Mai 25 2015

EINE IDEE, „NEOLIBERALISMUS“ ANDERS ZU VERSTEHEN

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ernsthafte Menschen, die es gewöhnt sind, mit einem wissenschaftlichen Vokabular umzugehen, kriegen bei dem Wort „Neoliberalismus“ immer so ein Zitronengesicht. Was für ein unpassender Begriff! Historisch, im Fortgang der Ideen von Wirtschaft und Gesellschaft, bedeutete er eher das Gegenteil von dem, was wir uns heute darunter vorstellen. Eben eine Art des zugleich kontrollierten und freien Austauschs von Arbeit und Waren, von Geld und Ideen.

Offensichtlich hat sich der Begriff Neoliberalismus für einen gewissermaßen entfesselten Kapitalismus aus unterschiedlichen Zusammenhängen gebildet, von denen der historische und wissenschaftliche wohl der am wenigstens bedeutende war. Es ging zum einen um Zuschreibungen und Übernahmen, um das Selbstverständnis der „österreichischen Schule“ der Ökonomie, später der „Chicago Boys“ mit ihrem durchaus verhängnisvollen Wirken in der Politik. Zum anderen aber hat der Begriff seinen eigenen Glanz. Er bezeichnet gar nicht eine Haltung der Wirtschaft und ihrer Wissenschaft, er bezeichnet, viel umfassender, einen politisch-ökonomischen ebenso wie einen psychologisch-philosophischen Zusammenhang. Der Begriff „Neoliberalismus“ ist drauf und dran, eine Epoche zu beschreiben. Eine Epoche, von der uns das Schlimmste noch bevorsteht.

Lösen wir also den Begriff von seiner wirtschaftswissenschaftlichen sowie seiner praktischen Reduktion. Betrachten wir ihn als das, was er (auch) ist: Ein Wort, das sich eher in der Art von Memen als in der Art von wissenschaftlichen Begriffen formt, ein Wort, das dem Bild näher ist als dem Diskurs. Dann müssen wir uns auch nicht mehr mit dem redundanten Problem herumschlagen, dass es sich „eigentlich“ um einen „falschen“ Begriff handelt. „Eigentlich“ handelt es sich auch bei „geil“ und „cool“ um „falsche“ Begriffe. Sie haben einen Bedeutungswandel erfahren, zu dem man die Geschichten von Usurpationen und Wanderungen erzählen kann. Sie sind andere geworden, wie aus eigenem Recht und doch in einer Geschichte. Weiterlesen »

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Mai 20 2015

WENIGER ALS NICHTS

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Dieses „Weniger als Nichts“ hat man lange als launige Übertreibung eines elenden Zustands von Mangel verwendet. „Das, was Sie an Leistung bringen, Müller, ist weniger als Nichts.“ Oder: „Von Quantenphysik verstehe ich weniger als Nichts.“ Oder: „Was habe ich schon zu erwarten vom Rest meines Lebens? Weniger als Nichts.“

Natürlich weiß man, was mathematisch weniger als Nichts ist: jede Zahl mit negativem Vorzeichen beispielsweise. Nichts ist da nur ein flüchtiger Zustand der Ausgeglichenheit. Ein Durchgangsstadium von Rechenoperationen, wenngleich mit einigen tricky Eigenschaften. Alles, was ich mit Nichts mal nehme ergibt wieder nichts. (Was uns auf die temporäre, um nicht zu sagen: historische Variante der launischen Übertreibung eines elenden Zustands von Mangel bringt: Nichts und wieder Nichts.)

Auch ökonomisch weiß man, was weniger als Nichts ist: Schulden. Einer hat nichts und soll doch etwas geben. Sieht man sie genauer an, haben die meisten Menschen und auch die meisten Institutionen weniger als Nichts. Man darf ohne weiteres viel weniger als Nichts haben, nur Nichts haben darf man nicht. Weil Weniger als Nichts suggeriert, dass das was zum Nichts und darüber hinaus fehlt, irgendwo anders wäre. Weniger als Nichts ist ein Etwas, das auf geheimnisvolle Weise Ort und Subjekt gewechselt hat.

Und dann gibt es die Wertzuschreibung. Etwas, das weniger als Nichts wert ist, das ist Abfall. Das kostet schon wieder, oder ist zumindest lästig. Weniger als Nichts ist Scheiße. Weiterlesen »

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Mai 09 2015

Wie ich einmal ganz, ganz viele Klicks erhielt

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Sex. Hitler. Katzen. Grillen. Umsonst. Hitler. Krieg. Islam. Hitler. Sex. Selfie. Baby. Eisbären. Hitler. Diät. Freeware. Nike. Hitler. Apple. Sex. Katzen und Hunde. Red Bull. Terror. Ausländer. Hitler. Sex. Urlaub. FC Bayern. Hitler. Mohamed. Auto. Ferrari. Hitler. Goebbels. Nackt. Tierschutz. Busen. Kopfhörer. Apple. Sex. Bikini. Hitler. Schwule. Asyl. Zinsen. Hitler. Game of Thrones. Sex. Umsonst. Wetter. Hitler. Hunde. Schnäppchen. App. Hitler. Hitler. Hitler. Katzen. Hitler. Krebs. Grillen. Fernbedienung. Hitler. Bomben. Sex. Hitler. Smart Phone. Diät. Champion’s League. Hitler. FKK. Rundfunkgebühren. Hitler. Deutsche Bahn. Mario Barth. Hitler. Witze. Boy Goups. Sex. Hitler. Porno. Hitler. Preiswert. Diät. Bratwurst. Asylbetrug. Moschee. Diät. Sport. Hitler. Drittes Reich. Alte Freunde. Geil. Tatort. Hitler. Katzen. Grillen. Umsonst. Merkel. Diät. Bergdoktor. Hitler. Kinderporno. Papst. Fett. Hitler. Bank. Tierbaby. Hitler. Fußball. Hitler. Fußball. Hitler. Wetter. Hitler. Promi. Hitler. Porno. Hitler. Hunde. Hitler. Heil.

 

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Mai 09 2015

Weitere Bemerkungen zur Theorie der Kunst

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Die Voraussetzung dafür, dass ein Bild „lesbar“ sei, wäre, dass es sich dabei um nichts anderes handele als um eine Anordnung von Zeichen. Da es sich dabei natürlich in aller Regel um verschiedene Zeichen-Arten handelt, die einen, die durch Analogie gebildet werden, die anderen, die durch eine Setzung gebildet werden etwa, liegt es auf der Hand, dass Bilder eher theoretisch als praktisch vollständig lesbar sind. Der linguistische Aufwand, ein Bild vollständig zu lesen, wäre vollkommen unverhältnismäßig gegenüber dem intuitiven oder alltäglichen Gebrauch, den wir von Bildern machen.

Von dieser pragmatischen Begrenzung unterschieden ist eine prinzipielle: Jedes Bild ist mehr und anderes als eine Anordnung von Zeichen auf einer Fläche. Die Lesbarkeit ist eine kultivierte Mitte, die von einem direkten, sinnlichen Erfassung auf der einen, von einem „raffinierten“ ästhetischen Empfinden auf der anderen Seite umfasst ist.

Das Wort „König“ kann niemals den Herrscher so repräsentieren wie sein Bild. Und nie kann ein Satz mit seinem Gegenstand so verschmelzen, wie es ein Bild tut. Im Jahr 1997 wurde das Gemälde „Portrait der Kindermörderin“ in der Ausstellung der Royal Academy of Arts durch einen Farbbeutel-Anschlag beschädigt. Der Anschlag galt ganz offensichtlich der Kindermörderin. Oder galt er der Tatsache, dass sie zum Bild werden sollte? Weiterlesen »

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Mai 08 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (39)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Da fordert man schlicht „Schafft das Feuilleton ab!“, und niemand nimmt das so richtig ernst, höchstens sind Feuilletonisten ein bisschen beleidigt, und wenn Feuilletonisten beleidigt sind, machen sie auf Ironie. Dabei wird doch das Feuilleton sowieso abgeschafft, nicht weil so ein Zausel wie ich das fordert, sondern… Na? Genau, wegen dem Markt, Dummie! Ein Feuilleton bringt nicht viel ein, aber es kostet. Was nicht viel einbringt aber kostet, das wird abgeschafft. Am besten so, dass man es nicht wirklich merkt. Bei der Süddeutschen Zeitung vom 8. Mai des Jahres 2015, die man für stolze 2 Euro und siebzig Cent erwerben kann, kriegt man bei 60 Seiten Umfang doch ein ordentliches Papiergewicht zusammen. Von diesen 60 Seiten sind genau 2 Zeitungsseiten Feuilleton und eine ¾ Seite „Literatur“, dazu kommt eine weitere ¾ Seite „Wissen“ (Wussten Sie schon: „Latex in der Wand von Flugzeugen dämpft Lärm“). Die Abschaffung des Feuilletons ist da offensichtlich nicht mehr aufzuhalten. Natürlich nennt man das nicht so. Sondern bringt lieber solche „Münchener Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport“:

„Ein REGENWURM, sechs Zentimeter kurz, hat in Darmstadt einen Polizeieinsatz ausgelöst, Eine Frau hatte das Tier beim Waschen eines Salats entdeckt und für eine gefährliche Schlange gehalten, teilte die Polizei mit. Die Frau rief um Hilfe, die eigens angerückte Streife konnte aber glücklicherweise sofort Entwarnung geben.“

Dolle Geschichte, gleich unter dem Neuesten von den gebärfreudigen Royals. Wenn auch etwas verkürzt dargestellt. Denn in Wahrheit rief niemand um Hilfe, sondern Weiterlesen »

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Mai 08 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (38) – “GELD-SPEZIAL”

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Haben wir uns eigentlich mal gefragt, was ein Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz so in seiner Freizeit macht? F.A.Z.-Lesen schließt auch diese Informationslücke. Fernsehen, aber natürlich nur wertvolle Programme. So bestätigt es Rechtsanwalt Klaus Nieding bei der Hauptversammlung der Aktionäre der Commerzbank, der die Kapitalerhöhungen des Unternehmens kritisiert, die die Dividenden der Aktien schmälern. Die „Schönheitsoperation“ eines Kapitalschnitts sei, so Nieding, „ebenso künstlich wie der Busen von Carmen Geiss“. Jetzt wissen wir, was ein Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz im Fernsehen guckt, und wohin. Danke, F.A.Z..

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Und wie sieht es im Wahlkampf in GB aus? In der F.A.Z. liest man: „Größter Geldgeber von Ukip ist derzeit der Medienunternehmer Richard Desmond. Er hat der Partei in den letzten sechs Monaten insgesamt 1,3 Millionen Pfund überweisen. Desmond, dem neben Zeitungen und Zeitschriften auch verschiedene Porno-Fernsehkanäle gehören, hat (…) früher die Konservative Partei unterstützt. Doch damit hat es sich mittlerweile. Er habe die Nase voll von den Oberschichts-Schnöseln um Premier Cameron und ‚Champanger-Sozialisten’ wie dem Labour-Führr Milibrand, verkündete Desmond kürzlich. Ukip solle ‚ein Dorn im Fleisch’ der beiden etablierten Parteien werden, wünscht sich der Unternehmer – und zückt dafür gerne das Scheckbuch.“

Das Scheckbuch zücken. Meiner Treu. Bzw. Good Grief.

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Und eine Überschrift aus dem „Finanzen“-Teil zum Motto: Wer hätte das gedacht?: „Für viele Hedgefonds war 2014 kein erfolgreiches Jahr/ Einige Fondsmanager haben trotzdem sehr gut verdient“. Wer mag da noch von Krise reden? Weiterlesen »

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Mai 05 2015

Ausbeutung, Selbstausbeutung, Querausbeutung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Arbeit,Demokratie,Gesellschaft.

Nur wer arm ist muss Geld ausgeben

Die Entwertung der Arbeit zugunsten des Kapitals hat einige wahrhaft verheerende Folgen. Kein Mensch kann sich durch das, was man einst Arbeit nannte (die Sache selbst, nicht die Karriere, die man damit vorantreibt, nicht das Geld, das man damit „macht“), hinreichend definieren. Pathetisch gesagt: Kein Mensch kann sich mehr durch Arbeit „würdigen“. Entweder müsste man sich einer Arbeit schämen, die in sich entwürdigend und gleichzeitig pauperisierend ist, oder einer anderen, die ihren Aneignungs- und Simulationscharakter gar nicht verbergen kann. Entweder verdient man mit guter Arbeit schlechtes Geld, oder man verdient mit schlechter Arbeit gutes Geld. Neoliberalismus bedeutet, sich für das erstere zu schämen, für das zweite nicht (jedenfalls nicht mehr, als man im Nebenhinein kompensieren kann).

Mit dem Untergang des Bürgertums als Klasse verschwindet auch jener Typ des reichen Müßiggängers, der das (durch Aneignung) erworbene Geld in mehr oder weniger öffentlich gelebten Genuss umsetzt. Er vollzieht die natürlich luxuriöseste Form des Opfers, indem er das Geld verprasst, statt es entweder in neues Geld, in mehr Geld zu verwandeln, oder seinen Zeitgewinn in politische Macht umzusetzen (eine Macht wiederum, der kaum etwas so sehr wie der offene Selbstgenuss verboten ist). Von der protestantisch-bürgerlichen Abspaltung der Kapitalismuskritik blieb indessen nichts als der Hass auf diesen „Müßiggänger“. Und in der Tat konnte die (deutsche) Sozialdemokratie nur deswegen vom Moderieret zum Motor der Neoliberalisierung werden weil es dieses Feindbild nicht mehr (oder nur noch als Mediengespinst) gibt. (Dietmar Dath: Klassenkampf im Dunkeln. Hamburg 2015 S. 25)

Wie sagt doch Dagobert Duck? „Wer Geld ausgibt, hat von den wahren Freuden des Kapitalisten nichts verstanden.“ Das klingt nur auf den ersten Blick nach dem protestantisch-analen Geizkragen, der er nun einmal ist, es ist aber auch eine wirkliche Nutzanwendung. Nur wer arm ist muss Geld ausgeben. Der Reiche lässt nicht nur andere für sich arbeiten, er gibt auch das Geld anderer Leute aus.

So verstehen wir, dass sich der spekulative Hass, den die Medien der Niedertracht wie die Bild-Zeitung verbreiten, eben nicht denjenigen treffen, der unentwegt zwischen ökonomischer und politischer Macht bzw. zwischen Macht-Anhäufen und Geld-Machen pendelt, sondern nahezu jeden, der es sich „auf unsere Kosten“ gut gehen lässt. Das sind dann „faule Griechen“ oder Rentenbetrüger, Asylanten als „Wirtschaftsflüchtlinge“, Sozialschmarotzer, und es sind die Banker, wenn sie auf dem Golfplatz oder bei der Party gesehen werden. Es ist nicht das Geld, auf das wir da neidig sind. Im Gegenteil, es ist das Leben, das in ihm gestorben sein soll.

Diese Verblendung hat einen einfachen Urgrund, nämlich die Arbeit als Strafe und Geld als einzige Erlösung davon. Der Hass trifft alle, die „etwas geschenkt“ bekommen. Reichtum und Macht werden indes dann „erlaubt“, wenn die Anstrengung, die man dafür aufbieten musste, Teil der Performance ist. (Hier setzt die Kunst der Simulation ein.) Politiker haben in Deutschland kaum Chancen, die zu erkennen geben, dass ihr Job ihnen a) Spaß macht und b) leicht fällt. Weiterlesen »

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Mai 04 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/15: Auf dem Weg zu einem fragmentarischen Theorem zum Vergnügen am Unsinn der Kunsttheorien

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Kultur,Kunst.

Niemand weiß genau, was Kunst ist. Mit diesem Einleitungssatz hat man schon halb gewonnen, und eben auch halb verloren.

Die Wahrheit einer Theorie besteht in ihrer umstürzlerischen Kraft. Was sie wert ist, mag man später ermessen, im Augenblick ist sie so gut als sie „stunning“ ist. Die Theorie ist so stark wie der Unterschied zwischen dem Vorher und dem Nachher.

Das Theorem gegen die Theorie hat da, machen wir uns nichts vor, wenig Aussichten. Es ist wohl der wilden aber zumindest hierzulande akademisch und überhaupt nicht übermäßig geschätzten Form des Essay zuzuschlagen.

Eine Theorie ist der Versuch (aha!) eine (neue) Ordnung in einen Verhau zu bringen, den man mithilfe ihrer als solchen erkannt hat.

Über das, was eine Theorie ist, gibt es nur Theorien.

Wenn man sagt, dass nichts so praktisch ist, wie eine gute Theorie, möchte man, dass sich Theorie und Praxis umarmen. Geschwisterlich, sozusagen. Weil man, nur zum Beispiel, über Kunst gar nicht reden kann, wenn man keine Theorie zu ihr hat.

In der Praxis nämlich verhält es sich so, dass die meisten Menschen mit einem Haufen Theorien herumlaufen, ohne es zu wissen.

Theorien, die nicht wissen, dass sie Theorien sind, sind oft geistige Krankheitserreger.

Der Mensch besteht zu einem großen Teil aus Theorien. Das fängt schon in frühester Kindheit an. Die anderen Menschen, zumeist mit der Mutter angefangen, sind zuerst die Bausteine einer Theorie der Welt.

Die Kunst ist das Ende der Theorie, nicht nur, weil sie, nach landläufiger Auffassung, aus Prinzip jeder Theorie von ihr widersprechen muss, sondern auch, weil sie den Verhau, den die Theorie ordnen will, viel mehr liebt. Die Kunst ist die Verteidigung des Verhaus gegen die Theorie.

Das Leben ist mehr als Verhau und Theorie, sagt T. (Manchmal gibt es Zitronenmarmelade zu Schwarzbrotscheiben.)

Theorie ist eine Organisation von Wissen und Nichtwissen. Dumme Theorien sind Organisationen von lauter Wissen oder Organisationen von lauter Nichtwissen Weiterlesen »

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Mai 04 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/15: Kunst & Glamour

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Kultur,Kunst.

Heute, da das Bewusstsein der Herrschenden

mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginnt,

zergeht die Spannung von Kultur und Kitsch.

Theodor W. Adorno

 

„Nächstes Wochenende rollen sie wieder durch die Stadt – die dunklen Limousinen, mit denen das Berliner Gallery Weekend seine VIPs befördert. Aufgereiht werden die Wagen vor den Galerien und den Locations der Empfänge bereitstehen, in diesem Jahr vor dem Kino International und dem 1968 wieder aufgebauten Kronprinzenpalais: Renommierbauten der DDR als Alleinstellungsmerkmale im internationalen Kunstbetrieb.“ So beginnt der Bericht der Süddeutschen Zeitung über den mittlerweile etablierten Halb-Luxus- und Halb-Trash-Karneval der Kunstszene in Berlin.

Natürlich war Kunst schon immer mehr als Kunst. Nicht nur als Drumherum sondern auch als Mittendrin. Immer mischte sich in die Aura von Freiheit und Befreiung die Idee von entfesseltem Hedonismus, hemmungsloser Emotion und Karnevalisierung. Und immer wieder nahm das Drumherum solch groteske Züge an, dass Menschen sich empören mussten. Die einen, gewiss, weil ihnen sauertöpfisch und neidig das Zuviel an Sex & Drugs & Rock’n’Roll aufstieß, oder auch an Arroganz, Snobismus und performativer Distinktion, die anderen aber, eher mittendrin, mussten argwöhnen, dass das Eigentliche, nämlich die Kunst selber, nur noch Vorwand und Maske wäre. Künstler liebten es, sich snobistisch unter Snobs zu verhalten, betont unrasiert unter Menschen zu erscheinen, deren Rasierwasser das Jahresgehalt eines Straßenbahnfahrers ausmachen soll, genau so „ordinär“ daherzureden wie die, von denen sich die oligarchen Insassen des Events so aggressiv unterscheiden wollen. Viele hielten diese weitere Umdrehung der Karnevalisierung schon für so etwas wie Subversion. Eine Zeit lang jedenfalls.

Vorwand für was? Für die kultivierte Verachtung der Wohlhabenden gegenüber dem Rest der Welt? Für die Erzeugung eines Milieus, in dem sich gefahrlos überschüssige, mehr oder weniger kreative und sexuelle Energie der herrschenden Klasse entsorgen ließe? Für jene urbane Dynamik, an deren plot points doch immer wieder nur das eine steht: Die Verdrängung der Habenichtse durch die Gewinner? Für die Wichtigtuereien einer Spezial-Journaille, die atemlos die Hypes aneinander reiht und der Szene ansonsten konsequent alles Störende vom Leib hält? Als Maskenball geschmeidiger Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft? Als Spiegelsaal des Finanzkapitalismus und Modenschau für Spät-Luxus in einer entluxurifizierten Welt? Als Inszenierung für ein Schauspiel des „Geht doch“? Weiterlesen »

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Apr 18 2015

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (9)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

KUCHENSUCHERS KUNSTGEDICHTE

 

Tage des Herrn D.

Am ersten Tage malt der Otto

Schwere Köppe nach sei’m Motto:

Die Welt ist hässlich wie sie ist

Am zweiten Tag zeigt er den Mist,

Den Menschen mit ihr angestellt

Am dritten Tag Spitzhund, der bellt

Kriegsgewinnler und Versehrte

Der Maler uns darauf verehrte

Am fünften ist er selber dran

Schonungslos schaut er sich an

Am sechsten zeigt die Pinselei

Eine Riesenschweinerei

Am siebten Tag malt Otto Dix

Mal nix.

 

Museumsbesuch

Auf einmal malte Emil Nolde

So wie keiner malen sollte

Gelbe Fratzen, schwerer Himmel

Man fragt sich doch: Was will der Lümmel?

Sind Damenwangen etwa weiß?

Ich bitte Sie: Was soll der Scheiß! Weiterlesen »

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