Aug 30 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (31)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Nachdem vor Gericht ein eindeutig denunziatorischer Internet-Artikel über einen Landtagsabgeordneten der Grünen verboten worden war, verteidigte der Axel Springer Verlag die Veröffentlichung in der Internet-Ausgabe von „Bild Plus“ mit dem Hinweis, es habe sich um „saubere Verdachtsberichterstattung“ gehandelt. Ein neuer Eintrag für die Enzyklopädie des Schweinejournalismus ist geboren: SAUBERE VERDACHTSBERICHTERSTATTUNG, Die. Schwurbelsprech für Dreckschleuderei, der man juristisch nichts anhaben können soll. Umgangssprachlich auch für Widerspruch in sich oder Üble Nachrede in indirekter Rede.

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Die Süddeutsche Zeitung, der vor Jahr und Tag unser Text über die „Redbullisierung“ von Sport und Freizeit („Kapitalismus als Spektakel“) so ganz und gar nicht gefallen hat, findet nichts dabei, zwei Jahre später eine Anzeige für die Zeitschrift Manager Magazin mit einer Titelgeschichte über dieses Phänomen zu bringen. Tja, wenn’s halt Mainstream wird …

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Je mehr die Nachrichten sich über Bilder vermitteln, desto schwieriger ist es, auf die Subjekte der politischen Macht zu reagieren. Denn, natürlich, es ist unschicklich Menschen, auch wenn es sich um die Repräsentanten in der Öffentlichkeit handelt, nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Eine solche Zurückhaltung ist politisch korrekt und muss, wenn überhaupt, den Kabarettisten und Imitatoren überlassen werden. Weiterlesen »

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Aug 23 2014

Neurose und Macht

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Erste Skizze (verdammt, da gibt es noch viel zu tun)

Jeder Mächtige hat Sorgen. Einige von ihnen sind ganz pragmatischer Art: Wie man die Macht vermehrt und sie gegen Konkurrenten schützt. Wie man die Kontrolle über die Menschen, Maschinen, Instrumente behält, die man dafür benötigt. Wie man die Macht legitimiert und wie man das „Fließen“ der Macht erleichtert, damit nicht jede Einzelheit von Machterhalt auch eine Gewalttat oder eine Krise bedeuten muss. Wie man Macht strategisch teilt. Und so weiter.

Aber die Macht hat auch einige innere Probleme, die sehr schnell den Boden des Rationalen und des Angemessenen verlieren. Etliche Theoretiker der Macht gingen gewiss nicht zu Unrecht davon aus, dass Macht immer „absolut“ sein will, dass es freilich, weil das nicht möglich ist (schon wegen der Sterblichkeit des Machthabers), für einen Mächtigen nie genug Macht geben kann. Die Verrücktheit steckt mithin im doppelten Steigerungsfaktor der Macht. Sie will immer breiter werden (mehr Macht über mehr Menschen und mehr Territorien), sie will aber auch immer tiefer werden (alles, selbst der Kaffeelöffel und die Grußformel müssen von der Macht sprechen. Und zum dritten will die Macht höher werden, der Mächtige erhabener, einzigartiger, der Einzige. Jede dieser drei Expansionen, sie sind so notwendig, wie es dem Kapitalisten notwendig erscheint, eine weitere Milliarde (mit der man nichts anfangen kann) seinem Vermögen hinzuzufügen, weil es in seinem System kein „genug“ gibt. Und jede ist vollkommen verrückt. (Und hey, wenn es etwas Faszinierendes gibt, dann sind es die Erzählungen von der verrückten Macht!)

Wie also können wir uns Macht unter den Bedingungen einer Demokratie wie der unseren vorstellen? Als die Macht von einem oder einer, die durch andere Mächtige gebremst, kontrolliert, beschränkt wird (Debatte? Gewaltenteilung? Intrigantenstadel, Königsmord …), als eine Macht, die sich immer wieder Legitimation beim Volk holen muss (durch Wahlen und andere Formen, in denen sich Zustimmung oder Ablehnung offenbart), oder aber auch als durch Bildung, Bewusstsein und Verantwortung erworbene Selbstbeschränkung der Macht?

Im Absolutismus, und gar im aufgeklärten Absolutismus, sahen wir in Europa am deutlichsten, wie die Mächtigen (in Exzessen der Macht, wenn man so will, derweil und nicht zufällig, sich das Objekt der Macht zum Subjekt der Freiheit wandelte) an ihrer Macht „krank“ werden mussten, wie sie sich in die Bausucht und die Repräsentationen ihrer Macht mauerten, wie jede Faser und Pore von Macht durchdrungen wurde, so dass da einer entstand, der vor lauter Macht kaum  noch leben konnte. Die Macht und ihr Schauspiel funktionieren nach so unterschiedlichen Regeln, dass es nur in wenigen Momenten der Geschichte gelang, die Beziehung zu genießen. Weiterlesen »

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Aug 15 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/14

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Kunst.

Ob es die Kunst gibt oder nicht, darüber mag man verschiedener Meinung sein, nicht nur der eine so und die andere so, sondern auch mit sich selber; das kommt, wie man so sagt, auf den Zusammenhang an. Was es aber zweifelsfrei gibt, ist die Frage nach der Kunst, die sich immer wieder neu stellt, wenngleich mit etlichen Konstanten.

Die Kunst mag nämlich im anthropoligischen Sinne immer das gleiche sein, mehr oder weniger, insofern sie einem menschlichen Grundbedürfnis von Ausdruck und Freiheit entspricht. Der Mensch ist das Wesen, das Kunst macht, und der Mensch ist das Wesen, das Kunst sieht (auch da, wo sie nicht „gemacht“ ist), sind zwei leidlich umfassende Definitionen. Andererseits ist die Kunst, was das Soziale, das Kulturelle und vor allem das Politisch-Ökonomische anbelangt, mitnichten immer das gleiche. Was dies anbelangt überwiegen die Diskontinuitäten bei weitem die Kontinuitäten.

Was zwischen beidem, der anthropologischen Kontiniutät und der politisch-ökonomischen Diskuntinuität vermitteln soll, ist eine Kunstgeschichte, die Kontinuität und Diskontinuität in ein Narrativ zu bringen hat. Ein Narrativ ist eine aus Dokumenten zusammengesetzte Fiktion. Das Narrativ der Kunstgeschichte besteht in erster Linie in der Konstruktion der anthroplogischen Konstante als (teilweise unsichtbares) Skelett und historischen, soziologischen, philosophischen etc. Variablen. Die Ästhetik (als Schatten der Kunst) übernimmt indes den Ansatz einer verlässlichen Konstante, die in Historisches gespreizt wird: Jedes Kunstwerk, behauptet dieses Narrativ (und seine Protagonisten selber sind mehrheitlich davon überzeugt), ist eine Reaktion auf andere Kunstwerke (in bewusster Kontinuität bzw. bewusster Diskontinuität), so dass es die Kunst nun nicht nur als „Fixpunkt“ des Mensch-Seins, sondern auch als Linie einer konstanten Entwicklung gibt, die sich territorial und kulturell in verschiedene Linien aufspalten kann, in aller Regel aber einer Hauptlinie entlang erzählt wird. Weiterlesen »

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Aug 01 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (30)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Die Zeitung für Deutschland macht heute wieder ganze Arbeit. Und alles gleich auf Seite 1. Man blickt in die Augen eines Geiers (tolles dpa-Foto, echt), und dazu gibt es zur Überschrift “Niemand weint um dich, Argentinien” einen Text zum Thema “Grillgut”, den, weil er so schön gaga ist, ich in voller Länge zitiere:
“Es wäre ein falsches Bild von Argentinien, wenn man nur das Unvermögen dieses stolzen Landes herausstellte, vernünftig mit Geld umzugehen. Immerhin tanzen die Leute am Rio de la Plata einen flotten Tango, und im Fußball sind sie auch nicht ganz schlecht. Argentinier gelten nicht als ängstlich, denn ‚el angst’ haben sie nur davor, dass ihnen die Glut beim Grillen ausgehen könnte. Weil ein einheimisches Sprichwort besagt, dass jedes Tier einmal auf dem Grill landet, sollten sie mit Blick auf die gierigen Geier zuversichtlich sein.”

Solch ein Text schafft es scheinbar spielend, zugleich vollkommen verblödet, rassistisch-überheblich und propagandistisch zu erscheinen. Was natürlich keine Tatsachenbehauptung ist, weil, wie die geneigten Leserinnen und Leser sicher bereits wissen, jetzt den Satirikern auch Tatsachenbehauptungen aufzustellen verboten werden soll, wobei es natürlich irgendwie widersprüchlich scheint, zum Beispiel in einer als solche gekennzeichneten Satire „Tatsachenbehauptungen“ aufzustellen. Satire darf alles, so lange sie sich nur von den Tatsachen fern hält, gell? Es handelt sich bei „verblödet, rassistisch-überheblich und propagandistisch“ um nichts als eine subjektive Meinung, und die wird man doch noch …, jaja, schon gut.

Kommen wir zu einem weiteren Jahrhundertsatz auf der Titelseite der  F.A.Z. vom 1. August des Jahres 2014:

“Deutschland ist in der glücklichen Lage, sich die Verteidigung seiner Werte leisten zu können.”

Auch dieser Satz ist so doof, pathetisch und bösartig (Meinungsäußerung!), dass er gar nicht anders kann, als die pure Wahrheit widerzugeben. Weiterlesen »

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Jul 25 2014

“Bringen wir es doch mal auf den Punkt.”

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ein Ideogramm ist eine kurze, verdichtete Aussage, die auf den ersten Blick wirkt, als sei sie die kürzeste Verbindung von Lebenserfahrung und Erkenntnis. Unter einem bestimmten Blickwinkel kann man daher das Ideogramm auch als eingedampften Mythos betrachten. Sein Ziel ist einerseits die rasche Verbreitung, weshalb das Ideogramm auf all die schmückenden und abschweifenden Beigaben verzichtet, welche die Lektüre des Mythos so interessant macht. Enthält der Mythos auf seine mehr oder weniger sublime Art noch den Widerspruch, den zu lösen er geschaffen wurde, so ist das Ideogramm dazu bestimmt, ihn radikal zu leugnen. Das Ideogramm ist daher von vorneherein a-logisch. Aber das scheint seinen Empfängern wenig bis gar nichts auszumachen.

In der bürgerlichen Welt werden Ideogramm sehr gern als „Aphorismen“ oder als „geflügelte Worte“ weitergegeben. Es handelt sich dabei um gleichsam verstellbare rhetorische Werkzeuge; es wäre falsch zu behaupten, sie passten immer, allerdings passen sie sich einer verblüffenden Anzahl von Situationen an.

Das Ideogramm ist das Paradoxon einer deskriptiven Behauptung. Sieht man die Behauptung genauer an, so verschwindet es im Deskriptiven; unterzieht man die Deskription einer näheren Betrachtung, so drängt sich dreist die Behauptung nach vorn. Weiterlesen »

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Jul 25 2014

Titelschutz (20)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Und was muss ich „unter Hinweis auf § 5, 15 MarkenGesetz“ in meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels lesen:

Ein gewisser Volker Murmann nimmt Titelschutz für

„1 : 7″

aber auch für

„eins zu sieben“

„in jeder Schreibweise, Darstellungsform, Wortverbindung und Kombination zur Verwendung in allen Medien“ in Anspruch.

Das nennt man Cleverness. Vielleicht sollte man vorsorglich für alle denkbaren Fußball-Ergebnisse Titelschutz  anmelden. Man denke nur: Bei jedem Toor! Toooor! Das ist das 1 : 0 –  klingelt die Kasse. Und nach jedem großen Fußballevent hat man den besten Titel für den Buch-Absahner schon im Kasten.

Aber auch dieser Titelschutz (von der Verlagsgruppe Droemer Knaur) ist nicht schlecht:

„Kruzitürken“.

Wenn man es gut meint, könnte man den Coup vielleicht mit

„Sackzement“

wiederholen.

Wenn nicht … Ach, das könnt ihr euch selbst ausdenken.

Titelschutz wird wohl auch schon (von der Deutsche Standards EDITIONEN GmbH) für das Zielpublikum in Anspruch genommen:

The German Mittelstand

oder gar

Best of German Mittelstand. Weiterlesen »

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Jul 18 2014

DER ZOMBIE-KAPITALISMUS

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der mehr oder weniger großen Erzählung des Kapitalismus ist der plot point einer Selbstüberschreitung bereits Geschichte; man mag sich allenfalls darüber streiten, in welchem Kapitel er stattgefunden hat, und seit wann er absehbar war. Seitdem jedenfalls leben wir in einer Negativgeschichte des Kapitalismus. Er erzählt sich nicht nur, postmodern genug, nach rückwärts. Er brutalisiert sich auch in seinem äußeren Weiterleben nach dem inneren Tod. Auch deshalb nennen wir das System, in dem wir (noch) leben, den Zombie-Kapitalismus.

Der Zombie-Kapitalismus findet keine Welt mehr, die er erobern, unterwerfen und kapitalisieren kann, deswegen muss er selbst eine Gespensterwelt erschaffen, mit der er diesen Prozess der Landnahme simulieren kann, um einen simulierten Wert zu erzeugen. Der Wert kann in der (digitalen) Welt, in der Arbeit am wenigsten zur Produktion benötigt wird, nur noch durch seine zwei Negationen erzeugt werden. Durch eine willkürliche „untote“ Setzung und durch die Entwertung. Alles außer dem Kapital (einschließlich des Menschenlebens selbst) muss entwertet werden, damit sich das Kapital selbst künstlich aufwerten kann: Es drückt gleichsam nur noch sich selber aus, und in diesem Selbstausdruck spielen gerade jene, die es nicht haben, eine entscheidende Rolle. Dass die „Schere zwischen den Reichen und den Armen immer weiter aufgeht“, wie selbst die wohlwollendsten Kritiker bemängeln müssen (es ist eine Frage der schlichten Evidenz), ist demnach kein lästiger Nebeneffekt, es ist vielmehr eines der zentralen Elemente der Transformation des lebenden in den untoten Kapitalismus. Wenn es wirklich „Wohlstand für alle“ geben könnte, dann wäre das Kapital ja kaum noch etwas wert. Das Kapital ist so viel wert, wie es Elend produzieren kann. Weiterlesen »

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Jul 18 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (29)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Vom Kapitalismus an sich kann man halten, was man mag. Vielleicht müssten wir ohne ihn ja tatsächlich immer noch ohne elektrische Zahnbürsten auskommen. Seine Verwandlung in eine globale kleptokratische Oligarchie aber müsste eigentlich selbst seinen glühendsten Verehrern bitter aufstoßen. Müsste. Dass dem nicht so ist, dafür sorgt ein Heer von Propagandisten und ideologischen Schmußproduzenten in den Medien. Während sich das allgemeine vage Murren über die Bankenmacht, die „Heuschrecken“ und die Enteignung des Mittelstands langsam legt, sehen sie die Gelegenheit, im Ton ein wenig schärfer zu werden. Das Kampfblatt des Neoliberalismus, die F.A.Z., die gerade konstatierte, dass Demokratie im Ringen um die Märkte doch erheblich störend sei, zeigt auch an anderer Stelle, wohin die Reise gehen soll. Zum Beispiel erklärt uns ein gewisser Patrick Welter (der übrigens an anderer Stelle geraten hat, wohlweislich alle Mahnungen den deutschen Exportüberschuss und seine verheerenden Folgen betreffend geflissentlich zu überhören), warum sich ein Staat wie die USA gefälligst aus den Kreisläufen der Kleptokratie heraushalten soll: „Wenn Obama und Lew (der US-Finanzminister Jacob Lew) von Steuerreform sprechen, geht es ihnen nicht um eine wirkliche Entlastung von Unternehmen“. Das ist natürlich unerhört, wenn es irgendjemandem auf dieser Welt um etwas anderes geht, als um die Entlastung von Unternehmen. Aber es kommt noch besser: „Mindeststeuern, Streichen von Steuerschlupflöchern und andere Folterinstrumente aus dem Gruselkabinett des Fiskalstaats beherrschen ihre Rede“ (F.A.Z. vom 17. Juli 2014, „Lews Gruselkabinett“).

Wie bitte? Das „Streichen von Steuerschlupflöchern“ für Unternehmen ist ein „Folterinstrument“ aus dem „Gruselkabinett“? Den Betrug der Konzerne und ihrer oligarchischen Führungsschicht an der Allgemeinheit zu stören ist demnach ein fiskalstaatliches Schwerverbrechen und wird, natürlich, bestraft, und zwar mit einer „erschreckend niedrigen Investitionsbereitschaft der heimischen Unternehmen“. So geht der neue Kapitalismus: Weiterlesen »

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Jul 16 2014

JOE UND DER SOHN GOTTES (XV)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Der Sohn Gottes war in verschiedenen Multiversen unterwegs und besuchte hier und da einen kleinen Planeten, der ihm vertrauenerweckend erschien. Ihm war die Sache noch nicht ganz  geheuer, denn schließlich war es das erste Mal, dass er durch Zeit und Raum reiste, genauer gesagt durch das, was jenseits der Zeit und das, was jenseits des Raums liegt. Was ihn wunderte war, dass dies alles, die Unendlichkeit, wie man so sagt, auf dem Prinzip der Ähnlichkeit basierte. Er hätte zu gern einmal etwas anderes gesehen, etwas wirklich anderes, aber es war immer und überall das Gleiche, nur in immer neuen Zusammensetzungen.

„Ich weiß“, dachte der Sohn Gottes, „dass ich auf dieser Reise etwas lernen muss. Etwas sehr Wichtiges. Aber was nur? Wenn doch sowieso jede Welt nur die verrückte Abbildung der anderen ist. Was soll man denn da noch lernen können?“

„Lachen vielleicht?“, rief ein Bruder, der mit affenartiger Geschwindigkeit an ihm vorbei zischte. „Lachen solltest du lernen!“ Und der Bruder des Sohnes Gottes lachte aus vollem Hals und war auch schon wieder verschwunden.

„Wie viele solcher Brüder mag ich wohl haben?“, fragte sich der Sohn Gottes. „Und habe ich vielleicht genau so viele Schwestern? Vielleicht ist es ja gerade das, was ich suche. Eine Schwester!“

Die Schwester, die ihn gerade auf einer Bahn durch die 42. Version eines gewissen Sonnensystems überholte, lachte. „Eine? Du hast unendlich viele, Dummkopf. Wusstest du das nicht?“ Und weg war sie.

„Ich hätte aber gerne eine“, dachte der Sohn Gottes und tauchte durch ein finsteres Mittelalter. „Eine Schwester. Das würde mir vollauf genügen.“

Er war so in Gedanken, dass er bei seinem Flug durch sämtliche Himmelsversionen sogar durch die seines Vaters rauschte. Als er das erkannte wurde ihm kalt, und er beschleunigte seinen Fall an den Ursprung der Welt.

„Da war doch was!“ sagte Gott der Herr. „Das war doch … Vollauf, das war doch er! Er! Ihr Pappnasen! Himmel und Hölle hab ich in Bewegung gesetzt, und jetzt rauscht dieser Rotzlöffel hier einfach so durch. Hat denn keiner was gemerkt, bin ich denn ganz und gar von Schwachköpfen umgeben?“

„Da wir gerade dabei sind, Boss“, sagte Petrus betont lässig, „die Schutzengel sind mal wieder reingelegt worden“.

„Ich fass’ es nicht“, schrie Gott. „Durch wen denn diesmal?“

„Äh, durch Hühner.“

„Durch Hühner!?“ Der Sohn Gottes spürte die Druckwelle noch, obwohl er schon ein Universum und eine Trillion Jahrhunderte weiter war.

„Ja, durch Hühner. Und durch Nazis. Ich hab’ dir immer gesagt, schaff die Hühner ab. Hab ich gesagt. Und ich hab auch gesagt: schaff die Nazis ab. Wär ein Klacks für dich. Aber du hörst ja nie auf mich.“ Weiterlesen »

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Jul 15 2014

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (28)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der FAZ wird im Wirtschaftsteil schon einmal fürsorglich die Demokratie abgeschafft. Unter dem Titel „Demokratie ist überbewertet“ schreibt Rainer Hank (8.6. 2014) zum Beispiel: „Freihandel soll verhindern, dass Demokratien die Allgemeinheit schädigenden Blödsinn beschließen.“ So etwas nennen wir doch einmal Klartext. Gefolgt von einer Kernaussage der neoliberalistischen Ideologie, für die man Herrn Hank bestimmt irgendeinen Industriepreis verleiht: „Demokratische Selbstbindung an den Freihandel setzt dagegen darauf, dass – im Vergleich zur demokratisch gepamperten Klientelwirtschaft – am Ende alle Menschen sich besser stellen werden und ihre Freiheit gleichermaßen entfalten können.“ Die Freiheit, von der der Neoliberalismus träumt, verträgt sich nämlich einfach nicht mit der Demokratie. Das muss man den Leuten nur mal klarmachen, dafür haben wir ja unsere Zeitung für Deutschland.

Natürlich weiß diese FAZ auch, wie Fußball geht (15. 7. 2014): „Fußball der Zukunft: Die Kräfte der Vergangenheit vereint mit den Stärken der Gegenwart“. Jetzt, Boah, ey! Das ist, wie soll ich sagen, eine Super-Vorlage, für: „Der frische Weltmeister aus Deutschland hat sich mit dem vierten Stern zu einem weltweiten Vorbild entwickelt, gerade auch für den brasilianischen Rekordweltmeister, der sich nach dem Turnier im eigenen Land seiner fußballerischen Identität beraubt sieht“. Am deutschen Fußballwesen soll die Welt genesen. Adidas-WM-T-Shirts mit dem vierten Stern, die in China gefertigt werden und jetzt per Flugzeug auf unseren Markt kommen, kosten knapp 85 Euro das Stück. „Die Aktie des Ausrüsters, der dank der WM aus dem Verkauf von Trikots, Fußballschuhen und Bällen in diesem Jahr mehr als 2 Milliarden Euro Umsatz erzielen will, sprang am Montag an die Spitze des Dax.“ Den demokratischen Blödsinn lassen, das deutsche Vorbild fußballerisch durchsetzen, und mit der „fabelhaften Fußball-Ökonomie“ an die Spitze des Dax, so wird das was. Jedenfalls wenn man Sport, Politik und Wirtschaft à la FAZ zusammen denkt.

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