Apr 01 2015

Kleinigkeiten (42)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der taz (vom 20. 03.15) steht folgendes: „Karl Valentin, der große Münchner Komödiant mit Vogel-V, brachte die Verwirrung um Zeit, Raum und das ganze Gedöns einst auf den einzig wahren Punkt; ‚Wir treffen uns nach dem Krieg um halb vier’.“ Also, ich möchte jetzt nicht besserwisserisch sein, aber alles kann man nun dem Valle auch nicht in die Schuhe schieben. Nein, worum es natürlich geht ist: Eine kleine Lese-Erinnerung. Das ist natürlich aus dem „Schwejk“ (und es ist auch um sechs, und nicht um vier, und vielleicht sogar ein bissel später, für wenn man sich verspäten möcht’). Will sagen: Es wird viel zu wenig Hasek gelesen, bei dem ist manches zu finden zu dieser Zeit. Und Valentin wird auch viel zu wenig gelesen – und viel zu viel „zitiert“.

Weil, das ist das furchtbare Schicksal solcher Künstler, dass man „schwejkelt“ und „valentinisiert“, und das ist dann eine Ausrede für gleich beides. Etwas gescheites zu tun und die Künstler gescheit zu behandeln.

*

Im Jahr 1966 schrieb Johannes Gaitanides über das Verhältnis der Griechen zu den Deutschen: „Was den Griechen zum Deutschen hinzieht, ist nicht das Gefühl einer gleichen Lebensgestimmtheit oder einer verwandten Lebensart, sondern vielmehr der Instinkt für die Fruchtbarkeit einer nur durch ihn vermittelten Spannung. Mit dem Engländer verbindet ihn die sportliche Einstellung zum Leben, die Lust am Spiel und Wettstreit, die Geringschätzung der Arbeit und die Fähigkeit zur positiven Faulheit. Am Romanen besticht ihn die Gemeinsamkeit der Fehler und Laster. Der Deutsche hingegen ist für ihn der schlechthin ‚Andere’, dessen harter Umgangston, dessen Disziplin und Sachlichkeit, die er oft als Kälte empfindet, ihm den Kontakt erschweren. Wo hat der Deutsche sein Herz?“

Fünfzig Jahre später gibt es da immer noch nichts zu finden. Weiterlesen »

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Mrz 28 2015

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Allgemeines.

Schwerer Regen klatschte gegen die Scheiben, die sich in vergängliche Meisterwerke des abstrakten Expressionismus verwandelten. Aber natürlich guckte kein Schwein, alles stierte auf die Biergläser auf den Tischen oder in den ganz persönlichen Abgrund.

„Ich könnte so viel machen“, sagte Herr Reiner, wie aus schweren Träumen erwachend. „Am liebsten würde ich alles machen.“

„Ich würde am liebsten gar nichts machen“, antwortete Herr Kainer nach geraumer Zeit.

Herr Reiner nahm einen Schluck aus seinem Weißbierglas. Dann sagte er bedächtig: „Das geht natürlich auch.“ Bevor er sich wieder seinen Träumen zuwandte. So schwer waren sie, genau besehen, dann auch wieder nicht.

Und dann schauten sie doch noch kurz auf die Glasscheiben mit den wundersamen Linien und Punkten. Und dachten an das Alles und das Nichts. Natürlich ohne sich dabei allzu sehr anzustrengen. Soviel ist klar.

Und der Regen trommelte dadadidong, oder war es doch dadidadong?

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Mrz 25 2015

Unsortierte Gedanken zur Diskriminierung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie,Gesellschaft.

Wir hatten einen Traum. Manchmal. Den Traum von einer Gesellschaft der Freiheit und der Gerechtigkeit. Etwas sollte es in ihr ganz bestimmt nicht mehr geben: Diskriminierung. Menschen sollten als Menschen beurteilt werden, nicht ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Kultur, ihrer Hautfarbe etc. wegen. Wir nannten diesen Traum: Demokratie. Aber dann mussten wir uns dem Alltag widmen, dem Überleben oder auch dem Besserleben. Und das hieß: dem Kapitalismus. Etwas, das immer viel mehr war, als nur eine besonders offene, besonders aggressive und manchmal auch besonders wahnsinnige Form des Wirtschaftens. Etwas, das einerseits nach der Macht über die Welt gierte und sich andererseits bis tief in jede einzelne Seele fraß.

Ob wir dem Traum einer Gesellschaft ohne Diskriminierungen näher gekommen sind oder nicht, kommt vielleicht auf den Standpunkt an. In manchen Feldern haben wir uns viel zu langsam nach vorwärts bewegt, zum Beispiel in der Gleichberechtigung der Geschlechter. In manchen ist aus der institutionellen nur die effektivere strukturelle Diskriminierung geworden: Was brauchen wir noch schurkische Chefs für die Diskriminierung wenn es doch die schurkischen lieben Kollegen via Mobbing genau so machen (und die Verbindung von beidem ist dann ohnehin unschlagbar). Und in manchen ist die Entwicklung offensichtlich nach rückwärts gegangen: Die gesellschaftliche Praxis im Deutschland des Jahres 2015 ist unübersehbar von mehr Rassismus und kultureller Diskriminierung durchzogen als die des Jahres 1975. Was rassistische Diskriminierung bedeutet, kann man bei jeder längeren Fahrt mit der Deutschen Bahn beobachten: Menschen mit dunkler Hautfarbe werden dort nicht nur besonders scharf kontrolliert – und wehe, wenn sie einen Fehler gemacht haben! („Die wissen genau, dass das hier bei uns nicht geht! Das wird teuer für die.“ – Originalton einer deutschen Zugbegleiterin gegenüber einem dunkelhäutigen Paar mit einem behinderten Kind, das in der falschen Zug-Art zur Klinik fahren wollte.)

Diskriminierung als Volkssport

Und dann haben sich auch noch neue Felder der Diskriminierung herausgebildet: Die Loser, Assis und Hartz-IVler, die faulen und gierigen Griechen, die Putinversteher und Wirtschaftsflüchtlinge. Es kann alles diskriminiert werden, was stört. Diskriminierung ist im Deutschland des Jahres 2015 zum Volkssport geworden. Man gönnt uns ja sonst nichts.

Diskriminierung heißt zunächst nichts anderes als ein bewertendes Trennen, die Erzeugung von Unterschieden in Wert, in Recht, in Bedeutung, in Qualität und Ästhetik.  In den alten Zeiten bedeutete es nichts anderes als Trennen an sich; erst im 20. Jahrhundert wurde es mit der negativen Handlung einer Herabwürdigung oder Zurücksetzung verbunden, bis „Diskriminieren“ schließlich (jedenfalls außerhalb naturwissenschaftlichen Fachjargons) zur Bezeichnung für einen verbalen und physischen Akt von hohem inneren Aggressionsgehalt wurde. Diskriminieren ist, mit anderen Worten, eine ziemlich moderne Kulturtechnik, na, was heißt schon: Kultur.

Vielleicht ist diese Wortgeschichte wichtig, um die Funktion des Diskriminierens in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Die Grundlage aller profitorientierter Ökonomie ist das Vorhandensein von Unterschieden. Die Habenichtse und die Superreichen, kik und Armani, billige Arbeit, teure Bank. Im alltäglichen Leben begegnen wir der Diskriminierung zwar vor allem in ihrer Funktion als Aggressionsabfuhr gegenüber Ersatzopfern. Man sucht sich vermeintlich Schwächere, an denen man strukturelle, verbal oder institutionell eigene Überlegenheit konstruiert. Diskriminiert werden Menschen ob ihrer Verhaltensweisen, Fähigkeiten (diskriminiert werden „Behinderte“, „Schwächlinge“, „Loser“) oder wegen ihrer biologischen Eigenheiten (diskriminiert werden Menschen wegen ihres Geschlechts, wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihres Alters).  Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Denkens und Sprechens (diskriminiert werden „Außenseiter“, „Nestbeschmutzer“, „Intellektuelle“) und schließlich wegen ihres sozialen Status (diskriminiert werden „Versager“, „Prolls“, „Schmarotzer“). Man kann, wie die tägliche Lektüre der Bild-Zeitung belegt, einzelne Personen ebenso diskriminieren wie man Gruppen diskriminiert (man kann natürlich auch eine Gruppe erst durch Diskriminierung bilden), schließlich auch ganze Völker (wie die faulen und gierigen Griechen). Solange diskriminiert wird – und, um beim Beispiel der Bild-Zeitung zu bleiben, Diskriminierung ist offenbar eine gut verkäufliche Ware – kann Regieren nicht wirklich demokratisch sein. Je mehr Diskriminierung in einer Gesellschaft, desto undemokratischer die Regierung.

Diskriminierung, und sei sie noch so paranoid, hat immer einen psychischen (die Konstruktion von „Identität“ zum Beispiel), einen politischen (die gewaltsame Verteilung von Macht bzw. die Legitimierung gewaltsamer Machtverteilung) und einen ökonomischen Aspekt (irgendwo wird ein Vorteil oder die Eliminierung eines Nachteils erhofft). Es ist also in den Akten der Diskriminierung kein Widerspruch zwischen Paranoia und Zweckrationalität. Daher tut sich „lineare“ Aufklärung sehr, sehr schwer im Kampf gegen die Diskriminierung. Weiterlesen »

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Mrz 23 2015

Ein Aufruf und seine Folgen: Das Merz-Hasen-Tagebuch (25. März)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Aufruf.

25. März

Die gute Nachricht: Die Merz-Hasen-Bewegung nimmt zwei Tage nach ihrer Gründung bereits enorm an Fahrt auf. Schon jetzt dürfen wir Merz-Hasen-Aktivisten in Berlin, München, London und, man staune, Connecticut bei ihrer Arbeit begleiten. Malerische und literarische Arbeiten sind eingetroffen, von denen wir bald die erste Auswahl präsentieren werden. Filme werden gemacht, Fotos geschossen.

Die Naja-Nachricht: Das Kunsthaus Zürich hat gar keine Sachbearbeiter, sondern nur „zuständige Stellen“. Die für Merz-Hasen zuständige Stelle konnte aber, scheint’s, noch nicht eruiert werden.

Die schlechte Nachricht: Es entwickelt sich offenbar bereits eine Gegenbewegung der militanten Merz-Hasen-Negierer! Nun gut. Soll sein. Echte Gegner sind uns immer willkommen. Nur gegenüber der Merz-Hasen-Indifferenz endet unsere gute Laune. Getreu unserem Wahlspruch:

 FEIGHEIT VOR DEM HASEN IST NICHT TOLERABEL!

24. März, abends

So wie es Kurt Schwitters einst formulierte: „Beziehungen schaffen, am Liebsten zwischen allen Dingen der Welt“, so entstehen Merzhasengebiete, allein durch die Spuren, die das Wesen in den Menschen und in den Dingen hinterließ. Diese Spuren auszulöschen ist das Ziel der Bösen im Kampf um die Kunst, sie zu suchen, und der Suche treu zu bleiben das der Guten.

Ist es möglich Areale des Kunstbetriebs als Merzgebiete zurück zu gewinnen? Oder Teile dieser Welt zu Merzgebieten zu erklären?

Es ist nicht genug damit, den Merz-Hasen unter Naturschutz zu stellen. Man muss vielmehr die Natur unter Merz-Hasen-Schutz stellen!

23. März

Ach, wir haben es ja geahnt! Der Mantel des Schweigens um das Merz-Hasen-Syndrom ist schwer zu durchschneiden, das Gesetz der Omertà in der Kunstwelt kennt kein Pardon. Da ist es schon einigermaßen ermutigend, wenn man vom Kunsthaus Zürich die Nachricht erhält, die Anfrage werde an den zuständigen Sachbearbeiter weitergeleitet, auch wenn ich mir nur schwer vorstellen kann, welcher Sachbearbeiter des Kunsthauses Zürich für Merz-Hasen zuständig ist.

Natürlich muss ich zugestehen, dass sich die Merz-Hasen-Sichtungs-Suche erst nach und nach in der, nun ja, Szene ausbreitet. Lauffeuer sehen anders aus!

Und man sollte nicht glauben, wie viele Menschen Out of office sind. Merz-Hasen-Jagen? Wer weiß.

(Es ist diese teuflische Spannung, die kennen Sie bestimmt: Dass man weiß, es müsste jetzt etwas richtig Großes passieren. Und dann passiert doch nichts. Vielleicht ist genau das der long tail eines Merz-Hasen.)

 

 

 

 

 

 

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DER AUFRUF

 

merzhase-top

 

Der Merz-Hase ist ein scheues Wesen. Das rechtfertigt allerdings in keiner Weise, dass sein Wirken, ja seine bloße Existenz in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit hartnäckig beschwiegen wird. Als regelrecht skandalös empfinden wir es, wenn man den Merz-Hasen als Untergattung des von Kindern und Werbetreibenden phantasierten Osterhasen abtut. Doch der Merz-Hase ist kein Produkt der Phantasie, sondern poetische Realität! Weiterlesen »

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Mrz 21 2015

Kleinigkeiten (41)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Vielleicht ist Kunst, unter vielem anderen, ein Versuch, Gedanken sichtbar zu machen. Nicht als etwas, das man hat, sondern als etwas, das geschieht. Der Gedanke, sagt Friedrich Dürrenmatt, sei wiederum selbst ein Versuch, nämlich: „ein Versuch, eine Ordnung herzustellen, verschiedene Dinge zusammenzuziehen.” Wenn ein Gedanke die Einheit eines solchen Versuches ist, dann ist seine Grundvoraussetzung, dass es eine solche Ordnung vordem nicht gab und dass es sie möglicherweise auch jenseits des Denkens selber nicht gibt.

So könnte man wohl ohne weiteres behaupten, dass jemand, der generell an die Existenz von Ordnungen glaubt, eher weniger geeignet sei, Gedanken zu entwickeln. Umgekehrt freilich sehen wir des öfteren Denkenden zu, die vom, nun ja, Gedanken an Ordnung so besessen sind, dass sie all ihr Denken in den Dienst der Ordnungen stellen wollen. So sehen wir Gedanken zu, die sich selbst auffressen.

Im Augenblick, in dem ein Gedanke entsteht (noch bevor der Teufel es bemerkt, und ihn wieder in die Ordnungen sperrt), ist der größtmögliche Grad an Freiheit erreicht. Im Augenblick seines Gedankens erhebt sich der Mensch über alle Fährnisse und Verzweiflungen. Müssen wir uns daher den denkenden Menschen als glücklichen vorstellen?

Gewiss nicht, denn der Gedanke muss, um nicht zu einer paranoiden Implosion zu werden, „mitgeteilt“ werden. War der Gedanke schon immer Sprache, oder muss er erst zur Sprache gebracht werden?

Vielleicht könnten wir so etwas wie die Sprache der Gedanken erforschen, die sich als werdende begreift. Jeder wirklich neue Gedanke erneuert auch die Sprache, in der er vermittelt werden kann.

Aus dem Gedanken kann sehr viel entstehen. Kunst, Kritik, Theorie, aber auch Ware, Krieg und Macht. Ein Gedanke kann nicht das Recht in Anspruch nehmen, vor-moralisch zu sein, so wie er, in Bezug auf die üblichen Sprechweisen, vor-sprachlich ist. Kunst, Kritik und Theorie zum Beispiel entstehen auch ohne Gedanken, durch Fleiß und Mechanik, ebenso aber auch durch das emphatische Gespür für die Erwartungen rundherum.

Aber eben das erkennen wir nur zu gut: gedankenlose Kunst, gedankenlose Kritik, gedankenlose Theorie. Das destruktive Potential darin ist enorm. Eine Welt mag ersticken an gedankenloser Kunst, gedankenloser Kritik, gedankenloser Theorie. Wir nennen es, zum Beispiel, Ideologie. Es denkt, wo ich denken sollte.

Die Gedanken sind frei, das sang sich so schön in unfreier Zeit. Nun aber scheint es geradezu ins Gegenteil gekippt: Alles mögliche ist frei in dieser Zeit, nur die Gedanken nicht.

Denn der Gedanke – im Gegensatz zu einem „Einfall“ (nichts gegen Einfälle!) – geht ja schon immer einen entscheidenden Schritt aus dem Inneren zur Welt. Der Gedanke macht etwas Verborgenes sichtbar, ohne dass er je etwas anderes sein kann, als ein Vorschlag, eine Fiktion in der symbolischen Ordnung anderer Fiktionen. Gedanken, das ist das Tröstliche in ihnen, können nicht anders als einen Sinn in der Welt sehen, auch wenn sie durchaus dabei ihre vollkommene Sinnlosigkeit mitdenken können. Denn das ist der Gedanke: Nicht, was es ist, sondern was man daraus machen kann. Oder was man darin sehen kann. Oder was man daraus hören kann. Oder was man darüber (und dadurch) sprechen kann.

Jeder Gedanke ist mithin „schöpferisch“, was eine durchaus zweischneidige Angelegenheit ist. Indem er der Welt etwas hinzufügt, entfernt er sich von ihrem Wesen. Die Schwärze der Gedanken: Sie sind Symptome der Entfremdung.

Von ihrer Anmaßung ganz zu schweigen. Gedanken tendieren nicht nur dazu, sich selber wichtiger zu nehmen, als das, was sie ausgelöst hat, sie heben es gelegentlich durchaus pietätfrei auf, tilgen ihr Andenken. Es ist indes eine Frage der Kunst, genau anders herum zu verfahren. Nämlich weder den Gedanken im Gedachten verbergen, noch im Gedanken das verschwinden zu lassen, was ihn ausgelöst hat. Weiterlesen »

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Mrz 20 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/15: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (3)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Kunst.

Es war eine vergleichsweise kurze Zeit, in der Kunsthandel als honoriges Unternehmen gelten durfte. Ein Unternehmen wie Christie’s, gegründet als Christie, Manson und Woods, in der King Street von London, florierte, weil es die Not französischer Adeliger auszunutzen verstand, die im Exil nach der Flucht vor der Revolution ihr Hab und Gut versetzen mussten. Im 19. Jahrhundert etwa widmete sich die angesehene Bonner Arztfamilie Hanstein nebenher diesem Gewerbe. Da dies aber als durchaus anrüchig galt, besorgte man sich lieber einen maskierenden Firmennamen: „Matthias Lempertz“, unter dieser Bezeichnung geraume Zeit die Nummer eins unter den Kunsthäusern im westlichen Nachkriegsdeutschland. Die Anonymität war zu dieser Zeit von den Vermittlern auf die Kunden übergegangen. Im August 1965 formulierte das Bildungsbürger-Brevier „Westermanns Monatshefte“ das so: „Ihre Namen werden von den Händlern mit äußerster Diskretion wie ein Steuergeheimnis gehütet, um die Finanzämter nicht auf die Vermehrung des Privatvermögens der Sammler hinzuweisen.“

Das alles hat also seine Geschichte, nur über die Summen, die damals als „Rekorde“ galten, würden wir heute lachen, und die rekordigsten der Rekorde zahlten damals noch die Museen. Weiterlesen »

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Mrz 18 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (36)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Seit der deutschen Qualitätspresse zu Ohren gekommen ist, dass ihren Käufern das Lesen längerer zusammenhängender Texte zwischen den Werbungen schon arge Probleme bereitet, haben Sie irgendwo in ihren Redaktionsräumen einen besonders forschen Praktikanten (er wollte ja eigentlich zum Fernsehen, aber, ach, da war er irgendwie überqualifiziert) sitzen, der sucht extrem endgeile Bilder heraus, wenn es zu einem Text jetzt eigentlich also so richtig gar keine Bilder bräuchte. Kinobilder zum Beispiel. Hollywood kommt gut.

Jetzt hat man also in der Süddeutschen Zeitung als Aufmacher für das Feuilleton (16. März 2015) einen Text über die Drohung der griechischen Regierung „mit einer Flüchtlingswelle“.  In dem Text wird kurz auch der Film World War Z erwähnt, in dem „Migrantenströme als mörderische Zombiemasse gezeigt werden“, was man eine, sagen wir, ein wenig vereinnahmende Interpretation lesen kann, aber sei’s drum. Darüber aber sehen wir ein großes Bild aus dem Film, in dem eben jene „Zombiemasse“ eine gewaltige Mauer erstürmt.

Der emotionale Überschuss eines solchen Bildes gegenüber einem Text, den man ohne es vielleicht ein wenig, äh, diskursiver läse, gehört der On-Beat-Schule der neuen Zeitungsillustration an. Im Gegensatz zur Bild-Zeitungs-Illustration, in der ein Bild gleichsam die Parallelexplosion zu einer Textzeile ist, und im Gegensatz zu einer Off-Beat-Illustration (wie sie der taz in besten Zeiten gelingt), wo Text und Bild einen Spannungsraum bilden, ist die On-Beat-Illustration, die FAZ, Süddeutsche und Welt pflegen nichts als Verstärkung und Bestätigung, manchmal mit einer bildungshuberischen oder mit einer popkulturellen Nerd-Note. Und mit übrigens kognitiv verheerenden Folgen. Die Migrations-/Zombie-Analogie stellt die Metapher, die George A. Romero und die besseren seiner Nachfolger anboten (Zombies als Wiederkehr der „Verdammten dieser Erde“, wie Romero sagt), sozusagen auf den Kopf. Romero hat in den Zombies die Migranten gesehen; die FAZ sieht in den Migranten die Zombies. Weiterlesen »

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Mrz 17 2015

Volkes Stimme

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ist auch nicht mehr das, was sie mal war, seit es Facebook gibt.
Da gibt es einen Herrn Kainer (was Herrn Reiner sehr erzürnt, Herrn Kainer aber nicht aus der gewohnten Ruhe bringt), der sich auf Facebook „Politikerhasser“ nennt. Und der geht so:
„Der Politiker, elitär, egozentrisch, bürgerfern, lobbynah, geldgierig, machtgeil, verzichtbar. Wir gebrauchen neue, offen und ehrliche politische Menschen.“
So ist es. Offen und ehrlich gesagt: Menschen, die Politiker gebrauchen wollen, will ich gar nicht erst gebraucht haben.

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Die Bild Zeitung hat seit Jahr und Tag in „den Griechen“ ein Hass- und Verachtungsobjekt gefunden, das offensichtlich gut genug bei den Leserinnen und Lesern ankam, um die Kampagne immer wieder um eine Drehung weiter zu führen.
Statt allerdings ein Verächtlichmachen eines ganzen Volkes zu monieren, war dem deutschen Journalisten-Verband nur ein Einspruch wegen der „politischen Kampagne“ wert (wegen der berüchtigten Selfie-Kampagne). „Keine weiteren Millionen für die gierigen Griechen.“

Deutsche Medien sind natürlich vielfältig; was dem einen sein Selfie ist dem anderen seine Büldung. Weiterlesen »

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Mrz 07 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (35)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Es gibt Überschriften, über die man einfach vor Fassungslosigkeit lachen muss. Zum Beispiel im „Wirtschaft Report“ der Süddeutschen Zeitung (07.03. 2015), wo es zu einem Portrait-Artikel zu Hartmut Mehdorn und dem Ende seiner „Ausnahmekarriere“ in großen Lettern heißt: „Es müsste mehr Typen wie mich geben.“ Noch mehr? Sind wir nicht schon längst alle ein bisschen Mehdorn? Einschließlich des ungebrochenen narzisstischen Selbstgefühls und einschließlich eben jener Attitüde, die der Artikel bewundern so beschreibt: „Natürlich traut sich Mehdorn den Job zu.” Das eben ist das Ende des „positiven Denkens“: Es geht nicht mehr darum, was man kann oder nicht, sondern nur darum, was man sich zutraut. Das ist die „Managerkultur“ dieser Jahre. Die Herrschaft von Männern, die sich alles zutrauen. Und die für alle Probleme nur eine Lösung sehen: mehr von sich selbst.

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Im Feuilleton dieser Süddeutschen Zeitung wird konstatiert: „Ralph Schwingel leitet Filmakademie“. Kein Wort davon, dass die Studentenschaft der DFFB in Berlin und ein kritischer Teil der deutschen Filmkultur sowohl gegen die Person als auch gegen das undemokratische Prozedere seiner Inauguration heftigen Protest eingelegt haben. (Siehe die Dokumentation und den Kommentar auf „getidan“.) Die dürre Pressemeldung, die mit den großen Produktions-Erfolgen allerdings nicht hinterm Berg hält, tut ja vielleicht der Informationspflicht Genüge. Wenn allerdings auf 18 Zeilen über einen Wechsel an der Spitze einer bedeutenden europäischen Filmhochschule mit keiner davon auf einen dabei auftretenden Konflikt eingegangen wird, dann grenzt das schon — an was wohl? Weiterlesen »

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Mrz 02 2015

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (VII)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ein kleines Feuer gab Wärme und machte die Gesichter interessant. Hans und Grete hatten selbst gebackenes Brot und Schmalz mit Kräutern verteilt. Das Zeug schmeckte teuflisch gut. Pablo schmatzte: „Mmmm.“ Murx rülpste behaglich und leise. Nur der Sohn Gottes saß in sich versunken unter einem Baum. Es war die längste seiner, naja, „Abwesenheiten“ bis jetzt. Aber sie machten sich noch keine weiteren Sorgen. Sie konnten ja nicht ahnen, dass der Sohn Gottes 634 Tage und 8 Stunden auf einem Planeten in Broccoli-Form verbracht hatte, um dort etwas zu lernen, von dem er noch nicht recht wusste, was es war. Rechnen oder „egal“ sagen oder warten … Vermutlich wäre er auch lieber hier mit den anderen am Feuer gesessen und hätte Schmalzbrote mit Kräutern gegessen  – während die Hexe schnarchte und vermutlich heftig träumte. Aber kann sich’s ein Gottessohn aussuchen? Kann sich’s überhaupt wer aussuchen?

Hans gab eine Runde eines Getränkes aus.

“Was ist das ?”

„Na, so Hexenzeug, nichts Schlimmes, keine Bange“, sagte Hans.

Das Zeug machte warm und froh, so viel war sicher.  Und es schmeckte so, dass man immer mehr davon wollte. Hans und Grete kamen mit dem Nachschenken kaum hinterher. Die Gedanken wanderten, Bilder und Erinnerungen tauchten auf. Pablo hätte gern gezeichnet, aber er hatte weder Papier noch Stift. Drum zeichnete er im Kopf, was auch nicht schlecht war. Mississippi fühlte sich weit genug vom Unternehmen Wolfsohn II und der dazugehörigen Familie. Murx hatte beschlossen, auch noch anderes „Hexenzeug“ zu probieren, behielt das aber lieber für sich. Joe warf einen besorgten Blick auf seinen Freund, den Sohn Gottes und sagte dann laut und vernehmlich: „Ach, was!“ Ayse summte ein Lied. Auch sie, das wusste sie, war eine Hexe. Wenn auch eine sehr junge, unerfahrene. Hexen werden vielleicht verbrannt. Aber Hexen lassen nicht zu, dass andere über sie bestimmen. Hexen müssen niemals in die Türkei um dort verlobt oder verheiratet zu werden. Hexen können gehen wohin sie wollen. Und Matrix? Ach, Matrix. Der fühlte sich beschwingt, um endlich das Geheimnis der fiktiven Welt zu erklären, in denen sie alle lebten, und die die anderen vielleicht immer noch für eine wirkliche hielten.

„Passt auf“, sagte Matrix. „Jeder weiß doch, dass die Menschen, wenn sie so weiter machen, mit der Umwelt und den Kriegen und den Genmanipulationen und all dem Scheiß, sich und ihre Welt kaputtmachen. Und sieht es vielleicht so aus, als würden sie nicht so weitermachen? Ähhh. Aus die Maus. Ist nur eine Frage der Zeit. Es sei denn …“

„Es sei denn was?“

„Es sei denn, die Menschen ändern sich so radikal, dass sie gar nicht mehr Menschen sind, wie man es jetzt kennt. Posthumane!“

„Posthumane. Wie sehen die denn aus?“

„Keine Ahnung. Das können wir uns als gewöhnliche Menschen gar nicht vorstellen. Vielleicht sind das Maschinen, Computerprogramme, Netzwerke, Calamari, Würmer … Weiterlesen »

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