Jul 05 2015

WEITERE NOTIZEN WÄHREND DER ABSCHAFFUNG DER DEMOKRATIE (UND WAS DER FALL GRIECHENLAND DAMIT ZU TUN HAT)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie,Gesellschaft.

Die Voraussetzung jedweder Demokratie ist die Bereitschaft, uns gegenseitig grundsätzlich von gleich zu gleich ernst zu nehmen. Das andere dazu ist, dass wir uns grundsätzlich darüber im klaren sind, dass jeder Mensch für das, was er tut, gleich verantwortlich ist. (Die wenigen Ausnahmen, die es geben muss, sind Gegenstand von immer wieder neuen Aushandlungen.)

„Das Volk“ und „die Regierung“ nehmen einander ernst. So fängt das an. Tun sie das nicht oder nicht ehrlich und offen genug, dann ist zwar noch Populismus, aber keine Demokratie mehr möglich. Eine Regierung, die dem Volk nach dem Mund redet, nimmt es offensichtlich nicht ernst, genau so wenig wie ein Volk, das glaubt seine Regierung sei dazu da, die eigenen Wünsche zu erfüllen. Dafür, dass sich die Regierung und das Volk gegenseitig ernst nehmen, hätten, unter anderem, die Medien der politischen Öffentlichkeit zu sorgen. Dafür, dass sie es nicht tun, sorgen sie tatsächlich. Denn die Medien in Postdemokratie und Neoliberalismus funktionieren marktförmig. Je weniger sich Regierung und Volk gegenseitig ernst nehmen, desto größer ist der Markt von Meinung und Geschmack. Die Kunst des marktförmigen Mediums besteht darin, sich von beiden Seiten (wenn auch in unterschiedlichen „Währungen“) bezahlen zu lassen.

„Die Regierung“ ist ein ebenso schillernder und wandelbare Begriff wie „das Volk“. Weiterlesen »

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Jul 03 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (40)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Medien.

Geht’s noch? Am Vorabend des Referendums in Griechenland scheint die deutsche Presse von einem Rausch der Niedertracht und der Überheblichkeit erfasst, der knapp unterm Herrenvolk-Duktus stattfindet. Dabei gibt es die (scheinbar) softe Variante, die etwa der Spiegel in einer als Reportage getarnten Propagandageschichte über das Kindervolk da im Süden pflegt. Da wird aus einem Dorf berichtet, wo die Männer wie der lokale Tavernenwirt (Spezialität Lammfrikadellen, ach was, das ganze Dorf ist für Lammfrikadellen „bekannt“) zugeben, „er kenne sich nicht gut aus mit Politik, aber wie alle hier macht er sich in dieser Woche Gedanken über die Zukunft – die seines Landes, seines Dorfes und seine eigene“. Ja so ist er, der Grieche, „weitab von Athen“ (nämlich 50 Kilometer), kennt sich nicht aus, aber macht sich seine Gedanken.

„Um was es beim Referendum geht, sagt er, wisse er nicht ganz genau. Er hat einen ‚Ochs’-Flyer von den örtlichen Syriza-Leuten bekommen, der ihn auffordert, mit Nein zu stimmen. Nein zu den Sparauflagen der europäischen Geldgeber.“ Typisch, diese Linken. Nutzen es schamlos aus, dass er sich nicht auskennt, der gute alte Grieche, UNSER guter alter Grieche mit der Lammfrikadellen-Taverne weitab von Athen, nämlich 50 Kilometer. Weil nämlich 50 Kilometer von Athen, spätestens, UNSER deutsches Traum-Griechenland beginnt, wo brave, aber unwissende „Vasilis“, so nennt der Spiegel diesen Touristenhirtenwirt natürlich, der jetzt nicht Sirtaki sondern nach den Syriza-Leuten tanzt, nur darauf warten, deutschen Herrenmenschen Souflaki oder sonstwas zu servieren.

„’So verrückt wie in dieser Woche war es hier noch nie’, sagt Vasilis. Kaum hatte Tsipras sein Referendum verkündet, strömten noch in der Nacht Hunderte Menschen zur Alpha Bank direkt gegenüber. Sein Freund Athanasios nicht. Der hat 6000 Euro unter seinem Schäferhund versteckt, in einem Loch unter der Hütte.“ Es war doch hoffentlich ein deutscher Schäferhund, oder? Aber der deutsche Leser nickt auch so bedächtig mit dem Kopf: Dazu hat er ja seine Presse, dass alles genau so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Weiterlesen »

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Jul 03 2015

Die Spaltung der Postdemokratie

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Demokratie,Gesellschaft.

Wenn wir von Postdemokratie im Sinne von Colin Crouch sprechen, haben wir einen bestimmten Prozess von Erosion und Aushöhlung im Sinn: Regierungen, die nach den formalen Gesetzen der parlamentarischen Demokratie gebildet und von Parlamenten mehr begleitet als kontrolliert werden, die einer „Parteienlandschaft“ entsprechen, die man immer noch mit gewissen Begriffen wie „Links“, „Rechts“, „Mitte“ oder „Sozialdemokratisch“, „Konservativ“, „Liberal“ belegt sind, auch wenn sie sich in ihren Zielen, Methoden und Rethoriken immer weiter angleichen. Die schleichende Übernahme der Macht durch die großen Spieler der Ökonomie gehört zu dem Prozess ebenso wie die Entmachtung oder gar Umfunktionierung der Gewerkschaften (bestes Beispiel ist die „Gewerkschaft der Polizei“, die eher Propagandainstrument und interner Stabilisator ist als eine wirkliche ökonomische und politische Interessenvertretung von Staatsangestellten). Dazu gehört eine bemerkenswerte Gleichschaltung der Presse und eine Tendenz zur „Entpolitisierung“ der Öffentlichkeit.

Aber welche Art von Regierungen kommt dabei schließlich heraus? Die ersten beiden Varianten waren die „knallharten“ Verfechter des Neoliberalismus (zu einer Zeit, da dieser Begriff noch, umstritten genug, in der Fachdiskussion kritischer Ökonomie steckte), allen voran Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Bei beiden musste, wer genauer hinsah, schon bemerken, dass sich da nicht nur eine „demokratische“ oder eben schon postdemokratische Regierung den Belangen der Wirtschaft im Allgemeinen und denen der je „eigenen“ im Besonderen widmete, sondern dass auch neue Formen des Regierens ausprobiert wurden. Die „Härte“ zeigte sich insbesondere in den Auseinandersetzungen um Streiks; beide, Reagan wie Thatcher, waren dabei bereit, über Leichen zu gehen, um ernsthaften Widerstand gegen ihre oligopolistische Politik zu zerschlagen. Wir müssen also nicht auf den mörderischen Putsch gegen Allende in Chile zurückgreifen, um zu konstatieren: Es hat nie einen „sanften“ Neoliberalismus gegeben, wie man uns einredet, keinen Wandel des Wirtschaftens, der „nur“ das Interesse des Kapitalismus am eigenen Überleben mit der Gier und der Niedertracht seiner Insassen zu verbinden pflegte. Es war immer Gewalt im Spiel, Weiterlesen »

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Jun 25 2015

ÜBER IDENTITÄT (UND IHREN WANDEL)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ich kann nicht handeln. Ich kann nur als … handeln. Wer als Ich handelt, ist ein Verbrecher, ein Wahnsinniger, jedenfalls kein guter Mensch. Im als … steckt die Legitimation und die Erklärung des Handelns. Wer handelt, sucht sich ein als …

Ich als Deutscher. Ich als Linker. Ich als Mann. Ich als Autor.

Im als … steckt beides. Die Historizität. Ich als Jugendlicher wird zu Ich als Erwachsener, mehr oder weniger. Und die Stabilität. Ich bleibe Ich als … über bezeichenbare Etappen, im mythischen Fall gar ein ganzes Leben.

Das als … nennen wir „Identität“. (Obwohl es eigentlich genau das Gegenteil ist: eine Spaltung.)

Aber so gut wie niemand kann sich mit einem bloßen Ich zufriedengeben. Es wäre eine absolute Einsamkeit, die man nicht lange aushalten kann.

Aber so sehr dieses absolute Ich ein Schreckbild ist, so sehr ist es auch eine Utopie. Ich als Ich. Gleichsam das radikale Gegenbild zum, im Übrigen nicht minder gefährlichen Ich als Mensch.

Nicht nur die Identitäten selber, sondern auch die Techniken der Konstruktion sind historischem und sozialem Wandel unterworfen. Der Mensch eines Zeitalters konstruiert seine Identität anders als der des nächsten oder des vorherigen. (Deswegen fällt es uns so schwer, Menschen anderer Epochen wirklich zu verstehen.) Weiterlesen »

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Jun 21 2015

DENKWÜRDIGER WANDEL IN ZEITUNGSPAPIEREN

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Zwei Bilder von Zeitungen, die uns in literarischer wie in bildnerischer Form überliefert sind. Die eine, die vom biedermeierlich-patriarchalen Bürger, der sich wohlig und sicher im Lehnstuhl hinter seiner Zeitung „vergräbt“, und der Frau, allenfalls, „das Wichtigste mitteilt“. Ein Instrument der Weltbeherrschung, gewiss, im Großen wie im Kleinen. Ohne Zeitungen würde die Welt dieses Bürgers nicht funktionieren, und auch nicht ohne das Privileg ihres Gebrauchs.

Das zweite Bild, schon grauenvoller und doch mit dem ersten eng verbunden, stammt von Peter Weiss, der es in seinem Tagebuch notierte: „Morgens treten wir, ohne uns dessen recht bewusst zu werden, fast regelmäßig, zum Ritual eines Totengedenkens an. Während wir unserem Körper die erste Tagesnahrung zuführen, nehmen wir die Zeitungsmeldungen auf, kauend, schlürfend erfahren wir von den Erschlagenen, Zerstückelten, Verbrannten , Zerquetschten und Ertrunkenen, von der an Krankheit, Schwäche, Auszehrung oder Verzweiflung Zugrundegegangenen, von denen, die es einzeln niederstreckte, paarweise, in kleinen Gruppen, bis zu den Massen, den Ungezählten“.

Mit der Zeitung hat der Bürger es sich über Jahrhunderte mit dem Grauen der Welt gemütlich gemacht. Aber damit scheint jetzt so langsam Schluss. Mit den neuesten Todesritualen und Katastrophenmeldungen aus dem Internet macht man es sich so leicht nicht gemütlich. Die Zeitungen selber aber zerbrechen förmlich in Grauen in Gemütlichkeit; insbesondere am Wochenende, Weiterlesen »

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Jun 17 2015

Unterwegs (8)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Bei der Suche nach einem Quartier ergab sich dies:

„Altea Hügel. Luxuriöses Erdbodenselbstbefriedigen von 2 Bettfeiertaganpassung, auf der Costa Blanca danach Norden zu lassen. Wunderbare Blicke, Teich und arbeitet im Garten.“

Theoretisch müsste man da unbedingt hin, auch wenn man sich luxuriöse Erdbodenselbstbefriedigen eher nicht im einzelnen vorstellen möchte.

Praktisch ist es aber dann doch zu teuer für unsereinen.

*

Je mehr man unterwegs ist, desto schwieriger wird es, zu unterscheiden, was noch wirklich ist. Ich meine nicht im Sinne einer Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Nicht-Wirklichen. Ich meine: Es wird schwieriger, zu verstehen, was mit „wirklich“ eigentlich gemeint ist.

Jede Reise ist auch eine in den Traum.

Der Traum der Reise ist es nicht, wo anders zu sein, sondern wann anders. Gleichzeitigkeit frisst den Traum der Reise auf.

*

Daher ist es kein Wunder, am Ende der Welt deinen Nachbarn zu treffen.

*

Der Schnipsel eines deutschen Briefes in einer Gasse von Buenos Aires …

 

 

 

 

 

 

 

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Jun 15 2015

JOE UND DER SOHN GOTTES – 3. Buch (I)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Allgemeines.

Eine Detektivgeschichte

 

I

Okay, Sie haben jetzt vielleicht etwas anderes erwartet. Dass Ihnen der Autor diese Geschichte weiter erzählt, von den Kids und dem komischen Wald. Wieselscheiße!

Ich bin sonst nicht so, ehrlich. Soll er seinen Job machen, und ich mach’ den meinen. Er schreibt, ich schnüffele. So stehen die Dinge.

Aber, Sie haben es ja selbst gelesen. Es geht da auch um diese Wolfsohn-Geschichte. Um den Murkal-23. Sie erinnern sich, oder? Wenn nicht, macht das auch nichts. Scheint den Autor nicht sonderlich interessiert zu haben. Für mich war es der größte Fall in meinem Leben. Was heißt: war? Er ist es immer noch. Ich häng’ mitten drin, in der Elefantenscheiße.

Von mir aus kann so ein Autor doch schreiben, was er will. Ich les’ sowieso nur Sportnachrichten und Comics, alles andere schlägt mir auf den Magen.

Das heißt natürlich: Wenn es um einen Fall geht, ist das was anderes. Und die Wolfsohn-Geschichte, das ist mein Fall. Den lass’ ich mir doch von so einem windigen Autor nicht kleinschreiben, Dachsscheiße nochmal.

Naja, dieser Autor hat sich in den Süden verkrümelt. Ich bin hier in seinem Arbeitszimmer, an seinem Computer. Was wollen Sie? Ich bin nun mal ein Schnüffler. Die Tür aufzukriegen war wirklich ein Fliegenfurz. Und das Passwort. Mein Gott. Diesen Zeilenschindern fällt doch sowieso nie was ein. Schauen sie in ihre Bücherregale – wenn sie nicht irgendwelche Enkel oder Geliebte haben – dann nehmen sie den Dichter, der ihnen am meisten zusagt. Und glauben Sie bloß nicht, dass Autoren da besonders einfallsreich sind. Erst habe ich auf Kafka getippt, aber dann war es doch Dostojewski.

Und jetzt schreibe ich meinen Fall auf, das lass ich mir nicht nehmen. Das hau’ ich raus, das wird ins Netz gestellt. Danach kann der Autor sich ja wieder um den Wald und den Sohn Gottes und all den Mückenscheiß kümmern. So wahr ich J. P. Holmer heiße. Weiterlesen »

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Jun 13 2015

Unterwegs (7)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Verletzte Taube in der B.-Straße.
Rush Hour in Tel Aviv. Es ist Pessach. Und einer dieser Tage mit ungewöhnlicher Hitze. Eine gewisse Gereiztheit liegt in der Luft.

Mitten auf die Straße steht ein junges Mädchen. Sie macht seltsame Bewegungen, geht hin und her, scheint Autofahrer zu beschimpfen und von diesen beschimpft zu werden.

„Eine Verrückte“, schreit einer. „Ach was“, meint ein anderer Fahrer. „Die ist doch mit Drogen vollgepumpt.“ „Oh, diese Jugend“, schimpft es im Bus. „Verkommen und Verdorben!“ „So geht das Land vor die Hunde“. Und so weiter.

Langsam, Fahrzeug für Fahrzeug rückt man der Szene näher. Die Wut steigt von Stop zu Go. Man ist sich einig. Man sollte aussteigen und dem trunkenen Mädchen eine Ohrfeige geben. Merkwürdig genug, dass es niemand schon getan hat.

Aber seht! Als man das Mädchen erreicht hat, wird klar: Weiterlesen »

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Jun 12 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/15: Es geht bei der Frage nach dem, was das Bild ausmacht, um die fünf großen Unterscheidungen:

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Semiotik.

ERSTENS: Was unterscheidet das Bild von seinen Zeichen?

ZWEITENS: Was unterscheidet das Bild von einer Abbildung?

DRITTENS: Was unterscheidet das Bild von anderen Bildern?

VIERTENS: Was unterscheidet das Bild von seiner Erzählung?

FÜNFTENS: Was unterscheidet das Bild von seiner Produktion?

Man kann diese Unterscheidungen kaum in einer semantischen Klarheit treffen (eben weil es sich von Anbeginn um das vom Zeichen Unterschiedene handelt), als vielmehr in einer Art Möglichkeitsform. Die Unterscheidungen des Bildes sind nicht „getroffen“ sondern „vorhanden“, sie liegen im Bild, ohne ihm entnommen werden zu können.

Die „Lesbarkeit“ eines Bildes (ERSTENS) liegt in den drei Dingen, die sich vertexten lassen: In seinem Material (dem Strich, der Farbe, dem Zelluloid, den Vokabeln: es muss etwas sein), in seiner Beziehung zu einem Abgebildeten (es muss etwas darstellen), und in seinem Gebrauch von Zeichen (es muss etwas bedeuten).

Kein Bild, das auf sich hält (ZWEITENS) kann mit dem einverstanden sein, was es abzubilden gehabt hätte. Die erwähnte Differenz kann ebenso durch Aggression wie durch Ignoranz (sogar durch Demut) erzeugt werden.

Bild ist, was noch nicht oder nicht mehr Zeichen, Abbildung, Dokument ist. Was aber kann sein, was noch nicht oder nicht mehr Bild ist? (DRITTENS) sprechen die Bilder miteinander und erzeugen dabei Sprache, Kongruenz und Modell, aber eben auch neue Bilder. (Im Anfang war das Bild, oder?)

Ein Bild ist ein Bild. Aber schon zwei Bilder beginnen, eine Sprache zu bilden.

Bild und Sprache enthalten voneinander die „abgewandten Seiten“. Was ich in der Sprache nicht lesen kann, obwohl es vorhanden ist, das ist Bild, und was ich im Bild nicht sehen kann, obwohl es vorhanden ist, das ist Sprache. Weiterlesen »

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Jun 09 2015

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (IX)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Albert hatte die fremde Frau schließlich zu dem geheimen Waffenlager der Kameraden geführt. Der Wald muss befreit werden, hatte sie gesagt. Die Stunde sei gekommen. Albert hing an ihren Lippen. Auch wenn er das meiste von dem, was sie sagte nicht verstand. Sie leuchtete für ihn. Irgendwie war er jemand anderes geworden. Albert war noch nie so sicher gewesen, das Richtige zu tun. Das Richtige tat sich in ihm. Er und die Frau, das war die Neue Einheit. Das würde alles anders machen.

Albert grub mit bloßen Händen. Zuerst entfernte er eine Schicht Laub und Zweige, dann kam eine Handbreit Erde. Es war wohl ein wenig feucht gewesen. Die Erde war schwer und klebte an den Händen.

»Nun mach schon, Alberich«, hatte die Frau gesagt.

Albert war irritiert. »Eigentlich heiße ich Albert. Nur Albert. Ohne Ich.«

»Das Ich bekommst du von mir«, lächelte die Frau.

»Alberich ist ein Zwerg. Das weiß ich«, hatte Albert leise gemurrt.

»Er ist der König der Zwerge. Willst du nicht König der Zwerge sein? Der Kids, der Kurzen, der Kinder und der Komödianten?«

»König!«, lachte Albert. »Nein, dieser ganze Märchenquark …«

Die Frau war fuchsteufelswild geworden. »Du darfst mir dienen, Alberich. Du darfst König der Kleinen werden. Du kannst mit den Kindern machen was du willst. Aber nie, hörst du, niemals wirst du es noch einmal wagen, mir zu widersprechen.«

Und mit diesen Worten war sie ihm mit scharfen Nägeln über das Gesicht gefahren. Albert schmeckte erst das Blut und fühlte dann den brennenden Schmerz. Etwas hatte sich in ihm eingebrannt. Albert würde ein Zeichen im Gesicht tragen. Eine wunderschöne Narbe. Er wäre endlich sichtbar.

»Nun los, Alberich«, hatte die Frau geherrscht. Sie glühte vor Eifer. »Wir werden der Hexe und deinen Freak-Freunden ein Gefecht liefern.« Weiterlesen »

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