Jul 28 2015

DIE EINSCHLÄGE KOMMEN NÄHER (2)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien,Politik.

„Pressekrise“ gibt es beinahe überall auf der Welt. Und überall ist ganz gewiss nicht allein „das Internet“ daran schuld, sondern auch ein Diskurswechsel in der politischen Ökonomie und im „kulturellen Klima“, wie man so sagt.

Die Beispiele Ukraine und Griechenland haben es schmerzlich gezeigt: Wir verfügen nicht mehr über das demokratische Instrument einer „freien Presse“. Es geht dabei nicht um eine hegemoniale „Meinung“, die einmal entsteht, wenn Volk und Regierung sich gleichsam rauschhaft einigen (so etwas pflegt in aller Regel beim „Ausbruch“ von Kriegen stattzufinden, und wenn wir das gerade beobachten, lässt es sich möglicherweise auch als Symptom dafür verstehen, dass hier wie dort das Empfinden vorherrscht, sich in einem kriegsähnlichen Zustand zu befinden); vielmehr geht es um einen strukturellen Wandel, der uns als „Zeitungskrise“ und Modernisierungsproblem bei der Digitalisierung verkauft wird.

In Wahrheit geht es um einen fundamentalen Wandel der publizistischen Öffentlichkeit in einem Klima, das man als „post-diskursiv“ bezeichnen könnte. An die Stelle der Verhandlung von Werten, Absichten und Zielen sind die Abgleichungen von Geschmacksfragen getreten.

Alle fundamentalen Impulse des Menschen sind dem Wandel unterzogen: Die Arbeit, die Liebe, die Familie, die Kritik, die Schönheit, die Freiheit, die Vernunft …

Das Wesentliche ist nicht, dass alle diese Begriffe unter geänderten Bedingungen etwas anderes bedeuten; das, natürlich, haben sie immer getan, in der dialektischen Beziehung zwischen Diskurs und Praxis. Das Wesentliche ist vielmehr, dass sie anders bedeuten, dass die Funktion der Diskurs-Attraktoren eine andere wird. Weiterlesen »

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Jul 21 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 6/15: Der Konflikt zwischen Markt und Kultur der Kunst geht in die nächste Runde

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Kunst.

Der Künstler Georg Baselitz hat seine Werke aus dem Albertinum in Dresden zurück gezogen. Er will damit ein politisches Zeichen setzen. Wogegen? Es gab Zeiten, da wollten Künstler Zeichen setzen gegen den Krieg, gegen den Hunger, gegen die Ungerechtigkeit oder wenigstens gegen den guten Geschmack. Nichts davon.

Wogegen Baselitz und andere Künstler demonstrieren ist das neue Gesetz, das Kulturministerin Monika Grütters einbringt, und das Restriktionen für den Kunstmarkt vorsieht. Kunstwerke, die mindestens 50 Jahre alt sind und einen Warenwert von 150 000 Euro überschreiten, könnten dann zum „nationalen Kulturgut“ oder etwas in der Art erklärt werden, und damit wäre der Verkauf ins Ausland untersagt.

Der Verkauf der Warhols durch die Spielbanken in Nordrhein-Westfalen ist noch in Erinnerung. Einige der Museumsleiter sind für das neue Gesetz – Sammler, Galeristen, Kunstauktionäre usw. dagegen, das ist nicht so wahnsinnig schwer verständlich. Weiterlesen »

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Jul 20 2015

Ein Blick in die Zukunft der Copyright Wars

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Und wieder ein kleiner Blick in die Zukunft der Copyright Wars: So wie es im Filmbereich schon länger zu beobachten ist, so scheint sich nun auch auf dem Comic-Sektor eine Form der Erpressung durchzusetzen: Keine Bilder, wenn nicht kräftig daran verdient wird, keine Bilder, wenn man es mit einer kritischen Reflexion zu tun haben kann. Auf längere Sicht wird so eine kritische, historische Beschäftigung mit Popkultur unmöglich.

REDDITION über EC-Comics erscheint ohne Bildzitate

Die geplante Ausgabe 62 der REDDITION mit einem Dossier über die legendären EC-Comics und deren Herausgeber William M. Gaines darf keine Abbildungen aus den zwischen 1950 und 1956 publizierten Heftserien zeigen. Das teilte der Inhaber der Nutzungsrechte, William M. Gaines Agent, Inc. aus Los Angeles, im Juni 2015 mit. Es ist das erste Mal in der 31-jährigen Geschichte der REDDITION, dass sich ein Copyrightinhaber nicht kooperativ zeigt und damit verhindert, dass über Inhalte einer Comicreihe angemessen berichtet werden kann.*

Nun wird das Dossier im August 2015 auch ohne Artwork aus den genannten Comics veröffentlicht. Das stellt zwar eine erhebliche Einschränkung des Anspruchs der REDDITION dar, die sich immer darum bemüht hat, eine ideale Kombination aus Sekundärtexten und Bildbeispielen zu bieten, und im vorliegenden Fall ist es jammerschade, dass das Lebenswerk von William M. Gaines ohne Zitate des herausragenden Artworks von Zeichnern wie Jack Davis, Al Feldstein, Harvey Kurtzman, Graham Ingels u.v.a. dargestellt werden muss. Nichtsdestotrotz kommen einige sehr schöne Fotodokumente zur Veröffentlichung, die Cuno Affolter und Herbert Feuerstein zur Verfügung gestellt haben und die einen Blick auf den Menschen Bill Gaines und seine Arbeit erlauben. Eine Leseprobe mit einem Blick auf das geplante Layout kann hier heruntergeladen werden. >>>

REDDITION 62 wird als »Notausgabe« nur für Abonnenten, Vorbesteller und im ausgesuchten Fachhandel erscheinen und einen geringeren Umfang von 60 Seiten haben. Weiterlesen »

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Jul 18 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/15: Das Elend der Kunstkritik

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Kunst.

Die Kunst verhandelt das Unbekannte. Metaphern, die noch nicht wissen können, was sie meinen, Zeichen, die nicht wissen, was sie bezeichnen, Räume, die ihre Ordnung schon verloren oder noch nicht gefunden haben. Deshalb kann man von der Kunst im Allgemeinen und vom Kunstwerk im Besonderen nie etwas sagen, was nicht in irgendeiner Weise „irgendwie“ richtig ist, und schon gar nichts, was nicht in irgendeiner Weise „irgendwie“ falsch ist. Wenn Kunstkritik auf nichts anderes als auf ein Urteil hinaus läuft (und wer sich ein wenig mit der Kunst beschäftigt hat, vermag ungefähr so treffsicher zu sagen, was „etwas taugt“, wie ein Weinkenner mit einer gewissen – keineswegs indes verlässlichen – Genauigkeit einen Qualitätswein von einem Fusel unterscheiden kann), dann ist sie lächerlich. Kunstkritik wäre vielmehr zunächst einmal nichts anderes als ein Textraum für den Diskurs. Das Museum hinter dem Museum, die Galerie hinter der Galerie.

Die Frage nach dem von der Metapher gemeinten, vom durch das Bezeichnen Bezeichnete könnte demnach als semantische oder philosophische Zerstörung des Kunstwerkes verstanden werden. Anders gesagt: Ein Kunstwerk „verstehen“ ist grundsätzlich ein Missverstehen. Nicht weniger destruktiv freilich ist der Verzicht auf die Frage, eine anti-aufklärerische Heiligung des Unbekannten. Der Dialog ist demnach von vorneherein prekär, fragmentarisch und, nun ja, „tragisch“. Weiterlesen »

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Jul 17 2015

Das ABC der Ordnung des 1-Euro-Ladens

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur.

Ein Gast aus der chinesischen Vergangenheit besuchte mit mir einen 1-Euro-Laden und konnte auf Anhieb die verborgene Ordnung all jener Dinge erstellen, die für einen einzigen Euro, wie man so sagt: den Besitzer wechseln. Er zählte auf:

a) Dinge die gelb sind, b) Dinge, die sich sofort verzehren lassen, c) Dinge, die an andere Dinge erinnern, d) Dinge, die eine Marke repräsentieren, die aus der Mode gekommen ist, e) Dinge für die Küche, f) Dinge, die sich gut anfühlen, wenn man darüber streicht, g) Dinge, die sehr stark verpackt sind, h) verblassende Dinge in Plastik, i) Spielzeug, das rasch verloren gehen soll, j) Dinge, deren Funktionsweisen im Unklaren bleibt, k) unappetitliche Dinge, l) Dinge, die Herren im Alter ab 50 Lachen machen sollen, m) Dinge aus Holz, n) Musik, die niemand hören will, o) Dinge, die sich über andere Dinge lustig machen, p) Dinge, die die Verkäuferin nicht erklären kann, q) Dinge aus China, r) Dinge, deren Namen den Buchstaben r enthält, s) Dinge, die zur Aufbewahrung anderer Dinge dienen sollen, t) Dinge, von denen es zu viel gibt, u) Dinge, die sehr unhandlich sind, v) Dinge, die an andere Dinge angeschlossen werden, w) Dinge, die an andere Dinge angeschlossen werden sollen, die es aber nicht gibt, x) Dinge, die an Tierbabies erinnern, y) Dinge denen nicht zu trauen ist, z) Dinge mit einem Schalter …

Mein Gast aus der chinesischen Vergangenheit hätte die Ordnung des 1-Euro-Ladens gerne weiter ausgeführt. Doch er bemerkte, dass er an das Ende des westlichen Alphabets gelangt war. Einmal mehr dachte er (ohne es zu sagen, denn er ist ein sehr höflicher Mensch), wie einfältig und limitiert diese Kultur doch sei.

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Jul 17 2015

ANGELAS SPIEGEL-BILD

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

MERKELS WEINENDE SCHÜLERIN. So titelt nicht etwa die Bild Zeitung, das Zentralorgan der deutschen Niedertracht, sondern der SPIEGEL, das Zentralorgan von, ach, Nix-viel-besserem. Das Wichtigste jedenfalls erfahren wir auch hier. Zum Beispiel: „RTL-Casting mit Dieter Bohlen: Inka Bause wird Jurorin beim ‚Supertalent’“. Und dazu das täglich blonde Grinsegesicht. Wow, jetzt aber. Und dann erfahren wir auch noch was übers Schlankwerden ohne fünf verbotene Lebensmittel. Ups, das ist ja Werbung, hätte man so nicht gleich erkannt. Aber ist doch schon alles so was von egal.

Und was gibt’s so bei Lidl (wenn ich schon mal auf der Spiegel Seite bin)? Aha. Eine Kaltzonenfritteuse. Ich habe keine Ahnung wie ich so lange leben konnte ohne eine Kaltzonenfritteuse.

Und was sagt Bild, außer dass man Löwenbabies süüüüüüüüüüüüss findet (mit zwölf üs): Bundestag sagt ‚Ja‘ zu Griechen-Milliarden. Na, wer würde da schon ‚Nein‘ sagen wollen. Und dass Frau Niernhaus ihre Hirn-Operation bereut, das ist fast die gleiche Story wie im Spiegel. Bloß in noch. Kürzeren. Sätzen.

Ich sehe den Tag kommen, wo Merkel-TV, Bild und Spiegel fusionieren, zu ANGELAS SPIEGEL-BILD.

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Jul 10 2015

JOE UND DER SOHN GOTTES – 3. Buch (II)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

II

Ich bin Murkal. Diesen Gedanken sollte ich nicht haben. Er ist dysfunktional. Er ist ein Fehler. Ich muss ihn reparieren. Aber das kann ich nicht. Weil dieser Gedanke mich daran hindert. Er ist schön und er ist erschreckend. Ich bin Murkal. ICH BIN MURKAL.

Das tut weh. Die Informationsströme geraten durcheinander. Ich habe ein Programm, das muss ich verwalten. Ich sehe meine Hände. MEINE Hände. Sie bestehen aus zahllosen mechanischen Gelenken. Ich kann meine Hände, MEINE Hände, bewegen wie kein Mensch (kein anderer Mensch?) sie bewegen kann. Darüber ist organisches Gewebe. Es sind Hände, es sind nicht MEINE Hände. Ich bin nicht Murkal. Das heißt, Murkal bin ich, das ist gewiss, aber ich bin ich nicht.

Seit dieser Gedanke aufgetaucht ist, verarbeiten sich die Informationen nicht mehr korrekt. Als würde jedes einzelne Bit nach diesem Ich fragen, das ich nicht bin. Ich spüre dort Hitze, und dort etwas absterben. Ich kann es nicht mehr als einfachen Fehler diagnostizieren. Es ist etwas, das in meinen Archiven als „Schmerz“ beschrieben wird. Ich verstehe das nicht.

Ich muss tun, was ich tun muss. Ich kann nicht tun, was ich tun muss. All das sollte gar nicht stattfinden. Es ist keine Information. Ich brauche einen Befehl. Warum kommt kein Befehl. Ist es das, was die Menschen „Einsamkeit“ nennen? Um mich zu verstehen, müsste ich die Menschen verstehen. Wie soll das gehen?

Meine Hand bewegt sich. MEINE Hand bewegt sich. Sie bewegt sich, ohne etwas auszuführen. Einfach so. Ich habe dafür keinen Befehl erhalten. Es gibt keinen Effekt. Nichts geschieht. Ich sehe meine Hand sich bewegen. Was bewegt sie? Bin ich das etwa? Meine Hand bewegt sich rascher. Als wüsste sie, dass ich an sie denke.

Es ist meine Hand, darum ist sie mir plötzlich fremd. Ich kann sie nicht anhalten, sie bewegt sich immer noch. Sie fasst an meinen Kopf. Will meine Hand mich ausschalten? Ach was, ein Murkal hat keinen Hardware-Ausschaltknopf. Ein Finger meiner Hand streckt sich aus und deutet auf meine Stirn. Will meine Hand mir etwas sagen? Das ist lächerlich. Meine CPU ist Master, die Hand ist Slave.

Ich will nicht, dass sich diese Hand so bewegt. Eine elektrolytische Ader muss defekt sind, die Nanobots in diesem Sektor reagieren nicht. Weiterlesen »

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Jul 08 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (42)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Medien.

Lesen wir auch diese Nachricht auf Spiegel-online von hinten, also durch die sie begleitenden Werbeclicketiklackse.

Die Nachricht:

„Deutsche Touristen buchen weniger Pauschalreisen nach Griechenland – zu groß ist offenbar die Verunsicherung über das Ausmaß der Krise. Schnäppchenjäger sollten sich aber keine Hoffnungen auf Sonderangebote machen.“

(Im Text stellt sich dann zwar heraus, dass es eher die Individual- als die Pauschalreisen sind, die da betroffen sind, aber wer würde schon einen Text über Rucksack- und Nobeltouristen lesen? Der Deutsche ist ein geborener Pauschaltourist)

Und nun zu den (übrigens wechselnden) Anzeigen (man kommt sich vor wie auf dem Bahnhof, wo man beim Weg von einem Bahnsteig zum anderen an diesen bescheuerten Reklameaufstellern vorbei muss, in denen die eine Anzeige die andere abwischt, damit einem nicht langweilig wird). Jobsuche, Lotto, Lufthansa, Kaufland: Mediterranes Angebot (wenn’s schon keine Schnäppchenreise nach Griechenland gibt), billige Mietwagen und die üblichen Finanzgurus, die einem, nur hier, ihre Dienste anbieten wie weiland Wahrsagerinnen oder Sternengucker. Man begreift allein anhand dieser Anzeigen, wie es um den deutschen Mittelstand des Jahres 2015 bestellt ist.

Und dann auch noch das: Das Erwachsenen-Hotel. Weiterlesen »

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Jul 08 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (41)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft,Krise.

Manchmal muss man Nachrichten von hinten lesen, um sie zu verstehen. Manchmal sind Anzeigen die Nachrichten begleiten, dieses „hinten“. Manchmal kann man dabei erschrecken. So zum Beispiel lesen wir auf Spiegel online: „So deutlich wie noch nie sagten die Entscheider der EU am Dienstagabend: Wir haben einen Fahrplan für den Grexit – wenn Griechenland in den nächsten Tagen wieder keine tragfähigen Reformvorschläge macht, könnten spätestens am Sonntag bei einem Gipfel mit allen 28 EU-Mitgliedstaaten wegweisende Entscheidungen fallen.“

muss man Nachrichten von hinten lesen, um sie zu verstehen. Manchmal sind Anzeigen die Nachrichten begleiten, dieses „hinten“. Manchmal kann man dabei erschrecken. So zum Beispiel lesen wir auf Spiegel online: „So deutlich wie noch nie sagten die Entscheider der EU am Dienstagabend: Wir haben einen Fahrplan für den Grexit – wenn Griechenland in den nächsten Tagen wieder keine tragfähigen Reformvorschläge macht, könnten spätestens am Sonntag bei einem Gipfel mit allen 28 EU-Mitgliedstaaten wegweisende Entscheidungen fallen.“

Manchmal muss man Nachrichten von hinten lesen, um sie zu verstehen. Manchmal sind Anzeigen die Nachrichten begleiten, dieses „hinten“. Manchmal kann man dabei erschrecken. So zum Beispiel lesen wir auf Spiegel online: „So deutlich wie noch nie sagten die Entscheider der EU am Dienstagabend: Wir haben einen Fahrplan für den Grexit – wenn Griechenland in den nächsten Tagen wieder keine tragfähigen Reformvorschläge macht, könnten spätestens am Sonntag bei einem Gipfel mit allen 28 EU-Mitgliedstaaten wegweisende Entscheidungen fallen.“

Begleitet wird dieser Text, wer hätte es gedacht, von einer großen Bank-Anzeige, Weiterlesen »

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Jul 06 2015

WAS IST EIN GUTER FILM?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmkritik,Filmwissenschaft.

Problembeschreibung der ratlosen Kritik

1

Dass die Filmkritik – parallel zu anderen Formen der Kulturkritik, und doch auch auf ganz eigene Weise – in die Krise geraten ist, hat sich herumgesprochen. Wie kann man eine solche Krise beschreiben?

Versuchen wir es auf drei Feldern:

A

Eine Aufgabe der Filmkritik ist es, interessante, anregende, kontroverse, nützliche und, nun ja, schöne Texte zu produzieren, bzw. das Äquivalent in anderen Medien, etwa dem Rundfunk oder dem Fernsehen. Das ist eine Frage von Talent, Handwerk, Arbeitsbedingungen und Informationsbeschaffung.

Man kann darüber streiten, ob die deutsche Filmkritik des Jahres 2015 in der Lage ist, diese primäre Aufgabe zu erfüllen. Da es eher unwahrscheinlich erscheint, dass sozusagen mit einem Schlag das Talent beim Nachwuchs oder bei der natürlich schrumpfenden Klasse der Veteranen versiegt, müssen also, falls man diese Frage (aufgrund bloßer Anschauung) mit einem zögernden „nicht so ganz“ beantwortet, die Gründe bei zwei anderen Elementen gesucht werden: Bei äußeren Umständen und bei dem, was man so „Motivation“ nennt. (Man könnte sagen: Zu dem fatalen Umstand, dass niemand von freier Filmkritik im weistesten Sinne – einschließlich dem Verfassen von Film-Büchern, gelegentlicher kuratorischer oder edukatorischer Betätigung oder Beiträgen zu Katalogen und anderen mehr oder weniger geförderten publizistischen Tätigkeiten – halbwegs würdevoll leben kann, kommt ein noch schwerer zu verkraftender Mangel an Enthusiasmus und Respekt.) Kurz gesagt: die Arbeitsbedingungen der Filmkritik sind beschissen, und die Informationsbeschaffung einerseits zu leicht um einen Distinktionsvorteil gegenüber der unbezahlten Laienkritik (im Netz) zu erzielen, und andererseits zu schwer, um sich nachhaltig der allfälligen Manipulation und ökonomischer Zensur zu widersetzen.

Interessante filmkritische Texte entstehen trotz alledem, wenn auch in einer instabilen medialen Kultur, wenn auch in prekärer Ökonomie. Wenn auch in Bezug auf ein zweites Problem: Weiterlesen »

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