Nov
23
2011
Zwei oder drei mal (die Quellenlage ist auch hier ein wenig problematisch) nahm der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher auch an den seinerzeit populären „Schwabinger Nachtlesungen“ teil. Sein Programm begann damals mit dem Lautgedicht
ROMANZE IN MOLL
Tschiggeddy Tschiggeddy
Tschug
Tschiggedy Tschiggeddy
Tschug
Tschug
Tschiggedy
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Nov
22
2011
Die Idee der Kunst in der bürgerlichen Epoche war die Erhabenheit sowohl des Senders als auch des Empfängers. Kunst richtete sich an die Menschheit, und vielleicht sogar noch mehr, an eine Menschheit im Werden, an die Zukünftigkeit im Menschen, und sie richtete sich an sich selbst. Zweimal freilich ergaben sich damit Unbestimmtheiten des Austauschs, die niemals dem näheren Blick standhielten: Ein unbegrenztes Alles als Objekt und ein hoch konzentriertes Subjekt (kein Wunder, dass die niederen Stände und die Kinder spotten mussten über die Heiligkeit der Kunst).
Was man vom Künstler gerade noch (aber selten genug) verlangen kann, nämlich sich selber nicht allzu ernst zu nehmen, ist von der Kunst an sich unter keinen Umständen zu erwarten. Was würde geschehen, wenn die Kunst sich nicht ernst nimmt? Neben vielem anderen wäre sie sehr rasch Opfer anderer sozialer Diskurse, würde im Spektakel, in der sozialen Bewegung, in der Werbung, in der Erziehung usw. verschwinden. So bleibt die Heiligkeit als Selbstschutz erhalten, auch wenn die Kunst längst nicht mehr die Funktion erfüllt, die sie in der bürgerlichen Gesellschaft hatte. Weiterlesen »
Nov
07
2011
Auf den Alpen glühte das Alpenglühn. Ein bayerischer See gluckste verständnisvoll. Von fern pulste die Autobahn.
„Es gibt eben Sachen“, sagte Herr Reiner und sah versonnen auf den Hintern der Kellnerin, „die kann man für Geld nicht kaufen“.
„Oder“, antwortete Herr Kainer, „von den Dingen, die man für Geld nicht kaufen kann, kann man getrost zweifeln, ob es sie überhaupt gibt“.
„Dann muss man sie eben erfinden“, entgegnete trotzig Herr Reiner.
„Damit man sie doch kaufen kann“, murmelte Herr Kainer und sah wieder in sein Weißbierglas.
Und die Alpen versanken beschämt im Abenddunst. Der bayerische See schwappte grimmig. Und die Autobahn bereitete sich auf ihren täglichen Infarkt vor.
Nov
04
2011
In den Metropolen, auch denen der reichen Industrieländer mit ihren langen Traditionen von „bürgerlicher Zivilisation“, schauen die Manager der Banken und Konzerne auf die Slums, auf Hunger, Verbrechen, Schmutz, jede Form von menschlichem Elend.
Die Frage ist: Nehmen sie diesen Anblick in Kauf? Ist ihnen „alles andere“ schon so gleichgültig, dass sie ohnehin nichts anderes mehr sehen als Bewegungen des Geldes einerseits, die Erfüllung der Codes in ihren geschlossenen Welten andrerseits? Oder genießen sie diesen Blick sogar, als Angstlust gegenüber jener Wirklichkeit, über die sie sich in jeder Hinsicht erhoben haben?
Diese Frage dreht sich schließlich ins Ungeheuerliche, denn sie läuft auf die Meta-Frage hinaus, ob das Elend lästiger Abfall der kapitalistischen Weltmaschine ist, oder aber ein reales Produkt, ohne dass die Erhebung der Oligarchien nicht spürbar würde, und ohne die die Herrschaft der Angst in seinem Innenraum nicht denkbar wäre. Weiterlesen »
Okt
30
2011
Brief an eine junge Polizistin, an einen jungen Polizisten
Was haben Schuldenkrisen, Staatskrisen, Bankenkrisen, die starr neoliberale Politik der meisten europäischen Regierungen und die neuen „bürgerlichen“ Oppositionsbewegungen gegen sie mit der Polizei und ihrer Rolle in der Gesellschaft miteinander zu tun? Eine ganze Menge, insofern es um die staatlichen Reaktionen auf die verschiedenen Formen des zivilen Ungehorsams gegen eine Politik geht, die sich um das Wohl von Banken mehr kümmert, als um das der eigenen Bevölkerung. Es ist abzusehen, dass der Widerstand in der Bevölkerung gegen diese Politik der ungerechten Verteilung der Gewinne und der Lasten zunehmen wird, und dass an mehreren Orten, wie jetzt in Griechenland, entstehen wird, was unsere Medien „bürgerkriegsähnliche Zustände“ nennen. Und es ist absehbar, dass die Regierungen, der populistischen Lippenbekenntnisse zum Trotz, in diesem Zustand einer an ihrer eigenen Ungerechtigkeit auseinanderbrechenden Gesellschaft gegen ihre unbotmäßigen Bürger immer mehr die Polizei einsetzen wird. Eine Polizei, die möglicherweise zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, auch in Deutschland um ihr demokratisches Grundverständnis ringen muss. Weiterlesen »
Okt
30
2011
12 Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und sozialer Bewegung
1
Jede soziale Bewegung ist zugleich eine ästhetische Bewegung. Es ist daher nicht die Frage, ob die Kunst etwas für die Bewegung tun kann (ob man, mit Bildern, mit Liedern, mit Theater oder Film, zum Beispiel, „die Welt verändern“ kann); das eine ist schlicht ohne das andere nicht denkbar.
2
Warum wird die Kunst in bestimmten Situationen und in bestimmten (politischen, ökonomischen, kulturellen) Milieus von solcher Bedeutung? Ganz offensichtlich ist die Spannung zwischen dem Kunstmarkt und der gesellschaftlichen Konstruktion der Kunst um etliches größer als in vielleicht „ruhigeren“ Zeiten. Die Frage ist mehr denn je: Wem gehört die Kunst. Weiterlesen »
Okt
27
2011
Odysseus, der listenreiche, lässt, um sein Schiff vor dem Verderben zu retten, seinen Leuten die Ohren mit Wachs verstopfen, damit sie den verhängnisvollen Gesang der Sirenen (die Angst/das Begehren) nicht hören. Er selber aber lässt sich an den Mast des Schiffes binden. Er will diesen Gesang hören und zugleich das Schiff retten. Ist es Erkenntnis oder Genuss was ihn treibt? Auf jeden Fall geht es um eine Trennung zwischen den Rudernden und dem Steuernden. Oder auch den Handelnden und dem Zeugen. Odysseus wird, so vermuten Adorno und Horkheimer, wohl zum ersten Bürger. (Aber würden sich die späteren, die „echten“ Bürger tatsächlich so einer Qual aussetzen?)
Um seine beiden Impulse, das Schiff zu retten und den Gesang der Sirenen zu hören, zu erfüllen, muss Odysseus sich widersprüchlich verhalten. Frei bleiben und sich selbst dem extremsten Zwang aussetzen. Und er muss wissen, dass Erkenntnis oder Lust dabei mit Qual verbunden sein wird. Er unterwirft sich einer Gefangenschaft, die er selber organisiert. Damit, in der Tat, begründet er eine neue, bürgerliche Form der Gefangenschaft, die man später „Selbstkontrolle“ nennen wird. Hier geht es nur darum, dass das Subjekt und das Objekt einer Fesselung (Unterwerfung, Machtausübung, Ordnung etc.) ein und dieselbe Person ist. Das ist, scheint mir: „neu“. Weiterlesen »
Okt
25
2011
Es war einer jener wunderbaren Herbsttage, an denen die Sonne noch einmal protzt und das Laub vor Vergnügen raschelt, wenn die Schulkinder ihre Schuhe darin versauen. Wo anders als im Biergarten ihres Vertrauens hätten die Herrn Reiner und Kainer ihn verbringen sollen?
„Stellen Sie sich vor, was ich gelesen habe“, begann Herr Reiner nach einem tiefen Schluck das Gespräch. „Es gibt mehr Menschen, die an Engel glauben als solche, die an Gott glauben. Das hat man statistisch herausgefunden.“
„Das verstehe ich nur zu gut“ antwortete Herr Kainer. „Ich zum Beispiel, ich mag Postboten. Aber ich glaube nicht an Post. Jemand, der mir einen interessanten Brief schreiben könnte, ist schon längst gestorben.“
„Das ist doch kein Vergleich“, protestierte Herr Reiner, „Engel und Postboten!“
„Sagen Sie so was nicht“, warf eine Dame mit einem sehr kecken Hut ein, die gegenüber ihrer Freundin (oder war es vielleicht eine Schwester) auf der Bank Platz genommen hatte, auf der Herr Reiner, dem Herrn Kainer gegenüber, saß. „Mein Postbote, das war ein rettender Engel. Weiterlesen »
Okt
14
2011
(keine Anzeige)
ARSCHGESICHTER
Der neue Roman von Rochus Carl.
Sie stöhnten bei
FEUCHTGEBIETE!
Sie keuchten bei
SCHOSSGEBETE!
Kommen Sie jetzt bei
ARSCHGESICHTER!
„Dieser Roman trifft uns alle“ - Marcel Reich-Ranicki Weiterlesen »
Okt
09
2011
Wie unser System funktioniert (für die da oben) und nicht funktioniert (für uns hier unten) zeigt eine Meldung der dpa vom 8. Oktober: „Bahn steuert zwei Milliarden Euro Gewinn an. Die Bahn will in diesem Jahr die Marke von zwei Milliarden Euro beim Gewinn übertreffen: ‚Wir sind das einzige Bahnunternehmen Europas, das in der Krise Gewinne gemacht hat’, sagte Bahnchef Rüdiger Grube.“
Wer sich über Unpünktlichkeit, schlechten Service, unverschämte Preisgestaltung, bürokratischen Wahnsinn, Weiterlesen »