebenso gut gleich wieder Pflichten übernehmen.“

„Bin ich Gott oder was?“, fragte Schneeball schnippisch.

„Oder was?“, fragte Balthasar verwirrt.

„Wäre nicht schlecht, erst mal ein paar praktische Fragen zu lösen“, unterbrach Habermas die etwas abgehobene Diskussion. „Ich schlage vor, wir versuchen einmal, es unseren Vorgängern nachzumachen. Mehr als blamieren können wir uns nicht.“

„Ich blamiere mich aber höchst ungern“, warf Dionys ein.

„Hunger haben Sie aber auch, oder nicht?“, schloss Habermas den Disput. „Herr Balthasar. Ich werde jetzt also auf ihren Rücken springen und versuchen, mich da oben einigermaßen in der Balance zu halten. Weiterlesen »

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Nov 06 2014

Aristoteles und der Mittelstand

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Bereits für die Staatsidee des Aristoteles war eine Stärkung des Mittelstandes identisch mit einer Vorstellung von Balance und Stabilität: „In allen Staaten gibt es drei Teile, die sehr Reichen, die sehr Armen und die Mittleren. Wenn nun das Maß und die Mitte anerkanntermaßen das Beste sind, so ist auch in Bezug auf den Besitz der mittlere von allen der beste. Denn in solchen Verhältnissen gehorcht man am leichtesten der Vernunft.“

Das Projekt des Nachkriegskapitalismus bestand nun in einer solchen „aristotelischen“ Stärkung des Mittleren: Den Arbeitern wurde versprochen, dass sie durch Fleiß und Wohlverhalten in den Mittelstand aufsteigen konnten, was sich in Form von schmucken Eigenheimen, Glück aus dem Neckermann-Katalog, Automobilen und Reisen auch zu verwirklichen schien. Die Arbeiterklasse hörte auf, als Klasse zu existieren, der soziale Aufstieg hingegen war erkauft durch eine mehr oder weniger radikale Entpolitisierung, die, wie sich später herausstellen sollte, in Wahrheit nicht „Entpolitisierung“ sondern ein „radikales“, im Zweifelsfall militantes Eintreten für den Status quo war. (Gegen diese Korruption der Arbeiterklasse wandten sich in den 1970er Jahren ausgerechnet die linken, rebellischen Studenten in einem höchst fruchtbaren Durcheinander von Impulsen und Interessen. Und in anderen Ländern, wie etwa in Italien, träumten heftigere Linke von einem neuen Zusammenschluss mit einer entstehenden, buchstäblich an die Ränder der Gesellschaft gedrängten Klasse des „Subproletariats“.)

Die in die Mittelklasse aufsteigenden Arbeiter mussten sich entschieden gegen alles wenden, was diesen Aufstieg in Frage stellen würde. Weiterlesen »

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Nov 04 2014

Kleinigkeiten (39)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Wollten wir nicht immer wissen, was Freiheit ist? „WIR – Die Zeitung für DPD Mitarbeiter, Systempartner und Zusteller“ gibt in ihrer September 2014-Ausgabe einige kluge Antworten:

„Freiheit ist, wenn der Rest des Tages Dir gehört“ (so steht es auf dem Titel).

„Freiheit ist, endlich der ganzen Republik erzählen zu können, dass wir eine starke Marke sind und welche tollen Services wir ab sofort anbieten“  (Verana Hills, Senior Group Manager Marketing Deutschland).

„Freiheit ist, wenn ich durch Predict 1h den Empfängern die Möglichkeit gebe, ihr Paket an einem anderen Ort oder an einem anderen Tag zu bekommen“ (Michael Knaupe, Director Produkte & Services National).

Vielleicht verhält es sich einfach so: „Paketzustellung war gestern, heute erhalten DPD Kunden ein zusätzliches Geschenk: Freiheit“.

Das ist schön, dass man die Freiheit so einfach per Zustellung geschenkt bekommt. Das heißt, geschenkt ist jetzt ein bisschen übertrieben. Weil, umsonst ist nur der Tod, und der ist bekanntlich nicht immer der tollste Ausdruck von Freiheit.

Aber so ganz insgesamt muss man schon sagen: Die Freiheit wird immer billiger. Ein bisschen Geld abdrücken, ein paar Daten abgeben, und schon ist man wieder frei für den Rest des Tages. Wenn man nur wüsste, was man damit anfangen könnte! Vielleicht Pakete bestellen, bei Amazon oder Zalando („Schrei vor Glück!“), damit man wieder ein bisschen Freiheit geschenkt bekommt.

*

Gestern im Fernsehen: Ein Comedian. Das ist ein Mann (es gibt auch Frauen, habe ich mir sagen lassen), der sich hinstellt und lustlos Witzle macht, die irgendwie dem Volk gefallen sollen, was das zum Volk erklärte Publikum dann, eher pflichtschuldig, auch bestätigen muss. Das Problem einer solchen Darbietung sind nicht die allermauesten Pointen, die tausendfach zerkochten Kalauer, das Bestätigen der dumpfmuffigsten Vorurteile, dieses Fischen nach Wiedererkennung um jeden Preis, Weiterlesen »

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Nov 04 2014

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ein ungewöhnlich warmer Novembertag hatte die Herren Reiner und Kainer noch einmal in den Biergarten gelockt.

„So“, sagte Herr Reiner, als das erste Glas Weißbier vor ihm stand und seufzte behaglich. „Jetzt wird es also doch nichts mit der Unabhängigkeit. Kein Schottland, kein Katalonien, kein Padanien. Gerade mal eine Krim vielleicht. Ich hätte es ja schön gefunden: Die Nationen zerfallen in immer kleinere Natiönchen. Bis sie so klein sind, dass sie kein Unheil mehr anrichten können. Ich war immer auch für die Unabhängigkeit.“

„Für die Unabhängigkeit Bayerns?“, fragte Herr Kainer ungläubig.

„Aber nie nicht!“ brauste Herr Reiner auf. „Für unsere Unabhängigkeit von Bayern. Es geht um die endgültige Abspaltung unserer Nation ohne Staat! Weg von München! Freiheit! Identität!“

„Von welcher Nation, bitte, reden Sie denn?“

„Weißbierien! Ich fordere ein Referendum zur Unabhängigkeit von Weißbierien!“

„Und wo soll das bitte sein, dieses Weißbierien?“

„Na hier! Genau hier“, bekundete Herr Reiner und lehnte sich gemütlich zurück. Die Sonne strich ihm über den Bauch, die Kastanie ließ die letzten Blätter fallen, und die Mücken führten ihre letzten Tänze auf.

„Aber wozu?“, fragte Herr Kainer.

„Sehen Sie. In der Unabhängigkeitserklärung der Katalanen steht es. Es geht darum, ‚die Würde als Volk zurückzugewinnen’. Ist das etwa nichts? Wenn wir die Würde in unserem Biergarten zurückgewinnen wollen, dann müssen wir uns gegen die kulturelle Bevormundung durch Jodelbayern zur Wehr setzen: den Trachtenzwang. Die miserablige Blasmusik. Die Heimatkrimis. ‚Dahoam is dahoam’. Lebkuchenherzerl. Postkarten mit saudummen Sprüchen. ‚Wenn’s Arscherl brummt is’ Herzerl g’sund’. Das ist doch nicht mehr zum Aushalten. Wo bleibt da unsere Würde? Drum: Eine Freie Republik Weißbierien muss her!“

„Stimmt schon. Die Würde des Biergartens und seiner Bewohner sind schwer angetastet. Man muss nur das Radio hören, mit dem sie uns da beschallen. In Weißbierien wäre so etwas verboten.“

„Genau. Aber Weißbierien hätte nicht nur eine eigene Kultur …“ Weiterlesen »

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Nov 01 2014

Der Text als lebendes System betrachtet

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Semiotik.

An einem bestimmten Punkt, den kein Mensch voraus ahnen kann, wird aus dem Schreiben etwas anderes. Der Wille, die Hoffnung, die Lust liegt nicht mehr im Schreiben, sondern im Geschriebenen. Was in Kafkas sonderbarer Angst vor dem Nicht-Schreiben lag, ist nicht der Verzicht auf einen Schöpfungsakt, es ist die Angst vor einer ausgelagerten Seele. Das Geschriebene schaut auf den Schreibenden zurück, der Schreibende ist nur noch Werkzeug. Das ist weder mystisch noch magisch, es ist ein semiotischer Prozess.

Nur egomane Stümper glauben, ein Autor „drücke sich durch Sprache aus“. Es verhält sich eher umgekehrt. Die Sprache drückt sich durch einen Autor aus. Gewiss muss er „eine gute Geschichte erzählen“, und er soll sie gefälligst gut erzählen. Aber die eigentliche Arbeit beginnt erst unter dieser Oberfläche, und manchmal auch gegen sie. Die literarische Kreation beginnt dort, wo sich die Sprache in ein lebendiges System verwandelt. Wenn aber der Text zu einem lebenden Wesen wird, durchläuft er alle Stadien von der Amöbe bis zum Menschen (und in Menschengestalt wird er sterben).

Den Text als Doppelgänger haben die Romantiker nicht nur gefürchtet. Ihnen wurde klar, dass er durch Vernunft und Ideal allein nicht zu bändigen ist.  Indem sie vor ihm erschraken, zeigten die Romantiker, dass sie den Text ernst nahmen.

Nüchterner betrachtet geht es tatsächlich darum, die Sprache in einen anderen Zustand der Entropie zu versetzen. Weiterlesen »

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Okt 30 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (32)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Medien.

In der F.A.Z. von heute gibt es eine „Publikation des Reflex-Verlages zum Thema Stadt der Zukunft“. Und was ist nun mit der Stadt der Zukunft? Sie sieht scheiße aus.

*

Und außerdem ist es immer sehr angenehm, wenn eine Zeitung, hinter der offensichtlich seit geraumer Zeit keine klugen Köpfe mehr stecken, also so werbetechnisch gesehen, und vielleicht überhaupt, uns das Weltbild vereinfacht:

„Die Konflikte und Kriege des Nahen Ostens führen zu einem Staatszerfall und damit zur Anarchie. Die Anarchie aber ist schlimmer als die Diktatur, und so werden wir wohl auch dort wieder Diktaturen akzeptieren müssen, wo wir vor ein paar Jahren noch geglaubt haben, es entstünden Demokratien.”

So eine Hintertür zur Verbindung von Staatsterror und Neoliberalismus muss man erst einmal finden. Als hätte das selektive „Akzeptieren“ von Diktaturen mit dem „Anarchismus“ nichts zu tun.

Aber seht, der Untergang ist auch im eigenen Land nah, wo ein Landes-Bündnis der Sozialdemokraten mit den Linken, pardon, mit der „SED-Nachfolgepartei“, den „Weg in eine andere Republik“ ebnet. Diese Sozialdemokraten müssen „sich kleinlaut dem triumphierenden Erbe der DDR fügen“, müssen sich „einer peinlichen Diskussion darüber aussetzen, ob denn diese DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei“. Der „Weg in eine andere Republik“, das ist zweifellos ein erstes Anzeichen von Staatszerfall und damit von Anarchie. Die Anarchie aber ist schlimmer … Decken wir den Mantel der Nächstenliebe über das „Hirnsausen“ (Louis de Funès) der Allgemeinen Zeitung für Deutschland. Weiterlesen »

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