Dez 12 2014

Kleinigkeiten (40)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Hans Leyendecker schreibt in der Süddeutschen Zeitung „In eigener Sache“ über Alice Schwarzer:

„Steuerlich betrachtet ist die Angelegenheit allerdings gar kein so großer Fall, was die hinterzogene Summe angeht. Frau Schwarzer hatte viele Jahre dem Fiskus einen Schatz verschwiegen, den sie in der Schweiz verborgenen hatte. Bei einer Zürcher Privatbank hatte sie ein Konto mit ein paar Millionen drauf. Ende 2013 machte sie eine Selbstanzeige und zahlte etwa 200 000 Euro Steuern nach“.

So what? Ist das Ironie? Finanzkapitalistischer Gangsterrap fürs Feuilleton?

Mit den paar Millionen, sollt ihr uns verschonen, die lohnen kein Fahnden und Ahnden, ihr Spießer, Schweiz-Nicht-Genießer, du fieser Bild-Zeitungsverächter, Schrebergartenpächter, was soll dieses Schwätzchen übers Züricher Schätzchen, sind bloß Mätzchen, im Blingbling-Journalismus, Springerfaschismus, Boulevardfeminismus. Lasst das Geld bei uns Reichen, ihr lebenden Leichen, werdet uns nie erreichen! Wir sind schon ganz heiser als Leuteverscheißer, werd’n wir nicht leiser, verkaufen unsere Tönchen für ein paar Milliönchen, na schönchen. Und dann auch noch Steuer? Ist uns zu teuer! Alte Leier! Ihr selbstgerechten, schlechten Verdiener. Diener! Diener! Habt nichts kapiert, wie’s läuft wie geschmiert. Ihr Denunzianten! Querulanten. Finanzdilettanten. Wir Bildzeitungsschmierer sind keine Verlierer. Yo!

Aber wir. Die wir uns, wie man so sagt, den Arsch aufreißen und dann ein Leben lang nicht so viel verdient haben wie jene, die kein so großer Fall sind, freiwillig Steuern zurück zahlen wollen, damit eine Ruhe ist, weil einem ja niemand was gönnt. Wir dürfen uns schon verhöhnt vorkommen, oder? Es sei denn, es war doch Ironie. In der Süddeutschen Zeitung soll ja viel Ironie vorkommen, sagt man.

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Apropos Qualitätsjournalismus. Äh, dazu fällt mir gerade nichts ein.

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Liebe deutsche Buchverlage,
ich habe gerade die Ratgeber-Bestsellerliste des Focus gelesen und daraus das absolut totsichere Erfolgsbuch für Euch destilliert:

KARRIEREBEWUSSTES DIÄT-WINTERGRILLEN MIT DER DEUTSCHEN FUSSBALLNATIONALMANNSCHAFT UND WARUM ES DANACH AUCH WIEDER MIT DEM SEX KLAPPT

Nichts zu danken.

*

Es ist schon schwierig genug, sich eine Ökonomisierung des Denkens vorzustellen. Nun müssen wir uns eine Ökonomisierung der Moral vorstellen. Was reich macht, kann nicht böse sein. Daher weinen wir mit Uli Hoeneß und Alice Schwarzer, nicht mit den verhungernden Kindern in Afrika. Weiterlesen »

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Dez 02 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (34)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Eine neue „Klasse“, wie etwa die der ebenso voll verblödeten wie anti-sozialen „wirtschaftlichen Elite“ braucht natürlich auch eine neue Entourage zum Legen entsprechender Schleimspuren. Zum Beispiel sind diese Premium-Klasse-Menschen schon zu vertrottelt, nein quatsch, zu beschäftigt, um so etwas wie eine „Geschäftsreise“ zu planen (also das Zeug, wo man sich amüsieren kann, den Konkurrenten austrickst und das alles noch bezahlt bekommt). Man braucht dazu vielmehr einen „Mobilitätsdienstleister“, wie er in der Beilage  in der Tageszeitung Die Welt unter dem Titel „Neue Geschäftsreisen“  (die alten, so zwischen Seminarraum im Adlon und Luxus-Bordell sind ja auch ein bisschen langweilig geworden), „Mit Fokus auf nachhaltigem Travel Management“, ehrlich wahr, vorgestellt wird: „Die Geschäftsreise von morgen ist durch einen beratenden Rundum-Mobilitätsdienstleister organisiert. Geplant, begleitet und nachbearbeitet wird der Business Trip über ein einziges Tool“.

Neue Männer kriegt das Land! Gestern ließen sie sich von Julia Blösch im Outfittery-Paket einkleiden, damit sie gleich erkennen, wer zu ihnen gehört, heute kriegen sie eine Komplettlösung, die „den Geschäftsreisenden schnell und qualitativ hochwertig von Tür zu Tür bringt“. Genau gesagt nennt man so etwas, einen „Traum von der End-to-End-Door-to-Door-Lösung“.

Einen Traum übrigens, den sie meiner dementen Oma aus Kostengründen versagt haben. Aber das nur nebenbei. Weiterlesen »

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Dez 02 2014

Der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung. Jedes Jahr. Mordsauftrieb. Das muss man sich ungefähr so vorstellen wie ein Treffen aller Olsen-Banden dieser Welt. Natürlich kommen auch ein paar weniger ehrbare Menschen.

Zum Auftakt gibt es Hartmut Mehdorn, ja, genau den, der uns fröhlich entgegenruft (natürlich geht es um den Berliner Flughafen): „In 20 Jahren haben Sie das Theater vergessen“. Ja, genau, wir vergessen ja so viel, da wird uns das BER-Desaster zu vergessen ja auch noch gelingen. Wir sollten überhaupt viel mehr vergessen. Nur vergessliche Untertanen sind gute Untertanen.

Auf so einem Wirtschaftsgipfel erfahren wir natürlich auch sehr tief schürfende Wahrheiten, zum Beispiel von Martin Blessing, dem „Chef der Commerzbank“: „Geld zu verleihen ist einfach. Geld zurück zu bekommen ist schwierig“. Ach darum können wir unser Geld zur Bank tragen, diese Peanuts, und kriegen nichts dafür, aber uns krumm machen bis zum Verrecken, wenn wir etwas haben wollen. Weil die Banken es sich nämlich nicht mehr leicht machen wollen. Die Verleihnixe, die lieber das Kapital unter einander hin und her schieben.

Meine Oma hat da was anderes gesagt. „Geld soll man nur leihen unter Leuten, die sich gegenseitig trauen“. Aber natürlich hätte man meine Oma nie zu einem Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung eingeladen. Weiterlesen »

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Dez 01 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (33)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Medien.

Die Süddeutsche Zeitung ist relaunched; hübsch hässlich hätte Pater Brown vermutlich gesagt. Dafür aber liest man dann so etwas in der Rubrik „Geld“: „Der britische Glücksforscher Lord Layard glaubt, die Wirtschaftswelt mache die Menschen unzufrieden und krank. Für ein besseres Leben empfiehlt er mehr Zeit mit der Familie und weniger im Büro“. Boa ey! Wenn mir das eingefallen wäre, hätte ich es vielleicht auch zu einem Lord gebracht. Oder wenigstens zu einem Glücksforscher. Und wirklich, da sitzt er ja auch auf dem dazugehörigen Foto, in einem Bus mit quietschbunten Sitzbezügen und grinst sich glücklich eins, so wie ich mit zehn, elf gegrinst habe, wenn ich eine Schokoladenbrezel bekommen habe oder die Nachbarin in einen Hundehaufen getreten ist.

Was mich selber in dieser Süddeutschen Zeitung vom 28. November des Jahres 2014 durchaus glücklich hätte machen können, wäre ein Interview mit Melvin van Peebles, einem großartigen afroamerikanischen Fotografen, Musiker und Filmemacher gewesen. Eine Legende, wie man so sagt. Und was hat er da zu erzählen! Merkwürdigerweise von „schwarzen Filmdirektoren“, von denen es jetzt immer mehr gebe. Und auch er selber, Melvin van Peebles, war einmal ein Filmdirektor. Das hab’ ich nicht gewusst, aber ehrlich gesagt, ich wusste nicht einmal, dass es so etwas wie einen Filmdirektor gibt. Außerdem hat er ein „ghettozentrisches Broadway-Musical“ geschrieben, mit einer „Do-it-yourself-Attittüde“.  Oh, Brother, da gilt es nur noch zu staunen. Oder auch nicht. Weil, was man bei der Verpackung ausgibt, das muss man halt beim Inhalt wieder sparen. Bei Übersetzungen, nur zum Beispiel. Weiterlesen »

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Nov 25 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (V)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

5

Wo ist eigentlich Albert? Der kleine Nazi, der kein Nazi mehr sein will, obwohl …  Albert hat sich davongeschlichen, das kann er gut. Albert ist in den Wald gegangen. Zuerst sehr leise. Dann ganz normal. Albert sucht das Waffenlager der Kameraden. Er weiß noch nicht einmal, was er dann machen wird. Alles kaputtmachen vielleicht, oder wo anders verstecken, damit seine neuen Freunde sicher sind. Etwas an sich nehmen, etwas eisernes, feuriges, böses, damit er sich stark fühlen kann. Oder doch zurück, vielleicht wäre er jetzt ein Held, einer der das wichtigste Geheimnis bewahren kann. Albert weiß es einfach nicht. Nur dass er dort hin muss. Dass er noch nicht der ist, der er sein will. Oder der er sein muss. Der Wald ist dunkel und will kein Ende nehmen.

Und dann steht diese Frau vor ihm. Albert kann sich nicht vorstellen, was eine Frau um diese Zeit im Wald zu suchen hat. Sie hat ja nicht einmal einen Hund bei sich.

„Hallo“, sagt die Frau.

Albert fällt nichts ein. Ihm fällt nie etwas ein, das ist es ja. Obwohl, vorhin ist ihm eingefallen in den Wald zu gehen. Allein. Was ist ihm da bloß eingefallen?

Albert sagt: „Hallo“.

Dann weiß er nicht weiter. Die Frau aber auch nicht. Irgendwas scheint sie zu suchen, hoffentlich nicht dasselbe wie Albert. Hoffentlich hat sie es nicht schon gefunden. Albert kriegt Panik. Jetzt nichts falsch machen!

Irgendwo knistern ein paar Zweige. Es ist alles so verworren. Warum ist Albert nicht bei den anderen geblieben! Warum macht Albert immer alles falsch?

*

„Haben Sie sich mal mit Quantenphysik beschäftigt?,“ fragte der Broccoli-Planet den Sohn Gottes.

„Nein“, sagte der mürrisch.

„Ich dachte es mir“, seufzte der Planet Broccoli und schwieg. Er errechnete die Wahrscheinlichkeit einer kosmischen Krise. Sie betrug nicht 42.

„Und Kunst?“, fragte er hoffnungsfroh und bescheiden. „Wie steht es mit der Kunst?“

„Ich bin, glaube ich, zwölf oder dreizehn oder so“, gab der Sohn Gottes zur Antwort.

„Trillionen oder Xillionen?“, fragte der Planet Broccoli, dem es jetzt einfach nach Konversation war. Schließlich, wenn schon jemand kommt, nicht wahr.

„Jahre“, sagte der Sohn Gottes. „Ich bin eigentlich irgendwie ein Kind.“ Weiterlesen »

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Nov 22 2014

Unterwegs (5)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der Bar Europa, unweit der Piazza Gramsci, saß jeden Morgen ein älterer Herr, trank einen Cafe, aß eine Focaccia und las die Zeitungen, die der Barista auf den Tresen gelegt hatte.
Eines Tages im Herbst sah man diesen älteren Herren über seine Zeitung gebeugt plötzlich erschrocken auffahren. Er schüttelte den Kopf. Dann legte er bedächtig die Zeitung zur Seite. „Wovon die da schreiben“, sagte er langsam und mit der Stimme eines Menschen, der ein schwerwiegendes Problem erkannt hat, „das ist nicht meine Welt“.
„Ist nicht mehr deine Welt, Giuseppe, was?“, lachte der Barista mit einer Mischung aus Gutmütigkeit und Herablassung.
„Nein“, sagte der Mann. „Sie ist es nie gewesen.“
Er stand auf und ging. Giuseppe wurde nie wieder in der Bar Europa gesehen.

* 

„Ist es nicht rührend?“, fragte M. und setzte das Weißweinglas ab. Seine Blicke folgten einer alten Frau, die sich angelegentlich mit ihrem kleinen Hund stritt. „Für eine alte Witwe ist ein Hund doch ein idealer Ersatz für den Ehemann, den sie nicht mehr hat.“
„Nun ja“, meinte C. „Für viel mehr Ehefrauen ist wahrscheinlich der alte Ehemann doch eher ein Ersatz für den Hund, den sie noch nicht haben.“
Die alte Frau drehte sich im Sonnenlicht um und erklärte ihrem Hund: „Schau dir diese alten Männer an, Manolo! Keine Frau, keinen Hund. Kein Wunder, dass sie uns so neidisch nachschauen.“ Weiterlesen »

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Nov 19 2014

Krisengerede

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Das Sterben des Kapitalismus ist furchtbar. Denn nicht die törichten, zornigen Antikapitalisten tragen ihn zu Grabe, so gern sie’s auch getan hätten. Sondern es sind immer die neuen Kapitalisten, die den alten Kapitalismus beerdigen. Es gibt da so Gerüchte. Einen „natürlichen Tod“ kann man das ja nicht nennen. So begegnen wir ihm überall, dem untoten, dem Zombie-Kapitalismus.

Das Großprojekt zum Beispiel:

Nehmen wir folgendes an: Der Gleichklang, in dem sich ökonomischer und technischer Erfolg einst als „Fortschritt“ entwickelten – Gewinn war, was man erzielte, indem man auf die beste technische Idee setzte und sie dann am besten umsetzen half – sei einigermaßen nachhaltig gestört. Gewiss hat es schon immer Stolperer bei diesem Weg zum Fortschritt gegeben, ohne den sich der Kapitalismus niemals auch für die mittleren und sogar die niedrigeren Stände attraktiv hätte machen können; Weiterlesen »

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Nov 17 2014

SEMANTISCHE VORBEMERKUNGEN ZU EINER SPRACHE DER WIRKLICHKEIT

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Semiotik.

Dasjenige Bild, das uns sowohl subjektiv als auch objektiv am überzeugendsten erscheint, nennen wir: die Wirklichkeit. Subjektiv überzeugend ist das Wirklichkeitsbild durch eine in der Zeit erzeugte Evidenz. Die Dinge zeigen sich, wie sie sich immer gezeigt haben, bzw. die Änderungen der Dinge vollzieht sich nach einer zeitlichen Logik, die in den Dingen selbst liegt. Die Sonne geht morgens auf, weil sie immer am Morgen aufgeht, weil es logische Folgen hat, wenn sie aufgeht (es wird hell, es wird warm), und weil wir wissen, warum sie aufgeht. Das Wirklichkeitsbild ist vollkommen übereinstimmend mit den Empfindungen der anderen Sinne; der Tisch, den man sieht, schmerzt, wenn man dagegen läuft (das Lieblingsmodell all jener, die ein „objektives“ Modell der Wirklichkeit gegen dubiose „Konstruktivisten“ oder gar „Dekonstruktivisten“ verteidigen zu müssen glauben); die Blume des Wirklichkeitsbild vermag zu duften; das Wirklichkeitsbild einer Kuh wird durch ihren Muh-Laut bestätigt. Das Bild der aufgehenden Sonne verbindet vollkommen Evidenz und Erklärung (wobei es gleichgültig ist, ob es sich bei dieser Erklärung um einen vorbeifahrenden Sonnenwagen oder eine Bewegung der Gestirne handelt). Freilich gibt es für das Wirklichkeitsbild keine Letztbegründung; niemand kann erklären, warum es da ist.

Objektiv überzeugend ist das Wirklichkeitsbild, weil die anderen es genau so sehen wie ich und weil es nicht im Widerspruch steht zu den allgemeinen Regeln der Sichtbarkeit, zu denen es nicht nur Übereinkünfte, sondern auch theoretische Begründungen gibt. Ein weiteres Kriterium dafür, dass ein Bild (das ich, wie ich mittlerweile weiß, durch neurophysische Vorgänge in meinem Kopf erzeuge) identisch mit der Wirklichkeit ist, besteht in der Autorität von Paradigmen, die es mir „glaubhaft“ machen.

Wenn die Wirklichkeit ein Bild ist, dann ist sie es unter diesen Bedingungen:

Ich sehe, was ich sehen kann.

Ich sehe, was ich sehen darf.

Ich sehe, was ich sehen will.

Ich sehe, was ich sehen soll.

Ich sehe, was ich sehen muss.

Diese Bedingungen kommen einander nicht selten in die Quere. Wir haben dazu die populäre Geschichte aus der Ethnologie, in der Südseeinsulaner ein gewaltiges Segelschiff an ihrer Küste einfach nicht gesehen haben sollen, weil sie es mit nichts vergleichen konnten, das sie kannten. Vielleicht sagt diese Geschichte aber auch mehr über ihre Urheber als über ihre Protagonisten aus. Dass man indes immer nur unter Bedingungen sieht (und zwar unter mehr Bedingungen als man während des Sehens begreifen kann), scheint außer Frage. Weiterlesen »

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Nov 16 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (IV)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

4

„Hey“, sagte die Hexe. „Wenn ihr meine Lebkuchen nicht haben wollt … Wie wär’s dann mit ’nem bisschen Pilzsuppe. Hab’ gerade eine auf dem Feuer.“ Und sie deutete auf einen riesigen Kessel, der über einem Feuer hing.

„Also, wenn ich ihr wärt“, flüsterte Grete, „ich würd’ dankend ablehnen.“

„Ja“, pflichtete Hans bei, „das Zeug hat komische Wirkungen.“

„Echt?“ Murx witterte ein prächtiges High.

„Lass das!“, zischte Matrix. „Du hast genug gekotzt für diese Woche.“

„Na, dann ess’ ich meine Pilze eben allein“, murrte die Hexe. Sie schmeckte genüsslich mit einem Holzlöffel aus dem Kessel ab und warf noch ein paar Kräuter in den kochenden Sud.

„Braucht noch’n bisschen“, beschied sie. „Wollt ihr in der Zwischenzeit meine Geschichte hören?“, fragte sie.

„Nein, danke“, sagte Joe.

„Nein, danke“, sagte Ayse.

„Echt nicht“, sagte Murx und rülpste.

„Ach, wissen Sie…“, sagte Matrix.

„Es ist ja schon spät“, meinte Mississippi.

„Geschichte! Geschichte!“, rief Pablo begeistert.

Der Sohn Gottes sagte gar nichts. Er fühlte ein Kribbeln, das ihn an irgendwas erinnerte.

„Fein“, sagte die Hexe. Ihre Miene hellte sich wieder auf. „Dann hört mal gut zu.“

„Ich hab’s geahnt“, sagte Hans und ließ sich resigniert auf den Boden fallen.

„Immer dasselbe“, stöhnte Grete und setzte sich neben ihn.

„Ihr müsst wissen, dass ich auch mal jung und schön war. Also sehr jung. Und sehr schön.“

Sie tat einen tiefen Seufzer, war aber durch einen liebevollen Blick auf die brodelnde Pilzsuppe rasch wieder besänftigt.

„Ich war die Tochter eines Königs.“ Weiterlesen »

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Nov 11 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (III)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

3

„Verzeihen Sie“, sagte Habermas müde, „ich will mich ja wirklich nicht beschweren. Aber meine Pfoten tun weh. Ich habe Durst. Und einen Happen Schappi-Happy könnte ich auch vertragen. Außerdem ist es heiß. Und die Leute schauen uns so komisch an“.

„Beim Schnurrhaar meiner Großmutter“, grinste Schneeball, „wie sieht das erst aus, wenn Sie sich beschweren wollen!“

„Irgendwas zu unternehmen, was den Geschehnissen eine gewisse Wendung zum Positiven zu geben in der Lage wäre, könnte sich aber als diskutabel herausstellen, oder?“, warf Dionys schüchtern ein.

„Würden Sie bitte etwas weniger geschwollen daherreden“, maulte Balthasar.

Und so trotteten sie weiter durch die Stadt. Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn.

„Also, wie ich schon bemerkt habe“, fing Habermas wieder an, „gibt es da diese Geschichte.“

„Vom Esel“, sagte Balthasar.

„Von der Katze“, sagte Schneeball.

„Vom Hahn“, sagte Dionys.

„Und vom Hund, ganz recht.“ Habermas nickte befriedigt. „Und die, weil etwas Besseres als der Tod doch immer zu finden ist, treten als Akrobaten und Sänger auf und verdienen sich dabei dumm und dämlich.“

„Dumm und dämlich waren wir schon mal“, ätzte Schneeball. „Ich dachte, wir würden uns weiter entwickeln. Ich spüre ein enormes Kunstbedürfnis in mir.“

„Was?“, fragte Balthasar.

„Ein Kunstbedürfnis!“, hackte Dionys nach. „Wenn Ihnen Kunst ein Bedürfnis ist, dann ist es eine Notwendigkeit. Dann sind Sie nicht mehr frei in ihrer Schöpfung. Könnten Sie ebenso gut gleich wieder Pflichten übernehmen.“

„Bin ich Gott oder was?“, fragte Schneeball schnippisch.

„Oder was?“, fragte Balthasar verwirrt.

„Wäre nicht schlecht, erst mal ein paar praktische Fragen zu lösen“, unterbrach Habermas die etwas abgehobene Diskussion. „Ich schlage vor, wir versuchen einmal, es unseren Vorgängern nachzumachen. Mehr als blamieren können wir uns nicht.“

„Ich blamiere mich aber höchst ungern“, warf Dionys ein.

„Hunger haben Sie aber auch, oder nicht?“, schloss Habermas den Disput. „Herr Balthasar. Ich werde jetzt also auf ihren Rücken springen und versuchen, mich da oben einigermaßen in der Balance zu halten. Weiterlesen »

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